KAPITEL
23

 

 

Zadok stolperte den schmalen, von uralten Eichen gesäumten Weg entlang, der zum Tor des siebenten Himmels führte. Die ausladenden Äste überschatteten den Pfad wie ein Baldachin, während abendliche Kühle die Luft erfüllte. Zwischen den Zweigen war der vom Sonnenuntergang dunkelrot gefärbte Himmel zu sehen.

»Was hat dieser arrogante Engel gemeint?« fragte sich Zadok. Die anderen Torwächter hatten ihn nicht aufgehalten, sondern beinahe belustigt passieren lassen, doch noch immer verfolgten ihn Sedriels Worte. »Welchen Wirbelsturm hat Aktariel ausgelöst? Und wer sind seine perfekten Opfer? Er hat doch nicht etwa Yosef oder Sarah hereingelegt?« Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Jeder aus seiner Familie war viel zu gut mit der gamantischen Geschichte vertraut, um sich als Werkzeug von Gottes hartnäckigstem Widersacher mißbrauchen zu lassen. Aktariels bösartige Absichten waren ihnen praktisch von Geburt an eingehämmert worden.

Zadok machte eine abwägende Handbewegung. »Vielleicht hat Sedriel ja auch nicht die Wahrheit gesagt. Vielleicht wollte er mich nur irritieren, damit ich nicht mehr in der Lage wäre, seine Fragen zu beantworten.« Doch die Hoffnung, die in ihm aufgekeimt war, verschwand ebenso schnell wieder. Wenn diese Spekulationen der Wahrheit entsprächen, wäre er nicht so von Besorgnis erfüllt, und er würde sich das Ende seiner Queste nicht so sehnlich herbeiwünschen. Er hatte seine Reisen durch die sieben Himmel immer sehr gemocht. Und noch mehr hatte er es geliebt, die sieben kristallenen Paläste Gottes zu durchstreifen, die sich in Arabot befanden, dem siebenten Himmel.

Er ließ die Bäume hinter sich und erblickte das im Licht der untergehenden Sonne schimmernde Tor. Die gewaltigen ionischen Säulen ragten bis zum Himmel empor und berührten die rubinroten und lavendelblauen Wolken. Ein Chor von Seraphim ließ ein Lied erschallen; ihre Stimmen erklangen in einer schier unglaublichen Harmonie.

»Zadok?« grollte ein müder, volltönender Bariton. »Spute dich, Patriarch. Epagaels Geist ist unschlüssig.«

Der Erzengel Michael schwebte aus den Wolken herab. Seine milchweißen Schwingen leuchteten violett im Licht der untergehenden Sonne. Zadok verrenkte den Nacken, um den spiralförmigen Flug des himmlischen Wesens zu verfolgen. Von allen Engeln ließ nur Michaels Schönheit das Herz stocken.

»Worüber ist Gott unschlüssig?«

Als der Erzengel mit den Flügeln schlug, um vor dem Tor zu landen, fiel seine goldene Robe auf die Füße herab. Er faltete sorgfältig seine Eiderdaunenschwingen zusammen und wandte sich um. Sein kristallines Gesicht strahlte so hell, daß es Zadok schwer fiel, den Blick weiter auf ihn gerichtet zu halten.

»Die Impertinenz der Menschen hat ihn erschöpft. Er spielt mit dem Reshimu herum.«

»Das Reshimu? Der Rückstand des Lichts, der geblieben ist, als Gott sich zurückzog, um die Leere vor der Schöpfung zu erfüllen?«

»Ja, genau wie Rückstand, der einer Flasche anhaftet, nachdem der Wein ausgeleert ist. Dieses Licht durchdringt noch immer alles auf seinem Sturm in die Vergessenheit. Hintergrundstrahlung, wenn du so willst.«

»Warum spielt Gott damit, Lord Michael?«

»Weil es die Quelle alles Bösen ist, Zadok. Das ist dir doch sicher bekannt.«

Zadok blinzelte und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. »Nein, daß wußte ich nicht.«

»Tja, … dann, Zadok«, sagte Michael und tippte sich nachdenklich gegen das kristallene Kinn, »ist das die Frage, die du beantworten mußt, um das siebente Tor zu durchschreiten und deinen Weg durch die Kristallpaläste zu suchen. Auf welche Weise ist das Reshimu mit dem Bösen verbunden?«

»Aber Michael. Ich dachte, Aktariel wäre für das Böse verantwortlich? Der Betrüger …«

»Oh, in gewisser Weise trifft das zu.« Er lächelte in sich hinein. »Als unser Führer hätte er nicht so verdammt demokratisch sein sollen. Hätte er auf seinem eigenen Willen bestanden, wäre nichts von alledem geschehen.«

»Aber sein Wille ist es doch, Böses zu tun! Das ist doch der Grund, warum es Kummer und Leid gibt. Er verführt die Menschen dazu, vom Pfad der Tugend abzuweichen.«

