KAPITEL
11
Die Berge rings um Capitol schimmerten im Sternenlicht. Der Regen hatte aufgehört und dunkle Wolken zurückgelassen, die sich jetzt um die Gipfel drängten. Kiefern bohrten sich wie schwarze Speere in den Himmel. Der Nebel umlagerte ihre Stämme und waberte in der aufkommenden Brise.
Jeremiel kauerte auf einem vorgelagerten Hügel und blickte über die Stadt. Hochaufragende dreieckige Gebäude ballten sich im Zentrum Capitols zusammen. Ihre reflektierenden Fensterscheiben glühten geisterhaft im düsteren Licht. Vom Nebel abgesehen waren die Straßen leer, doch das Haupttor des Landefeldes stand weit offen.
Er schüttelte den Kopf und schnaubte verächtlich. Was erwarteten sie? Daß er den Köder annahm und ihnen genau in die Arme lief? »Ihr glaubt doch nicht, daß ich ein solcher Narr bin?« flüsterte er in den naßkalten Wind. »Vielleicht aber doch. Ihr tapferen Burschen in Purpur seid ja nicht dafür bekannt, besonders helle zu sein.«
Frostiger Wind preßte ihm den Anzug gegen die Rippen, als er losmarschierte, um die Ecke des Raumhafens zu begutachten. Der zwölf Fuß hohe Zaun und ein einzelnes graues Gebäude waren sichtbar. Sechs Schiffe standen auf dem Landefeld, doch nur eines davon befand sich so nah am Zaun, daß er es möglicherweise erreichen konnte. Und soweit er es beurteilen konnte, würde er eine Straße hinunter und einer andere wieder hinaufgehen müssen, um die für seinen Sprung nötige Höhe zu erreichen.
Wo mochten sie warten? Auf dem Platz? In den Gebäuden? Oder irgendwo in den Hügeln rings um das Feld?
Unbehaglich betrachtete er die baumbestandenen Hügel, zog dann die Impulspistole und stellte sie auf breite Streuung, bevor er sie wieder in die Tasche an seiner Hüfte steckte. Lautlos schritt er zur Tenth Avenue hinunter. Ringsum duckten sich niedrige Apartmenthäuser aus Ziegelstein. Durch die schmalen Fenster fielen unregelmäßige Lichtstreifen auf seinen Weg. Irgendwo wurden Musik und Gelächter laut und verklangen wieder auf den kalten, leeren Straßen.
Diese Töne erwärmten ihn innerlich. Als er vierzehn wurde, war sein Vater gestorben, und seitdem hatte er keine Familie mehr gehabt, doch er sehnte sich nach einer solchen Gemeinschaft. Einsamkeit war der höchste Preis, den man als Kommandeur zu zahlen hatte. Soldaten fürchteten sich davor, durch engen Kontakt zu ihren Generälen deren Schwächen zu entdecken. Verlassen konnte man sich nur auf einen unbezwingbaren General. Schwachen Menschen hingegen durfte man nicht trauen.
Er ballte die Hände zu Fäusten und stemmte sich gegen die eigene Unfähigkeit. Svene hatte verstanden. Drei Jahre lang war sie sein Schild gewesen, eine leuchtende Klinge, die zwischen ihm und der Welt aufblitzte. Sie hatte ihn vor Besuchern abgeschirmt und nur dann jemanden zu ihm durchgelassen, wenn er sich selbst unter Kontrolle hatte. Niemand außer ihr wußte von den Augenblicken, wenn er um Soldaten weinte, die eines erbärmlich ausgeführten Schlachtplans wegen sterben mußten. Niemand außer Syene kannte den Ursprung der Selbstzweifel, die seine Seele marterten. Schmerzvolle Erinnerungen an ihr helles Kleinmädchen-Lachen suchten ihn heim. Der Klang stand so deutlich in seinem Bewußtsein, daß er glaubte, er hätte sie wirklich gehört. Er zuckte zusammen, wollte sich schon umdrehen, während die Hoffnung seine Brust zu sprengen drohte, und hielt sich dann mit aller Macht zurück. Tot. Sie war tot.
