KAPITEL
22
Kiefern ragten wie schwarze Speere vor dem düsteren Abendhimmel auf, als Sarah über den gewundenen Gebirgspfad marschierte. Komm allein, hatten sie gesagt. Allein und unbewaffnet. Hohe zimtfarbene Hänge ragten rings um sie auf. Das Zwielicht setzte in diesen tiefen Schluchten schon früh ein, und die Dunkelheit vertiefte die Risse in den Felsen, während die letzten Sonnenstrahlen die Lavendelblätter oben auf den Hügelspitzen umspielten. Sie hielt einen Moment an, um zu verschnaufen, und beobachtete besorgt, wie schmal der helle Streifen über ihrem Kopf geworden war. Wie lange hatte sie gebraucht? Drei Stunden? Vielleicht sogar vier, wenn man bedachte, bis zu welcher Höhe sie hinaufgeklettert war? Heute Nacht würde sie es auf keinen Fall mehr zurück zu ihrem eigenen Lager am Fuß des Berges schaffen. Leise Furcht beschlich sie, als sie daran dachte, daß sie die Nacht im Lager der Anführer der planetaren Revolte verbringen würde – sofern man ihr das noch erlaubte, nachdem sie berichtet hatte, weshalb sie gekommen war.
Sie hob den Saum ihrer mintfarbenen Robe hoch und schlüpfte an einem scharfkantigen Felsbrocken vorbei. Eine leise Stimme brachte sie zum Stehen.
»Ihr Name?«
»Sarah Calas.«
Sie wartete, ohne sich zu rühren und mit starr geradeaus gerichteten Augen. Mochten sie ruhig glauben, daß sie vor Schreck erstarrt war. Das Scharren von Stiefeln auf Stein drang zu ihr herüber, zusammen mit dem Duft von Kiefern, den der Wind durch die Schlucht trug.
Einen Augenblick später berührte eine Hand leicht ihre Schulter und sie drehte sich um. Ein kleiner, untersetzter Mann mit einer runden Nase und einem wildwuchernden schwarzen Bart musterte sie aus zusammengekniffenen bernsteinfarbenen Augen von Kopf bis Fuß. Sie schätzte sein Alter auf etwa vierzig. Seine graue Kleidung und die sonderbare Pistole, die in seinem Gürtel steckte, verschmolzen im schwächer werdenden Licht, bis er mit den Schatten eins zu werden schien.
»Wo sind die anderen?«
»Ein paar wollten nicht kommen«, antwortete er fröhlich, als würden er deren Gründe verstehen und sogar gutheißen. Er schnaubte, während er sie abermals von oben bis unten betrachtete. »Nehmen Sie es ihnen nicht übel. Sie sind wirklich ein merkwürdiger ›Führer‹ der gamantischen Zivilisation.«
Seine Kiefernmuskeln zuckten, als sie eine Braue hochzog. »Von Ihnen bin ich auch nicht gerade beeindruckt, Mister … Mister …?«
»Shem Kowitz.«
»Beeilen wir uns. Wo ist Ihr Lager?«
Er streckte den Arm in Richtung Pfad aus und deutete eine Verbeugung an, während eine Spur von Erheiterung in seinen Augen schimmerte. Sarah schlüpfte an ihm vorbei und stieg den schmalen Engpaß hinauf, wobei sie ihr Übergewicht verfluchte, das ihre Beine vor Müdigkeit zittern ließ. Nach Mikaels Geburt hatte sie es nicht geschafft, die zwanzig Pfund loszuwerden, die ihr Bauch und ihre Oberschenkel angesetzt. Jetzt plötzlich störte es sie mehr als je zuvor. Hübsche Frauen gewannen wenn schon nicht den Respekt, so doch immerhin die Aufmerksamkeit eines Mannes. Doch eine Frau, die nichts als pummelig war, mußte sich beides erst mühsam erarbeiten.
Während sie sich durch eine Reihe von Kiefernwäldchen zwängten, bemerkte Sarah ein schwaches Leuchten in der Ferne. Schwarze Gestalten bewegten sich geschmeidig vor dem goldenen Glühen. Und plötzlich entdeckte sie, daß überall um sie herum Wachen postiert waren, manche auf den Hügelspitzen, andere längs des Wegs. Viele hockten in den Bäumen, von wo aus sie die ganze Schlucht im Blick hatten.
»Wie viele sind gekommen, Mr. Kowitz?«
»Drei unserer Führer, Missy, und dazu noch ein paar Jungs, die Wache stehen für den Fall, daß hier ein Hinterhalt gelegt werden sollte, während wir mit Ihnen schwatzen.«
Sarah bemerkte das Mißtrauen in seiner Stimme, ignorierte es jedoch und schritt geradewegs auf das Feuer zu, das unter dem schützenden Baldachin der Bäume leuchtete. Als sie in den Lichtschein trat, erhob sich dort ein großer, schlaksiger Mann mit braunem Haar und grauen Schläfen. Die müden Augen glänzten grün im Leuchten des Feuers, und sein abgetragener brauner Anzug wies Spuren von Kämpfen auf. Getrocknetes Blut bildete unregelmäßige braune Flecken auf dem Leder seiner Stiefel.