»Von Epagaels Blickwinkel aus gesehen ist das wahr. Du hast deine Lektionen gut gelernt, Patriarch. Doch es gibt auch andere Sichtweisen.«

»Welche?«

»Eile, Zadok. Dir bleibt nicht viel Zeit, wenn du dein Universum retten willst. Und ohne dich ist es mit Sicherheit verloren.«

Furcht überfiel Zadok wie ein kalter Hauch aus den Gruben der Finsternis. »Verloren?«

»Ja, so oder so. Entweder geschieht es durch Epagael oder durch Aktariel.«

»Bitte, Herr, hilf mir. Ich habe die alten Texte über das Reshimu seit mehr als hundert Jahren nicht mehr studiert. Gib mir einen Hinweis.«

Michaels Bernsteinaugen glühten. Er senkte den Blick auf den kleinen, grasbewachsenen Hügel neben Zadok und sprach leise mit sich selbst. »Um der alten Zeiten willen, Akt? Ich weiß nicht. Wenn Gott das wüßte, würde er …«

»Michael, bitte! Du hast gesagt, die Zeit drängt!«

Michael unterbrach ihn mit einer brüsken Handbewegung. »In Ordnung, Zadok. Aber ich riskiere nicht um deinetwillen die Vertreibung aus dem Himmel. Ich tue es für einen alten Freund, der blind und starrsinnig ist. Einen Freund, an dessen Seite ich einst an einem geheimen Treffen von höchster Bedeutung teilgenommen habe.«

»Geheim? Verborgen vor wem?« Der Erzengel meinte doch nicht etwa ein Treffen der Engel, bei dem Gott nicht zugegen war? Nein, das wäre ja blasphemisch gewesen.

»Eile, du alter Narr«, rief Michael und schaute ängstlich über die Schulter zu den am Himmel schwebenden Seraphim, die ihren Gesang mitten im Satz unterbrochen hatten. »Schnell, hier ist dein Hinweis. Lausche genau, denn ich sage es nur einmal: Blicke tief in deine Erinnerungen. Die Antwort wartet in der terranischen Geschichte auf dich. Wer sonst glaubte, daß es die Erlösung bedeute, wenn man den kosmischen Werdegang bis zu den letzten Ursprüngen zurückverfolgt?«

»Das ist kein Hinweis, Herr. Die terranische Geschichte ist voller Propheten, die den kosmologischen Ursprungspunkt suchten: Abraham ben Eliezer Ha-Levi, Moses ben Jacob Cordovero, Arno Penzias, Robert Wilson.«

»In Ordnung, aber das hier ist der letzte Tip: ›Und dies sind die Könige, die im Lande Edom herrschten …‹ Denn nicht nur aus dem Reshimu, sondern auch aus dem Abschaum der uranfänglichen Könige erwächst das Reich des Bösen. Unde malum, Zadok? Uinde malum?«

 

Sie bewegten sich langsam durch den diamantförmigen roten Tunnel, während ihre Lampen ungefüge Schatten über die Wände warfen. Rachel und Jeremiel bildeten die Nachhut und schritten Seite an Seite durch die bedrückende Stille, die aus den Steinen herauszusickern schien. Die Mönche warfen Rachel immer wieder Blicke zu, in denen sich Furcht, Zweifel und noch etwas anderes, Tieferes zu spiegeln schien.

»Ich wollte, sie würden mich nicht immer so anschauen«, murmelte sie so leise, daß nur Jeremiel es verstehen konnte. »Ich komme mir vor wie auf einer Ausstellung.«

Er lächelte leicht. »Ich bin ziemlich sicher, daß sie gar nichts dafür können. Sie sehen eben wie der fleischgewordene Traum eines jeden Mannes aus.«

Rachel wollte lachen, doch ihre Lippen schienen so unnachgiebig wie Stahl zu sein. Tatsächlich war sie recht exotisch angezogen. Sie trug ein rosafarbenes Seidenkleid und darüber einen ebenholzschwarzen Umhang. An Ohren und Handgelenken funkelten Juwelen. Sie wußte, daß sie gut aussah. Das hatte sie schließlich in den letzten zwei Stunden vor einem guten Dutzend Spiegel überprüft. Doch sie kam sich selbst fremd vor, als wäre sie eine heidnische Göttin, die als Opfer herausgeputzt worden war. Sybil hatte sich bei ihrem tränenreichen Abschied ganz ähnlich ausgedrückt: »Mommy, du bist angezogen, als würdest du zu einem Begräbnis gehen.«

»Wie fühlen Sie sich?« flüsterte Jeremiel. Er war den ganzen Tag nicht von ihrer Seite gewichen, hatte sie beruhigt und gelobt und ihr bei den Vorbereitungen geholfen.