Er lehnte sich mit der Schulter gegen eine Hauswand und starrte blicklos in den Nebel. Sein Herz hämmerte schmerzhaft. Der Nebel bewegte sich, bildete seltsame Umrisse, fast schon Gesichter, die sofort wieder vergingen. Er leckte sich über die Lippen und schüttelte die schweißgetränkten Haarspitzen aus dem Gesicht.
Er hatte gerade erst zwei Schritte gemacht, da ließ ihn das kratzende Geräusch von Plastik auf Stoff innehalten.
»Ganz ruhig, Mister«, sagte eine leise Stimme hinter ihm. »Nehmen Sie die Hände hoch … So ist es gut. Und jetzt umdrehen. Ich will Ihr Gesicht sehen.«
Narr! Hast du dich so in deinem eigenen Kummer gewälzt, daß du ihr Näherkommen nicht bemerkt hast? Jeremiel schluckte den Kloß in seiner Kehle herunter und drehte sich um.
Der Marine zielte mit einem Gewehr auf seinen Magen. Er war jung, hatte rabenschwarzes Haar, harte grüne Augen und wirkte kampferfahren. Seine purpurne Uniform war schmutzig und an den Ärmeln abgetragen. Nicht gerade der Typ eines Leuteschinders. Er kam näher, und Jeremiel unterdrückte das Verlangen, seine Pistole zu ziehen und den Mann zu töten. Das Krachen des Schusses würde ganz Capitol aufschrecken. Dann dürfte er die nächsten zwei Monate in einem Versteck verbringen, und die Magistraten würden das Sicherheitsnetz um den Raumhafen noch engmaschiger machen. Und er würde nie von Kayan fortkommen.
Er lächelte nervös, breitete die Arme aus und kam dem Soldaten entgegen. »Worum geht’s denn, Lieutenant? Ich komme gerade von der Arbeit und will nach Hause.«
»Wir haben jedes Geschäft und jeden Haushalt benachrichtig. Tun Sie also nicht so, als wüßten Sie nichts von der Ausgangssperre. Wie heißen Sie?«
»Michael Schacter. Ich besitze ein eigenes Geschäft auf der anderen Seite der Stadt. Die meiste Zeit war ich in meinem Laden. Von der Polizei habe ich nichts gehört.«
Der Marine betrachtete Jeremiel prüfend und musterte jeden seiner Züge genau. In seinen Augen spiegelte sich Wiedererkennen. »Sie müssen mit zur Wache kommen. Wir …«
»Was?« fragte Jeremiel, kam noch näher und wappnete sich innerlich. »Ich habe eine Familie, die daheim auf mich wartet. Wie lange soll dieser Unsinn denn noch dauern?«
Der Finger des Marine spannte sich um den Abzugshahn seines Gewehrs und Jeremiel spürte, wie ihm ein Prickeln über den Rücken lief. »Wenn Sie nicht zurücktreten, Mister, kommen Sie vielleicht nie mehr nach Hause.«
»Ich gehe ja schon zurück.«
»Drehen Sie sich um und marschieren Sie in Richtung Raumhafen.« Er deutete mit dem Gewehr die Straße hinauf. »Ich bin direkt hinter ihnen.«
Jeremiel nickte schleunigst und ging in die silbernen Nebelschleier hinein, die über die Straße wirbelten. In der Ferne erhob sich eine Gruppe dürrer Kiefern neben einem dunkelgrauen Gebäude.
»Ich sehe nirgendwo Lampen brennen. Zu welchem Gebäude …«
»Gehen Sie einfach.«
»Ja, ja. Werden Sie nur nicht nervös.«
»Mit meinen Nerven habe ich keine Probleme.«
»Das freut mich zu hören.«
Als sie sich der Regierungseinrichtung näherten, tauchten längs der Straße Blumenbeete mit Efeu und wildem Wein auf. Der Wind pfiff durch die Bäume, die das Landefeld umgaben. Nah … sie waren nah.
Jeremiel duckte sich unter den überhängenden Zweigen einer kayanischen Eiche. Dichte Brombeersträucher bildeten eine nierenförmige Hecke zu seiner Rechten.
