SECHSUNDZWANZIG
Ari Blair wachte an diesem Morgen um 6:30 Uhr zitternd in ihrem Schlafzimmer auf, die Bettlaken schweißnass.
Du bist tot. Du bist tot. Du bist tot.
Der nüchterne, monotone Gesang, der so fürchterlich klang wie das Geräusch schabender Fingernägel auf einer Tafel, ertönte immer und immer wieder in ihrem Kopf, bis sie dachte, er würde platzen.
Sie stand auf und stolperte vom Bett ins Bad, als hätte sie einen Kater. Sie musste sich übergeben und legte ihre feuchte Stirn auf den Arm.
Ihr Leben war vorbei. Sie war achtzehn, und das hier war die Endstation.
Langsam erhob sie sich von dem kalten Fliesenboden und starrte in den Spiegel, aus dem ihr ein kränkliches Gesicht entgegenblickte – ihr Gesicht. Ihre Haut war blass und passte farblich zu ihrem fast weißen Haar. Sie hatte sich einmal hübsch gefunden – groß, blond, blaue Augen, der Typ Mädchen von nebenan. Sie hatte viele Freundinnen und einen tollen Freund; sie war beliebt. Cheerleaderin, Einserkandidatin, Schulsprecherin, in allem perfekt!
»Berkeley hat mich angenommen!«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild.
Doch dann hatte sie über Abby den Hexenzirkel kennengelernt. Es war ihr Wunsch gewesen. Eine geheime Gesellschaft, die in ihr New-Age-Weltbild und zu ihrem Bedürfnis nach einer höheren Bewusstseinsebene passte. Sie konnte mit den religiösen Anschauungen ihrer Eltern nichts anfangen, in deren Mittelpunkt der Mann stand. Dafür war sie einfach zu schlau. Sie würde ihren eigenen Weg gehen, ihr eigenes Leben führen, ein gesundes, gutes Leben. Sie glaubte an den Leitspruch der Wicca-Religion: Richte keinen Schaden an.
Doch Abby war tot! Es gab böse Geister, Dämonen, die Schmerz wollten. Sie hatte es deutlich gespürt, als sie neben einem von ihnen gestanden hatte; Ari hätte nur ihre Hand ausstrecken müssen, um es zu berühren. Es war zugleich da und auch wieder nicht da gewesen, hatte aus Rauch und aus fester Materie bestanden. Das Ganze war ein Fehler gewesen.
Wie konnte die Göttin nur Teil von etwas sein, das sich so … böse anfühlte?
Sie hatten sie bedroht. Sie beobachtet. Die ganze Zeit, seit sie von den Klippen geflohen waren.
»Wenn du redest, wirst du sterben!«
»Erzähle niemandem davon!«
Doch das hatte sie nicht gekonnt! Sie war kein schlechter Mensch, sie wollte niemandem wehtun; sie hatte einfach nur über die herkömmlichen Religionen hinaus Erfahrungen sammeln, verstehen wollen, wer sie war, warum sie existierte und wie Natur und Mensch in diesem empfindlichen Gleichgewicht miteinander leben können. Sie musste wissen, wo ihr Platz und welches ihre Bestimmung war.
Sie werden dich töten.
Und nun war auch noch Chris, ihr Freund, tot. Seine Eltern am Boden zerstört. Sie war sofort ins Krankenhaus gefahren, als sie es erfahren hatte. Die Ärzte meinten, sein Tod wäre durch ein Gehirnaneurysma verursacht worden.
Doch das stimmte nicht, das wusste Ari. Sie war schuld an seinem Tod. Der Hexenzirkel hatte ihn umgebracht. Sie wusste zwar nicht, wie, aber dass es so war. Denn sie hatte Chris erzählt, was passiert war. Sein Tod konnte kein Zufall sein, hatte sie doch vorgehabt, Fionas Hexenzirkel zu verraten.
Aber wenn die dachten, sein Tod könnte Ari von ihrem Plan abbringen, dann hatten sie sich getäuscht! Im Gegenteil, ihr brutales Vorgehen bestärkte sie nur in ihrem Entschluss.
Sie zog sich an, ohne vorher zu duschen, packte ihre Sachen zusammen und schlich aus dem Haus. Ihre Eltern würden noch nicht einmal bemerken, dass sie schon weg war. Ihre Mutter lag noch im Bett, und ihr Vater duschte gerade.
Ari wusste, dass sie keine ruhige Minute haben würde, bis sie die Dämonen, an deren Freilassung sie beteiligt gewesen war, wiedergefunden, eingefangen und dorthin zurückgeschickt hätte, wo sie hingehörten.
Sie konnte das wieder in Ordnung bringen! Sie besaß die Macht dazu. Sie spürte sie in sich … Sie hatte die Elemente kontrolliert und das Feuer entfacht! Sie hatte ihren Körper verlassen, war über die Erde hinweggeflogen und hatte erstaunliche Dinge gesehen. Sie konnte die Dämonen finden und wieder einfangen. Sie musste!