Sie warf ihm einen Blick zu und sah die Besorgnis in seinem hübschen Gesicht. Auf seiner Stirn war ein dünner Schweißfilm zu sehen. Er sah sehr professionell aus, trug wieder seinen schwarzen Sprunganzug und hatte die Impulspistole an die Hüfte geschnallt. »So gut, wie man es den Umständen entsprechend erwarten kann.«

»Je näher wir kommen, desto mehr sehen Sie so aus, als würden Sie am liebsten alles hinwerfen und abhauen.«

»Das ist sehr ermutigend.«

»Empfinden Sie denn so?«

»Natürlich. Nichts wäre mir lieber, als mich in irgendeine warme Höhle zu verkriechen und nie wieder herauszukommen.«

»Sie können noch zurück. Sagen Sie nur ein Wort, und ich wechsle zu einem Alternativplan.«

»Nein … nein.«

Sie duckten sich unter einer Reihe in den Fels gehauener Bögen und überquerten eine Brücke, die ein schmales Rinnsal überspannte. Es war bereits die fünfte derartige Brücke, die sie passierten. Sonderbar, dachte Rachel, daß es soviel Wasser unter der Oberfläche gab und sie nie davon gehört hatte. Ein Stück voraus glühte eine Kohlepfanne und beleuchtete die letzte Tür, wie Rachel vermutete. Das Tor zu den Gruben der Finsternis. Die Angst verdichtete sich zu einem harten Knoten in ihrem Magen, und ihr Schritt wurde unsicher.

»Jeremiel, ich …«

»Ja, ich weiß.«

Er nahm ihre Hand und zog sie sanft zu sich herüber. Dann legte er einen Arm um ihre Schultern und führte sie den Weg zurück, den sie gerade gekommen waren, wobei er leise und beruhigend auf sie einsprach. »Brauchen Sie mehr Zeit? Sie haben nur einen Monat gehabt. Das ist kaum genug, um den Schmerz über die Ereignisse auf dem Platz und den Tod Ihres Mannes zu lindern. Wir können Ihnen noch eine Woche geben. Sagen Sie nur Bescheid, und ich …«

»Nein. Aber ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mir diese Möglichkeit einräumen. Doch wenn ich jetzt nicht gehe, werde ich nie wieder den Mut dazu aufbringen. Es tut mir leid, daß ich mich so dumm benommen habe.«

»Da gibt es nichts zu entschuldigen. Jeder Soldat betet vor der Schlacht.« Er senkte die Stimme noch mehr und lächelte schief. »Und da weder Sie noch ich auf metaphysischen Trost hoffen können, besteht die beste Methode für uns darin, über die Tugenden der Feigheit nachzusinnen.«

»Gerade jetzt fallen mir nur wenige derartiger ’Tugenden’ ein.«

»Oh, es gibt eine ganze Menge. Bei meiner letzten Zählung bin ich auf mindestens fünfhundertzweiundsechzig gekommen.«

Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu. »So viele?«

»Und dabei konnte ich die Zählung nicht einmal beenden. Der Gegner hat mich daran gehindert.«

»Mit einem Angriff?«

»Mit einer ganzen Angriffswelle.«

»Haben Sie die fünfhundertzweiundsechzig Gründe berücksichtigt und sich höflich von der Party verabschiedet?«

Er lächelte schwach. »Sie wollten mich nicht gehen lassen. Aber ich habe mir immer gewünscht, sie hätten mir die Chance gelassen. Und das ist der Grund, warum ich Ihnen diese Gelegenheit gebe, Rachel.«

»Sie glauben, ich sollte umkehren?«

»Ich glaube, Sie sollten das tun, was Ihr Magen Ihnen rät. Das ist in solchen Zeiten der einzig verläßliche Teil der menschlichen Anatomie.«

»Sie verlassen sich nicht auf Ihren Kopf?«

»Mit Sicherheit nicht.«

»Auch nicht auf Ihr Herz?«

»Nein.«

Sie runzelte die Stirn, während sie darüber nachdachte. »Mein Kopf sagt mir, daß ich verrückt bin.«

»Und Ihr Herz?«

Sie spürte einen Kloß im Hals und schluckte ihn mit Mühe hinunter. »Es schmerzt einfach nur.«

»Das ist der Grund, warum ich nie auf meins höre. Würde ich das tun, könnte ich keine einzige Schlacht schlagen. All das Töten ist verrückt und macht einen selbst krank, daran führt kein Weg vorbei.«

»Warum tun Sie es dann?«

»Oh …« Er holte tief Luft und sagte beim Ausatmen: »Weil ein Kribbeln in meinem Bauch mir sagt, daß ich das Richtige tue.« Er drückte sie fest an sich, und sie spürte die Wärme seines Körpers an ihrem Arm. »Was sagt Ihnen Ihr Bauch?«

Rachel blieb im Schutz seines Armes stehen und versuchte, die in ihrem Kopf und ihrem Herz tobende Panik zu überwinden, um tiefer in sich hinein zu horchen. Sie spürte das gleiche Kribbeln, das er erwähnt hatte, auch in ihrem Magen, aber sie wußte, daß es wenig mit einer Art ’Rechtschaffenheit’ zu tun hatte, sondern vielmehr dem verzweifelten Wunsch entsprang, zurückzuschlagen, Rache zu üben für das, was man ihr angetan hatte. »Er rät mir, schnell zu tun, was getan werden muß«, wisperte sie.