Als der Marine sich ebenfalls duckte, um ihm zu folgen, senkte er seinen Blick für einen Sekundenbruchteil. Jeremiel wirbelte herum und trat mit aller Kraft zu. Der Soldat stolperte zurück und landete im Brombeergebüsch. Ein ungezielter Schuß löste sich aus seinem Gewehr; der violette Strahl durchbohrte den Nebel, und das schrille Wimmern hallte von den Gebäuden wider.
Verdammt! Im ganzen Sektor schnappen sich jetzt alle ihre Gewehre und machen sich in diese Richtung auf! Jeremiel riß die Pistole aus der Tasche und sprang vorwärts, um den Soldaten zu erreichen, bevor der einen weiteren Schuß abgeben konnte. »Halt!« rief er.
Der Lieutenant hob gerade wieder das Gewehr, als Jeremiel ihn erreichte. Instinktiv schlug er den Lauf mit der Faust zur Seite, und das Gewehr flog auf die nasse Straße. Der Marine holte verzweifelt aus, schlug Jeremiel die Beine unter dem Körper weg und versuchte, ihm die Pistole zu entwinden.
»Du … kannst es nicht schaffen, Baruch«, keuchte der Soldat und stieß Jeremiel ein Knie in die Seite, während sie um die Waffe rangen. »Wir haben … überall Leute postiert.«
Panik raste wie Feuer durch Jeremiels Adern. Er wuchtete den Marine zur Seite, rollte sich auf ihn und versuchte, die Pistole so zu drehen, daß der Lauf auf den Kopf des Gegners zeigte. Auch wenn die Jungs in Purpur vielleicht nicht in der Lage gewesen waren, den Ursprungsort des Schusses anhand der Echos zu lokalisieren, würde ihnen ein zweiter Schuß sicher auf die Sprünge helfen. Und dann würde die gesamte Militärmacht Kayans über ihn kommen. Aber es sah nicht so aus, als hätte er eine Wahl.
»Sei kein Narr … Baruch«, keuchte der Marine, umklammerte Jeremiels Unterarm mit eisernem Griff und bemühte sich, die Pistole von sich abzuwenden. »Gib auf. Die Magistraten …«
»Werden mich am höchsten Baum aufknüpfen.«
»Du kriegst eine Verhandlung.«
Der Marine richtete sich gewaltsam auf und stieß mit dem Ellbogen mehrmals gegen Jeremiels Schläfe. Ein Blitz schoß durch seinen Kopf und betäubte ihn für einen Moment. Der Soldat wand ihm die Pistole aus der Hand, schob sich unter ihm hervor, rollte zur Seite und kam unsicher auf die Füße.
»Du verdammter Mistkerl«, zischte er und zielte auf Jeremiels Bauch. »Du hast gerade dein Todesurteil unterschrieben.«
Jeremiel setzte sich auf und registrierte geistesabwesend, daß ihm Blut heiß über das Gesicht lief. Er spannte sich innerlich in Erwartung des Schusses. Als dieser nicht kam, blickte er den Marine fragend an. Der Mann stand schwer atmend da und betrachtete ihn mit harten grünen Augen.
»Hast du vor, die Belohnung zu kassieren?« fragte Jeremiel und holte tief Luft. Das schien die einzige Erklärung zu sein, warum er noch nicht tot war. Ganz tief in seiner Seele schien irgend etwas den Gedanken an den Tod mit Erleichterung zu begrüßen, doch sein anderes Ich schrie, er solle auf die Beine kommen und irgend etwas unternehmen.
Der Marine knirschte mit den Zähnen. »Geht nicht. Regierungsbedienstete sind von Prämien ausgeschlossen.«
»Das werde ich mir merken.«
»Glaub ja nicht, daß es dir noch etwas nützen wird, mein Freund. Wir schicken dich geradewegs in die neurophysiologische Abteilung.« Er lächelte grimmig. »Nachdem du dort ›gesungen‹ hast, wirst du dich nie wieder an irgend etwas erinnern müssen.«
»Darauf kann man sich ja richtig freuen«, erwiderte Jeremiel. Er versuchte, auf die Füße zu kommen, landete aber wieder auf dem Rücken.
