KAPITEL
3
… wenn eine Witwe über die ganze Welt herrscht und Gold und Silber in die Salzlake schleudert und die Bronze und das Eisen der vergänglichen Menschen in die See wirft, dann werden alle Elemente des Universums miteinander vermengt. Wenn Gott, der in den Lüften herrscht, den Himmel wie eine Schriftrolle aufrollt … wird ein unendlicher Katarakt wütenden Feuers herabströmen und die Erde und die Meere verbrennen und das Gewölbe des Himmels zerschmelzen …
Die Sibyllinischen Orakel: Buch III
Datiert auf -163 Alter Erd-Standard
Müde lehnte Rachel den Kopf gegen die steinerne Wand und beobachtete gleichgültig einen Vogel, der auf einer Windströmung hoch über ihr dahinschwebte. Neben ihren aufgescheuerten Knien und verborgen von der blauen, schweißdurchtränkten Robe lag Sybil in tiefem Schlaf. Rachel bewegte ihren bleischweren Arm, um sanft die unter dem Stoff hervorlugenden Zehen des kleinen Mädchens zu streicheln. Die Backofentemperaturen des Nachmittags waren durch das Nahen der Abenddämmerung kaum gemildert worden; sie hatten sich lediglich in eine erstickende Hitze verwandelt, die auch das letzte bißchen Kraft, das ihnen geblieben war, unerbittlich aufzehrte.
Ein Windstoß peitschte über die Mauern und malträtierte Rachels Gesicht mit rauhen Sandkörnern. Niemand klagte, niemand rührte sich. Tödliche Stille herrschte auf dem Platz, als würde jeder der Gefangenen den Atem anhalten. Wann würde er kommen? Wann?
Sie ließ ihre Gedanken zu Shadrach schweifen und erinnerte sich an die schönen Zeiten ihrer Jugend. Sie hatten sich in einem geheimen Geschichtskurs kennengelernt, den die gamantische Untergrundbewegung veranstaltet hatte. Nichtgenehmigter Unterricht war von den Magistraten unter Strafe gestellt worden. Lehrer und Schüler setzten ihr Leben aufs Spiel. Von ihrem ersten Streitgespräch über die Bedeutung der Revolution im täglichen Leben an hatte er Rachel angezogen wie das Licht eine Motte. Sein scharfer Verstand und sein Einfühlungsvermögen waren Balsam für ihre Seele. Sie liebte diesen großen Mann mit dem schütteren Bart und den meist fröhlich blickenden Augen.
Ihre Gedanken machten einen Sprung zum Tempel, wo sie ihn vor drei Tagen zum letzten Mal gesehen hatte, als er am Altar stand und die Sighet-Feier zelebrierte. Sein bronzefarbenes Haar schimmerte im Licht, das durch die zerstörten Wände fiel. An jenem Tag war keine Spur von Fröhlichkeit in seinen Augen zu entdecken gewesen. Sorgen überschatteten sein Gesicht wie ein Leichentuch.
Rachel schüttelte heftig den Kopf, wie um die nächsten Bilder ihrer Erinnerung abzuwehren.
Jenseits der hohen Mauer erklang das monotone Geräusch von Rädern, die über Stein rollen, und das Klirren eines Pferdegeschirrs.
»Glauben Sie, die wissen, daß wir hier sind?«
Rachel wandte sich ein wenig zur Seite, um den alten Mann anzuschauen. Er hatte ihr seinen Namen schon öfters genannt, doch sie hatte noch immer Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern. Talo? Ja, Talo. Ein großer, grobknochiger Mann mit einer behaarten Brust und weißen Bartstoppeln, die der Staub rötlich eingefärbt hatte. Er blickte sie aus vom Schlafmangel blutunterlaufenen Augen an. Neben ihm stand – wie erstarrt und gefühllos – seine Nichte Myra. In den vergangenen zwei Tagen hatte Rachel kein einziges Wort von ihr vernommen. Es schien, als wäre jegliche Hoffnung in ihr gestorben.
»Die Menschen draußen, meine ich«, fügte Talo hinzu.
