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Er hatte sich einen ganzen Tag lang im überheizten Sitzungssaal eines Hotels den Hintern platt gesessen, um sich schlechte Präsentationen von Mitgliedern des Führungsstabs und des Aufsichtsrats anzuhören.
Nathan frustrierte die Vertriebskonferenz jedes Mal – zum einen, weil er nicht selbst etwas präsentieren durfte, zum anderen, weil er sich am kollektiven Augenrollen und Auf-die-Uhr-Schielen der Handelsvertreter beteiligen musste, die sich berieseln ließen und nicht einmal mit halbem Ohr zuhörten.
Die Sitzung endete um 16.45 Uhr. Im Foyer gab es Kaffee und Kekse für die Teilnehmer, die dann ein bis zwei Stunden Freizeit hatten, bevor sie in der Boleyn Bar zum Galadinner wieder zusammenkamen.
Schwitzend und kribbelig vor Langeweile strömten alle bis auf die Führungsstabsmitglieder, die ausnahmslos vor Stolz über den Erfolg ihrer Reden zum Thema Saisonabhängigkeit: Abbild des Wandels oder Wachstumschance? strahlten, in die Lobby, wo sich Grüppchen zusammenschlossen wie Materie nach dem Urknall.
Die geflüsterten Gespräche drehten sich darum, wie gelangweilt alle waren, wie heiß es da drin war und wer abends beim Galadinner neben wem saß.
Ein regelmäßiger Triumph der Marketingabteilung war die ausgeklügelte Sitzordnung beim Galadinner. Diese Sitzordnung spiegelte implizit die tief verwurzelten, strukturbedingten Feindschaften innerhalb der Firma wider. Die, die sich hassten, wurden an verschiedene Tische gesetzt – ebenso wie die, die miteinander schliefen, und die, die nicht mehr miteinander schliefen. Die, die man bei der Beförderung übergangen hatte, wurden nicht neben die erfolgreichen Kandidaten platziert. Unbeliebte Überflieger mit Hochschulabschluss wurden nicht neben erdbeernasige Alkoholiker gesetzt, die noch immer vor Wut über den Verlust weit zurückliegender Weihnachtsboni kochten.
Zehn Tage vor jeder Konferenz wurde dieses Werk – in tiefer Verehrung Sitzordnungsentwurf genannt – beim Hauptgeschäftsführer und anderen Mitgliedern des höchsten Ausschusses eingereicht. Der Hauptgeschäftsführer und der höchste Ausschuss ignorierten den Sitzordnungsentwurf immer bis neunzig Minuten vor dem Galadinner, um ihn dann abzulehnen.
Dies führte dazu, dass die Marketingabteilung – sechs Frauen und zwei gut aussehende, schüchterne Volontäre mit Hochschulabschluss, die sich fragten, was zur Hölle sie hier verloren hatten – einen Krisenstab einberief und kettenrauchend im logistischen Chaos versank.
Mit folgendem Ergebnis: Niemand saß neben jemandem, den er mochte – niemand außer der Marketingabteilung, die sich selbst, die Kunstabteilung und eine ausgewählte Anzahl der geistreichsten und witzigsten Vertreter an die beiden Tische in der hintersten, abgeschiedensten Ecke platzierte, wo sie sich dann bis drei Uhr morgens betranken und Witze über den Hauptgeschäftsführer und die Direktoren erzählten.
Wie alle anderen auch hasste Nathan das Galadinner – es bewirkte jedes Mal das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war: Man konnte spüren, wie der Knoten aus Groll, Neurosen und blankem Hass zu schmoren begann wie eine schlechte Verkabelung.
Das Schlimmste war, dass er nie voraussehen konnte, ob er diesmal in der Gunst der Marketingabteilung stand und somit auserwählt wurde, bei ihnen zu sitzen, oder nicht.
Als also alle in flüsternden Grüppchen im Foyer zusammentraten, beschloss Nathan, sich die nervenaufreibenden Diskussionen zu ersparen.
Er blieb stehen und klopfte alle seine Anzugtaschen ab, als wäre er verwirrt – vielleicht suchte er nach dem teuren Feuerzeug, das da in seiner Tasche sein sollte. Mit finsterem, bestürztem Gesichtsausdruck ging er weg und tastete weiter seine Taschen ab, als erwartete er, dass das Feuerzeug sich auf übernatürliche Weise materialisierte. Dann wandte er sich nach rechts, stieg in den Fahrstuhl und fuhr nach oben.