»Miss Calas«, grüßte er und bildete mit den Händen das Zeichen des heiligen Dreiecks.
»Bitte«, sagte sie, während sie die Geste erwiderte und sich leicht verneigte, »nennen Sie mich Sarah.«
»Nicht Zaddik?« spottete Kowitz, der genau wußte, daß dies ein Titel war, den ihr Vater sich erworben hatte – der Titel eines heiligen Manns.
»Einfach nur Sarah.«
»Ich bin Zebuion Yoma und das ist Ezra Nahor.« Der Großgewachsene deutete auf den kahlköpfigen, dürren kleinen Mann, der sich offensichtlich weigerte, aufzustehen oder Sarah auf eine andere Art zu begrüßen. Er hielt einen Becher Taza in den schmutzigen Händen und betrachtete sie aus halbgeschlossenen Augen. Das Feuer prasselte im Wind, wirbelte Funken zu den überhängenden Zweigen empor und warf bernsteinfarbenes Licht über zusammengepreßte Münder und abschätzig blickende Augen. Sarahs Herz klopfte.
»Welche Rebellenfraktionen repräsentieren Sie?«
»Ich leite die Wüstengruppe. Nahor ist für die Leute aus dem Tal verantwortlich.«
Sarah wandte sich zur Seite, um Kowitz zu fragen, erhaschte aber nur noch einen Blick auf seinen Rücken, der zwischen den schwarzen Schatten der Bäume verschwand. »Und Kowitz?« fragte sie die anderen.
»Die Flußleute.«
Sie schaute wieder zu Yoma hinüber und entdeckte in seinen Augen eine stille Trauer, die von altem Schmerz erzählte, der nur notdürftig unter einem schwachen Schimmer der Hoffnung verborgen lag. Ein sensibler Mann, soviel war Sarah klar. Aber auch vorsichtig, sehr vorsichtig.
»Setzen Sie sich«, sagte er und deutete auf einen alten Baumstumpf neben dem Feuer. »Können wir Ihnen ein wenig Taza anbieten?«
»Ja, gern, Mister …«
»Zeb. Nennen Sie mich einfach Zeb.«
»Danke.« Sie breitete ihre mintfarbenen Röcke aus und setzte sich auf den Stumpf. Zeb verschwand in den Schatten, wo, wie Sarah jetzt erst bemerkte, einige Zelte im Schutz der Felsen aufgestellt waren. Leises Klirren von Metall erklang. Sie sah, wie Zeb einen Becher aus einem Bündel holte und den Bodensatz ausklopfte. Dann benutzte er den Zipfel seines braunen Hemdes, um den Becher sauber zu wischen. Nahor ließ seine glitzernden Schweinsäuglein nicht von Sarah, auch nicht, als er ein neues Scheit auf das Feuer warf und seinen Taza schlürfte, als wäre er am Verdursten.
»Weshalb sind Sie hergekommen?« fragte er mit leiser, heiserer Stimme.
»Um über die Aufstände zu reden.«
»Wir werden nicht damit aufhören.«
»Darum bitte ich Sie auch gar nicht.« Eigentlich hätte sie hinzufügen müssen: Ich möchte nur, daß Sie sich eine Zeitlang ruhig verhalten, bis wir Verstärkung vom Untergrund bekommen, doch sie verzichtete bewußt darauf. Das hier waren willensstarke Männer. Sie mußte sie dazu bringen, daß sie selbst diesen Vorschlag machten.
Er zwinkerte und richtete sich langsam auf, wobei er sie neugierig anschaute. »Weshalb sind Sie dann gekommen?«
»Um die gamantische Situation hier auf Kayan und innerhalb der Galaxis zu erläutern, soweit sie mir bekannt ist.«
»Und was dann? Es interessiert uns nicht, was Sie uns zu erzählen haben. Wir wollen nur die verdammten Magistraten umbringen. Und ganz gleich, was Sie sagen, wir …«
»Warum gibst du ihr keine Chance, erst einmal zu Atem zu kommen, Ezra?« unterbrach ihn Yoma, während er zum Feuer ging, einen zerbeulten, verrußten Topf nahm und daraus Sarahs Becher mit einer dampfenden schwarzen Flüssigkeit füllte. »Sie ist stundenlang gelaufen, um herzukommen.«
»Ich bin auch gelaufen«, wandte Nahor ein und schob verächtlich die Lippen vor, »und seit kaum einer Stunde hier.«
»Halt die Klappe, Ezra.«
Der kleine Mann zog eine finstere Miene, verstummte aber. Wieso? fragte sich Sarah. Besaß Yoma mehr Macht und Einfluß als Nahor? Das erschien wenig wahrscheinlich. Zwar verfügten die Wüstenleute über die größere Bevölkerungszahl, doch sie zerfielen in klar getrennte Abstammungslinien. Sie folgten einer halbnomadischen Lebensweise und zogen im Lauf eines Jahres immer wieder von ihren ausgedörrten Farmen fort, um Versammlungsstätten oder Jagdreviere aufzusuchen. Diese Sammelplätze lagen überall in der Sandwüste verstreut, waren jedoch klar getrennten Territorien zugeordnet, und keine Gruppe konnte es wagen, diese Grenzen zu überschreiten, ohne einen Krieg zu riskieren. Auch nur zwei dieser Sippen im Kampf gegen einen Gegner zu vereinen, wäre überall in der Galaxis als Wunder betrachtet worden. Die Menschen der Täler hingegen drängten sich in geschäftigen, dauerhaften Gemeinschaften zusammen und bewirtschafteten große Farmen, die Kooperativen gehörten. In dieser ohnehin an Zusammenarbeit gewöhnten Gesellschaft mußte es erheblich einfacher sein, eine Kampftruppe aufzustellen. Doch vielleicht hatte Yoma ja ein Wunder vollbracht, und seine Streitkräfte stachen entgegen aller Wahrscheinlichkeit Nahors Truppen zahlenmäßig aus?