»Natürlich wissen sie davon.«
Er rieb sich mit einer schmutzigen Hand durchs Gesicht. »Ich kann kaum glauben, daß ich wirklich wach bin. Wie können unsere Leute es zulassen, daß wir so mißhandelt werden?« Er zwickte sich so fest am Kinn, daß sich die Haut trotz der Sonnenbräune weiß verfärbte. »Das muß ein schrecklicher Alptraum sein.«
»Solange sie ihren Blick abwenden können und man sie in Ruhe läßt, werden sie sich nicht darum kümmern.«
»Drei Jahre lang haben wir gekämpft, um die alten Bräuche und unseren eigenen Lebensstil zu erhalten. Und jetzt kümmert es niemanden, was mit uns geschieht? Das sind unsere Verwandten dort draußen!«
Wie um seine Worte zu unterstreichen, trug der Wind den Widerhall von beschlagenen Pferdehufen und leisen religiösen Gesängen herbei. Irgendwo lachte ein Mann fröhlich.
»Sind sie das wirklich?«
Talos Blick wanderte über ihr Gesicht. »Wie können Sie so etwas nur fragen? Natürlich sind sie das. Horeb ist ein gamantischer Planet. Wir alle sind Brüder und Schwestern.«
»Die Welt hat sich seit der Ankunft des Mashiah verändert. Das Wort ›Familie‹ gilt jetzt nur noch für jene, die ihm nachfolgen.«
»Unsere Anwesenheit hier beweist das, aber …«
»Heutzutage wenden sogar Vettern ihr Gesicht ab, Talo.«
Er zupfte am ausgefransten Saum seines grauen Ärmels. Irgendwo im niedergebrannten Teil der Stadt schrie eine Steinmöwe. Rachel stellte sich das perlfarbene Tier vor, wie es unsicher auf der gezackten Mauer eines zerstörten Hauses hockte, während der Wind seine Federn sträubte. Der Vogel rief wieder, und der trillernde, klagende Schrei drang bis in ihre Seele.
»Ja, es ist der Mashiah«, stimmte Talo zu. »Er verwirrt ihren Verstand. Er verfügt über eine Art Magie, die …«
»Er ist kein Magier. Die Menschen scharen sich um ihn, weil er ihnen die Erlösung durch einen neuen Gott verspricht. Nur sehr wenige glauben noch an den alten Gott. Er hat uns zu oft im Stich gelassen.«
»Das ist traurig. Uns bleibt doch nur Epagael.«
»Sie glauben immer noch an ihn? Nach all dem hier?«
»Natürlich. Verstehen Sie denn nicht? Gott muß wissen, ob unser Glaube stark genug ist, um den Funken Aktariels in uns erlöschen zu lassen. Es ist eine Prüfung. Wir haben nicht das Recht, Gott zu hassen. Wie bei einem Vater, der sein Kind bestraft, hat jeder Augenblick der Qual seinen Grund und soll uns etwas lehren. Es ist ein Zeichen göttlicher Liebe, und es schmerzt Gott ebenso sehr wie uns.«
»Gott ist tot!« stieß Rachel bitter hervor.
»Der Gott der Liebe, der Gott von Avram, Yeshwah und Sinlayzan, ist ermordet worden! Hier, an diesem Tag! Falls er überhaupt je existiert hat.« Ihr Herz pochte, als sie ihre eigenen Worte vernahm. Dachte sie wirklich so? Hatten die letzten zweiundsiebzig Stunden ihren Glauben niedergetrampelt und vernichtet?
Tränen traten in die Augen des alten Mannes. »Wissen Sie, daß diese Folter für die alten Menschen, die noch immer glauben, nicht das Schlimmste ist?« Er deutete mit der Hand auf den brütendheißen Platz, über dem der Geruch des Blutbades lastete. »Nein, das hier geht vorbei. Viel schlimmer ist, daß Gott in den Herzen der Jungen stirbt. Den Holocaust kann ich ertragen, doch daß Sie Ihren Glauben verlieren, bricht mir das Herz.« Seine Finger krallten sich in den Stoff über seiner Brust.
