VIER

Fionas Wut loderte auf, als Raphael Cooper – der dort nichts zu suchen hatte, und schon gar nicht wach! – die von ihr gesendete Energie abwehrte und geradewegs wieder zu ihr zurückschickte.

Sie lenkte die kosmische Spannung in den Boden ab, wodurch die Erde zu beben begann. Die eingeschlossenen Dämonen knurrten, als sie allmählich Gestalt annahmen. Sie musste das Ritual vollzogen haben, noch bevor diese ihre Stärke wiedererlangen würden.

Fiona hatte sich von Anfang an Coopers Tod gewünscht, da er die einzige wahre Bedrohung für ihre Pläne darstellte. Andere in ihrem Hexenzirkel waren jedoch der Meinung gewesen, er hätte wichtige Informationen von den Priestern in der Mission in Erfahrung gebracht – Wissen, das für ihre Suche wertvoll sein könnte. Außerdem gehörte Cooper dem Orden St. Michael an und kannte dessen Geheimnisse. Das hatte Fiona dazu bewogen umzudenken. Sie wollte den Orden für das, was er ihr und ihren Vorfahren angetan hatte, auslöschen. So hatte sie zugestimmt, Cooper leben zu lassen, jedoch unter der Bedingung, dass er unter der Kontrolle des Zirkels stand und sie von seinem Wissen profitieren konnten.

Sie hatten aber noch nicht einmal einen Bruchteil der Informationen, die er besaß, aus ihm herauspressen können, und jetzt war er – irgendwie – aus dem Koma erwacht, in das sie ihn versetzt hatten.

»Du weißt nicht, was du tust, du Narr!«, schrie sie Cooper an. Lily durchbrach den Kreis und löste so einen übernatürlichen Riss aus. Die eingeschlossenen Dämonen spürten, dass die unsichtbaren Ketten, die sie gefangen hielten, nachgaben, und grollten. Fiona konnte Lily keine ihrer Hexen hinterherschicken, ohne Gefahr zu laufen, die Fallen weiter zu schwächen und ihrer aller Leben zu riskieren. Sie setzte all ihre Kräfte ein, um den Doppelkreis, der die Dämonen unter ihrer Kontrolle hielt, zu stärken. Über das zunehmende Rumoren ober- und unterhalb der Erde hinweg begann Serena den letzten Zauberspruch aus der Conoscenza zu sprechen, der die Sieben an die Arca binden würde.

Doch es war bereits zu spät. Die Arca lief davon.

»Sancte Michaël Archangele, defende nos in prælio et colluctatione«, setzte Cooper an.

»Er darf nicht weitersprechen!« Fiona begriff, dass er versuchte, die Sieben wieder durch das Tor zurückzuschicken! Es würde nicht funktionieren. Er sprach einen lateinischen Ritus der Teufelsaustreibung, doch war hier nichts von Dämonen besessen. Noch nicht. Und die Arca machte sich gerade davon.

Die Wut in ihr war grenzenlos. Jahrzehnte hatte sie nach der Conoscenza gesucht. Sie hatte an sie geglaubt, während andere – die sich für klüger und mächtiger hielten als sie – darauf beharrt hatten, dass sie zerstört worden wäre. Nun hatte sie ihnen ihren Irrtum bewiesen! Sie hatte den Orden St. Michael beschämt, der entschieden behauptet hatte, das Buch wäre vernichtet worden. Jetzt zollten Hexenzirkel der gesamten Welt ihr Respekt, doch nun gefährdete dieser Mann, dieser Diolain nicht nur ihre jahrzehntelange Arbeit, sondern auch noch die von ihren Vorfahren eingeleiteten jahrhundertelangen Vorbereitungen.

Sie hob ihre Hand. »Im Namen des Teufels befehle ich dir, auf die Knie zu gehen!«

Die Schichten zwischen Hölle und Erde waren sehr dünn, dort, wo sie stand, und der einfache Befehl ließ den Boden erzittern. Cooper hielt kurz inne, Schmerz zeigte sich in seinem ausgezehrten Gesicht, bis er mit seinem verbalen Angriff fortfuhr.