Er nickte verstehend. »Sollen wir umkehren oder in dieser Richtung weitergehen?«

»Umkehren.«

Er tat wie geheißen, drehte sich mit ihr im Arm um und schlug wieder den Weg zu jener Tür ein, die auf die Straßen von Seir führte – und in den Palast des Mashiah.

»Sind Sie bereit?« fragte Rathanial mit einem leisen Zittern in der Stimme, als sie näherkamen, als fürchte er, sie könnte ihm ein von Herzen kommendes »Nein« entgegenschleudern. Sein weißes Haar und der Bart schimmerten silbern im Glühen der Kohlepfanne.

»Ja. Beeilen wir uns bitte.«

Jeremiel legte seine starken Hände auf Rachels Schultern und blickte ihr in die Augen. Sie sah, wie sein Gesicht sich verhärtete. »Passen Sie auf, daß Sie nicht mit den Wachen allein sind.«

Ein Schauer lief über ihren Rücken, als sie an die Blicke der Soldaten an jenem Tag dachte, an dem Shadrach gestorben war. »Nein, ich … ich …«

»Hören Sie zu«, unterbrach er sie knapp. »Wenn es so aussieht, als wollten die Wachen Sie nicht direkt in den Palast und zum Mashiah bringen, dann schreien Sie sich die Seele aus dem Leib. Sorgen Sie dafür, daß jemand mit Befehlsgewalt Sie hört. Bitten Sie um die Gnade des Mashiah. Verstanden?«

»Ja.«

Er ließ die Hände sinken und ballte sie zu Fäusten. »Denken Sie daran – um Ihre Aufrichtigkeit zu beweisen, müssen Sie alles verleugnen, woran Sie je geglaubt haben.«

»Das dürfte mir nicht schwerfallen, Jeremiel.«

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einer Art düsterem Verschwörerlächeln. »Das ist noch nicht alles. Sie müssen sich auch von jedem lossagen, an den Sie je geglaubt haben. Der Mashiah muß überzeugt sein, daß Sie jegliche Verbindung zu den Rebellen aufgegeben haben. Sie haben gewonnen, wenn er in Ihnen nicht mehr sieht als eine hübsche, schutzlose Akolythin, die ihr Ziel verloren hat und dringend seiner Führung bedarf.«

»Ich weiß.«

Aus einem plötzlichen Impuls heraus warf er einen unbehaglichen Blick über die Schulter zu den Mönchen hinüber. Dann spürte sie, wie sein muskulöser Arm sich sanft, aber fest um ihre Taille legte. Er zog sie mit sich in die Dunkelheit. Sein Atem ging schnell.

»Was ist los?« flüsterte sie, als sie seine Anspannung fühlte.

»Rachel, ich möchte, daß Sie wissen, ganz gleich, wie wichtig Ihr Anteil an diesem Unternehmen auch ist … Sie müssen nicht …« Er hielt inne und bewegte die Lippen, als wäre er unsicher, wie er die schwierigen Worte aussprechen sollte. »Sie müssen nichts tun, was Ihnen … moralisch verwerflich erscheint.«

»Jeremiel, ich würde weder Ihretwegen noch um des gamantischen Volkes Willen zu seiner Geliebten werden. Eher würde ich mir in den Kopf schießen, als für den Rest meines Lebens jeden Morgen mein Gesicht im Spiegel sehen zu müssen.« Aber, flüsterte irgend etwas in den Tiefen ihrer Seele, was ist mit deiner Familie? Mit deinen Freunden, die noch immer im Schatten seiner Brutalität leben? »Vorausgesetzt, ich komme lebend aus dieser Geschichte heraus.«

»Sie werden überleben.«

»Sie sind ein Optimist.«

»Nein, bin ich nicht. Ich habe alle Chancen sorgfältig berechnet.«

»Tatsächlich?«

Er schaute sie an und lächelte. »Na ja, vielleicht nicht alle, aber den größten Teil.«

»So ungefähr hatte ich mir das gedacht. Ich nehme an, Ihre und meine Chancen stellen den unsicheren Teil dar?«

»Sie sind gut im Raten.«

Rachel lächelte schwach. Wie konnten sie hier so herumalbern, wenn sie doch in kaum einer Stunde in der Höhle gefangen sein und dem Drachen Auge in Auge gegenüberstehen würde?

Er wandte sich langsam ab, um zurückzugehen. »Ich treffe Sie in ein paar Tagen. Und machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich werde dort sein.«

»Ja, ich weiß«, murmelte sie und schaute ihm nach, wie er in der Dunkelheit verschwand.