Rachel antwortete nicht. Ein paar Schritte entfernt klagte ein vielleicht zehn Jahre altes Mädchen. Ihre Stimme klang leise und doch durchdringend. Sie war aufgestanden, umklammerte die Füße ihres Bruders und versuchte, ihn zu dem ständig wachsenden Leichenhaufen auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes zu ziehen. Das arme Kind mußte irgendwann am frühen Morgen gestorben sein, denn sein Körper war in der sengenden Hitze schon aufgedunsen. »Können Sie etwas zur Seite rücken?« bat das Mädchen eine Gruppe von Menschen, die ihr den Weg versperrten. »Bitte! Ich bin nicht sehr stark und …«
»Geh außen herum. Wir sind zu müde, uns zu bewegen.« Ein großer Mann wedelte schwach mit der Hand.
Sie versuchte zu gehorchen und zerrte ihren Bruder zwei Schritte in die entgegengesetzte Richtung. Doch auch dort wollte niemand ihr Platz machen. Alle Wege waren versperrt. Schließlich gab sie auf, ließ sich zu Boden sinken und barg schluchzend das Gesicht im schmutzigen Hemd ihres Bruders.
»Yis … yisgadal ve’yiskadash sh’mey rabo«, murmelte Rachel den Anfang des Totengebetes. Niemand wußte heute noch genau, was die alten Worte wirklich bedeuteten, doch sie spendeten noch immer Trost.
Neben ihr senkte Talo den Kopf. Tränen rannen an seiner lange Nase herab und glitzerten in seinem langen Bart. »Sprechen Sie … sprechen Sie das für den Jungen? Oder für uns alle?«
Rachel blickte ihn geistesabwesend an. Wie konnte es sein, daß er nach all den Tagen des Durstes noch so viel Flüssigkeit in sich hatte? Es schien unmöglich. Ihre eigenen Tränen waren schon längst vertrocknet.
»Sie werden uns abschlachten«, rief er. »Das wissen Sie auch, nicht wahr?«
»Jeder weiß das.«
»Wir müssen etwas tun. Wir dürfen uns nicht einfach töten lassen. Was können wir machen?«
»Ich weiß nicht.«
»Wir müssen irgend etwas unternehmen!«
»Und was? Wollen Sie versuchen, die Mauern zu stürmen? Geschwächt, wie wir sind, und mit bewaffneten Wachen als Gegner, die hundert von uns mit einer einzigen Salve töten können?«
»Ich will nicht einfach hier sitzen und darauf warten …« Er versuchte, die Tränen zurückzudrängen, und umklammerte sein Kinn, um es am Zittern zu hindern. »Ich werde es versuchen. Es ist besser, durch ein Gewehr zu sterben, als diesen langsamen Todeskampf zu ertragen. Wir werden nicht …«
Seine Worte wurden durch das Sirren eines Samuel unterbrochen, einem der Schiffe der planetaren Marines. Das schwarze, eiförmige Gebilde stürzte aus dem Himmel herab und jagte dann wie ein böses Vorzeichen über den Platz hinweg. Vor dem dunkelblauen Hintergrund des Himmels wirkte es wie eine gigantische schwebende Schildkröte. Erstickender Haß ergriff Rachel. Welch ein unglaublicher Gegensatz: Auf den Straßen die Hirten mit ihren armseligen Karren, und dort oben das monströse Zeugnis hochentwickelter Technologie. Auf Horeb hatte es solche Dinge bis zur Ankunft des Mashiah nicht gegeben. Und auch jetzt blieben sie allein ihm vorbehalten.
