KAPITEL
40

 

 

Eiskalter Polarwind umheulte Rachel, während sie zuschaute, wie Adom und der Pilot den Samuel entluden und die Sachen in einem Vorratsraum unterbrachten. Obwohl sie vor der Landung wetterfeste Kleidung und Helme angezogen hatten, bohrte sich die Kälte wie mit frostigen Fingern durch ihren Anzug.

»Rachel?« rief Adom durch das Tosen des Sturms. »Geh bitte hinein. Ich möchte nicht, daß du in diesem Wetter draußen bleibst.«

Sie blickte düster in seine liebevollen Augen. Adom legte verwundert den Kopf schief, als sie sich nicht rührte, setzte die Kiste ab, die er gerade trug, und kam zu ihr.

»Hab keine Angst. Ich weiß, es sieht hier nicht sehr gemütlich aus, aber wir bleiben auch nur für kurze Zeit. Bald schon werden wir nach Seir zurückkehren.«

»Hier ist alles so fremdartig«, erwiderte sie.

Er lächelte. »Ich weiß. Komm, ich bringe dich hinein.« Er legte den Arm um sie und führte sie durch den Eingang und über eine Treppe hinab in den Vorraum. Überall gingen Türen ab, die vermutlich zu Vorratsräumen führten.

»Wir werden uns auf der elften Ebene aufhalten«, erklärte er. »Der Captain hat unsere Sachen bereits dorthin gebracht. Wenn du unser Quartier inspizieren willst, ruf einfach den Aufzug und drück auf den entsprechenden Knopf.« Er umarmte sie kurz und verschwand wieder in Eis und Wind.

Rachel wanderte ein paar Minuten ziellos umher und betrachtete die altmodischen Lampen, die an den niedrigen Decken angebracht waren. Schließlich ging sie zum Aufzug und drückte die Ruftaste. Als sich die Türen öffneten, trat sie ein und fühlte sich für einen Moment so, als würde sie zu den Gruben der Finsternis hinunterfahren. Sie lächelte, als ihr Adoms Erzählung einfiel, daß sie sich nach Milcoms Lehre bereits dort befand und daß das Universum mehr Dunkelheit als Licht enthielt. Das konnte sie glauben. Keine Hölle konnte schlimmer sein als die Gefühle von Schuld und Verzweiflung, unter denen sie litt.

Als der Fahrstuhl anhielt, betrat sie einen langen weißen Korridor, von dem Dutzende numerierter Türen abgingen. Zudem kreuzten eine ganze Reihe anderer Flure den Hauptgang, auf dem sie sich befand.

»Ein Bienenstock.« Die Schalttafel im Aufzug hatte vierzig Etagen ausgewiesen. »Es muß hier Tausende von Räumen geben.«

Sie stieß die Tür von Zimmer sechshundertdreizehn auf und hustete angesichts der Staubwolke, die ihr entgegenschlug. Eine dicke Staubschicht bedeckte das zusammengebrochene Bett in der Ecke, den Tisch und die Stühle und die an der Wand aufgestapelten Bücher.

»Sehen alle Zimmer so aus? Das ist ja eine wahre Schatzkammer für Antiquitätenhändler.«

Sie wollte gerade das Zimmer genauer untersuchen, da sagte Adom hinter ihr: »Unsere Räume befinden sich ein Stück weiter.«

»Gut«, meinte sie und schloß die Tür. »In diesem Zimmer könnte man ja nicht einmal ein Tier unterbringen.«

Adom lachte. »Ornias hatte nicht genug Zeit, um das ganze Stockwerk so herzurichten, wie er es ursprünglich vorhatte. Ich fürchte, wir müssen mit zehn Zimmern auskommen.« Er zeigte ihr einen Plan und deutete auf eine bestimmte Stelle zwischen lauter blauen Linien. »Komm, suchen wir die Zimmer gemeinsam.«

Eine Weile gingen sie durch die Korridore, bis Adom schließlich anhielt und meinte: »Hier müßte es sein.«

Sie öffneten die Tür und Rachels Kinnlade klappte herunter. Vor ihnen erstreckte sich ein großer Raum, dessen Wände von prachtvollen Teppichen bedeckt waren, die überwiegend Jagdszenen zeigten.