Er reichte Sarah den Becher, und sie umfaßte ihn dankbar mit vor Kälte steifen Fingern. Der eisige Wind wehte ihr ins Gesicht, während sie zuschaute, wie er neben dem Feuer niederkniete. Kowitz gesellte sich schweigend zu ihnen. Er tauchte zwischen den Bäumen auf und nahm auf einem Felsen Sarah gegenüber Platz.
»Hast du jemand gesehen, der nach hier unterwegs ist?« fragte Yoma, an Kowitz gewandt.
»Nein, sie ist allein.«
»Wie sieht’s unten im Tal aus?«
»Auch niemand. Sie hat ihre eigenen Leute verlassen und ein Lager am Fuß des Berges aufgeschlagen. In der Nähe der großen Quelle, die aus der Bergwand entspringt und diesen kleinen Wasserfall bildet. Erinnerst du dich?«
»Ja, ich kenne die Stelle.«
Sarah meinte spröde: »Ich bin in friedlicher Absicht gekommen, um mit Männern zu reden, die ich als Brüder betrachte. Natürlich habe ich Ihre Anweisungen beachtet.«
»Das war auch gut so«, erklärte Nahor streitlustig und zeigte mit einem knorrigen Finger auf sie. »Andernfalls hätten Sie bei Ihrer Ankunft nur ein leeres Lager vorgefunden. Falls Sie überhaupt angekommen wären.«
Ärger flammte in ihr auf, und ließ sie ihre Nervosität vergessen. »Ich reagiere nicht besonders freundlich auf Drohungen, Mister Nahor.«
»Ach nein? Was wollen Sie denn dagegen unternehmen? Wir haben gehört, wie Sie sich an die Magistraten herangemacht haben. Wollen Sie ihre Freunde dazu bringen, den Zorn Gottes über uns auszuschütten?« Er ballte eine Faust und reckte sie ihr drohend entgegen. »Wenn Sie das vorhaben, sollten Sie sich besser schon mal auf die Konsequenzen vorbereiten.«
Sarah blickte ihn angesichts der überraschenden Vorwürfe kalt an. »Ich würde die gamantische Zivilisation niemals an die Regierung verraten. Wo haben Sie denn diese unsinnige Idee aufgeschnappt?«
»Wir erfahren mehr, als Sie ahnen, und erhalten sogar Nachrichten aus der ganzen Galaxis.«
Ein heftiger Windstoß fuhr durch das Wäldchen. Die Baumwipfel stießen knarrend gegeneinander und schickten einen Nadelschauer auf sie herab. Yoma strich sie aus seinem graumelierten Haar, und bei dieser Gelegenheit bemerkte Sarah zum ersten Mal die schimmernden Bernsteinohrringe, die er trug. Sie glitzerten, als er den Kopf drehte und sie fragend anschaute.