Vor ihr schwang der massive Stein gerade weit genug zurück, um ihr Durchlaß zu gewähren. Sie zog den Mantel fester um sich, schritt hinaus in das Mondlicht und eilte die enge, schmutzige Straße entlang. Kalter Wind blies ihr ins Gesicht und trug den Geruch von menschlichem Abfall und das Heulen von Hunden mit sich. Als sie sich umblickte, fragte sie sich, wieso sie so dicht beim Palast herausgekommen war. Gab es in allen Teilen der Stadt unterirdische Ausgänge?

Der mitternächtliche Mond warf kobaltblaue Schatten über die stillen Häuser und glänzte wie flüssiges Silber auf Zinndächern und zerbrochenen Fenstern. Verwundert stellte sie fest, daß man seit der Zerstörung des Tempels nur wenig repariert hatte. Adom hatte nicht einmal die von der Explosion betroffenen Anwohner umgesiedelt. Die mehr oder weniger zerstörten Häuser waren noch immer bewohnt, das erkannte sie am leisen Schnauben der Pferde und den gelegentlichen Schreien von Babys.

Sie preßte sich eng an eine Steinmauer und spähte vorsichtig um die Ecke. In einiger Entfernung erhob sich der Tempel wie eine schwarze, klaffende Wunde vor dem mondbeschienenen Hintergrund der Wüste und der Berge. Zerstörte Mauerreste ragten traurig empor. Nichts war von dem kristallenen Gewölbe des Himmels geblieben als ein glitzerndes Netz diamantener Splitter, die überall auf dem Tempelgelände verstreut waren. Für einen Moment sah sie wieder die blutbespritzten Wände und den roten, von tausend verzweifelt laufenden Füßen aufgewirbelten Staub.

Rachel reckte den Hals, um weiter die Straße hinabschauen zu können, und spürte plötzlich, wie ihre Kehle eng wurde. In der Ferne war der Palast wie eine große, dreieckige Bestie zu sehen, deren Haut im Mondlicht taubengrau schimmerte. Sarahs Beine gaben nach, und sie lehnte sich mit geschlossenen Augen gegen die Wand. Warum war ihr nicht vorher klar geworden, wie groß ihre Angst sein würde? Daß diese Angst wie ein hungriges Tier an ihr nagen würde? Irgendwie hatten die Wärme und Sicherheit des letzten Monats die Schrecken der davorliegenden Wochen abgeschwächt und überdeckt, doch jetzt erwachte ihr Panik zu neuem, machtvollem Leben.

»Du mußt es tun. Es gibt niemand anderen.«

Sie zwang ihren angstgeschüttelten Körper, die Ecke zu umrunden, und ging in stiller Verzweiflung weiter, die Fäuste derart zusammengeballt, daß sie schmerzten. Das aus den Fenstern der Häuser fallende Licht warf ein unregelmäßiges Muster über den Weg.

Sie behielt den Palast fest im Auge und bemühte sich, wieder gleichmäßig zu atmen. An die hundert Fenster standen offen und boten dem kühlen Wind Einlaß, und in mindestens einem Dutzend davon brannten Lampen, deren Flammen in der Brise flackerten. Sie warf einen Blick zum Himmel, wo der mitternächtliche Mond seine Bahn zog. Weshalb waren um diese Zeit noch so viele Menschen auf?

Rachel runzelte die Stirn, benetzte die Lippen und kämpfte gegen den Gedanken an, die Lichter würden nur für sie brennen. »Sei nicht albern«, flüsterte sie sich selbst zu. »Niemand weiß, daß du kommst.«

Sie lief mit wehendem Mantel die Straße hinab, wurde dann langsamer und schlich lauschend an der Palastmauer entlang. Die Torflügel standen offen. Wo waren die Wachen?

Sie bog um die Ecke, schlüpfte in den Garten und blieb im Schatten eines kleinen Pavillons stehen. Mondlicht tröpfelte auf ihr Gesicht, als sie den Kopf hob und die Treppe aus rosafarbenem Marmor betrachtete, die wie ein gewaltiger Fächer zu den Bronzeportalen hinaufführte. Der Eingang der Drachenhöhle.

Aber … wo waren die Wachen?

Rachel schaute sich forschend zwischen den häßlichen Steinstatuen um. Hier waren immer Wachen. Irgendwo in den finsteren Schatten sah sie kurz etwas Goldenes aufblitzen. Ihr Herz stockte. Angespannt starrte sie in die Dunkelheit, doch für lange Zeit rührte sich dort nichts. Die ganze Welt schien sich in ein schweigendes Grab verwandelt zu haben. Nur der Wind bewegte sich und strich leise flüsternd um die Pavillons.