Fiona wandte sich Garrett zu. »Zwing ihn auf die Knie!«

Garrett lief auf den Eindringling zu, doch Cooper streckte eine Hand aus und sprach in einer Sprache, die noch älter als Latein war. Garrett prallte an einem unsichtbaren Schild ab und fiel zu Boden.

»Fiona«, rief Serena mit weit aufgerissenen Augen, »das ist die Sprache der Conoscenza!«

Fiona konnte jetzt keinen Gedanken darauf verschwenden, woher Cooper von dem Buch wusste, da die Dämonen in ihren Fallen brüllten und an den Grundfesten ihrer Macht rüttelten. Sie konnten nicht für immer in den Schalen aufbewahrt werden, und mit Cooper im Nacken, der das Ritual umkehrte, war sie im Begriff, sie zu verlieren.

Er sprach weiter in der ältesten Sprache, und Serena antwortete ihm mit gemurmelten Zaubersprüchen.

»Dreht die Schalen um!«, befahl Fiona ihrem Hexenzirkel. »Lasst die Sieben frei!«

Ihre Jüngerinnen schauten sie überrascht an. Es war ihnen nicht erlaubt, ihre Befehle zu hinterfragen.

»Tut, was ich euch sage! Oder mein Zorn wird größer sein als der von sämtlichen Dämonen auf der Welt! Dreht die Schalen um und schützt euch!«

Die Frauen drehten die Schalen um, in denen sich die Dämonen befanden, und traten in den inneren Kreis, während sie beschützende Zauberworte sprachen. Die Dämonen, inzwischen von den Ketten der Hölle befreit, brüllten. Durch ihre Freiheit in wilde Aufregung versetzt, wirbelten sie in ihrer Falle umher. Wäre die Arca noch hier, wäre das Ritual fast vollendet. Der nächste Schritt der Arca hätte darin bestanden, die Dämonen in sich aufzunehmen.

Wenn Raphael Cooper nur nicht gewesen wäre! Er hatte sie fortgeschickt, und jetzt konnten die Dämonen nirgendwohin. Sie besaßen keinen Platz, aber die Freiheit, durch die Welt zu ziehen.

»Du bist schuld!«, schrie Fiona und zeigte mit dem Finger auf Cooper. »Du bist für die Toten und die Seelen verantwortlich, die die Sieben in Besitz nehmen werden!«

Sie wandte ihr Gesicht gen Himmel und rief: »Teufel, Hekate, Samael und alle namentlichen und namenlosen Gefallenen, ich befehle euch, eure Diener und Heiligen zu schützen und denjenigen, der sich meinem Willen entgegenstellt, zu brandmarken!«

Die Dämonen durchbrachen ihre Fallen, wirbelten schnell und schneller in dem Doppelkreis herum, bis aus ihnen ein Wirbelsturm aus Rauch und Feuer entstand, während die Sieben ihre körperliche Gestalt verloren, miteinander verschmolzen, an Stärke, Geschwindigkeit und Umfang zunahmen und wie eine Säule nach oben stiegen und den Hexenzirkel einkreisten.

Cooper wurde durch ein solch heftiges tumultartiges Gekreische in die Knie gezwungen, dass die Erde innerhalb des Kreises bebte. Unfähig, stehen zu bleiben, fielen sie alle zu Boden und hielten sich die Ohren zu. Die Kerzen wurden mit einem Mal ausgelöscht, und Finsternis breitete sich aus. Chaos herrschte, als das Licht verschwand – kein Mond, keine Sterne, kein Kerzenschein. Das grausame Geräusch dämonischer Schreie erfüllte die Leere.

Die Sieben durchbrachen den Doppelkreis in einer unsichtbaren Explosion und drängten nach oben, hinaus in die Welt.

»Bring ihn zu mir!«, verlangte Fiona von Garrett, während sie sich vom Boden erhob. »Jetzt werde ich ihm seine Geheimnisse herauspressen!« Raphael Cooper zu quälen würde ihr großes Vergnügen bereiten. Noch bevor sie mit ihm fertig sein würde, würde er ihr alles erzählt haben, sich von alldem abwenden, woran er glaubte, und Fiona ewige Treue schwören.