»Ist Ihnen warm genug? Wir haben Decken in den Zelten.«
»Nein, danke. Ich fühle mich ganz wohl.« Sie hielt inne und registrierte mit Besorgnis, daß die Wachen ihre Stellungen gewechselt und den schützenden Kreis enger gezogen hatten. Ein Mann, dessen schwarze Silhouette vorher wie ein Geier auf den Felsen über ihr gekauert hatte, hockte jetzt etwas tiefer und hatte das Gesicht dem Feuer zugewandt. Viele der anderen waren verschwunden und verbargen sich nun in den immer dunkler werdenden Schatten. »Vielleicht sollten wir jetzt …«
»Was sollten wir?« unterbrach Nahor sie mit seiner dünnen, kalten Stimme. »Wenn Sie nicht hier sind, um uns zu erzählen, wir sollten aufhören, gegen die verdammten Magistraten und ihre kriecherischen Söldner zu kämpfen, warum dann?«
Yoma warf Nahor einen tadelnden Blick zu und erklärte dann: »Er will damit sagen, Sarah, daß wir es im letzten Monat geschafft haben, die Magistraten soweit aus dem Tritt zu bringen, daß wir einen Teil der Gebiete zurückerobern konnten, die sie für ihre militärischen Stützpunkte besetzt hatten. Das sind Tausende von Quadratmeilen, die wir im nächsten Jahr bepflanzen können, um den Hunger zu bekämpfen, unter dem wir derzeit leiden.« Seine Finger spielten nachdenklich mit dem Becher, und Sarah sah, wie der Feuerschein über seine silbernen Schläfen huschte. »In diesen Kämpfen haben wir eine Reihe guter Männer verloren.« Er schaute auf und sah sie entschuldigend an. »Wir haben vor, das Land zu behalten.«
»Aber ich dachte, die Unruhen wären wegen des Todes meines Vaters ausgebrochen.«
»Oh, das stimmt in gewisser Weise auch«, bemerkte Yoma achselzuckend. »So hat alles angefangen – als Aufstand gegen Zadoks Mörder. Doch inzwischen gehen die Aktionen weit darüber hinaus.«
»Wir kämpfen um Kayan, Missy!« warf Kowitz ein und beugte sich vor. Seine Augen leuchteten. »Und wir werden kämpfen, bis der letzte Regierungssoldat entweder tot ist oder Kayan verlassen hat. Das ist unser Planet!« Er schüttelte die Faust. »Sie kennen doch die Geschichten, wie unsere Vorfahren aus dem Zentrum der Galaxis geflohen sind, um ihre Traditionen und ihren Glauben zu bewahren. Kayan ist für uns eine Zuflucht gewesen, die wir nicht aufgeben werden!«
»Wir hätten niemals zulassen dürfen, daß die Magistraten sich hier breit machen«, fügte Nahor hinzu. »Diese militärischen Stützpunkte dienen ihnen nur als Basis, um uns zu vernichten.«
»Mein Vater«, sagte Sarah müde, umfaßte ihren Becher mit beiden Händen und betrachtete den Widerschein der Flammen, die sich in dem schwarzen Gebräu spiegelten, »hat den Magistraten während der letzten gamantischen Revolte den Aufbau militärischer Anlagen als Gegenleistung für die Unterzeichnung des Vertrags von Lysomia zugestanden. Worin, wie Sie sich gewiß erinnern werden, den Gamanten die alleinige Verfügungsgewalt über ihre eigenen Planeten garantiert wird, es sei denn …« sie machte eine strategische Pause und blickte jeden der Männer der Reihe nach an, »es sei denn, wir brechen galaktisches Recht, bitten selbst um Intervention, oder anarchistische Zustände bedrohen die Besitzungen der Magistraten.«
»Wie etwa ihre Stützpunkte«, ergänzte Yoma mit hochgezogenen Augenbrauen. Feuerschein huschte über seine zusammengepreßten Lippen.
»Genau.«
»Dann glauben Sie also, die Magistraten wollen ihre militärische Macht gegen uns einsetzen?«
»Ich habe vor drei Wochen mit Colonel Silbersay gesprochen. Er hat mir garantiert, daß genau das geschehen wird.«
Yoma stand auf und ging vor dem Feuer auf und ab, wobei er sich mit einer Hand über das glattrasierte Kinn strich. »Sie haben doch schon das Kriegsrecht ausgerufen. Was könnten sie denn noch tun?«
»Sie könnten einen in Reichweite stationierten Schlachtkreuzer herbeirufen und einen Feuersturm auslösen«, sagte Sarah leise und sah mit Genugtuung, wie er den Kopf herumriß und sie erschreckt anblickte.
»Das würden sie nicht …«
»Sie würden, und sie wären dabei völlig im Recht. Nach dem Vertrag dürfen sie alles tun, was erforderlich ist, um sich selbst und ihr Eigentum zu schützen.«
»Aber …« Yoma starrte sie an. »Ein Feuersturm würde jeden hier lebenden Menschen töten. Das wäre doch unnötige Brutalität! Wir sind schließlich keine Tiere!«
»Zeb, ungeachtet dessen, was Mister Nahor vorhin gesagt hat, nehme ich an, daß Sie mit der galaktischen Entwicklung nicht so vertraut sind wie wir in der Hauptstadt. Ist ihnen bekannt, daß Pitbon verloren ist?«
»Verloren?«
»Vollständig zerstört.«
Überall im Kreis schnappten die Männer nach Luft und blickten sich angstvoll an. Sarah wußte, daß keiner von ihnen über diese Nachricht informiert war, die sie selbst erst vor einer Woche durch zuverlässige Kanäle des Untergrunds erhalten hatte. Sie studierte ihre Gesichter. Waren sie jetzt bereit, ihren lächerlichen männlichen Stolz zu vergessen und den Ernst der Lage zu begreifen?
