KAPITEL
42
Rachel stand neben Adom im Kommunikationsraum und betrachtete sein schmerzerfülltes Gesicht. Er hielt ihre Hand fest, als wäre sie ein Rettungsanker im sturmgepeitschten Ozean, während er zur Bevölkerung von Seir sprach:
»Meine Brüder und Schwestern, ihr müßt jetzt tapfer sein. Ich weiß, die vor uns liegenden Prüfungen erscheinen schrecklich und furchterregend, doch wir müssen uns ihnen mutig stellen. Gerade jetzt kämpft Milcom für uns und versucht das Leid zu besiegen, das Epagael über uns gebracht hat. Wir werden triumphieren, wenn wir zusammenhalten und uns gegenseitig helfen. Hier oben ist es kalt, und ich … ich vermisse euch sehr. Sobald ich kann, werde ich heimkehren. Bis es soweit ist, liebt jeden, der an eurer Seite kämpft, helft ihm und denkt an Gott.«
Der Schirm wurde für einen Moment dunkel, Störstreifen zuckten darüber hinweg; dann tauchte Ornias’ gebräuntes Gesicht auf. Ein hämisches Lächeln umspielte die Lippen des Mannes. »Perfekt, Adom. Ich bin sicher, sie werden jetzt neuen Mut schöpfen. Wir strahlen den Aufruf überall im Stadtgebiet aus.«
»Wie viele … haben wir verloren?«
»Ich habe die letzten Berichte noch nicht geprüft.«
»Dann tu das bitte.«
Rachel runzelte angesichts Adoms ungewohnten Befehlstons verwundert die Stirn. Ganz offensichtlich berührten ihn die Vorgänge in Seir zutiefst.
Ornias warf ihm einen mißgelaunten Blick zu, beugte sich jedoch zur Seite und drückte eine Taste seines Computers. »Um drei Uhr nachmittags beliefen sich die Gesamtverluste auf beiden Seiten auf schätzungsweise dreißigtausend.«
Adom erschauerte so heftig, daß Rachel zwischen ihn und den Schirm trat und flüsterte: »Du kannst nichts daran ändern. Es ist nicht deine Schuld. Quäle dich nicht selbst.«
»Aber es ist mein Volk, Rachel. Ich weiß, Milcom wird sie letzten Endes alle erretten, doch ich kann es nicht ertragen, sie noch mehr leiden zu sehen.«
»Adom?« Ornias’ Stimme klang ungehalten. »Letztes Mal wolltest du Bilder vom Kampfgeschehen haben. Ist das auch diesmal …?«
»Ja!« antwortete er scharf. »Ich will wissen, was vorgeht. Zeig es mir … uns.«
»In Ordnung.«
Der Schirm zeigte eine Luftaufnahme der Außenbezirke der Stadt. Rachel schluckte schwer. Ihr Haus stand nicht weiter als zwei Blocks vom Zentrum des Bildes entfernt. Sie konnte die zerstörte Bäckerei erkennen, in der sie immer eingekauft hatte. Zitternd fuhr ihre Hand zum Mund. Hatte Ornias das geplant? Um sie zu quälen?
Adom zuckte zurück, als ein violetter Blitz über den Schirm fuhr. Krachend stürzte ein Haus zusammen. Aus den Trümmern rannte ein Kind, ein kleines Mädchen, genau auf die Kamera zu. Sie drückte ein grüngepunktetes Spielzeugpferd an die Brust.
»O mein Gott«, murmelte Adom entsetzt. »Ornias? Da ist ein Kind auf der Straße! Schick jemand los, der …«
Ein schrilles Heulen erklang, und das Kind schaute ängstlich nach oben. Sie öffnete den Mund und umklammerte ihr Pferd noch fester, doch der Schrei wurde vom Donnern der Kanone übertönt, und ihr Körper zerplatzte wie eine reife Melone.
Rachel wankte zurück. Für einen Moment war es ihr so vorgekommen, als trüge das unbekannte Kind Sybils Züge. Sie stolperte gegen die Wand, sank wie betäubt zu Boden und nahm Adoms Schluchzen kaum bewußt wahr.