Sie würde Cooper leiden lassen – so lange, bis sie alle Sieben zur Strecke gebracht hätte, und wenn sie dafür bis ans Ende der Welt müsste. Er würde bitter dafür bezahlen müssen, dass er sich eingemischt hatte.

»Er ist weg«, stellte Garrett fest.

»Das ist er nicht. Serena! Licht!« Cooper hatte unmöglich so schnell fliehen können.

Serena tastete in der Dunkelheit herum und fand eine Taschenlampe. Sie leuchtete in den Kreis.

Die sieben Mitglieder des Hexenzirkels erhoben sich vom Boden. Der Gestank von Angst drang aus ihren Hautporen. Mitleiderregend.

Cooper war nirgends zu sehen.

»Wie konnte er den Kreis durchbrechen?«, fragte Fiona.

»Woher kannte er die Sprache?«, entgegnete ihr Serena.

»Garrett, du und Ian bleibt hier! Ihr vernichtet den Kreis und bringt das Gefäß mit!« Sie fuchtelte verärgert mit ihrer Hand in Richtung der toten Abby. »Dann findet ihn! Ich will, dass Raphael Cooper noch vor Sonnenaufgang vor mir steht!«

Sie sah die anderen an. »Geht! Schnell! Und kein Wort hierüber! Sollte eine von euch mich verraten, wird die Strafe schlimmer ausfallen, als ihr euch in euren schlimmsten Träumen vorstellen könnt!«

 

»Verflucht!«

Moira schlug mit der Faust auf Jareds Armaturenbrett, während er den Pick-up am Ende der kurzen Straße anhielt, die zu den Ruinen auf den Klippen führte.

»Sie sind weg«, jammerte sie und war für den Bruchteil einer Sekunde erleichtert. Sie war für diese Auseinandersetzung noch nicht bereit; noch nicht bereit, zu sterben. Ein Gefühl der Schuld überkam sie – sie musste sich auf das Unausweichliche vorbereiten. Ihre ganze Ausbildung war auf diesen Moment ausgerichtet, und jetzt wollte sie weglaufen? Sie würde nie wieder im Reinen mit sich sein, wenn sie das täte.

»Vielleicht irrst du dich auch«, meinte Jared. »Vielleicht ist dies nicht das, was du dachtest.«

Einen Augenblick lang hoffte Moira, sie hätte sich geirrt und es wäre ein Fehler gewesen, hierherzufahren. Sie hätte einfach die Vision und das Gefühl von vor zehn Tagen missverstanden, als sie über das zerschrammte Fundament gegangen war und einen glühenden Strom gequälter Seelen unter der Erdoberfläche gesehen hatte. Nein, sie wusste, sie war hier in Santa Louisa am richtigen Ort, doch bedeutete das nicht, dass sie wusste, was sie gerade tat. Was ließ sie bloß denken, sie könnte ihre Mutter in ihrem eigenen teuflischen Spiel schlagen?

Fiona konnte auf lebenslange Erfahrung zurückgreifen und besaß den leidenschaftlichen – zwanghaften – Wunsch, Herrscherin der Unterwelt zu werden. Die Macht der Hölle war auf ihrer Seite. Moira hatte nicht mehr als Angst, Rache und einige Jahre Ausbildung bei dem besten Dämonenjäger der Welt aufzuweisen. Damit hob sie sich, wenn auch nur etwas, von einem Anfänger ab. Einem Amateur. Doch Amateure starben, während die Meister größer wurden. Und Fiona war, das stand fest, eine Meisterin.

Wenn sie aber nichts unternehmen würde, um Fiona aufzuhalten, würde Peters Tod nie geahndet werden. Wenn sie sich dem Bösen nicht entgegenstellte, würde sie es dulden. Würde sie im Kampf gegen das Böse nicht sterben, gäbe sie ihm die Möglichkeit, sich auszubreiten.

