Die Germania von Tacitus

Die Entdeckung des Grundlagentextes der deutschen Geschichte ist ebenso geheimnisumwittert wie unglaublich. Alle Umstände, von denen Salai in diesem Zusammenhang berichtet, sind wahr: Niemand weiß genau (und höchstwahrscheinlich wird man es nie erfahren), wer die Handschrift der Germania von Tacitus entdeckt und der Nachwelt überliefert, wer sie nach Italien gebracht hat und wann und wo sie dort aufbewahrt wurde. Die glaubhafteste Version ist jene, die Enoch von Ascoli als Entdecker sieht, aber auch ihr wird von mehreren Forschern widersprochen (darunter vor allem R. P. Robinson, The Germany of Tacitus, Middletown 1935, für den Poggio Bracciolini der Entdecker war).

Umstritten ist jedoch vor allem die Echtheit des Textes von Tacitus. Dass die Tacitus zugeschriebenen Werke nicht echt sind, wurde von vielen Autoren wiederholt behauptet. Begonnen hat im 19. Jahrhundert der Engländer John Wilson Ross (Tacitus and Bracciolini: the Annals forged in the XVth century, London 1878). Er war der Erste, der Bracciolini die Fälschung der Annales zuschrieb, einem der beiden Hauptwerke des lateinischen Historikers. Zu demselben Schluss kam im 19. Jahrhundert der Franzose Polydore Hochart (De l’Authenticité des Annales et des Histoires de Tacite, Paris 1890), der die Echtheit auch der Historiae bezweifelte, des anderen Opus magnum von Tacitus. Aber Hocharts Untersuchungen widerfuhr das gleiche Schicksal wie den Arbeiten De Roos: Sie wurden von keinem Historiker jemals ernsthaft diskutiert. Im 20. Jahrhundert griff der amerikanische Forscher Leo Wiener (Tacitus’ Germania and other forgeries, in: Toward A History of Arabico-Gothic Culture, Bd. II, Philadelphia 1920) die Frage wieder auf und stellte nach einer philologischen Analyse des Textes fest, die Germania sei eine komplette Fälschung. Dennoch weigert die moderne Philologie sich nicht nur, die Hypothese zu diskutieren, dass Tacitus’ Germania gefälscht sei – sie hat sie auch absichtlich verheimlicht. Dass die offiziellen akademischen Kreise die Thesen von Hochart und Wiener (Letzterer war ein bekannter und geschätzter Wissenschaftler, außerdem Vater des Nobelpreisträgers Norbert Wiener, des Begründers der Kybernetik) nicht anerkennen wollen oder sie vielleicht schlicht und einfach fürchten, geht deutlich aus der Zensur hervor, der ihre Arbeiten zum Opfer fielen. Ein besonders offensichtliches Beispiel ist die vollständigste, kritische Ausgabe der Germania, die angesehene Teubneriana (Germania. Interpretiert, herausgegeben, übertragen, kommentiert und mit einer Bibliographie versehen von Allan A. Lund, Heidelberg 1988). Der renommierte Philologe Lund listet im gewaltigen bibliographischen Apparat nahezu die gesamte einschlägige wissenschaftliche Literatur auf: Hunderte von Büchern, Artikeln und Texten zum universitären und sogar schulischen Gebrauch, in zahlreichen Sprachen. Die einzigen Titel, die bei Lund fehlen, sind ausgerechnet die – offensichtlich unbequemen – Arbeiten von Ross, Hochart und Wiener; eine veritable intellektuelle Gewalttat. Und mit dem Phänomen der Gewalt hat der deutsche Wissenschaftler sich beschäftigt, da er der Verfasser eines Werkes über die Rezeption von Tacitus’ Germania im Hitlerregime war (Germanenideologie im Nationalsozialismus: Zur Rezeption der Germania des Tacitus im Dritten Reich, Heidelberg 1995).

Die Frage der Echtheit des Tacitus-Textes ist ein regelrechtes Tabu, bei dem unklar ist, ob man es auf eine militante Auffassung der Philologie oder andere, unsichtbare ideologische Zwänge zurückführen soll.

Auch die Datierung des Hersfelder Kodex (9. Jahrhundert), der aus guten Gründen als Archetyp aller handschriftlichen Kopien der Germania gilt, löst das Problem nicht. Man hat behauptet, einer der Beweise für die «antike Qualität» der Germania sei die Tatsache, dass Rudolf von Fulda in seinen auf das 9. Jahrhundert zurückgehenden Annales daraus zitiert (es ist das einzige Zitat aus so alter Zeit). Um diesen Beweis anzuzweifeln, muss man sich nicht unbedingt so radikalen Thesen anschließen wie denen des deutschen Wissenschaftlers Heribert Illig (Das erfundene Mittelalter, Düsseldorf 1996; ders. Wer hat an der Uhr gedreht?, München 2000, außerdem zahlreiche Publikationen in Fachzeitschriften), der nach einer minutiösen interdisziplinären Forschungsarbeit zu dem Schluss kommt, das 7. 8. und 9. Jahrhundert seien reine Erfindung, weshalb er vorschlägt, sie aus der offiziellen Chronologie zu streichen. Es genügt schon, sich vorzustellen (doch seltsamerweise hat es keiner je getan), dass jemand die Stelle der Germania, die bei Rudolf von Fulda zitiert wird, aus dessen Annales entnommen haben könnte, statt umgekehrt. Das Zeugnis Rudolfs jedenfalls klärt nichts, bedenkt man, dass dem Mönch aus Fulda, wie schon seinem Lehrer Rabanus Maurus zahlreiche schwerwiegende Fälschungen zur Last gelegt werden. Dazu werfe man einen Blick in das große, sechsbändige Werk, in dem die Beiträge des ersten (und letzten) großen Kongresses über Fälschungen im Mittelalter 1968 in München gesammelt sind: Fälschungen im Mittelalter. Internationaler Kongreß der Monumenta Germaniae Historica, München 16.-19. September 1986, Hannover 1990, Bd. III. S. 100, 104, 337ff.

Salai und Leonardo da Vinci 01 - Die Zweifel des Salai
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