Jeremiel hat es dir gesagt – er hat gesagt, es müßten zehnmal mehr Menschen sterben, wenn du bei deiner Mission versagst. In jeder Sekunde, die du hier vergeudest, stirbt ein anderes Kind auf elendige Weise.
Sie zog sich auf die Knie und vergrub ihr Gesicht in den samtenen Falten ihres ebenholzschwarzen Umhangs.
»Nein …«, murmelte Adom.
Rachel blickte auf und sah eine Gruppe von sieben Frauen, die durch die Straße liefen und weinende Kinder mit sich zerrten. Sie bogen um eine Ecke und rannten so schnell sie konnten durch die rauchenden Trümmer. Rachel zuckte zusammen. War das nicht Myra, Talos Nichte? Sie erinnerte sich an das Gesicht aus den schier endlosen Stunden, die sie voller Angst auf dem Platz verbracht hatten.
Mit einer Mischung aus Furcht und Hoffnung beobachtete sie, wie die Gruppe um eine weitere Ecke bog und genau auf die Kamera zulief.
Ein Strahl aus kohärentem Licht schoß in eines der bereits zerstörten Häuser und brachte eine hohe Wand zum Einsturz. Die Trümmer prasselten auf die Straße nieder und begruben die Frauen.
»Eine lebt noch«, flüsterte Adom händeringend.
Myra zog sich unter den Trümmern hervor und blieb neben den geborstenen Steinen liegen. In einer Geste der Hoffnungslosigkeit streckte sie die Hand der Kamera entgegen, als könnte sie Rachels totenblasses Gesicht sehen.
Und Rachel verstand.
Töte ihn. Töte ihn! Tue, was du an jenem Tag auf dem Platz geschworen hast!
»Adom?« Ornias’ Gesicht erschien wieder auf dem Schirm. »Die Truppen weichen zurück. Eine Gruppe versprengter Soldaten hat sich vor dem Palast gesammelt. Kannst du zu ihnen sprechen?«
»Ja. Ich … ich werde es tun.«
Der Monitor füllte sich mit den Gesichtern tausender Menschen, die flehend zum Bildschirm aufblickten und darauf warteten, daß der Mashiah ihnen versicherte, alles werde sich zum Guten wenden. In ihren zerlumpten und blutbefleckten Uniformen sahen sie wie Untote aus.
Adom raffte sich mühsam auf und hob die Arme.
»Freunde, ich fühle mit euch und …«
Rachel erhob sich wie in einem Traum. Ihre Beine schienen sie von allein vorwärts zu tragen. »Adom?«
Er wandte sich zu ihr um und wurde kreidebleich, als sie das Messer aus dem Stiefel zog und es hoch über den Kopf hob. Schweiß bedeckte seine Stirn, als er rückwärts in Richtung des Schirms taumelte. Hinter ihm konnte Rachel die Menschen erkennen, die vor Entsetzen aufschrien.
»Nein«, sagte er leise, »Rachel, nein.«
Sie holte aus und stieß das Messer in seine breite Brust. Blut spritzte heraus und tränkte seine Robe. Er griff sich ans Herz, schloß die Augen und sank zu Boden.
Der Aufschrei aus Tausenden von Kehlen wurde durch das Audiosystem übertragen und Rachel spürte, wie ihre Knie schwach wurden. Das Bild verschwand abrupt; dann füllte Ornias wütendes Gesicht den Schirm.
»Du Närrin!« brüllte er. »Es war noch nicht an der Zeit! Jetzt werden die Truppen auseinanderfallen. Dafür bringe ich dich um. Du dumme NÄRRIN!«
Rachel schlug mit der Faust auf den Schalter und unterbrach die Verbindung. Es wurde still im Raum. Das einzige Geräusch war das leise Gurgeln aus dem Loch in Adoms Brust.
»Rachel …« Er hustete und rollte sich langsam auf die Seite. Rote Bläschen bildeten sich auf seinen Lippen. »Hältst du mich?«
Sie fiel auf die Knie, nahm ihn in die Arme und zog ihn fest an ihre Brust. »Adom, vergib mir.«
»Aber Milcom hat gesagt, du … du würdest nicht …«, keuchte er leise.