Ihr Leben wäre für sie unerträglich, wenn sie diesen Wahnsinn nicht stoppen würde.
Und was, wenn sie scheiterte? Sie verdiente nicht weiterzuleben.
»Wo ist sie hin?«, fragte Anthony Rafe.
Dieser zögerte. »Wir haben letzte Nacht gemeinsam entschieden, Lily Ellis zu retten.«
»Was habt ihr euch dabei gedacht? Wir haben doch auf Verstärkung gewartet!« Anthony ballte seine Hand zur Faust, hielt sich aber zurück, damit auf den Tisch zu schlagen. »Ich wusste, dass Moira mich anlügt!«
»Wir fanden beide, das wäre der richtige Schritt. Wir können nicht warten. Sie wird Lily hierherbringen.«
»Wir wissen nicht, was sie mit dir in den zehn Wochen gemacht haben, und da wolltest du einfach mal so, ohne Schutz, in ihr Revier eindringen?«
Anthonys Schuldgefühle wegen der Dinge, die Rafe im Krankenhaus widerfahren waren, zerrten an seinen Nerven. Er hatte gedacht, seinen Freund zu schützen, und war damit auf ganzer Linie gescheitert.
Hinter den Angriffen auf Rafe standen Menschen, keine Dämonen mit besonderen Schwachstellen. Er hatte Rafe im Krankenhaus in Sicherheit gewähnt und deshalb dortgelassen, doch hatte er völlig falsch gelegen.
Zudem wusste Anthony nicht, was sie mit Rafe dort angestellt hatten und ob er ihm immer noch trauen konnte. Rafe würde zwar bewusst keinen Zauberinnen helfen, aber unbewusst? Hypnose konnte bei richtiger Handhabung äußerst gefährlich und sehr wirkungsvoll sein.
Rafe erhob sich langsam vom Tisch. »Dein Hass gegenüber Moira trübt dein Urteilsvermögen. Nur weil ich mit ihr einer Meinung bin, vertraust du mir jetzt nicht mehr?«
»Das hat mit meiner Einstellung Moira gegenüber nichts zu tun. Im Augenblick arbeiten wir zusammen. Die Sieben geistern unkontrolliert in der Welt umher, da steht viel mehr auf dem Spiel. Sie gewinnen immer mehr an Stärke, während wir hier herumsitzen!«
»Ganz genau! Und das können wir uns nicht erlauben. Moira hat sich auf den Weg gemacht, um Lily zu holen. Wenn der Hexenzirkel sie nicht einsetzen kann, um die Sieben einzufangen, verschafft uns das Zeit.«
»Darum geht es nicht, und das weißt du.« Anthony fiel das Gespräch der gestrigen Nacht mit Skye ein. »Ein Kerl kehrte nach seiner Mittagspause zurück, schloss die Türen ab und tötete drei seiner Kollegen, eine Kundin …«
»Du glaubst also, ich hätte mich auf die dunkle Seite der Macht geschlagen?« Rafe versuchte, das Gespräch aufzulockern, doch Anthony bemerkte es kaum.
»Nein, das ist es nicht. Skye hat gestern Nacht von einem Massenmörder gesprochen. Irgendetwas an dieser Geschichte stimmt nicht, aber ich weiß nicht, was.«
In diesem Moment betrat Skye das Zimmer und flocht ihr nasses langes Haar. Sie war bereits in Uniform. »Rod hat angerufen. Er will, dass wir beide so schnell wie möglich zur Leichenhalle kommen.«
»Wir beide?«, fragte Anthony ungläubig.
»Ja. Er hat gerade zwei Leichen hereinbekommen, die das gleiche Mal aufweisen, und will sie uns zeigen. Er meinte, vielleicht wüsstest du etwas darüber, da es dem von Abby Weatherby ähnelt.«
»Ich hole meine Schuhe.«
Anthony verließ das Zimmer, und Skye sagte zu Rafe: »Ich habe deine und Moiras Kleider in die Waschmaschine gesteckt, und Anthony hat dir ein paar von seinen Sachen ins Gästezimmer gelegt. Wenn die Flecken aus den Kleidern nicht herausgehen, wirf sie einfach weg. Ich glaube, es wird Anthony nichts ausmachen.«
Sie schaute Rafe an und versuchte, sich ein Bild von ihm zu machen. Er ähnelte Anthony in vielerlei Hinsicht – seine Körperhaltung, seine Sprechweise –, doch war er auch wieder anders. Anthony hatte einen starken, dominanten Charakter, und er strahlte ein stabiles Selbstvertrauen aus, was Skye anziehend fand. Rafe hingegen war stiller, erschien aber in mancherlei Hinsicht noch stärker. Er trug sein Selbstvertrauen nicht zur Schau, doch war es da, nur nicht so offensichtlich. Er schaute sie auf die gleiche unheimliche Art an wie Anthony: als könnte er ihre Gedanken lesen.