Nathan mochte Hotelzimmer. Darin konnte er so tun, als sei er wirklich der Mensch, den er aus sich gemacht hatte. Er mochte die Straffheit der Bettdecken und die strahlende Sterilität des Badezimmers, das konstante Summen der Klimaanlage. Er mochte die unantastbare Macht des Schildes Bitte nicht stören. Es gefiel ihm, es morgens, wenn er aus dem Zimmer trat und seine Krawatte festzog, umzudrehen auf die Seite Bitte räumen Sie mein Zimmer auf. Und er mochte das Gefühl der Grenzüberschreitung, wenn er die Tür hinter sich schloss und seine Krawatte lockerte, dann den Anzug auszog und sich in Socken und Boxershorts neben den Haufen zerknitterter Kleidung aufs Bett legte und durch die Fernsehsender zappte.
Als er dies jetzt tat, döste er mit der Fernbedienung in der Hand ein. Er erwachte mit einem Ruck. Sein Speichel hatte ihn ans Bett geklebt und war auf seinem Kinn zu einer dünnen, schuppigen Kruste getrocknet.
Er hatte die Klimaanlage zu niedrig eingestellt: Er fror an den Beinen. Er rollte sich zusammen. Draußen war es dunkel. Er hatte keine Ahnung, wie spät es war. Er drückte die Lautstärketaste auf der Fernbedienung. Die Sechs-Uhr-Nachrichten fingen gerade an. Er hatte also noch jede Menge Zeit, um richtig aufzuwachen, ausgiebig zu duschen und trotzdem pünktlich zum Abendessen umgezogen zu sein.
Er kroch unter die Decke und hörte sich mit geschlossenen Augen die Kurznachrichten an, die übliche Reihe großstädtischer Skandale und internationaler Spekulationen. Der Teil von ihm, der vor langer Zeit von den Nachrichten bewegt und erzürnt und geängstigt worden war, war längst nicht mehr vorhanden.
Nach den Titelthemen hörte er Folgendes: Nun fast vier Jahre nach ihrem Verschwinden startet die Familie der vermissten Elise Fox wieder einen Aufruf mit der Bitte um Informationen.
Nathan setzte sich auf.
In diesem Hotelzimmer, in dem es keine Geister gab, schlug und peitschte das blaue Licht des Fernsehers sein Gesicht und seinen nackten Körper. Um 18.15 Uhr endete der Nachrichtenüberblick. Der Nachrichtensprecher sprach direkt in die Kamera: Die Familie der vor fast vier Jahren nach einer Party in Gloucestershire spurlos verschwundenen Elise Fox hat heute einen erneuten Aufruf mit der Bitte um Informationen gestartet, die helfen könnten, sie zu finden.
Nathan sah auf dem Bildschirm, wie drei Leute im Blitzlichtgewitter einen Raum betraten und sich an einen Tisch setzten. Ein gut angezogener, kultivierter Mann. Eine Frau in einem weinroten Hosenanzug. Eine jüngere Frau, ein wenig älter als Elise es jetzt wäre, wenn sie noch lebte.
Sie war Elises ältere Schwester.
Die Familie saß vor einem vergrößerten Foto von Elise. Darauf sah sie jung und schön und unbeschwert aus. Nathan hätte sie nicht wiedererkannt. Seine Elise war eine flimmernde Reihe von Schnappschüssen: die Gestalt mit dem weißen Gesicht neben den Tennisplätzen, ihre weißen Brüste in der Dunkelheit von Bobs Auto, die plötzliche Wärme in ihr, das Zucken ihres toten Fußes auf Bobs nacktem Schoß. Eine nackte Gestalt mit dem Gesicht nach unten in einem frisch geschaufelten Grab.
Während die Kameras weiterblitzten, las der Mann ein vorformuliertes Statement ab. »Wenn jemand da draußen, irgendjemand, weiß, was mit Elise geschehen ist, oder wenn jemand da draußen weiß, wo Elise sein könnte, flehen wir Sie an, sich bitte, bitte bei uns zu melden.«
Seine Stimme brach beim Wort »bitte«, und seine Tochter streckte die Hand aus und drückte sanft seinen Arm.
»Wir flehen Sie an«, sagte sie. Elises Schwester.
Sie blickte starr in die Kamera und durch sie hindurch.