Adom lächelte, als er die Verwunderung auf ihrem Gesicht sah. »Offenbar wollte König Edom dem Mangel an Fenstern abhelfen. Ornias meinte, dieser Raum sei besonders schön eingerichtet. Die Dienstmädchen haben hier nur sauber gemacht, ansonsten aber alles unverändert gelassen.«

Rachel machte ein paar Schritte vorwärts und bewunderte die mit Schnitzereien verzierten Stühle und das Bett, das mit rosa Samt überzogen war. Ihr Blick fiel auf einen der Wandteppiche, auf dem ein pferdeähnliches Tier zu sehen war, das in einem herbstlichen Wald herumtollte.

»Was soll das hier sein?«

Adom trat näher. »Ich weiß nicht. Ornias hat einmal erwähnt, er hätte alte Bücher gefunden, die erzählten, auf Horeb hätte es einst überall so ausgesehen. Ein richtiges Paradies mit ausgedehnten Wäldern und zahllosen Tieren.«

Sie runzelte die Stirn, und ihr Herz pochte ohne ersichtlichen Grund lauter als zuvor. »Ich frage mich, wie lange das her ist und wodurch der Planet in eine öde Wüste verwandelt wurde.«

Adom zuckte die Achseln. »Irgend etwas Schreckliches, nehme ich an.«

»Ja. Welche anderen Überraschungen erwarten uns noch?«

»Wir müssen so schnell wie möglich den Kommunikationsraum finden. Ich will Ornias mitteilen, daß wir heil angekommen sind, und außerdem fragen, wie die Dinge in Seir stehen. Möglicherweise haben die Wüstenväter ihren Angriff schon begonnen.«

Jeremiels Worte hallten wie Kanonendonner durch Rachels Inneres: In dem Moment, wenn wir losschlagen, müssen Sie ihn töten. Sobald sein Tod bekannt wird, werden seine Anhänger den Kampf aufgeben, und Horeb wird weit weniger Tote zu beklagen haben.

Ihre Knie zitterten plötzlich, als sie in Adoms freundliche blaue Augen schaute. »Ja. Hören wir uns an, was vorgeht.«

Sie verließen den Raum, und Adom meinte nach einem Blick auf die Karte: »Es muß die zweite Tür auf der linken Seite sein.«

Als sie eintraten, fiel ihnen zuerst der große Bildschirm auf, der bis zur Decke reichte und zwei Drittel der Wand bedeckte. Adom betrachtete das Kontrollpult und drückte dann auf einen Knopf. Das Bild eines jungen Corporals tauchte auf dem Schirm auf. Der Mann fuhr sich rasch durch das Haar, bevor er den Mashiah grüßte.

»Hallo, Corporal Sanders. Wie geht es dem Nachwuchs?«

»Ausgezeichnet, Herr. Ratsherr Ornias hat mich angewiesen, Sie sofort weiterzuverbinden, sobald Sie sich melden. Einen Moment bitte.«

Rachel ballte die Fäuste, als Ornias’ Abbild auf dem Schirm erschien. »Adom, wie ich sehe, ist alles in Ordnung. Gut.«

»Ja, und wie sieht es bei dir aus?«

»Sehr interessant. Ich habe mein Quartier nach unten verlegt, in die Räume unterhalb des Palastes.«

»In die Gärten? Wo die Blumen stehen?«

Ornias bedachte den Mashiah mit einem abschätzigen Blick. »Die Blumen habe ich natürlich entfernen lassen. Aber du hast recht, es ist der gleiche Ort. Die wichtigste Neuigkeit lautet, daß Tahns Schiff vor einer Stunde den Orbit verlassen hat. Weiß der Himmel, wohin er geflogen ist, aber wenigstens sind wir ihn vorerst los.«

»Und die Wüstenväter?«

»Wir haben bereits die erste Angriffswelle überstanden und schlagen derzeit zurück.«

»Verluste?«

»Etwa dreihundert.«

Rachels Seele schrie vor Pein. Jetzt! Jeremiel verläßt sich auf dich. Du mußt es jetzt tun!