Yoma räusperte sich unbehaglich. Als er zu ihr herabblickte, sprühten seine Augen Funken wie Feuerstein, der auf Granit trifft. »Warum?«
Sie schlürfte an ihrem Taza und ließ das volle Aroma in ihre müden Glieder einsinken. »Pitbon weigerte sich, den Bau einer Rechtsschule der Magistraten zu gestatten, dem sie einige Jahre zuvor als Gegenleistung für Energielieferungen in einem Vertrag zugestimmt hatten. Sie wissen, daß Pitbon keine natürlichen Energiereserven besitzt; es ist eine fast so unfruchtbare Wüstenei wie Horeb.«
»Sie haben die Hilfe angenommen und dann den Vertrag gebrochen?«
»Ja.«
Nahor schnaubte. »Diese Schwachköpfe. Warum haben sie nicht erst ihre Streitkräfte gesammelt, bevor sie zugaben, daß sie den Vertrag brechen wollten? Wir wären ihnen beim Kampf zu Hilfe gekommen!«
»Genau das, Mister Nahor, haben die Magistraten erwartet. Deshalb schlugen sie ohne Vorwarnung zu. Die Regierung will auf alle Fälle verhindern, daß wir uns abermals zu einer umfassenden gamantischen Revolte zusammenschließen, denn das wäre eine Katastrophe für ihre ›Verteilungs- und Erziehungsprogramme‹. Schon jetzt ist ihre Kontrolle der äußeren Regionen der Galaxis ins Wanken geraten.«
»Umverteilung«, grollte Yoma und schritt wütend auf und ab. »Nahrung im Austausch für Freiheit! Sie wollen, daß wir alle von ihnen abhängig sind, damit sie …«
»Uns zwingen können, nach ihrer Pfeife zu tanzen«, vollendete Nahor den Satz. »Nun, sie werden sich mächtig anstrengen müssen, wenn sie wollen, daß meine Leute und ich uns unterwerfen.«
»Niemand von uns sollte sich unterwerfen«, sagte Sarah schlicht und verhinderte damit die drohende Litanei gamantischer Rechte. »Meiner Ansicht nach betrachten die Magistraten uns tatsächlich als Tiere. Tiere, die entweder gezähmt oder getötet werden müssen. Die leiseste Provokation, der geringste Ungehorsam werden mit schrecklichen Strafen geahndet.«
»Wenn es so ist«, warf Kowitz ungläubig ein, »weshalb haben sie dann Kayan nicht schon längst vernichtet? Wir haben ihnen doch schon so schwer zugesetzt, wie es uns nur möglich war.«
»Silbersay will uns nicht umbringen. Warum, weiß ich auch nicht. Es wäre mit Sicherheit die einfachste Lösung seiner Probleme. Vor ein paar Tagen hat er mir gesagt, daß er die Berichte über die Ausschreitungen zurückgehalten hat. Sehr viel länger kann er diesen Zustand jedoch nicht aufrechterhalten. Seine Soldaten sterben, und Todesfälle müssen gemeldet werden.«
»Das ist ein Trick!« brüllte Nahor. Er sprang auf die Füße und stand wie ein dünner Schatten vor der Schwärze der Bäume und Felsen. »Lügen! Sie will uns zu irgend etwas überreden. Wenn die Magistraten uns wirklich vernichten wollten, hätten sie das schon längst getan!«
Sterne bohrten sich durch die ebenholzschwarze Decke des Himmels und warfen ihr kaltes Licht über die Felsen. Eine plötzliche Leere machte sich in Sarahs Magen breit. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich vom Kreis des Feuers auf die zunehmende Dunkelheit rundum. Sie schien wie ein schwarzes Samttuch im Wind zu wabern. Der eisige Griff der Furcht nahm Sarah den Atem. Sie konnte nicht sprechen.
»Nun, Missy? Wie lautet Ihre Antwort auf die Frage, warum die Magistraten uns nicht schon längst umgebracht haben?«
Ihre Augen suchten hektisch die Dunkelheit ab. Etwas Bekanntes lauerte dort. Bekannt? War er dort? Sie spürte seinen Gegenwart wie die sanfte Berührung des Nebels auf ihrem Gesicht.
»Ich … ich weiß es nicht«, stammelte sie und versuchte, das Gespräch in weniger wichtige Bahnen zu lenken. »Mister Kovitz, wie viele Männer stehen unter Ihrem Kommando?«
Er schaute sie an, als hätte sie die unverzeihliche Sünde begangen, der wichtigsten taktischen Frage am Vorabend der Schlacht auszuweichen. »Was hat das mit …«
»Wie viele?«
»Etwa zweitausend«, erwiderte er mürrisch.
»Und Sie, Mister Nahor?«
»Vier, vielleicht auch fünf, wenn ich die Verletzten und Kranken mitzähle.«
Yoma verschränkte die Arme vor der Brust und sagte: »Ich habe etwa zehn zu einer Einheit zusammengefaßt, doch weitere fünftausend ziehen auf eigene Faust durch die Wüste. Ich nehme an, ich könnte sie überzeugen, sich mir anzuschließen.«
Aller Augen richteten sich auf Sarah, die sich zutiefst verunsichert fühlte. Sie erwarteten jetzt Führungsstärke und befehlsgewohnte Routine von ihr. Sie nahm einen tiefen Zug Taza, während ihre Augen die noch immer flirrende Schwärze beobachteten. Konnten die Männer es nicht sehen? Sie warf einen Blick auf die verschlossenen, feindseligen Gesichter. Nicht einer bemerkte den schwarzen Vorhang, der sie wie flatternde Flügel umgab.