Rico hatte immer wieder einen Mann zitiert, der gesagt hatte: Das Böse braucht zum Sieg nichts weiter als gute Männer, die ihre Hände in den Schoß legen und nichts tun. Großspurig und verängstigt hatte Moira ihm entgegnet: »Du bist hier der Mann, ich bin eine Frau. Also ist es deine Aufgabe.« Rico hatte sie nur angestarrt. Er besaß keinerlei Sinn für Humor. Was Moira überhaupt nicht verstand, wenn man, wie er, dem Tod regelmäßig in die Augen blickte.

Sie nahm eine Taschenlampe aus ihrer Jackentasche und öffnete die Beifahrertür. »Ich schaue nur mal schnell nach.« Die Innenbeleuchtung ging an, sie griff schnell nach oben und schaltete sie aus.

Jared wurde böse. »Wir müssen Lily finden! Sie ist nicht hier, hier ist niemand! Wo ist ihr Auto?«

Moira verstand seine Enttäuschung. Was, wenn … Sie warf einen Blick auf Jared. Ihr Instinkt sagte ihr, dass er weder besessen war noch unter einem Bann stand, und sowohl Pater Philip als auch Rico hatten ihr geraten, sich auf ihren Instinkt zu verlassen, doch plagten sie immer noch Selbstzweifel. Sie griff kaum wahrnehmbar in eine verborgene Tasche in ihrer Jacke und zog eine kleine Flasche heraus, die aussah, als enthielte sie Augentropfen. Sie spritzte Jared damit an, und das Weihwasser landete auf seiner Wange.

»He!« Er wischte sich mit finsterem Blick sein Gesicht ab. Kein Zeichen, kein Dampf, keine Wut, keine verdrehten Augen. Auch der stärkste Dämon konnte den ersten Schmerz nach Kontakt mit Weihwasser nicht verbergen, selbst wenn dieser nicht schmerzhafter war als ein Bienenstich.

»Tut mir leid.« Moira tat so, als würde sie sich einen Tropfen in ihre Augen träufeln, und steckte ihre »Prüfausrüstung« für den Notfall wieder zurück in die Jackentasche. Sie wusste nicht, warum sie sie bei sich trug. Wenn ihr ein Besessener begegnete, wusste sie das so sicher wie das Amen in der Kirche. Rico aber hatte darauf bestanden, und sie war gut im Gehorchen. Meistens. Mehr oder weniger.

»Ich hätte zuerst zu Abbys Haus fahren sollen«, murmelte Jared. »Lily ist wahrscheinlich dort.«

»Du hast das Richtige getan.«

»Ich habe sie zehn Mal auf ihrem Handy angerufen … Vielleicht ist sie sauer auf mich.«

»Hör auf, immer an dir zu zweifeln!« Moira hätte das Mädchen nicht gehen lassen dürfen oder es noch mehr bedrängen müssen. Lily erschien mit all den Informationen zu Abbys gefährlichem Spiel der Zauberei überfordert, und dabei hatte Moira ihr die bittereren Wahrheiten noch nicht einmal gesagt. Einige Leute konnten überhaupt keine Wahrheit vertragen, geschweige denn harte Tatsachen. Freunde, die mit schwarzer Magie spielten, waren bereits zu weit gegangen, doch Lily hätte die Wahrheit über ihre Cousine und Vertraute, Abby Weatherby, sowieso nicht akzeptiert. Hatte man sich erst einmal verpflichtet, gab es kein Zurück mehr. Sobald ein Mensch von der dunklen Macht gekostet hatte, war es ihm unmöglich, sie wieder aufzugeben.

So hatte Moira Lily geraten, sich von ihrer Cousine fernzuhalten und sie wissen zu lassen, wenn etwas Eigenartiges vor sich ginge, sollte Abby sich ihr anvertrauen. Sie hatte ihre Lektion  – sich auf niemanden zu verlassen – gelernt, und sie betete, dass Lily noch lebte.

»Wir sehen uns nur mal für zehn Minuten in den Ruinen um«, meinte sie. »Ich weiß dann, ob der Hexenzirkel hier war. Vielleicht kommen wir noch nicht zu spät.« Sie wollte Jared mit ihren Worten Hoffnung machen, glaubte aber nicht daran.