»Glauben Sie, er ist dort drin?« fragte Talo, dessen Augen sich vor Hoffnung weiteten. »Der Mashiah. Glauben Sie …?«
»Spielt das eine Rolle?«
»Vielleicht denkt er ja, wir hätten genug erlitten und läßt uns gehen. Vielleicht ist er gekommen, um …«
Rachel lachte bitter. »Glauben Sie, Gott hat ihn gesandt, um uns zu retten?«
»Ja … ja, so muß es sein. Gott hat endlich unsere Qual gesehen und …«
»Selbst Gott wendet seinen Blick ab, Talo. Selbst Gott. Sie werden schon sehen.«
»Das ist nicht wahr!« rief er wütend und beugte sich drohend vor. »Wir sind seine Kinder. Er liebt uns!« Doch er schien eher sich selbst überzeugen zu wollen als Rachel.
Rachels Aufmerksamkeit ließ nach. Sie spähte zu den Wachen hinüber. Sie hatten ihre Positionen gewechselt. Statt weiterhin auf den Mauern zu patrouillieren, hatten sie sich in der jenseitigen Ecke zusammengedrängt. Erhielten sie dort neue Befehle? Hinter ihnen schimmerten die Spitzen der Berge in der Abendsonne, die sie in leuchtendes Kastanienrot tauchte.
Rachel schloß die Augen. »Be’ol’mo deevro chiroo-sey …«
»Wir werden nicht sterben. Sie werden schon sehen. Er ist gekommen, um uns zu vergeben.«
Rachel schüttelte den Kopf.
»Rebellen?« dröhnte eine Stimme vom Samuel herab. »Der Mashiah grüßt euch.«
»Lieber Gott, laß uns frei!« kreischte Talo.
Getöse erhob sich auf dem Platz, als die Menschen um Gnade schrien und auf ihre Nachbarn einschlugen, um sie fortzuscheuchen, damit der Mashiah ihr Winken und ihre reuigen Gesichter sehen konnte. Doch Rachel wußte, daß die Stimme nicht Adom gehörte, sondern Ornias. Sie hatte sein salbungsvolles Geschwätz schon oft genug gehört. Der Samael sank tiefer und glitt langsam über die Menge.
»Ich konvertiere!« schrie ein Mann. »Laßt mich zum Glauben des Milcom übertreten.«
»Ich habe die Wahrheit erkannt! Ich weiß, der Mashiah ist der verheißene Erlöser. Laßt mich …«
Ähnliches Wehklagen erhob sich überall auf dem Platz. Die Menschen weinten und gelobten Adom Kemar Tartarus Treue, wenn er nur ihre Kinder am Leben ließe.
Rachel warf einen Blick nach unten, wo sich Sybils Beine verräterisch unter dem Saum ihrer Robe abzeichneten. War ihr kleines Mädchen tot? War das der Grund, warum Sybil sich trotz der Kakophonie aus Weinen und Rufen, die die Luft erfüllte, nicht rührte? Schrecklicherweise hoffte Rachel, daß es so war. Sie wollte nicht mit ansehen müssen, was man ihrem einzigen Kind antun mochte. »Besser tot, als vom Mashiah exemplarisch bestraft zu werden.«
»Nein«, beharrte Talo, in dessen Augen Tränen der Hoffnung glitzerten. »Er wird uns erretten. Ich kann es fühlen. Spüren Sie es denn nicht? Gott hat in gesandt …«
»Bezeuget die Macht des Mashiah, gegen den ihr euch gewandt habt«, intonierte Ornias vom schwarzen Schiff herab.
Ein blendender violetter Blitz schnitt eine sechs Fuß breite Spur in den roten Boden am Rand der Mauer. Die Menschen, die dort gestanden hatten, verschwanden in einem rötlichen Aufspritzen. Rachel schützte ihre Augen vor dem Staub, der durch die Luft gewirbelt wurde. Gott sei Dank, er benutzt die Schiffsgeschütze, statt die Marines mit ihren Gewehren vorzuschicken. Der Tod durch die Kanonen kam schnell und schmerzlos.
Schreie erfüllten den Platz, als die Menschen versuchten, sich so weit wie möglich von den tödlichen Strahlen zu entfernen. Eine dichte erstickende Staubwolke stieg auf. Rachel rührte sich nicht. Sie hatte Angst, sie würde entdecken, daß Sybil tot war, wenn sie sich herabbeugte – und das hätte sie nicht ertragen. Verängstigte Männer und Frauen stürzten an ihr vorbei und drängten sich verzweifelt an der rückwärtigen Mauer zusammen.