Adom hatte den Blick gesenkt. »Sag … sag den Menschen, sie sollen sich keine Sorgen machen. Milcom wacht über uns alle. Er wird für sie sorgen.«

»Ich werde es ihnen sagen«, erklärte Ornias mit ausdrucksloser Miene. »Ich melde mich wieder, sobald es nötig ist.«

Der Schirm wurde leer und Adom blinzelte überrascht. Er wandte sich um und lächelte Rachel scheu an. »Tja, ich schätze, das war’s im Moment. Bist du müde? Wir könnten uns eine Weile hinlegen.«

Sie stand wie erstarrt da. Der Kampf hatte begonnen. Es war ihre Pflicht, seine Anhänger zu entmutigen. Doch sie konnte sich nicht bewegen.

»Wenn du nicht schlafen möchtest, können wir auch die Räumlichkeiten erforschen. Ganz wie du willst.«

Er machte einen Schritt vorwärts, öffnete die Arme und bot so seine Brust dar. Jede Faser in ihr schrie: Jetzt! Jetzt!

Sie ging unsicher auf ihn zu, zögerte einen Moment, stürzte dann in seine ausgebreiteten Arme und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.

»Ist alles in Ordnung? Bist du krank? Du wirkst schon den ganzen Tag so blaß«, flüsterte er.

»Ich bin nur müde.«

»Kein Wunder. Es ist ein schrecklicher Tag, und letzte Nacht haben wir auch nicht sehr viel Schlaf bekommen.«

»Laß uns für eine Stunde ausruhen. Vielleicht fühle ich mich anschließend besser.« Vielleicht kann ich es tun, wenn er schläft und ich seine liebevollen Augen nicht sehen muß.

Sie gingen zur Schlafkammer des Königs zurück. Adom zog die Bettdecken zurück, während Rachel sich auszog. Er beobachtete ihre Nacktheit mit scheuer Bewunderung.

»Willst du nicht auch ruhen?« fragte sie und deutete auf seine Kleidung.

»Oh! Ja.« Er lachte über sich selbst und zog den Anzug aus.

Als er das Kleidungsstück abgelegt hatte, öffnete Rachel gerade ihr Haar und ließ es über die Schultern herabfallen. Dann nahm sie ihre Stiefel und stellte sie in Reichweite neben dem Bett ab. Etwas Silbernes blitzte auf, als sie unter die Decke schlüpfte und sie bis zum Hals hochzog.

»Rachel«, murmelte er, legte sich ebenfalls ins Bett und rutschte zu ihr hinüber. Er spürte, wie sie erstarrte, als er seinen Arm um sie legen wollte. »Rachel, wir müssen nichts tun. Ich weiß, daß du müde bist. Ich bin nur so lange allein gewesen, daß ich jetzt deine Nähe spüren möchte.«

»Ich möchte auch nah bei dir sein, Adom«, sagte sie und streckte die Arme nach ihm aus. Er zog sie an sich und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. »Ich liebe dich, Rachel«, murmelte er und legte einen Finger über ihre Lippen, bevor sie antworten konnte. »Nein, ich weiß, daß du mich jetzt noch nicht liebst. Aber vielleicht schon bald. Wenn auf Horeb alles wieder in Ordnung gekommen ist und wir mehr Zeit für uns haben.«

»Ja.«

Er kuschelte sich an sie und war kurz darauf eingeschlafen. Ein paar Minuten später rollte er sich auf den Rücken.

Rachel betrachtete seine nackte Brust. Ein schneller Stich ins Herz, mehr wäre nicht nötig. Er würde kaum merken, was geschah.

In Seir müßte niemand mehr sterben.

Sie lehnte sich zur Seite und griff nach dem Messer, doch der kalte Stahl brannte wie Feuer auf ihrer Haut. Sie ließ die Klinge wieder in den Stiefel fallen und preßte die Hände vors Gesicht.

Ich brauche mehr Zeit!

Sie rutschte vorsichtig zur Seite und stieg aus dem Bett. Auf Zehenspitzen schlich sie zu ihren Sachen und holte den schwarzen Umhang heraus. Während sie ihn um die Schultern warf, eilte sie zur Tür und trat auf den hellerleuchteten Flur hinaus.

»Jeremiel«, flüsterte sie, »ist dir klar, daß ich es nicht tun kann? Er ist unschuldig. Er hat es nicht verdient, zu sterben.«

Sie bog um eine Ecke und stand plötzlich vor dem Zimmer sechshundertdreizehn. Für einen Moment zögerte sie, dann öffnete sie die Tür und ging hinein. Vielleicht würden die Bücher sie ja ablenken.