»Milcom ist Aktariel, Adom!« rief sie wütend. »Er würde alles tun und alles sagen, damit du ihm hilfst!«
»Oh«, flüsterte er und schaute sie voller Liebe an. »Das weiß ich. Schon seit … seit langer Zeit. Aber er … er hat Recht. Wir müssen das … das Leid beenden …«
Er bekam einen Hustenanfall und Rachel schauderte, als sie sah, wieviel Blut er verlor.
Er blickte zu ihr auf, und sie sah in seinen Augen wieder diese kindliche Unschuld, die ihr in den vergangenen Wochen soviel Kummer bereitet hatte. Sie neigte den Kopf und weinte leise. Ihre Tränen fielen auf seine Brust.
»Es … ist schon in Ordnung, Rachel. Ich weiß, daß du … auch nur das Leiden … beenden wolltest.«
Er versuchte sich noch einmal aufzurichten und sackte dann schlaff zusammen. Sie vergrub ihr Gesicht in seinem blonden Haar und weinte hemmungslos.
Schließlich schaute sie hoch und erblickte ihr Spiegelbild im leeren Schirm. Ihre Augen starrten sie anklagend an. Es gab nichts, was sie zu ihrer Verteidigung hätte anführen können. Sie hatte die einzige freundliche Seele ermordet, die ihren Schmerz hätte lindern können.
Langsam ließ sie Adoms Körper zu Boden gleiten. Ornias hatte ihr Rache angedroht. Zweifellos war schon ein Samael in Richtung Norden unterwegs, gefüllt mit Marines, deren Befehle Rachel sich nicht auszumalen wagte.
Obwohl die Beine unter ihr nachzugeben drohten, zwang sie sich aufzustehen.
»Ich muß hier verschwinden.« Sie lief zum Fahrstuhl und drückte den Knopf, der die Kabine zum Vorraum an der Oberfläche bringen würde.
Oben angekommen, ging sie zu dem Vorratsraum, wo die Schutzkleidung aufbewahrt wurde, wie Adom ihr erzählt hatte. Tatsächlich befanden sich zwei Anzüge dort; die zugehörigen Helme lagen direkt darüber in einem Regalfach.
Sie zog rasch einen der Anzüge an, stülpte den Helm über und befestigte die Verschlüsse auf dem Weg zum Ausgang. Als sie auf den Türöffner drückte, blies ihr eiskalter Wind entgegen, den sie trotz der Schutzkleidung spürte.
Draußen war es dunkel, und der heulende Wind trieb den wirbelnden Schnee vor sich her. Rachel trat in die Eiswüste hinaus und lief in Richtung der Schneeverwehungen, um sich einen Platz zu suchen, an dem sie sich vor den Samaels verbergen konnte.
Sie schien eine Ewigkeit zu wandern. Schnee verklebte die Sichtscheibe des Helms, und ihre Hände und Füße wurden allmählich gefühllos. Die Sterne über ihr glitzerten wie Eiskristalle, doch nirgendwo war ein Samael zu sehen. Wie lange war sie jetzt unterwegs? Zwei Stunden? Drei? Wenn Ornias die Schiffe sofort losgeschickt hatte, waren sie immer noch mindestens eine Stunde entfernt. Die Hoffnung verlieh ihr neue Kraft, und sie lief auf eine Kluft im vor ihr liegenden Eiswall zu.
Eine Reihe dunkler Punkte zeichneten sich auf dem weißen Hang ab. Als Rachel näherkam, erkannte sie, daß es sich um Höhlen handelte. Sie bückte sich und kroch in eine davon hinein. Dunkelheit umgab sie, aber immerhin war sie hier vor dem schneidenden Wind geschützt. Vorsichtig streckte sie die Arme aus, um die Ausmaße der Höhle zu erkunden. Die Decke war zu hoch, als daß sie sie hätte erreichen können, doch die Breite der Höhle betrug allenfalls eine Mannslänge. Rachel drang so weit wie möglich ins Innere vor und ließ sich dann nieder, das Gesicht dem Ausgang zugewandt. Draußen wirbelte der heulende Sturm ganze Wolken von Schneeflocken vorbei.