»Steh auf.«
»Gib mir nur eine Sekunde …«
»Ich sagte, steh auf!« rief der Marine und machte drohend einen Schritt vorwärts.
Jeremiel schwang blitzschnell herum und trat dem Marine in die Kniekehlen, was ihn in Richtung des auf der Straße liegenden Gewehrs taumeln ließ. Jeremiel sprang ihm nach, stieß die Pistole zur Seite und griff gleichzeitig nach dem Gewehr. Als er den Lauf packte, traf der Marine mit einem harten Faustschlag seinen Solarplexus. Grunzend und keuchend rollten sie übereinander, bis Jeremiel schließlich die Oberhand gewann. Er drückte die Flinte quer auf die Kehle des Soldaten und lehnte sich mit seinen ganzen zweihundert Pfund auf den Lauf. Der Marine wand sich und strampelte wild mit den Füßen.
Als der Soldat die Augen verdrehte und seine Arme kraftlos heruntersanken, zog Jeremiel das Messer aus seinem Stiefel und durchschnitt rasch die Kehle des Mannes. Er wischte die Klinge an der purpurnen Kleidung des Marines ab und zerrte ihn dann zu dem Brombeergesträuch hinüber. Auf dem Bürgersteig glitzerte eine Blutlache schwach im Licht, aber wenigstens war die Leiche versteckt.
Jeremiel zog sich die Kapuze über den Kopf, um sein blondes Haar zu verbergen, schlüpfte zwischen den Zweigen hindurch auf die andere Seite und schlich dann lautlos im schwarzen Schatten der nierenförmigen Hecke entlang. Dabei fragte er sich, wo die anderen Marines sein mochten. Warum waren sie nicht hergekommen? Hatten sie ein Ablenkungsmanöver erwartet und daher dem Team im Hinterhalt eingeschärft, auf keinen Fall den Posten zu verlassen? Oder beobachteten sie ihn im Moment und warteten auf die günstigste Gelegenheit zum Schuß?
Er schob diesen Gedanken beiseite und beschleunigte seinen Marsch durch das Gebüsch. Als er das Ende erreichte, legte er sich auf den Bauch und blickte sich prüfend um. Er hatte den Rand des Gebäudekomplexes bereits hinter sich gelassen. Der Hügel erhob sich nur fünfzig Yards entfernt, doch er würde über eine fast baumlose und von nassem Gras bedeckte Fläche laufen müssen.
Er wischte sich den Schweiß aus den Augen und warf einen Blick auf die Umgebung. Nebel verdeckte den größten Teil des Platzes und kräuselte sich um die einzelne, bläulich schimmernde Lampe, die das Feld erhellte. Nichts rührte sich.
Doch eine innere Stimme warnte ihn vor einem Hinterhalt. »Verdammt, ihr seid dort draußen. Ich weiß es.«
Er rollte sich zur Seite, zog die Pistole und stützte sie auf einen dicken Zweig. Dann ließ er den Scanner des Zielfernrohrs langsam herumwandern. Rote Punkte zeigten sich auf dem Feld: Achtundzwanzig insgesamt.
»Zu viele. Zu viele!«
Das Blut rauschte in seinen Ohren, als er den Atem anhielt. Diesmal hatten sie wirklich vor, ihn aufzuhalten.
Er richtete das Zielfernrohr auf das Schiff unmittelbar hinter dem Zaun. Es war ein kleines Fahrzeug und sah aus, als wäre es gut in Schuß, doch von seinem Standort aus konnte Jeremiel nicht erkennen, welche Art von Antrieb oder Bewaffnung es besaß. Angst schnürte ihm die Kehle zu.
»Sei nur schnell, Baby«, flüsterte er. Wenn es Landestützen hatte, könnte er die Schilde hochbekommen und abheben, bevor …
Ein Knacken ertönte im Gebüsch.