Auf der freigewordenen Fläche entdeckte Rachel einen Jungen, der neben seiner toten Mutter auf dem Boden saß. Seine Augen starrten blicklos ins Leere, während er sanft ihre Hand streichelte und dabei leise Worte murmelte. Im Hintergrund nahmen die Wächter langsam wieder ihre früheren Positionen auf den Mauern ein. Doch diesmal summten ihre Gewehre, und das Geräusch schnitt scharf durch das Wehklagen der verzweifelten Menschen.
Rachel schloß die Augen, und jeder Muskel ihres Körpers versteifte sich, als sie die letzten Kraftreserven sammelte. »Ve’yamlich malchoosy …«
Und dann begann das Schießen.
Die Menge geriet in Panik und rannte kopflos umher, um den peitschenden Todesstrahlen zu entgehen, die den Platz zerschnitten. Mehrere der Gehetzten stießen fast gleichzeitig gegen Rachel. Sie warf sich über Sybil. Menschen stolperten über sie hinweg, und Rachel erkannte voller Entsetzen, daß die heiße Flüssigkeit, die ihre Kleidung tränkte, Blut war.
Das schrille Pfeifen der Gewehre ging endlos weiter. Es klang wie Klagelaute, die aus den Abgründen der Dunkelheit hervordringen. Nach etwa zehn Minuten wich das Dauerfeuer vereinzelten Schüssen. Offenbar wurde jeder, der noch lebte und den Kopf hob, zum nächsten Ziel der Soldaten.
Rachel hörte Sybil leise weinen, und Erleichterung und Verzweiflung wetteiferten in ihrem Innern miteinander. Sie lebte? O Gott, weshalb denn nur? Um noch zwei weitere Tage zu leiden, bis der Durst sie endlich umbrachte?
»Mom?«
»Lieg still.«
»Durst … Mommy.«
»Schlaf, mein Kleines. Wenn du wieder aufwachst, finden wir Wasser, das verspreche ich dir.« Ja, wir werden Wasser finden, wenn wir dann noch lebendig genug sind, um zu kriechen. Verstohlen streichelte sie den Arm ihrer Tochter und schaute durch die übereinander liegenden Leichen zum Himmel auf.
Ein paar Sterne stachen durch das dunkle Tuch des Firmaments. Strahlende Sonnen, die durch die weite, kalte Leere trieben. Rachel legte den Kopf auf den warmen roten Erdboden und versuchte zu schlafen.
Sie erwachte in der Dunkelheit vor Tagesanbruch, und ein bißchen von ihrer Kraft war zurückgekehrt. So fiel es ihr leichter, den Kopf zu heben, um über den Arm eines Leichnams hinweg zu den Mauern zu schauen. Der Wüstenwind trieb ihr stechenden Blutgeruch ins Gesicht. In der Ferne stieg der Mond hinter einem dunstigen Nebelstreife auf und warf ein unheilvolles rötliches Licht über die Hügelkette. Es schienen keine Wachen mehr da zu sein. Vielleicht hatten sie sich an einer anderen Stelle versammelt. Rachel schüttelte sanft ihre Tochter.
»Sybil? Kannst du laufen, Kleines?«
Das Mädchen nickte schwach. »Ja. Wohin gehen wir?«
»Zum Tor.«
Rachel schob ihre Arme zwischen die Leichen, stemmte sich hoch und schuf so einen Durchgang in der schwarzen Decke des Todes. Dann schob sie sich langsam und lautlos hinaus und zog Sybil nach. Die Kühle der Nacht umfing sie.
Sybil zitterte, als sie sich umsah. Ihr Flüstern klang heiser und schreckerfüllt. »Ich … ich kann das nicht. Ich kann niemand anfassen …«
»Du mußt, Liebes. Wenn wir hier nicht verschwinden, kommen sie zurück und töten uns.«
»Nein, Mommy! NEIN!« schrie sie auf und versuchte verzweifelt, an ihrer Mutter hochzuklettern. Ihre Fingernägel bohrten sich tief in Rachels Hals und Schultern.