»Sarah.« Yoma verschränkte die Hände hinter dem Rücken, große, harte Hände, und schaute sie fragend an. Seine Ohrringe schimmerten wie flüssiger Bernstein in der Mittagssonne. »Wir warten.«
»Ich … ich brauche Ihren Rat«, stammelte sie. »Was sollen wir tun?« Das war nun ganz und gar nicht das, was sie eigentlich zu sagen vorgehabt hatte, doch gerade jetzt pochte ihr Herz so fürchterlich, daß sie nicht mehr klar denken konnte. Die Dunkelheit schien sich um sie herum zu schließen; die Flügelschläge wurden heftiger. Kam etwas durch die Dunkelheit näher, oder entfernte es sich … oder war er die Dunkelheit selbst? Erinnerungen an die Nacht in den Höhlen nach dem Tod ihres Vaters überfluteten sie. Die Angst ließ sie erschauern, als wäre sie von der kalten Hand eines Toten berührt worden.
»Ach, was soll das alles?« fragte Nahor und fuhr sich mit der Hand über den schweißnassen kahlen Schädel. »Sie weiß selber nicht, was sie will.«
»Nein … ich … ich …«
»Sie ist kein Führer, um Gottes willen! Wir haben ihr eine Chance gegeben, Yoma. Du hast uns darum gebeten, und wir haben dir diesen Wunsch erfüllt. Aber sie läßt uns jetzt auf dem Trockenen sitzen! Sie ist nicht hergekommen, um uns eine Lösung anzubieten, sie ist gekommen, um uns danach zu fragen.«
Kowitz lehnte sich gegen den Fels und hob die Hand. »Ich habe euch gesagt, daß es nur Zeitverschwendung ist. Wir sollten …«
»Wir sollten uns mit diesem neuen Mashiah auf Horeb verbünden. Der besitzt wirkliche Macht.« Nahor bedachte Sarah mit einem ätzenden Blick.
»Wer?« fragte Yoma.
»Hast du noch nichts von Adom Kemar Tartarus gehört?« rief Kowitz ungläubig. »Ich hatte gedacht, jeder wüßte inzwischen davon. Er wirkt Wunder, läßt Brot vom Himmel fallen und heilt Kranke. Die Menschen sagen, er wäre der wahre Führer der gamantischen Zivilisation, und der alte Yosef Calas hätte die Führerschaft an ihn weitergereicht, bevor er starb. Erst letzte Woche kam ein Bote vom Mashiah zu uns, der uns die Nachricht brachte, Er wäre bereit, sich mit uns zu einem Angriff auf die Magistraten zu verbünden.«
»Er hat einen Boten direkt zu euch geschickt?«
»Sicher. Irgendein Bursche namens Lumon. Er sagt, sie würden bereits an ein paar High-tech-Sachen arbeiten, die uns einen Vorteil gegenüber den Magistraten verschaffen, sofern wir bereit sind, uns ihnen anzuschließen.«
»High-tech? Du meinst illegale Waffen?«
»Das behauptet er jedenfalls. Er sagt, damit würden wir praktisch unbesiegbar.«
Yoma runzelte argwöhnisch die Stirn. »Derartige Informationen liegen unter einer Million Tonnen Erde vergraben und werden von einer Billion Soldaten bewacht.«
»Ja«, fügte Nahor brummend hinzu. »Selbst Baruch muß sein Zeug stehlen, weil nicht einmal er es schafft …«
»Nun«, meinte Kowitz und starrte Sarah mit harten, glänzenden Augen an, »er sagt, der Mashiah bekommt die wissenschaftlichen Informationen von seinem Gott: Milcom.«
Yoma grunzte und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Du bist ein Narr, wenn du so etwas glaubst. Ich bin bestimmt so religiös wie jeder andere hier, aber Epagael hat niemals einem unserer Vorfahren derartige Vorteile in die Hand gegeben.«
»Vielleicht ist Epagael nicht so mächtig wie Milcom.«
Kowitz verstummte und ließ diese Aussage wie das Schwert Jekutiels in der Luft hängen. Die Männer schauten nachdenklich ins Feuer, doch Sarah nahm keine Notiz davon. Ein schwacher blauer Schein war in der Dunkelheit aufgetaucht und schwankte wie ein Mann, der eine Laterne durch ein Meer aufgewühlten Wassers trug.