Dann rührte sich jemand im Schatten der nächsten Statue. Das Mondlicht schimmerte auf dem umgedrehten Dreieck, das von seinem Hals herabhing. Er ging langsam und hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als wäre er tief in Gedanken versunken. Das silberne Licht fing sich in seinem weiten blauen Umhang, als der Wind ihn aufblähte.

Rachel preßte eine Hand auf den Mund, um den Schrei zu ersticken, der in ihr aufstieg, und griff mit der anderen nach dem Torpfosten des Pavillons, um sich zu stützen. Mit Angst gemischter Haß überschwemmte sie wie eine Droge und lähmte ihre zitternden Beine. Sie konnte nur bewegungslos zusehen, wie er näherkam.

Als er nicht mehr als zehn Fuß entfernt war, blieb er stehen und schaute plötzlich auf. Angesichts der Dunkelheit war sie sich nicht ganz sicher, doch es schien ihr, als umspiele ein leises Lächeln seine Lippen. Er sagte sanft: »Rachel? Oh, ich bin so froh, daß du hier bist. Gott hat gesagt, du würdest kommen. Ich warte hier schon seit Stunden.«

»Adom, bitte, ich muß mit dir reden. Tu … tu mir nichts.«

Er trat näher, und sie konnte deutlich seinen betrübten Gesichtsausdruck erkennen. »Nein, natürlich nicht. Darum sind ja auch heute Nacht keine Wachen hier. Milcom meinte, ich sollte dich persönlich empfangen, um dir zu zeigen, daß du hier sicher bist. Ich würde auch nicht zulassen, daß dir irgend jemand etwas antut.«

Die Erkenntnis der Bedeutung seiner Worte löste Brechreiz in ihr aus. »Du wußtest, daß ich komme?«

»Oh ja, schon seit Tagen. Ich habe entsprechende Vorbereitungen getroffen.«

»Das verstehe ich nicht. Ich habe mich erst gestern entschlossen …«

»Gott weiß um die Dinge, lange bevor wir selbst sie erkennen.«

»Gott?«

»Ja, er kam vor knapp einer Woche zu mir, um mir davon zu berichten. Er wollte, daß ich deine Ankunft vor dem Ratsherrn geheimhalte, obwohl er meinte, er hätte den Verdacht, daß Ornias bereits Bescheid wisse.« Er runzelte verwirrt die Stirn. »Ich weiß nicht, warum er das gesagt hat.«

»Und du … du hast die Wachen fortgeschickt?«

»Ich wollte nicht, daß sie dir Angst einjagen. Manchmal tun sie Dinge, von denen ich nichts weiß, und ich wollte sichergehen, daß niemand dich verletzt.«

»Verletzt?« fragte sie zitternd. »Du willst mich nicht töten, nach allem, was ich getan habe?«

»Eine Zeitlang wollte ich das«, gab er beschämt zu. Im silbernen Mondlicht bemerkte sie, daß sein Kinn zitterte. »Ich habe damals nicht verstanden, daß du mich brauchst. Gott hat mir geholfen, die Wahrheit zu erkennen. Er möchte, daß du Ihm nahe bist, bevor die Zerstörung beginnt.«

»Die Zerstörung? Von was?«

»Oh, von allem.« Er lächelte freundlich.

Wieder stieg in Rachel heftige Übelkeit auf. Ihr wurde plötzlich klar, daß sie sich in die Höhle eines wahnsinnigen Drachen begeben hatte und es keine Rückzugsmöglichkeit mehr gab. Irgendwie mußte sie weitermachen und ihren Teil der Mission erfüllen. Sie erschauerte und schnappte keuchend nach Luft. Adom machte einen Schritt nach vorn und legte schützend die Arme um sie. Sein Samtumhang war warm und roch nach Hyazinthen und Kaffee.

»Hab keine Angst«, murmelte er sanft. »Komm mit. Ich bringe dich nach drinnen, wo es warm ist und wir miteinander reden können.«

Rachel hob den Kopf und zwang ihre ausgetrocknete Kehle zu den Worten: »Danke, Mashiah.«

Er führte sie durch den schattigen Garten und die rosa Marmortreppe hinauf. »Ich habe einen Raum für dich vorbereitet. Ich hoffe, er entspricht deinen Bedürfnissen. Wenn nicht, sag mir Bescheid, dann sorge ich sofort für Abhilfe. Es mag Wochen der Diskussion bedürfen, bis ich dir die Wahrheit Milcoms zeigen kann. Ich möchte, daß du dich während dieser Zeit wirklich wohl fühlst.«

Sie starrte ihn an, während die Erkenntnis sie wie ein Fausthieb traf. Er wollte ihr den Käfig vergolden lassen. Denn das würde es sein: ein Käfig, ein Gefängnis – bis sie konvertierte … oder bis der Angriff begann und sie ihre Freiheit wiedererlangte, entweder durch Adoms Tod oder durch ihren. Sonderbar, dachte sie, daß sie eine derartige Möglichkeit niemals in Betracht gezogen hatte. Sie hatte ganze Tage damit zugebracht, sich all die schrecklichen Kompromisse auszudenken, die sie würde eingehen müssen, um ihn zu bewegen, ihr den Aufenthalt bis zu jenem schicksalhaften Tag zu gewähren. Jetzt aber wurde mit brutaler Offenheit deutlich, daß er vorhatte, sie hierzubehalten, bis sie »bereit« war, in die Reihen seiner Anhänger aufgenommen zu werden.