»Hör mir zu«, sagte Rachel und zog sie dicht an sich. »Hör mir gut zu! Willst du hier warten, bis die Wachen mit ihren Gewehren zurückkommen?«
»Mommy, bitte, zwing mich nicht. Bitte! Ich … ich kann sie nicht anfassen.«
Rachel folgte Sybils Blick auf die im Tod erstarrten, angsterfüllten Gesichter. Klaffende Münder, Arme, die noch immer das Massaker abzuwehren schienen. Rachel streichelte Sybil den Rücken, um ihre Furcht zu mindern. Lieber Himmel, hatte sie etwa vergessen, was ihre Tochter durchgemacht hatte? »Es tut mir leid, Kleines. Mommy tut es leid. Ich will versuchen, dich zu tragen, während ich krieche. Kannst du auf meinen Rücken klettern und die Augen zumachen?«
»Ja«, hauchte Sybil kläglich. »Mach schnell, bitte.«
Rachel erhob sich auf Hände und Knie, und Sybil krabbelte auf ihren Rücken und legte die Arme fest um ihre Schultern. Andere Menschen bewegten sich ebenfalls in der Masse der Toten, und alle hatten die gleiche Richtung eingeschlagen. Mühsam und geschwächt kroch Rachel ihnen nach, während ihre Knie immer wieder in den blutgetränkten Kleidungsstücken versanken.
Sybil schluchzte immer wieder in ihr Haar: »Mommy, Mommy, Mommy …«
»Nicht weinen, Sybil«, versuchte sie das Kind zu trösten, doch ihre Stimme klang rauh und hohl. »Wir schaffen das schon.«
»Was ist mit Daddy? Ich habe andere aus dem Tempel hier gesehen. Vielleicht ist er daheim und wartet auf uns?«
Rachel hatte das Gefühl, ihr Herz würde zerspringen. Trauer erfüllte sie. »Vielleicht, Liebes.«
Sie stützte sich mit einer Hand auf das Bein einer toten Frau, die von den Strahlen in zwei Hälften zerschnitten worden war, und schaute sich forschend auf dem Platz um. Weshalb waren die Wachen gegangen? Hatte der Mashiah beschlossen, jene, die noch lebten, entkommen zu lassen? Damit sie von dieser Sache berichten konnten? Um andere dermaßen einzuschüchtern, daß sie sich seiner dämonischen Herrschaft unterwarfen?
Der Haß, der in ihr aufstieg, nahm ihr den Atem. Sie konzentrierte sich darauf, versuchte ihn noch zu steigern in der Hoffnung, er könnte ihre Trauer überdecken. Adom war ein wahnsinniges Genie. Ein Schauspieler, der seine Rolle zur Perfektion geführt hatte. Sie hatte ihm ein Dutzend Mal gegenübergestanden und die sanften Worte des Tadels gehört, mit denen er ihre Rebellion bedachte. Er war immer so freundlich, so sanft und nachsichtig. Oder so schien es wenigstens, bis er am nächsten Tag die Ermordung von Hunderten ihrer Anhänger befahl. Um sie zu strafen … o ja, er wußte, wie man strafte. So, wie er es jetzt auch wieder getan hatte. Was hatte er nun vor? Würde er warten, bis die Überlebenden sich am Eingang versammelte hatten, um dann das Feuer wieder eröffnen zu lassen?
Rachels Arme gaben plötzlich nach, und sie landete auf der zerrissenen Brust eines jungen Mädchens. Der schreckverzerrte Gesichtsausdruck des höchstens zwölf Jahre alten Kindes schien sie um Gnade anzuflehen.
»Nicht anhalten, Mommy«, stieß Sybil hervor. »Nicht anhalten!«
Rachel stemmte sich mühsam wieder hoch und zwang ihren zitternden Körper, sich zu bewegen. »Psst, Liebes. Ich halte nicht an.«