Jeremiel erstarrte und hielt den Atem an. Ein Tier? Das Geräusch der von den Ästen herabfallenden Tropfen hörte sich in der Stille ungeheuer laut an. Er blieb volle fünf Minuten reglos liegen und lauschte; dann stieß er ein erleichtertes Seufzen aus und spähte abermals durch das Fernrohr zum Schiff hinüber. Kisten standen in bis zu zehn Fuß hohen Stapeln auf dem Platz vor den Türen, die mit der Aufschrift »Zoll« gekennzeichnet waren. Und eine Reihe quadratisch geformter Lademaschinen waren an der Seite des Gebäudes abgestellt.
Wieder ein Knacken. Näher.
»Jeremiel?«
Er rollte sich auf den Rücken und ließ das Zielfernrohr langsam über das verfilzte Buschwerk wandern. Der Mann kauerte nicht mehr als dreißig Fuß von ihm entfernt. Er sah häßlich aus mit den fehlenden Zähnen und dem Quadratschädel. Aber er war nicht in Purpur gekleidet.
Gottverdammt, wie hatte er es nur geschafft, so nah heranzukommen? Wütend verfluchte Jeremiel sich selbst, seine Erschöpfung, seine Nachlässigkeit und den Umstand, daß er die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte.
»Baruch! Ich bin ein Freund. Ich bin gekommen, um dir zu helfen.«
War das möglich? Ja. Überall in der Galaxis riskierten Gamanten ihr Leben, um ihn oder seine Truppen zu unterstützen. Viel wahrscheinlicher war allerdings, daß dieser Bursche zu den Kopfgeldjägern gehörte, die sich auf seine Fährte gesetzt hatten. Aber wie auch immer, er konnte kein Risiko eingehen.
Jeremiel suchte das Buschwerk noch einmal gründlich ab und entdeckte zwei weitere Männer, die sich leise in seine Richtung bewegten. Noch befanden sie sich nicht in Schußposition, aber viel fehlte nicht mehr.
Er stieß einen besorgten Seufzer aus, sprang auf die Füße und nahm den Hügel in Angriff. Der Nebel umwirbelte ihn, als er auf den Zaun zurannte.
Yosef lehnte sich in einem der blauen Passagiersitze der Seros zurück und schaute sich angewidert in der engen Kabine um. Überall im Schiff war Müll verstreut, hier eine Konservendose, dort eine zerknüllte Plastikverpackung. Bierflaschen und Schokoladenpapier türmten sich zu einem ständig wachsenden Berg in der Ecke auf. Wie viele Tage waren sie jetzt hier? Es schmerzte ihn, daß er Ezarins Beerdigung versäumt hatte. Würde er wenigstens seinen Bruder bald besuchen können?
»Ich kann diese Farben nicht ausstehen«, grollte Ari und deutete auf die Schiffseinrichtung. »Protziges Purpur und gräßliches Grau. Ich möchte wissen, welcher Idiot diese Sachen hier entworfen hat.«
Yosef schob sich die Brille auf die Nase, drehte die angenehme Musik leiser, der er gelauscht hatte, und Schaute zu seinem Freund hinüber. Ari lümmelte sich auf dem Platz des Kommandanten und hatte die langen Beine wie Tentakel über den Teppich ausgebreitet. Sein weißes Haar stand in allen Richtungen vom Kopf ab. Neben ihm stand eine Bierflasche gefährlich dicht bei einem der roten Schalter auf der Kontrollkonsole.
»Na, was meinst du? Ob es dieser hirnverbrannte Captain war?«
»Was ist denn los mit dir?« murrte Yosef.
»Wieso?«
Yosef runzelte die Stirn. »Wir sitzen hier als Gefangene, und du redest über Farben! Ich dachte, du entwickelst einen Fluchtplan?«
Ari rülpste, lehnte sich im Sessel zurück und grinste verschwörerisch. »Ich habe bereits alles ausgearbeitet.«
»Und?«
»Du hast gesagt, du willst nichts mehr davon hören.«
»Du Schwachkopf! Wolltest du mir etwa die gleiche dumme Idee noch einmal erzählen?«
»Du kennst aber die neueste Verbesserung noch nicht.«
»Mich interessiert nur, ob du inzwischen weißt, wie du vermeiden willst, daß wir getötet werden, nachdem wir den Raumhafen in die Luft gejagt haben und bevor wir bei Zadoks Höhlen eine Bruchlandung machen.«
Ari zog grinsend die Augenbrauen rauf und runter. »Klar.«
»Nein!« Yosef hob abwehrend die Hände. »Sag es mir nicht. Ich könnte es nicht ertragen, noch eine von deinen hirnverbrannten …«
»Du bist ja nur neidisch, weil dir selbst überhaupt noch nichts eingefallen ist«, erklärte Ari selbstgefällig und verschränkte trotzig die Arme.