Ein zögerlicher Jared folgte ihr in die dunkle Nacht. Moira roch das Böse bereits in dem Moment, als sie aus dem Wagen gestiegen war. Ein scharfer Geruch zog über den Rand der Ruinen und wurde mit jedem Schritt, den sie machte, intensiver. Weihrauch. Vergifteter Weihrauch. Kräftige Kräuter und Düfte, um Geister zu beherrschen, doch war es der schwefelige Gestank der Hölle selbst, der ihr die Gänsehaut auf die Arme trieb und ihre Narbe am Hals brennen ließ.

Als Moira sich dem Mittelpunkt der Geisterfalle näherte, verlangsamte sie ihren Schritt, ihre Beine schwer wie Blei. Langsamer. Noch langsamer. Sie wäre am liebsten sofort wieder auf die kleine, sichere Insel bei Sizilien zurückgekehrt und hätte sich dort in der Festung St. Michael verschanzt. Das alles hier brauchte sie nicht, wollte sie nicht. Sie konnte sich aber nicht vor ihrer Verantwortung drücken.

Das Böse braucht zum Sieg nichts weiter als gute Männer – und Frauen –, die ihre Hände in den Schoß legen und nichts tun.

Als Moira auf den großen Kreis zuging, der weiß auf den Boden aufgemalt war, wurde ihr klar, dass das Ritual unterbrochen worden war. Es gab Anzeichen von Gewalt – umgestoßene Kerzen, aufgewühlte Erde, ein Gefühl der Unruhe, der Erregung. Der Geruch ausgelöschter Flammen hing noch in dem tief liegenden Nebel.

Und dort, in der Mitte des Kreises, lag eine Leiche.

Jared sah sie fast in derselben Sekunde wie Moira.

»Lily!«, schrie er.

»Nicht …« Moira versuchte ihn aufzuhalten, aber er schob sie beiseite und lief in die Mitte der Ruinen.

Moira hasste es, so frei und ungeschützt zu stehen. Sie konnte sich nirgendwo verstecken, wenigstens würde sie aber sofort sehen, wenn sich ihr jemand näherte, was allerdings auch umgekehrt galt. Ein schwacher Trost.

Jared kniete sich neben die Leiche. Als Moira über seine Schulter schaute, sah sie, dass es nicht Lily war, sondern ihre Cousine Abby.

Sie lag nackt und tot auf einem roten Seidenlaken. Sowohl ihre Augen als auch ihr Mund waren geöffnet, doch wies ihr Körper keine Wunden auf. Keine Anzeichen von Messerstichen, Kratzspuren, Verbrennungen – nichts, was auf ihren Tod schließen ließ.

War sie vielleicht vergiftet worden? Auf dem Laken und dem Boden befanden sich Abdrücke von Schalen, in denen Weihrauch verbrannt worden war, und bei Tageslicht würde Moira wahrscheinlich herausfinden können, welche Kräuter und Harze verwendet worden waren, indem sie den Boden auf etwaige Reste und Gerüche untersuchte. Doch Fiona und ihr Hexenzirkel waren gerissener; sie wollten ihre Opfer nicht vergiften, sondern nur betäuben. Solche Fehler unterliefen ihnen nicht.

Wenn Abby tot war, dann hatten sie das so gewollt.

Jared legte seine Finger an Abbys Hals – vermutlich, um nach ihrem Puls zu fühlen –, doch Moira fuhr ihn an: »Fass sie nicht an!«

»Wir müssen sie in ein Krankenhaus bringen«, erwiderte er.

»Sie ist tot.«

»Woher willst du das wissen? Das kannst du nicht wissen. Sie könnte noch …«

»Jared, schau dir ihre Augen an«, erklärte Moira. »Sie sind offen und glasig, und ihr Mund – verdammt noch mal, sie ist tot, und du fasst sie nicht an!«

Sie wusste nicht, warum das wichtig war oder ob es überhaupt wichtig war. Vielleicht war es das für die Polizei, denn die würde nicht glauben, dass etwas Übernatürliches das Mädchen umgebracht hatte, dessen Tod eindeutig die Handschrift von Fiona trug. Die Inszenierung, der Ort, der überdimensionale Kreis, die aufwendigen Symbole – das alles wies auf sie hin.