»Du wirst siegen, Jeremiel, das weiß ich. Und ohne Ornias wird Adom wieder in Vergessenheit geraten und nie jemandem schaden.«

Zahlreiche alte Bücher waren auf dem Boden verstreut. Rachel kniete sich hin und hob eines auf. Viele Seiten hatten sich in Staub aufgelöst, andere waren nur noch teilweise erhalten. Sie runzelte die Stirn, als sie die noch sichtbaren Satzfragmente las:

 

blaue Bestien kamen in Scharen … zwangen uns … der Herr weiß, was geschehen wäre, wenn wir nicht … das Geheimnis lag in ihrer Energiequelle. Wir stahlen … unsere Wissenschaftler brauchten drei Jahre, um das primordiale … das Tor hat uns befreit … und sie ahnen nicht einmal, daß uns die Flucht gelang durch ihr eigenes …

 

Rachel schüttelte verwundert den Kopf, legte das Buch auf den Boden zurück und hob ein anderes auf. Die Seiten bestanden aus einer sonderbaren, klebrigen Substanz und hafteten aneinander, doch die erste Seite war deutlich lesbar.

 

Die Geheime Geschichte der Großen Hallen von Giclas

 

… Während des Monats Uru las der Erste Magistrat Mastema in der Halle der Wissenschaften über die »Dynamik der Phasentransition in Wolken eingefangener Ionen«, wobei er sich auf Arbeitshypothesen bezog, die bei der Konstruktion der Aufbewahrungskammer in der kürzlich vollendeten Palaia-Station ihre Anwendung gefunden hatten. Wie er ausführte, bestehe der einzige mögliche Schwachpunkt in der Temperatur- und Frequenzkontrolle, da die Kammer konstante Bedingungen erfordere, weil andernfalls die Ionen aus dem vorgegebenen Muster ausbrechen könnten …

 

»Dynamische Phasentransmission?« wiederholte sie und fragte sich, was das bedeuten mochte. Sie legte das Buch beiseite und suchte nach einem Band, der besser erhalten war. Schließlich fiel ihr Blick auf ein in schwarzes Leder gebundenes Werk. Sie hob es auf, ging zum Tisch hinüber, blies den Staub von einem der Stühle und setzte sich. Als sie das Buch aufschlug, stockte ihr der Atem.

 

11. Januar 4412

Lieber Gott, ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich habe meine ganze Familie und die wichtigsten Mitglieder meines Stabes hierher in die polaren Räume gebracht, ich weiß … ich weiß, daß wir nicht sicher sind. Jekutiels Streitkräfte drängen sich vor unseren Toren, und Milcom sagt, sein Heer zähle über eine Milliarde …

 

Rachels Blut rauschte. Sie blätterte vorsichtig zur ersten Seite zurück. »Edom Middoths persönliches Tagebuch? Doch nicht etwa der Middoth des Exils? Jener Tyrann, der den Gamanten schreckliches Leid in seinen Arbeitslagern zufügte?«

Das schien völlig ausgeschlossen zu sein. Keine der alten Lehren hatte je erwähnt, daß er nach Horeb gekommen wäre. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte sich nicht an eine Stelle erinnern, in der von seiner ursprünglichen Heimatwelt die Rede gewesen wäre. Aufgeregt blätterte sie weiter.

 

31. März 4413

Er will nicht mehr tagsüber erscheinen. Doch nachts berührt Er mich, gleiten Seine geisterhaften Finger wie Elektrizität über meine Haut, um mich aufzuwecken. Ich glaube … doch ich sollte das nicht niederschreiben, da die Möglichkeit besteht, daß Er es liest … Nein, Er wird sich nicht darum kümmern, solange ich gemäß Seinen Befehlen meine Armee der Sklaven weiter vergrößere. Nein … Ich bin in Sicherheit. Und dieses Tagebuch ist meine einzige Zuflucht vor Ihm. Ich muß zumindest schreiben dürfen.

Ich glaube, Er ist Aktariel, der sich hinter dem Namen Milcom verbirgt. Doch Gott helfe mir, Er ist so überzeugend. Ich kann seine schrecklichen Geschichten über Epagael nicht verleugnen. Wenn ich mich umschaue, sehe ich nur Leid.