»Du weißt, was passiert, wenn wir beide gleichzeitig nachdenken? Wir kriegen eine Menge Probleme.«
Ari kicherte und schluckte den letzten Rest seines Bieres hinunter, wobei er gräßliche Schlürfgeräusche machte. Dann schob er die Flasche in den Müllhaufen. Yosef warf ihm einen mißbilligenden Blick zu, erhob sich und ging in der winzigen Kabine auf und ab.
»Ich begreife nicht, weshalb sie uns hier so lange festhalten. Unsere Papiere sind in Ordnung und …«
»Sie haben diesen Untergrund-Führer noch nicht geschnappt, nach dem sie suchen.«
Yosef blinzelte. »Welchen Untergrund-Führer? Wo hast du das gehört?«
»Von diesem häßlichen kleinen Marine, der heute morgen herkam.«
»Der Kerl, den du rausgeworfen hast?«
Ari fuchtelte heftig mit den Händen in der Luft. »Das war vielleicht eine Pfeife! Wollte mir erzählen, ich dürfte keine religiösen gamantischen Lieder über die Schiffslautsprecher absingen, um landende Schiffe zu begrüßen. Dieses Rindvieh. Er kann froh sein …«
»Hör auf damit, Ari! Was hat er über den Untergrund-Führer gesagt?«
»Oh … er meinte, sie hätten ihn noch nicht gefangen.«
Yosef rieb sich aufgeregt den Nasenrücken und fragte dann: »Hat er gesagt, wie dieser Führer heißt?«
Sein Freund zuckte die knochigen Schultern und meinte gähnend: »Offenbar hat er mir nicht genügend Vertrauen geschenkt, um mir das zu sagen.«
Yosef starrte ihn an.
»Davon abgesehen hat er ihn auch nicht ausdrücklich als Untergrund-Führer bezeichnet. Du weißt ja, wie diese Philister sind. Werfen alles durcheinander. Mal sehen«, er rieb sich nachdenklich das faltige Kinn, »ich glaube, er sagte ›ein gamantischer Agitator‹.«
Yosef setzte sich auf den Platz neben Ari. »Ich frage mich, wer es ist. Es könnte jemand sein, den wir kennen.«
»Zum Beispiel?«
»Sariel Loman oder Ruth Wilo. Beide sind auf Tikkun geboren, erinnerst du dich? Ich habe immer zusammen mit Ruths Vater gesungen …«
»Hat das irgendeine Bedeutung?«
»Das kann durchaus wichtig sein, du Tölpel. Du weißt doch, daß der Untergrund Kinder aus diesen schrecklichen Schulen der Magistraten herausholt, und daß er Nahrungsmittel und Hilfsgüter auf jene Entwicklungsplaneten bringt, über die von der Regierung ein Embargo verhängt wurde, weil man sich dort noch an die alten Traditionen hält.«
»Sicher. Und?«
»Was ist, wenn der Untergrund hier auf Kayan einen Überfall plant?«
»Es gibt aber keine magistratischen Schulen auf Kayan. Oder doch?«
»Nicht, daß ich wüßte … aber sicher bin ich mir da auch nicht. Zadok ist zu beschäftigt, um viel zu schreiben und …«
»Hey!« Aris Augen leuchteten plötzlich auf. »Meinst du, wir geraten vielleicht mitten in ein Gefecht? Glaubst du das?« Er setzte sich aufrecht hin, rüttelte an einigen Hebeln und tat so, als würde er Knöpfe drücken. »Ich weiß genau, welche Schalter man betätigen muß! Siehst du den grünen hier?«
Yosef las die Beschriftung und verzog unwillig den Mund. »Hör auf, daran herumzuspielen! Willst du uns in die Luft jagen?«
Ari strich würdevoll die Aufschläge seiner blauen Jacke glatt und meinte: »Du glaubst wohl, ich wüßte nicht, wie man dieses Schiff fliegt. Dabei habe ich diese Armaturen genau studiert und …« Er hielt inne, warf einen Blick auf das Bullauge und lehnte sich dann zur Seite, um besser sehen zu können.