Moira leuchtete mit ihrer Taschenlampe die Umgebung ab. Sie hasste es, sich innerhalb der Geisterfalle zu befinden, selbst wenn diese gewaltsam durchbrochen worden war. Weihrauch lag auf dem Laken verstreut herum, und Kerzenwachs hatte sich mit Schmutz und Steinen vermischt. Alle Pflanzen und Sträucher um das verbrannte Haus herum waren abgestorben. Nichts konnte über einem Tor zur Hölle überleben.

Was war passiert? Der rituelle Kreis bestand aus einem einzigen Chaos. Anzeichen von Ritualen zu hinterlassen stellte in der okkulten Welt ein absolutes Tabu dar. Hexen wurden dafür genauso erbittert gejagt, wie sie selbst jagten. Wenn Dämonenjäger wie Moira – das gab sie zu – die Symbole eines Hexenzirkels aufspüren konnten, war dieser besser zu verfolgen und zu stoppen.

Die Tatsache, dass hier auf den Ruinen überhaupt etwas hinterlassen worden war, wies auf eine Unterbrechung des Rituals von Fiona und ihren Jüngerinnen hin.

War das geschehen, bevor oder nachdem sie die Dämonen heraufbeschworen hatten? Moira war sich nicht sicher, doch aufgrund des Gewitters und der dunklen Wolke, die kurz vorher über sie hinweggezogen war, vermutete sie, dass sich in dieser Nacht zumindest noch ein Dämon auf der Erde befand.

Jared lief auf und ab. »Wo steckt Lily? Was ist Abby zugestoßen? Warum ist sie nackt? Was ist hier los, Moira? Du hast mir nicht gesagt, dass irgendjemand sterben würde!«

Moira entgegnete dem aufgebrachten Jared mit ruhiger Stimme: »Ich weiß nicht, wo Lily ist. Sie und Abby haben sich auf gefährliche Dinge eingelassen. Und so ist das nun mal: Wo Gefahr lauert, kann verdammt noch mal eben auch der Tod lauern.«

Moira wandte sich von dem toten Mädchen ab, tieftraurig und verärgert. Sie erklärte: »Ich weiß nicht, was hier passiert ist, aber es fand ein Kampf statt – und sie sind schnell von hier verschwunden. Sie haben zwar viele ihrer Utensilien mitgenommen, aber hier sind noch zwei Kerzen.« Sie zeigte auf den Rand des Kreises, wo zwei schwarze Stumpenkerzen standen. »Außerdem haben sie nicht all ihre Symbole beseitigt, was sehr nachlässig ist und ganz und gar nicht Fiona entspricht.«

Abby hier zurückzulassen … das war schlichtweg eine Riesendummheit. Sie entsorgten ihre Opfer immer. Das mussten sie, da das Verbrechen andernfalls bekannt werden würde und sie dann mit noch größerer Vorsicht vorgehen müssten. Mord war nun einmal ein Verbrechen; okkulte Anbetung nicht.

Sich über ihren eigenen Rat an Jared hinwegsetzend, hockte Moira sich neben Abby und berührte ihren Körper mit zwei Fingern. Ihre Haut war kühl und von dem feuchten Nebel durch das Meer klamm. Moira war zwar keine Polizistin, vermutete aber dennoch, dass Abby noch nicht lange tot war. Und für Dämonen waren erst kürzlich Verstorbene ein leichtes Opfer. Sollte Fiona einen Dämon heraufbeschworen haben, dann hielt er sich noch in der Gegend auf oder würde wiederkommen. Dämonen kehrten immer an ihren Ursprungsort zurück – eine der vielen Wahrheiten, die Rico ihr eingebläut hatte.