Nathan sprang aus dem Bett auf und schaltete alle Lichter ein – die Deckenleuchten, die Stehlampen, die Leselampen am Bett, die Lichter im Bad und bei der Garderobe. Dann holte er eine kleine Whiskyflasche aus der Minibar. Seine Hände zitterten so sehr, dass er sie nicht aufmachen konnte – er öffnete die Flasche mit den Zähnen und goss sich den Inhalt in die Kehle.
Das Telefon klingelte. Nathan nahm ab, ohne nachzudenken.
»Hallo?«
»Hallo, Kumpel«, sagte Justin, Nathans Chef. Justin hielt sich für einen Geschäftsmann der alten Schule: Bei Konferenz-Abendessen trank er Whisky und lockerte seine Krawatte und krempelte sich die Ärmel hoch und rauchte Zigarren bis zum frühen Morgen.
Justin und Nathan vertrauten einander nicht. Deshalb spielten sie allen – einschließlich sich selbst – vor, enge Freunde zu sein.
»Wo bleibst du?«, fragte Justin.
Nathan schaute auf die Uhr, dann zum Fernseher. Es ging nun um ein anderes Thema. Klimaerwärmung oder so was.
»Sorry, Mann. Ich bin wohl kurz eingenickt.«
»Du kommst jetzt besser runter, die Getränke werden schon serviert.«
»Wann beginnt das Abendessen?«
»In vierzig Minuten. Aber ich will, dass du so schnell wie möglich runterkommst.«
Nathan merkte, dass er ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen hatte: dass Handelsvertreter sich nie frei unterhalten und unter die Leute mischen durften. Stattdessen mussten sie von jemandem aus der Zentrale schikaniert werden, den sie nicht mochten und der ihnen nichts zu sagen hatte.
Nathan eilte unter die Dusche. Er stellte sich unter den Wasserstrahl und prüfte, ob er seine Finger spüren konnte. Er wusch seine Haare mit Shampoo und seinen Körper mit der teuren Seife, die er mitgebracht hatte. Er zog frische Boxershorts, Socken und ein Hemd sowie einen frischen Anzug, Schuhe und Manschettenknöpfe an. Den Anzug, den er tagsüber getragen hatte, hängte er an die Schiene des Duschvorhangs, damit der Dampf die Falten glättete.
Er betrachtete sich in der verspiegelten Wand des Fahrstuhls. Schicker Anzug und perfekte Frisur. Blutleere Lippen.
Er ging zum Galadinner.
Vor zwei Wochen hatte Nathan sich mit Amrita über die Kosteneffizienz einer Anzeige gestritten, die sie im Oldie Magazin geschaltet hatte – Amrita hatte ihn einen aufgeblasenen Angeber genannt. So war Nathans langjähriger Begünstigtenstatus heruntergestuft worden. Er durfte nicht bei der Marketingabteilung sitzen.
Die Familie Fox war am Abend wieder im Fernsehen, und am Morgen war sie in den Zeitungen.
Während der folgenden zwei Wochen gewöhnte er sich beinahe daran, sie in den Nachrichten oder in Zeitschriften und Zeitungen zu sehen: das fein geschnittene Gesicht des Vaters, der Ausdruck verwirrter Tüchtigkeit der Mutter. Und die scharfsichtige Geradlinigkeit von Elises Schwester, die in vielen Zeitungen interviewt wurde.
Sie hieß Holly.
Nathan las die Interviews wieder und wieder, bis er sie auswendig kannte.
Er wusste nicht, warum er das tat. Die Gewöhnung an Elises Namen in den Zeitungen befreite Nathan nicht von der Furcht, ihn wieder zu lesen – und machte es auch nicht möglich, ohne Licht zu schlafen.
Aber er fühlte sich mit irgendetwas in Holly Fox’ scharfsichtigem Blick verbunden und war tief bewegt. Es fühlte sich an wie eine Art Liebe, als seien sie aus dem gleichen Holz geschnitzt.
Er wünschte, dass es ihr besser ginge – dass Holly Fox glücklich sein könnte.
Nathan wünschte, dass auch er glücklich sein könnte.
Schließlich fragte er sich, ob sein und Hollys mögliches Glück, genau wie die Ursache ihres Unglücks, nicht vielleicht miteinander verbunden waren.
Das war der Zeitpunkt, als er beschloss, sie zu suchen.