Er schloß die mächtigen Portale mit einem Krachen, und Rachel zuckte zurück. Vor ihr breiteten sich die Zeichen seines Reichtums und seiner Macht aus, die plüschigen Teppiche und die gewölbten Decken. Goldene Einlegearbeiten in den Wänden schimmerten im sanften Kerzenlicht und bildeten ein Labyrinth geometrischer Muster. Rachel überkam das erschreckende Gefühl, irgendwelche halb sichtbaren Dinge lauerten in den Schatten und warteten nur auf Adoms Zeichen, um zum Leben zu erwachen. Um ihren schwindenden Mut zu stärken, konzentrierte sie sich auf die Erinnerung an Jeremiels ermutigende Versicherung: »Sie werden überleben … Sie werden überleben … Sie werden überleben.«

»Rachel, ich möchte, daß du und ich glücklich miteinander sind.« Er senkte schüchtern den Blick, und Rachel bemerkte die Röte, die seine Wangen überzog. »Ich … ich wollte damit nicht sagen …«

»Adom«, erklärte sie und zwang sich zu einem Lächeln, als sie leicht seinen Arm berührte. »Ich weiß, was du gemeint hast.«

Er lächelte ängstlich und dankbar zugleich und streichelte sanft über ihre Finger, die auf seinem Arm lagen. »Das hatte ich gehofft.«

Als er sie den Flur entlang führte, ließen ihre Kräfte nach. Ihr Magen verkrampfte sich, und ein Schwindelgefühl überkam sie. Sie mußte sich an seinen blauen Samtärmel klammern, um nicht zu stolpern.

 

Jeremiel hatte die Arme fest vor der Brust verschränkt, als er zum Versteck der Wüstenväter zurückkehrte. Die Lampen der Mönche vor ihm überfluteten die Wände mit Licht und ließen ihn jeden Riß und jede Unregelmäßigkeit der Wände erkennen. Rathanial schritt schweigend und mit gesenktem Haupt neben ihm.

»Sie kann es schaffen. Ich weiß, daß sie es kann«, murmelte der alte Mann. »Sie muß. Um des Überlebens von Horeb und der gesamten gamantischen Zivilisation Willen.«

Jeremiel runzelte die Stirn. Er war sich nicht ganz sicher, was der letzte Satz bedeuten sollte. Rathanial wollte doch nicht etwa wieder auf die Vorstellung anspielen, Tartarus sei der Antimashiah, oder doch? Gerade jetzt, wo sein Magen revoltierte, weil er Rachel aus seiner Obhut fortgelassen hatte, hätte er ein Gespräch darüber nur schwer ertragen. »Sie ist sicher wichtig, Rathanial, aber ich kann mir kaum vorstellen, daß unsere ganze Kultur von ihr abhängt.«

»Ich habe dir nicht alles erzählt, Jeremiel. Das ging nicht, solange sie in der Nähe war.« Er schaute reumütig auf. »Ich konnte nicht riskieren, daß du Rachel etwas davon mitteilst. Deshalb habe ich einige kritische Details …«

» Was für kritische Details?«

Sie überquerten eine Brücke, und der angenehme Duft nassen Sandsteins erfüllte die Luft. Kühle Feuchtigkeit schlug sich auf ihren Gesichtern nieder.

»Wir haben Nachricht bekommen, mußt du wissen.«

Jeremiel spürte, wie sein Blut kalt durch die Adern rann. »Nachricht?«

»Nachricht von Tikkun und Kayan und …« Rathanial machte eine Handbewegung. »Und einem Dutzend anderer gamantischer Planeten. Der Mashiah hat Evangelisten zu unseren Brüdern gesandt, die Milcoms Wahrheit predigen und Epagael und die alten Bräuche verdammen. Nach den wenigen Informationen, die wir bekommen haben, sind schon Tausende konvertiert. Du weißt ja, wie das ist. Jeder möchte glauben, daß der wahre Mashiah endlich gekommen ist, um uns zu erretten. Ganz besonders in diesen schlimmen Zeiten, wo die Magistraten …«

»Ja, ich weiß sehr gut, was die Magistraten tun«, erwiderte Jeremiel düster, während die Bilder von hundert verwüsteten Planeten vor seinem inneren Auge aufstiegen. »Rathanial, versuchst du mir zu erzählen, daß der Mashiah eine Armee aufstellt? Daß er vorhat, seine religiöse Bewegung zu den Sternen zu tragen?«

»Nach den spärlichen Informationen zu schließen, über die ich verfüge, würde ich sagen, daß diese Vermutung zutrifft.«

»Dann ist die Basis seiner Macht also erheblich breiter, als wir angenommen haben?«

»Sehr viel breiter«, stimmte Rathanial zu. »Und ich fürchte, ich habe noch schlechtere Neuigkeiten.« Er schaute auf, und Jeremiel bemerkte den ernsten Ausdruck in seinem Gesicht.