Sie zog ein Salzfässchen aus ihrer Jackentasche und schüttete es kreisförmig um Abbys Körper. Sie wusste nicht, ob es etwas nützen würde – sollte der Dämon stark genug sein, könnte er ihren Körper einfach aus dem Kreis heben, doch das Salz würde ihn bremsen und Moira Zeit verschaffen. Salz diente der Reinigung und Konservierung und war ein Mineral, das Dämonen auf natürliche Weise abwehrte. Inzwischen allerdings hatten die stärksten Dämonen, so wie virulente Bakterien, eine Resistenz gegen ihre Gegenmittel entwickelt – unter anderem gegen Salz, das älteste Mittel überhaupt.

»Was tust du da?«, fragte Jared Moira und schaute sie an, als wäre sie vollkommen durchgeknallt, woran sie gewöhnt war. Sie war noch nie normal gewesen, und jetzt, im reifen Alter von neunundzwanzig Jahren, schien es, als würde sich das in Zukunft auch nicht mehr ändern.

»Das Salz wird Dämonen davon abhalten, sich Abbys Körper zu bemächtigen. Sie ist noch nicht lange tot. In ein oder zwei Stunden« – ehrlich gesagt wusste Moira nicht, wie lange es dauern würde; Rico hatte ihr lediglich aufgetragen, kürzlich Verstorbene zu bewachen, da Dämonen sie beschwören konnten – »ist es dann egal, denn dann können sie sie nicht mehr in Besitz nehmen. So wie bei manchen Tieren, die eben kein Aas fressen.« Vermutete Moira.

Jared erschauderte.

»Was ist mit Lily? Wo ist sie?«

Moira sah sich um. Die Wellen des Meeres, das weniger als hundert Meter unterhalb von ihnen im Westen lag, schlugen unsichtbar gegen die Felsen. Unter anderen Umständen hätten sie sie beruhigt und an die Westküste Irlands erinnert – den einzigen Ort, an dem sie je Frieden empfunden hatte.

»Ich rufe jemanden an, der Abbys Leiche abholen wird«, gab sie ausweichend zurück. Oh, wie graute es ihr vor diesem Anruf! Als Pater Philip ihr erzählt hatte, Anthony wäre in Santa Louisa, wusste sie sofort, dass sie ihm irgendwann begegnen würde. Sie konnte froh sein, wenn er sie nicht tötete. Wäre er nicht ein so verdammt arroganter Dämonologe mit hohen ethischen Maßstäben, würde er keine Sekunde zögern, ihr den Hals aufzuschlitzen und es dann auf ihre teuflische Seele zu schieben.

»Mein Vater muss hierherkommen«, meinte Jared und starrte zu Abbys Leiche. »Ich kann nicht glauben, dass sie tot ist.«

»Dein Vater wird nicht verstehen, was hier passiert ist.«

»Was muss er hier schon groß verstehen? Wir haben Abby gefunden – tot! Er ist Polizist. Er wird die Leute von der Kriminaltechnik anrufen und herausfinden, wer das hier getan hat. Und Lily finden.«

»Wer was getan hat? Jared, bitte! Ich habe dir gesagt, wie diese Leute vorgehen!«

Er war hin- und hergerissen. Sein innerer Konflikt und seine Verwirrung standen ihm in sein schmerzverzerrtes Gesicht geschrieben. Moira sah das, war aber nicht bereit, die Wahrheit schönzureden.

»Ja, wir müssen Lily finden«, lenkte sie ein. »Ich weiß nicht, ob sie sie haben, aber wenn ja, müssen wir versuchen, sie zu retten. Wenn nicht, müssen wir sie finden, um sie zu schützen. Da bin ich ganz deiner Meinung, Jared. Doch das hier« – sie zeigte auf die teilweise verwischten Symbole – »muss von jemandem untersucht werden, der darauf … spezialisiert ist«, beendete sie stockend ihren Satz.

Moira wollte Jared nicht länger an diesem Ort haben, da sie befürchtete, Fionas Jüngerinnen könnten wieder zurückkehren, und es war wohl kaum davon auszugehen, dass er sich gegen Magie, die er nicht verstand, zur Wehr setzen konnte. Moira wäre aber auch nicht in der Lage, gleichzeitig sich selbst und Jared zu beschützen – nicht gegen Fionas Hexenzirkel. Da hätte sie genug damit zu tun, sich selbst zu schützen. Und sie durfte ihnen auf keinen Fall die Möglichkeit geben, sich Abbys Leiche zu bemächtigen. Das Mädchen verdiente ein anständiges Begräbnis – nachdem sie zu drei Pfund Asche verbrannt worden war.