Unbeholfen löste sie ihren Helm, legte ihn neben sich auf den Boden und holte tief Luft. Was du gerade gemacht hast, ist selbstmörderisch. Doch sie lehnte sich erschöpft gegen die Wand und erkannte dabei, daß es ihr gleichgültig war. Ich setze ihn bald wieder auf, versprach sie sich. Ohne den Helm, der bisher ihr Blickfeld eingeschränkt hatte, konnte sie jetzt erkennen, daß die Helligkeit des Meas sogar ihre Schutzkleidung durchdrang. Licht. Sie zog an der Kette und holte die Kugel heraus. Blaues Leuchten erfüllte die Höhle.
Lieber Gott, war es wirklich erst ein paar Stunden her, daß Adom sich wie ein verängstigtes Kind an sie gekuschelt hatte? Tränen füllten ihre Augen und gefroren auf den Wangen, als ihr Körper von leisem Schluchzen geschüttelt wurde. »Ich wollte ihn nicht töten. Warum mußte ich ihn töten, Gott?« Unbewußt griff sie nach dem Mea, preßte es an die Stirn und senkte den Kopf auf die hochgezogenen Knie.
Der Wind trug den Geruch von Blut und Pulverdampf über die zerklüfteten Höhen. Harper kroch im Schutz der Dunkelheit einen Hügel hinauf, von dem aus er nach Seir hinüberblicken konnte. Vier Mönche in grauen Uniformen und mit grimmigen Gesichtern folgten ihm. Überall in der Stadt brannten Feuer. Gewehrschüsse durchschnitten die Nacht und bildeten bunte Muster in den Straßen.
»Janowitz, du gehst als erster. Wir anderen schwärmen hinter dir aus.«
»Bin schon unterwegs, Harper.« Der untersetzte Blondschopf kroch den Hügel hinab. Als er die Straße erreichte, verschmolz er mit den Schatten der zerstörten Gebäude.
»Bromy …«, setzte Harper an, doch ein schrilles Heulen unterbrach ihn. »Deckung!« Er hob die Arme schützend über den Kopf, als das Heulen zu einem betäubenden Donnern anschwoll. Der Boden erzitterte, und Erde regnete auf sie herab. Dann wanderte der violette Strahl zu einem anderen Hügel hinüber und verrichtete dort sein Zerstörungswerk.
»Sie beschießen sämtliche Hügelkuppen«, keuchte Harper. »Los, runter in die Stadt! Wir sammeln uns an der Ecke der Izhar Street.« Er wartete, bis die Männer zwischen den Häusern verschwunden waren, und schaute dann zu den Höhlen der Wüstenväter zurück. Dort zuckten überall Flammen auf, als wäre ein Waldbrand ausgebrochen. »Treffer«, murmelte er. »Heißt das, Jeremiels Plan funktioniert?« Sobald ihr in der Stadt seid, hatte er gesagt, schränken wir hier unsere Verteidigungsmaßnahmen ein. Das sollte sie anziehen wie ein Kadaver die Fliegen. Und während sie uns unter Feuer nehmen, habt ihr es in der Stadt mit weniger Truppen zu tun.
Harper rannte den Hügel hinab und steuerte den Treffpunkt an. Als er sich der Ecke näherte, sah er schattenhafte Gestalten, die sich dort sammelten.
»Harper.«
Das Flüstern erklang aus einer Gasse zu seiner Rechten. Er blinzelte in die Dunkelheit und konnte schwach vier Gesichter ausmachen.
»Janowitz, wer ist das dort an der Ecke?«
»Keine Ahnung. Aber es müssen ungefähr ein Dutzend sein. Sie sind in Lumpen gekleidet und mit Knüppeln bewaffnet.«
Harper packte sein Gewehr fester. Gehörten sie zu Rachels Rebellen? Verstärkung konnten sie durchaus brauchen. Aber was, wenn es sich um Anhänger des Mashiah handelte? Fanatisierte Zivilisten würden sie noch eifriger in Stücke reißen als Ornias’ Marines. »Vorwärts! Die Gasse entlang. Der Eingang zu den Höhlen unter dem Palast ist in der elften Avenue.«
Sie bahnten sich ihren Weg durch die noch immer qualmenden Trümmer von Wohn- und Geschäftshäusern. Schließlich erreichten sie das Ende der von Schutt bedeckten Gasse.