»Ich weiß nicht. Ich habe immer darauf vertraut, daß Epagael uns den rechten Weg weist. Jetzt zu einem neuen …«
»Es wäre nicht wirklich so, als würde man konvertieren. Tartarus ist auch ein Gamant. Er bezeichnet Gott nur mit einem anderen Namen. Wenn Gott Gott ist, gibt es ohnehin nur den Einen.«
»Ja, das stimmt.«
»Das bringt uns zu einem anderen Punkt«, platzte Nahor heraus und deutete mit dem Finger auf Sarah. »Erzählen Sie uns, was mit Ihrer Schwester passiert ist.«
Kowitz drehte sich zu ihr um und schaute sie mit furchtsam glänzenden Augen an. »Ja, erzählen Sie es uns.«
»Sie ist gestorben«, flüsterte Sarah geistesabwesend. Der blaue Schein wuchs. Weiße Streifen wirbelten über seine Oberfläche wie Schaumkronen auf der azurblauen See.
»Ja, aber auf welche Weise! Das ist es, was zählt«, ereiferte sich Nahor. »Sie wurde in Stücke gerissen. Gott hat einen Dämon ausgesandt, um sie zu strafen.«
»Was meinst du mit strafen?« fragte Yoma. »Was hat sie denn getan?«
»Nun«, erwiderte Nahor und fuchtelte mit beiden Armen in der Luft herum, »das weiß ich nicht. Wenn du mich fragst, ist es eine klare Sache, daß Gott wußte, Zadok würde getötet werden, und er wollte nicht, daß noch jemand aus dem Geschlecht der Calas über uns herrscht.« Er beäugte Sarah und schob das Kinn vor. »Und etwas sagt mir, daß dieses Mädchen seinen Verwandten folgen wird.«
Als befände sie sich in einer Art Trance, spürte Sarah nur vage die Mischung aus Furcht und Neugier, mit der die Männer sie betrachteten. Der Vortex der Schwärze zog sich zu einer murmelgroßen Kugel zusammen, die von einer gewaltigen, himmelblauen Aura umgeben war. Sarah empfand ein merkwürdiges Gefühl, als würde sie durch die wirbelnde Schwärze auf den blauen Himmel einer anderen Welt schauen. Wo hatte sie dieses Gefühl schon einmal gespürt? So als stünde sie auf der Schwelle des von der Zeit abgenutzten Tores zur Ewigkeit? Ihr Verstand durchwühlte ihre Erinnerungen, und eine Flut von Bildern und Sehnsüchten drohte sie zu ersticken.
Instinktiv sprang sie auf und lief zum Rand des wirbelnden Vortex. »Wer bist du? Sag mir, was du von mir willst!«
Erstauntes Gemurmel erklang rings um das Feuer, als die Männer zu erkennen versuchten, worauf Sarah schaute.
»Wer ist da?« rief jemand. »Ein Eindringling? David, Sholem, hier herüber!«
Herabgefallene Äste zerbrachen unter den Tritten eiliger Stiefel, und das schabende Geräusch von Waffen, die aus ihren Holstern gezogen wurden, war zu hören.
»Nein.« Yomas ruhige, befehlsgewohnte Stimme brachte den Aufruhr zum Verstummen. »Sie schaut nicht auf die Welt, die wir sehen.«
»Wovon redest du?«
»Sei still und warte!«
»Worauf?«
»Es heißt, der alte Zadok sei fähig gewesen, die sieben Himmel zu durchschreiten, um mit Gott zu sprechen.«
»Hokuspokus! Du glaubst das doch nicht etwa, oder?«
»Ich werde jedenfalls nicht hier herumsitzen und zusehen, wie sie uns Angst einzujagen versucht, damit wir glauben, sie besäße irgendwelche unheimlichen Kräfte, die ihr Autorität über uns verleihen. Ich sage, wir verschwinden jetzt.«
»Bei Gott!« Yomas Stimme schwoll zu erheblicher Lautstärke an. »Wenn du noch einmal von deinem Platz aufstehst, Ezra, dann werde ich …«
»Schon gut, verdammt! Ich bleibe sitzen. Aber ich halte das alles nur für einen Trick. Oder siehst du dort drüben irgend etwas?«
»Nein.«
Tränen traten in Sarahs Augen, als ein Ton wie das Rauschen von Wind, der durch trockenes Gras streift, aus der blauen Aura drang. Tief in ihrem Innern glaubte sie eine Stimme zu vernehmen, die darum kämpfte, zu ihr sprechen zu können, doch sie konnte die einzelnen Worte nicht verstehen. Sie zwang ihre zitternden Beine vorwärts, bis sie dicht am Rand eines Abgrunds stand, der zu einem Wirbel onyxfarbenen Wassers führte. »Ich … ich kann dich nicht verstehen.«
Das Rauschen verklang und wurde durch eine von solcher Leere erfüllten Stille ersetzt, daß Sarahs Seele erschauerte. Sie streckte zögernd die Hand aus, konzentrierte sich auf die blaue Kugel und keuchte: »Gib mir das Mea. Es gehört mir. Du hattest kein Recht, es zu nehmen. Mein Volk braucht es!«
Die Dunkelheit wallte auf. Sarah kam es so vor, als hätte sie einen kurzen Blick auf eine wirbelnde Robe erhascht, etwa so, als würde sich jemand umdrehen, um wieder zurückzugehen. Zurück wohin?