Wenn ich nur Gewißheit hätte. Gesegneter Herr, wo sind all die Meas? Wenn ich könnte, würde ich selbst Epagael herausfordern und verlangen, daß Er die schrecklichen Fragen über das menschliche Leid beantwortet, die Milcom stellt.

Doch alle Meas sind verschwunden. Und in den Tiefen meiner Seele frage ich mich, ob nicht Milcom sie genommen hat. Denn wenn es keine Tore mehr gibt, kann Gott sich nicht mehr verteidigen.

 

Rachel blinzelte und lehnte sich zurück. Ihr Blick wanderte über die alte, zusammengebrochene Liege mit ihren geborstenen Beinen. »Jeremiel und Rathanial sprachen von einem Mea, das Zadok besaß. Also … gibt es sie wirklich. Und sie führen zum heiligen Schleier?«

Sie schlug eine andere Seite auf.

 

7. Juli 4414

Meine Tochter ist tot. Die wunderschöne Pyran, von einem wahnsinnigen Dämon in Stücke gerissen. Mein Kummer ist so groß, daß ich mich kaum zum Schreiben zwingen kann. Milcom sagt, es wäre Epagaels Werk.

Ich kann das nicht glauben.

Gestern habe ich Ihm erzählt, daß sie den Krieg haßte, daß sie nach dem Desaster auf Rensin in mein Zimmer stürzte und schwor, sobald sie die Führerin der gamantischen Zivilisation wäre, würde sie das Blutvergießen beenden und die Sklaven befreienSeine Armee des Untergangs.

Geliebte Pyran, ich wußte nicht, wie verzweifelt Er mittlerweile ist.

Jetzt fürchte ich, Er wird alles tun, damit ich auf Seiner Seite bleibe.

 

Wie hypnotisiert blätterte Rachel bis zur letzten Seite von Middoths Tagebuch weiter.

 

12. September 4414

Ja, ich wandle schon im Schatten des Todes … Der letzte Angriff hat begonnen. Horeb ist nur noch eine öde Wüstenei. Zweiunddreißig Millionen sind tot. Milcom – Aktariel, dessen bin ich jetzt sicher – sagt, wir müssen weitermachen.

Ich habe nicht das Herz dazu. Die Sklaven haben revoltiert. Jekutiel besitzt das einzige Mea, das noch übrig ist. Ich kann nicht gegen jemanden kämpfen, der von Angesicht zu Angesicht mit Gott spricht. Die Zweifel fressen mich auf.

Ich verfüge nur über eine einzige, fragwürdige Quelle … einen gefallenen Engel von großer Schönheit, mit einer beruhigenden Stimme und der Macht, schwache Menschenwesen von allem zu überzeugen.

Ich kann nicht weitermachen.

Tikkun, Tikkun, wo ist der verheißene Mashiah? Zerbrochene Hüllen, Könige von Edom, ich bin am Ende. Rachel, Letzte der Sefirah, du mußt alles auf die ursprünglichen Wurzeln zurückführen. Laß dir nicht von Ihm die Kraft rauben!

Wir können es nicht ertragen.

 

Rachel saß wie erstarrt da. Ihm? Epagael oder Milcom? Eine innere Stimme schalt sie: »Er meint die Mutter des Volkes, nicht dich.« Dennoch konnte sie die Worte nicht aus ihren Gedanken verbannen. Sie blickte wieder auf die Textstelle. »Dann ist Adom also nicht der Erste, der von Milcom – Aktariel? – heimgesucht wurde.« Seit ihrer Geburt hatte man sie vor den Ränken des verderbten Engels gewarnt. Der Betrüger. Wieso hatte Middoth ihm vertraut? Hatte er nicht gesehen, was Milcoms Taten auslösten? Milliarden waren im Krieg gegen Jekutiel umgekommen.

Ein leises Knarren ließ sie aufspringen. Adom stand in der Tür und blickte sie an. »Rachel, Ornias hat sich gemeldet. Der Krieg …« Er schloß für einen Moment die Augen. »Zehntausend sind gestorben.«

»Zehn …« Bestürzt lief sie an ihm vorbei zum Kommunikationsraum.