»Rechts oder links, Harper?« flüsterte Janowitz.
»Rechts.«
Sie brauchten fast eine Stunde, bis sie endlich das Wohngebiet oberhalb des Palasts erreicht hatten. Harper betrachtete des massive dreieckige Gebäude. Eine ganze Seitenfront war unter Jeremiels Kanonenfeuer zusammengebrochen, und Splitter des roten Marmors waren überall im Garten verstreut. Es waren keine Soldaten zu sehen, und nirgends brannte Licht.
»Verlassen?« fragte Janowitz argwöhnisch.
»Der Stab hat sich vermutlich zusammen mit dem Ratsherrn in die unterirdischen Räume zurückgezogen. Ich nehme an, dort befindet sich auch der größte Teil der Wache.«
»Wo sind die Eingänge?«
»Jeremiel hat uns einen detaillierten Plan gezeichnet. Er kennt den Palast und die Geheimgänge besser als der Mashiah.«
»Wie, zum Teufel, hat er Dinge herausgefunden, von denen keiner von uns wußte? Sicher, er hat Tausende alter Dokumente durchgesehen, aber …«
»Offensichtlich wußte er, wonach er suchen mußte.« Direkte Verbindungen, die auf kürzestem Wege zu den Höhlen unter dem Palast führten. Dort, hatte er gesagt, wird Ornias sein.
Harper zog die Karte aus der Tasche und betrachtete sie prüfend. Janowitz schaute ihm über die Schulter.
»Es gibt zwei mögliche Eingänge, hier und hier. Der dritte kann nur vom Innern des Palasts aus erreicht werden. Ich glaube aber nicht, daß wir es dort versuchen sollten.«
»Ganz deiner Meinung.«
»Bromy?« Harper winkte einen grauhaarigen Mann herbei und deutete auf einen der Eingänge. »Du nimmst Mipas und Uriah und versuchst es hier. Janowitz und ich nehmen den anderen.« Er leckte sich nervös über die Lippen. »Uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Wenn wir Glück haben, gelangen wir direkt in den Garten unterhalb der Palastküche.«
»Wird Ornias dort sein?« erkundigte sich Bromy.
»Jeremiel vermutet das jedenfalls. Es ist der sicherste Platz in der Stadt. Aber ganz genau wissen wir das natürlich nicht.«
»In Ordnung. Wir sind unterwegs.« Bromy verschwand mit den beiden anderen Männern um die nächste Ecke.
Janowitz warf Harper einen Seitenblick zu. »Warum hast du mir vorher nicht gesagt, daß wir uns auf ein Selbstmordkommando begeben?«
»Hättest du dann nicht mitgemacht?«
»Wäre schon möglich.«
Harper stellte sein Gewehr auf volle Energie. »Genau deshalb habe ich es dir nicht erzählt.« Und ich werde auch nichts von Jeremiels Alternativplan erzählen. Verdammt, wieso glaubte Jeremiel, die Magistraten würden Horeb verbrennen, und die einzige Möglichkeit, sie davon abzuhalten … Er erschauerte und mochte nicht einmal daran denken, was geschehen konnte, wenn er Jeremiel bei Ornias fand.
»Na schön«, seufzte Janowitz. »Bringen wir es hinter uns.« Er machte ein paar Schritte und feuerte dann auf einen anscheinend soliden Teil der Straße. »Bist du sicher, daß es hier ist? Bis jetzt hat das nämlich noch nicht sehr viel gebracht.«
»Moment.« Harper lief zu ihm, warf abermals einen prüfenden Blick auf die Karte und verglich die Angaben mit der Umgebung. »Es ist hier. Baruch vermutete schon, der Durchgang wäre schon seit vielen Jahren nicht mehr benutzt worden, weil er auf jüngeren Zeichnungen der Höhlen gar nicht mehr auftaucht. Am besten versuchen wir es gleichzeitig mit einem kurzen Feuerstoß.« Beide richteten ihre Gewehre auf die Stelle im Boden. Violettes Feuer glühte auf, und eine Sekunde später lag der Eingang offen vor ihnen.