Im nächsten Moment brach der Vortex zusammen, und nichts als flüsternde Bäume und dunkle Felsen umgaben sie. Hinter sich hörte sie Nahor herausplatzen: »Allmächtiger Gott, die Frau ist irre! Vielleicht sogar von einem der Dämonen besessen, die ihre Schwester getötet haben!« Er machte eine nachdenkliche Pause und fuhr dann fort: »Ja, vielleicht ist es genau das. Hat sich einer von euch das mal überlegt? Das ist der Grund, weshalb sie noch nicht in Stücke gerissen worden ist. Sie steht auf Aktariels Seite! Laßt uns schnell von hier verschwinden! Rasch!«
Sarah hob eine zitternde Hand zum Mund und unterdrückte ein Schluchzen. Hatte der in der Finsternis lauernde Dämon diesen Augenblick für sein Erscheinen ausgewählt, weil er wußte, daß sie dadurch in Mißkredit geriete? Was konnte sie jetzt noch tun, um diese zersplitterten Teile der gamantischen Zivilisation wieder zusammenzuführen? Leise Schritte erklangen auf den Tannennadeln. Sarah sah, wie Zeb Yoma näherkam. Er blieb neben ihr stehen und schaute furchtsam in die Richtung, in die sie zuvor geblickt hatte. Der Geruch von Sand und Rauch, Pferden und Tabak hing in seinen Kleidern.
Er stand eine Weile schweigend da und flüsterte dann: »Was haben Sie dort gesehen?«
Sarah schaute zu ihm auf. Seine grünen Augen wirkten angespannt und ließen sein Gesicht älter erscheinen, als es war. Als sie zum Lager zurückkehrten, bemerkte sie, wie Nahor und Kowitz mürrisch ihre Sachen zusammenpackten. Männer eilten geschäftig umher und brachen die Zelte ab.
»Machen Sie sich um die Leute keine Gedanken«, murmelte Yoma leise. »Ich werde später mit ihnen reden. Erzählen Sie mir von dem Phantom, mit dem Sie gesprochen haben.«
»Ich bin ihm schon früher begegnet.«
»Ihm?«
Während Sarah zum sternenübersäten Himmel aufsah, trug sie einen innerlichen Kampf mit sich selbst aus. Wie viel konnte sie enthüllen? Das hier waren einfache Leute aus den abgelegenen Gebieten Kayans. Sie wußten nur wenig von der gamantischen Philosophie. Für sie war Sarahs Vater eher ein Magier als ein Mensch gewesen, und seine Reisen durch das Mea kamen ihnen eher mythisch denn real vor. Doch andererseits … was würde geschehen, wenn sie ihnen nichts erzählte?
»Wer, Sarah?«
»Er ist ein Dieb.«
»Ein Dieb? Was hat er gestohlen?«
»Den Weg zur Erlösung.«
Mikael Calas stand draußen vor den Zelten, die sie im Tal aufgeschlagen hatten, und schaute den steilen Pfad hinauf, den seine Mutter genommen hatte. Er konnte nur mühsam das Schluchzen unterdrücken, das ihm in der Kehle saß. Seine Tante war gestorben. Dann sein Großvater. Würde er morgen früh aufwachen und erleben müssen, daß jemand ihm sagte, auch seine Mutter sei tot?
Er trottete durch das hohe Gras der Wiese, um den Pfad von einem anderen Blickwinkel aus zu beobachten. Vielleicht konnte er ja von dort aus seine Mutter noch sehen, wie sie den Berg erklomm. Doch sie war schon außer Sicht. Ein scharfer Schmerz bohrte sich in seinen Magen. In letzter Zeit fühlte er sich immer so müde und verängstigt.
Die Magistraten waren schuld daran. Die Wut, die plötzlich in ihm aufflammte, überdeckte seine Furcht. Eines Tages, eines Tages würde er einen Krieg gegen sie anführen, so wie es sein Großvater während der gamantischen Revolte getan hatte. Er würde sie alle töten, und dann konnte sein Volk endlich Ruhe finden. Sie würden nie wieder ausgebeutet werden und hungern müssen. Sie könnten endlich in’ Frieden leben.
»Mikael?«
Er drehte sich um und sah seinen Onkel Mark neben ihrem Zelt stehen. Er war ein großer, dunkelhaariger Mann mit einem schwarzen Vollbart. »Das Abendbrot ist fertig. Komm her und iß.«
»Ich komme sofort, Onkel.«
»In Ordnung, aber bummel nicht herum. Wir möchten nicht, daß das Fleisch kalt wird.«
»Ja, gut.«
Er schaute sehnsüchtig zu den Bergen hinüber. Sein Herz pochte schmerzhaft. »Eines Tages«, versprach er sich selbst und verdrängte seinen Kummer, indem er an die Schlachten dachte, die er einmal schlagen würde. Schon jetzt konnte er sich das beruhigende Gewicht eines Gewehrs in seinen Händen vorstellen. Er würde die Magistraten lehren, ihn zu fürchten – genau so, wie sie seinen Großvater gefürchtet hatten.