Sie wusste, dass Anthony das nicht konnte, aber vielleicht verfügte Rafe Cooper über Talente, die Anthony nicht besaß. Dieser St.-Michael-Orden und alles, was er tat – oder nicht tat –, war immer noch neu für sie. Vielleicht gehörte das Gedankenlesen zum festen Bestandteil der Fähigkeiten eines Gotteskriegers.
»Deine Instinkte sind sehr ausgeprägt«, meinte Rafe zu ihr. »Du bist sehr intuitiv, weil du das menschliche Verhalten verstehst. Egal, was passiert: Vertraue auf deine Instinkte!«
Skye wusste nicht, was sie erwidern sollte, und so sagte sie nichts. Doch fand sie Rafes Worte beunruhigend.
Anthony kam aus dem Badezimmer zurück. »Ich bin fertig.« Rafe wies er an: »Bleib hier im Haus! Solange du dich nicht vom Fleck rührst, bist du sicher.«
Nachdem Serena vergeblich nach Rafe Cooper gesucht hatte, schlief sie in der Bibliothek ein. Das Sehen mit ihrem Dritten Auge war sehr anstrengend. Sie wachte auf und fühlte sich immer noch erschöpft und nicht wirklich wohl.
»Du hast die ganze Nacht hier geschlafen?« fragte Fiona sie, als sie mit leuchtendem, jugendlich frischem Gesicht hereinkam. »Wir haben acht Uhr; es liegt viel Arbeit vor uns.«
Garrett brachte ein Tablett mit Obst und Saft. Er küsste Fiona sanft und stellte dann das Tablett ab.
»Vielen Dank, Geliebter.« Fiona fuhr mit einem ihrer dunkelrot lackierten Fingernägel über seine Wange und seinen Hals und lächelte ihn verführerisch an. Serena widerstand dem Drang, ihre Augen zu verdrehen. Garrett wusste, dass er Fiona egal war.
Serena nahm sich von dem frisch gepressten Orangensaft und fühlte sich nach zwei großen Gläsern fast wieder wie sie selbst.
»Können wir jetzt nach Rafe Cooper suchen, oder brauchst du noch etwas Schlaf?« Fionas zuckersüßer Ton war unverschämt sarkastisch.
»Ich bin fertig«, entgegnete Serena.
An der Tür der Bibliothek klopfte es, woraufhin Fiona ein finsteres Gesicht aufsetzte und mit einem Handwink die Tür öffnete. »Ich sagte doch, ich will nicht gestört werden!«
»Elizabeth Ellis ist hier.«
Elizabeth betrat die Bibliothek ohne Aufforderung. Sie sah grauenhaft aus. Sie trug eine Jeans, aber keinen Büstenhalter, wodurch ihre Brüste sichtbar nach unten hingen. Ihre Bluse war falsch geknöpft. Ohne Schminke sah sie älter aus, als sie war.
»Du hast die Arca allein im Haus zurückgelassen?«, fauchte Fiona sie an.
»Deine Tochter hat sie mitgenommen.«
Fiona schwieg eine ganze Zeit lang. So lange, dass Garrett und Serena sich wegen ihrer aufkommenden Wut besorgte Blicke zuwarfen. Die Spannung im Raum nahm spürbar zu, und vereinzelte Funken ließen Serena wissen, dass Fiona mehr als zornig war.
Elizabeth Ellis schien dies nicht zu bemerken. »Und? Willst du nicht etwas unternehmen? Das ist ja wohl unerhört!«
Serena riss die Augen auf und wich einen Schritt zurück, weg von Elizabeth, da sie damit rechnete, ein Blitz würde diese Frau treffen, weil sie in einem solchen Ton mit Fiona sprach. Serena kannte sich mit den Launen ihrer Mutter aus. Bei schlechten Nachrichten war sie nie in die Enge zu treiben.
Erstaunlicherweise hielt Fiona sich zurück. Zu Serena gewandt sagte sie: »Hol Prziel zurück! Wir werden Rafe Cooper finden. Er wird noch vor Sonnenuntergang mir gehören!«
Ein kalter Schauer lief Serena den Rücken hinunter, und sie begann mit den Vorbereitungen zur Beschwörung des Blutdämons.
»Was nützt es uns, Rafe zu haben, aber nicht Lily?«
»Anthony wird alles tun, um ihn zu retten. Er wird mir Moira und die Arca aushändigen. Und dann haben wir sie alle: Zaccardi, Cooper und Andra Moira. Keiner von ihnen wird den morgigen Tag erleben. Wenn die Sieben sie nicht wollen, wird es mir ein Vergnügen sein, sie allesamt zu töten.«
Sie ging durch den Raum und schaute Elizabeth Ellis ins Gesicht. Es schien, als würde sie sie um einen Kopf überragen, dabei war sie nur wenige Zentimeter größer als sie.
»Solltest du noch einmal unaufgefordert mein Heiligtum betreten, um Anschuldigungen zu erheben und Forderungen zu stellen, wirst du sterben.«