Harper sprang in die Dunkelheit hinab. Er schaltete eine Taschenlampe ein und inspizierte den Gang sorgfältig. Spinnweben hingen von der Decke, und auf dem Boden lagen die Knochen eines kleinen Tiers, daß sich offenbar vor langer Zeit hierher geflüchtet hatte.
Janowitz landete neben Harper und schaute sich um. »Nun«, meinte er, »sieht nicht so aus, als müßten wir uns Gedanken darum machen, jemand könnte vor uns sein.«
»Nein, zumindest vorerst nicht.«
»Du gehst voran. Ich decke uns den Rücken.« Harper nickte und wischte mit dem Gewehrlauf die Spinnweben beiseite, während sie in Richtung des Höhlenzentrums schlichen. Merkwürdige Runen bedeckten die Wände des Gangs. Harper beschlich das unheimliche Gefühl, einen Weg entlangzugehen, der vor Millennien von den milcomgläubigen Königen aus Edoms Geschlecht benutzt worden war.
»Sieht fast wie mathematische Symbole aus, nicht wahr?« flüsterte Janowitz hinter ihm.
»Wenn, dann ist es keine Mathematik, die ich kenne.« Sie wanderten eine Weile schweigend weiter; dann zog Harper abermals die Karte zu Rate. »Wir müßten jetzt zu einem Quergang kommen. Halt die Augen offen.«
Als sie sich der Stelle näherten, spürten sie einen kalten Luftzug, und Harper entdeckte eine metallene, offenbar uralte Tür, die ihnen den Weg versperrte. Die ist nicht auf der Karte eingezeichnet. Ist dieser Gang aus einem unbekannten Grund versiegelt worden? Er streckte die Hand aus und berührte den eiskalten Griff. Zu seinem Erstaunen gab die Tür nach. Er winkte Janowitz, einen Moment zu warten, und prüfte den Gang jenseits der Tür. Leer. Still. Und nicht annähernd so alt wie jener, durch den sie gekommen waren. Er bedeutete Janowitz, nachzukommen.
»Welchen Weg jetzt?«
»Immer geradeaus.«
Sie schlossen die Tür, passierten den Quergang und gingen weiter. Kurze Zeit später standen sie vor einem Haufen aus Felsbrocken und Geröll. Die Schuttmassen versperrten den Gang vollständig.
»Heiliger Vater«, stöhnte Janowitz. »Ist das auch auf der Karte verzeichnet?«
»Nein.«
»Zum Teufel! Was sollen wir jetzt tun? Sehr viel Zeit bleibt uns nicht mehr.«
Harpers Herzschlag raste. Dieses Hindernis hatte Baruch nicht vorausgesehen. »Wir können uns den Weg nicht freischießen, sonst bricht vielleicht der ganze Palast über uns zusammen. Es bleibt uns nichts übrig, als zu dem anderen Korridor zurückzugehen und uns von dort aus einen Weg zu suchen. Komm schon, wir müssen uns beeilen.«
Ornias schritt nervös vor den Marine-Captains auf und ab, die sich auf seinen Befehl in der Höhle versammelt hatten. »Renon, wie sieht es draußen aus?«
»Schlecht. Viele der Gläubigen haben aufgegeben und sind geflüchtet, als sie vom Tod des Mashiah hörten. Sie verstecken sich …«
»Na schön, dann sucht sie! Von mir aus erschießt jeden Feigling in der Stadt, solange der Rest weiterkämpft!« Er mußte Baruch so schnell wie möglich wieder in seine Gewalt bringen, sonst wären alle Anstrengungen der letzten vier Jahre umsonst gewesen. »Jeder, der nicht bereit ist, gegen die Wüstenväter zu kämpfen, gilt als Verräter und wird sofort erschossen. Ist das klar?«
Panbo, ein kleiner Mann mit schlechten Zähnen, grinste finster. »Darauf können Sie wetten, Ratsherr. Meine Männer und ich warten schon seit Jahren darauf, die verdammten Dämonenanbeter endlich kaltzumachen. Wir werden uns darum kümmern.«
»Aber, Herr«, wandte Renon zögernd ein. »Wenn wir mit unseren Männern in der Stadt sind, werden Sie dann noch genug Schutz haben?«
»Ja, ja! Verschwindet endlich.«
Die Captains machten kehrt und gingen hinaus.