»Welche?«

»Es gibt zuverlässige Quellen im Palast, die berichten, daß Ornias, der Hohe Rat, argwöhnt, wir würden Streitkräfte gegen ihn aufstellen. Deshalb hat er bereits geheime Verhandlungen mit den Magistraten eingeleitet.«

»Ich bezweifle sehr, daß Slothen interessiert daran ist, sich in religiöses Gezänk einzumischen.«

»Es befindet sich bereits ein magistratischer Schlachtkreuzer im Orbit um Horeb, und soweit ich weiß, ist der Captain, ein gewisser Cole Tahn, schon in Seir gewesen, um mit Ornias zu konferieren.«

»Tahn?« Ein dunkler Schrecken durchzuckte Jeremiel. Wirbelnde Bilder von Syenes … Tod … drohten seinen Verstand zu ersticken. Doch zu seinem Erstaunen stellte er fest, daß er selbst unter diesen Umständen noch in der Lage war, sich einzugestehen, daß Syene tot war, daß sie nie wieder seine Furcht fortlächeln würde, ihn nie wieder heimlich unter dem Tisch berühren würde, um seine Ängste zu mildern, ihn nie wieder mit liebenden Augen anblicken würde.

»Ja. Kennst du ihn?«

»Nur insofern, als ich schon gegen ihn gekämpft habe. Er ist ein brillanter Kommandeur.«

»Oh«, murmelte Rathanial, und seine Stimme klang belegt, als würde er die Niederlage bereits auf der Zunge schmecken.

»Es ist nicht so schlimm, wie du denkst. Selbst wenn Ornias es schaffen sollte, eine Art Bündnis einzugehen, können wir Tahn schlagen. Ich müßte dann natürlich Kontakt zu meinen Streitkräften aufnehmen. Tahn hat auch seine Schwächen«, meinte er ermunternd und durchsuchte seine Erinnerungen nach Fakten, die diese Bemerkung untermauern konnten – fand jedoch nichts. Er und seine Truppen waren nur aus einem einzigen Grund der Falle entkommen, die Tahn auf dem Planeten Silmar errichtet hatte – Tahn hatte nicht genug Einheiten zur Verfügung gehabt. Jeremiel schloß die Augen, unfähig, diesen Gedanken zu ertragen. Warum hatte er zugelassen, daß Syene sich selbst als Köder anbot? Warum hatte er so lange gezögert, ihr zu folgen? Doch er kannte die Antwort auf die letzte Frage. Er hatte Neil Dannon vertraut, ihm wie einem Bruder vertraut. Das Debakel war sein eigener Fehler gewesen. Neil hatte schon Wochen vorher Hinweise darauf gegeben, daß er übergelaufen war: hier ein geplatztes Treffen, dort eine lahme Entschuldigung. Und der Ausdruck in seinen Augen hatte sich verändert.

Jeremiel ließ kraftlos die Arme herabsinken. Er fühlte sich, als hätte ihn jemand mit einer Keule bearbeitet. Soeben hatte er Rachel in eine Situation geschickt, die ähnlich gefahrvoll war wie jene, der Syene gegenübergestanden hatte. Nur war Syene eine erfahrene, ausgekochte Kampfveteranin. Rachel …

»Rathanial, laß uns heute Abend beim Essen weiter darüber reden. Ich muß mich jetzt sputen und meine Sachen packen.« Er setzte sich in Bewegung, doch die Stimme des alten Mannes hielt ihn auf.

»Jeremiel, nicht so eilig. Dir bleiben noch mindestens drei oder vier Tage, bevor du aufbrechen mußt.«

»Nein, ich gehe schon morgen.«

Rathanials Augen weiteten sich und sein Mund klappte auf. »Aber das wäre nicht sehr klug. Wir müssen Rachel ein paar Tage allein mit dem Mashiah geben. Wenn du sofort gehst, werden sie Verdacht schöpfen. Das ist zu riskant!«

»Ich gehe morgen«, erklärte er bestimmt, drängte sich durch die Mönche, packte eine Lampe und lief den Gang hinunter.

Ein schwarzer Abgrund der Verzweiflung hatte sich in seinem Innern aufgetan und schluckte alle Lebenskraft. Und eine Stimme schrie aus dem Abgrund, daß es bereits zu spät sein könnte, obwohl Rachel gerade erst gegangen war.

Genau wie damals in Akiba.