»Was ist los?« Yosef drehte sich um und schaute in die gleiche Richtung wie sein Freund.
»Hast du das gesehen?« Ari erhob sich und spähte durch das runde Fenster in den dichter werdenden Nebel hinaus. »Schau! Da ist er wieder.«
Yosef stellte sich neben ihn, rückte die Brille zurecht und blinzelte in den Nebel. »Wer?«
»Ich kenne seinen Namen nicht!« trompetete Ari und zeigte mit dem Finger nach draußen. »Aber es ist einer von diesen häßlichen Marines. Er ist gerade hinter dem Schiff dort drüben hervorgekommen und versteckt sich jetzt hinter der großen Kiste. Warte einen Moment, dann siehst du ihn auch.«
»Bah!« machte Yosef, der nichts als wabernden Nebel sah. »Wie so manches andere funktionieren auch deine Augen nicht mehr richtig.«
»Was soll das heißen? Agnes hat sich noch nie beklagt, wenn ich mich mit ihr getroffen habe. Im Gegenteil, bei mir funktioniert alles bestens.«
»Außer deinem Gehirn.«
Das schrille Heulen eines Gewehrschusses hallte über das Landefeld. Gleißend violette Strahlen zerrissen den Nebel und schufen ein tödlich leuchtendes Netz um die Seros. Yosef stolperte zurück, verfehlte den Sessel und landete auf dem Boden.
»Mein Gott!« kreischte Ari. »Sie schießen auf uns!«
Als Jeremiel den Zaun erreichte, wurde es auf dem Feld lebendig. Überall tauchten rennende Soldaten auf. Rufe wie »Da ist er!« oder »Es ist Baruch!« zerrissen die Luft.
Er warf sich über das Hindernis und landete hart auf dem nassen Boden. Als er loslief, erspähte er einen Marine, der sich auf eine Kiste stützte und mit dem Gewehr auf ihn zielte.
In plötzlicher Panik riß Jeremiel den Abzug seiner Pistole durch. Der Schuß ging ungezielt los, zerstörte die Kiste und jagte Holzsplitter durch die Luft. Er feuerte nochmals und roch brennendes Fleisch.
Gottverdammt, es sind so viele.
Er warf sich hin, als ein Strahl krachend an seinem Bein vorbeifuhr, rollte sich zur Seite, sprang wieder auf und rannte weiter. Dem nächsten Schuß konnte er jedoch nicht mehr ausweichen. Er traf ihn von hinten am Oberschenkel und schleuderte ihn wieder zu Boden. Das Blut rann heiß aus der klaffenden Wunde über sein Bein.
»O mein Gott, mein Gott«, stöhnte er, wälzte sich auf den Bauch und versuchte das Schiff zu erreichen, das nur noch drei Meter entfernt war.
Sein Magen verkrampfte sich vor Angst. Der Schuß hatte ihn eindeutig nur verwunden, nicht töten sollen. Also hatten sie Befehl, ihn lebendig zu fangen. Und das ist auch der Grund, warum der Marine mich auf der Straße nicht getötet hat, als er die Gelegenheit dazu hatte.
Ein weiterer Schuß traf eins der Landebeine des Schiffs. Es neigte sich zur Seite, verharrte einen Moment in dieser Stellung und kippte dann um.