Moira konnte Jared aber auch nicht allein nach Lily suchen lassen … Was, wenn Fionas Hexenzirkel sie gerade beobachtete? Sie mussten sich dazu nicht in der Nähe befinden, es gab andere Wege … Ein Schauer durchfuhr Moira. »Vertrau mir!«

Jared machte ein finsteres Gesicht. Ihr vertrauen – ja, klar! Er kannte sie kaum. Er hatte häufig eine Internetplattform für übernatürliche Phänomene besucht, aber auf das hier war er in keiner Weise vorbereitet.

Jared beugte sich nach unten und hob zwei Kleidungsstücke auf, die eindeutig einer Frau gehörten – eine Jeans und einen blassrosa Pullover. Er sah elend aus. »Lily trug heute diesen Pullover.«

In der Ferne erklang ein Schrei und durchbrach die Nacht. Moira fuhr zusammen. Das Geräusch war aus dem Wald gekommen, der weiter weg auf der anderen Seite der Straße lag. Danach kehrte wieder Stille ein, was noch schlimmer war.

»Lily!«, rief Jared. »Ich muss sie finden. Es tut mir leid, Moira, ich – sie muss außer sich vor Angst sein!« Er lief zu seinem Auto, ungeachtet Moiras Warnungen, nicht allein zu gehen.

Er fuhr schon mit seinem Pick-up an, als sie flüsterte: »Lass mich nicht allein!«

Der Wind peitschte vom Meer hoch, die Salzluft umwehte beißend ihre Wangen. Sie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, aber sie konnte sich nirgendwo in der Nähe verstecken … »Niemand beobachtet dich, niemand ist hier«, redete sie sich selbst ein, doch das half nur wenig, ihre aufsteigende Panik zu mildern.

Moira schüttelte den Kopf und dachte, was für eine Närrin sie doch war. Dann betrachtete sie wieder die arme Abby. Sie wünschte sich, Rico oder Pater Philip wären da, um ihr zu sagen, was sie tun sollte.

Anthony. Sie musste ihn einweihen. Sie zog ihr Handy heraus und rief Pater Philip an.

Sie war überrascht, dass er schon nach dem ersten Klingeln abnahm.

»Pater, ich bin’s, Moira.«

»Geht es dir gut?«

»Ja. Aber hier auf den Klippen ist etwas Schlimmes passiert, Pater. Ich denke – ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Es gibt Anzeichen von Gewalt, eine Geisterfalle, obskure Symbole, die ich noch nie vorher gesehen habe. Und es ist niemand hier außer« – sie warf einen Blick auf Abbys nackte Leiche – einem toten Mädchen.«

»Oh heilige Muttergottes!«

Moira lächelte; andernfalls wäre sie bei seiner Art zu fluchen in Tränen ausgebrochen.

»Ich mache mir Sorgen um Anthony«, fuhr der Pater fort. »Er geht nicht an sein Telefon.«

Das helle Licht von Suchscheinwerfern drang von der Straße herüber und näherte sich ihr schnell. Als der Lichtstrahl auf ihren Körper fiel, heulten die Sirenen auf.

Mist!

»Pater, ich muss los.«

»Moira, warte – was hast du?«

»Versuchen Sie weiter, Anthony zu erreichen! Hoffentlich hat er eine Freifahrkarte aus dem Gefängnis in seiner Tasche. Ich glaube, die werde ich brauchen.«

Sie schaltete das Handy ab und steckte es in die Tasche.

Eine Stimme verkündete über Lautsprecher: »Hier spricht das Santa Louisa County Sheriffs Department. Bleiben Sie mit ausgestreckten Händen dort, wo Sie sind!«

Moira hielt die Hände so, dass sie gut zu sehen waren, und kämpfte gegen das Verlangen an wegzulaufen.