Ein ganzer Schwarm Marines erhob sich und eilte auf ihn zu. In diesem Moment wußte er, daß es vorbei war. Er konnte das Schiff nicht erreichen. Sie hatten ihn umzingelt. Er leckte sich die Lippen und kämpfte gegen das Gefühl der Sinnlosigkeit an, das ihn zu übermannen drohte. »Gib niemals auf. Niemals.«
Die Aussicht auf Gefangennahme durch die Magistraten schreckte jeden gamantischen Rebellen. Ihre Bewußtseinssonden quetschten jede gewünschte Information aus der Erinnerung eines Menschen, allerdings mit grausigen Folgen für jene Teile des Gehirns, in denen die Persönlichkeit verankert war. Die Ergebnisse dieser Sondierungen hatte er bei einem Überfall auf ein Rehabilitationszentrum gesehen. Doch sein eigenes Leben zählte nur wenig. Worauf es ankam, war sein Wissen. Nur zehn Minuten unter der Sonde würden genügen, um die gesamte Untergrundbewegung zu gefährden.
Als die Marines näherkamen, hob er die Pistole und drückte den Lauf gegen die Schläfe. Unheimliche Ruhe überkam ihn. Er sah, wie die Marines die Augen aufrissen. Ihre Schritte wurden zögernd, und irgend jemand rief: »Haltet ihn auf.«
Dann erzitterte der Boden, und ein violetter Strahl schoß aus dem Schiff. Der Schuß traf das Terminal und zerstörte das Gebäude, aus dem augenblicklich donnernde Flammen emporloderten.
Die Marines schrien auf und rannten deckungsuchend davon, als der zweite Schuß ein in der Nähe stehendes Schiff zur Explosion brachte. Der Strahl wanderte nach rechts, zerstörte ein paar Kisten und ein weiteres Gebäude. Überall auf dem Landefeld waren nun Schreie und das Getrampel von Stiefeln zu vernehmen.
Einen Moment später verstummten alle Geräusche, als sich eine schimmernde Wand um Jeremiel schloß. Ungläubig schüttelte er den Kopf.
»Schutzschilde. Gesegnet sei Epagael«, murmelte er ehrfürchtig. »Jemand in diesem Schiff ist auf meiner Seite.« Er nahm alle Kraft zusammen, die ihm noch verblieben war, kroch auf das Schiff zu und beobachtete dabei gleichmütig, wie die Schüsse der Marines purpurne Wellen auf den Schilden hervorriefen.
Als er den Eingang erreichte, schwang die Tür auf magische Weise auf und ein alter Mann, auf dessen Nasenspitze eine Brille saß, kletterte langsam die außen angebrachte Leiter hinab. »Wie heißen Sie?« fragte er mißtrauisch.
»Jeremiel Baruch.«
»Ah, natürlich«, rief der Mann fröhlich und lächelte. »Ich kannte deinen Vater. Beeil dich, mein Junge, uns bleibt nicht viel Zeit.« Der alte Mann half ihm auf die Füße und stützte ihn, als sie ins Schiff kletterten. Kaum hatte sich die Luke mit einem Schnappen hinter ihm geschlossen, fragte der Alte: »Du weißt doch, wie man dieses Ding fliegt, oder?«
Jeremiel wollte gerade zustimmend nicken, als ein anderer, großer und schlaksiger alter Mann mit einem wirren grauen Haarschopf rief: »Ich weiß selbst, wie man es fliegt, du alter Narr! Ich habe ja auch herausgefunden, wie man die Waffen und die Schilde bedient, oder?«
»Du kannst aber nicht …«
Jeremiel ignorierte die beiden und schaute sich blinzelnd im hellerleuchteten Schiff um. Als die Soldaten die Landestütze zerschossen hatten, war alles, was nicht befestigt gewesen war, in den hinteren Teil des Schiffes gerutscht. Dort lag der Müll jetzt zwei Fuß hoch. Jeremiel hangelte sich an Sesseln und Abdeckungen nach vorne, ließ sich in den Pilotensessel fallen und zog das verletzte Bein nach. »Bitte Platz zu nehmen, meine Herren. Wir haben keine Zeit mehr für Diskussionen.«
»Einen Moment! Ich bin der Captain! Ich werde …«
Jeremiel schob den Beschleunigungshebel nach vorn. Das Schiff erhob sich über den Nebel und schoß dann in den dunklen, sternenbesetzten Nachthimmel von Kayan.