45.

Mein Padrone und Quell alles Guten,

die Magd war’s nicht, aber wer es war da kommt Ihr nie drauf, es war Kopernikus der mich überraschen wollt, und steht ganz fröhlich mit einer Flasche Wein an der Tür und sagt, hallo Salaì, wie geht’s dir, lass mich rein ich hab dir was zu trinken mitgebracht so können wir ein wenig plaudern. Dann sieht er wie übel der Mensch mit den Beuleiern mir das Gesicht zugerichtet, und ich erklär ihm dass es nicht zwei Pferde warn sondern drei etcetera, und er sagt, armer Freund, kann ich was für dich tun? Nein vielen Dank, morgen kauf ich mir sowieso neue Augen, da lacht er über meinen Scherz und sagt, komm, wir trinken ein Gläschen Wein, kurz er hat so sehr gedrängt dass ich gesagt hab, na gut, tritt ein, denn die warmen Brüder Signior Padrone, wenn die was wolln hat’s gar keinen Zweck, nein zu sagen, nemlich hinterher lassen sie’s dich büßen grad so als wie die Weiber.

Dann gießt er mir Wein ein, aber ich trink ihn nicht indem dass ich wegen den Schmerzen in den Augen überhaupt keine Lust hab, er hat dagegen große, und dieweil ich mir nochmal die Augen wasche um den Marmorstaub rauszuspüln trinkt Kopernikus vier Gläser eins nach dem andren. Erst fragt er mich was ich den letzten Tagen getrieben hab und ich erfinde irgendein belangloses Zeug, aber dann stell ich ihm ein paar Fragen, hör mal, hast du schon mal was von diesen Fuckern gehört? und er sagt, machst du Witze, klar hab ich hier in Rom von denen reden gehört, viel hört man von denen, hick, entschuldige, ein kleiner Schluckauf, und er füllt sein Glas wieder und trinkt alles auf, und ich muss schon sagen, Kopernikus versteht vielleicht was von Planeten, aber vom Wein versteht er im Gegensatz zu uns Toskanern einen feuchten Kehricht, nemlich ich hab sein Gesöff probirt und davon kriegt man die Scheißeritis, aber er trinkt munter weiter, und so frage ich ihn, sag mal, du hast heut wohl mächtig Durst, und er, nein, es ist bloß dass ich in den letzten Tagen so viel Matematik und Astrognomie studirt hab und hernach wusst ich nicht wie ich mir ein wenig Ablenkung verschaffen kann, und da hab ich gedacht jetzt geh ich meinen Freund Salaì besuchen. Aber ich glaub, Signior Padrone, die Wahrheit ist Kopernikus hat gehofft, er könnte mich durch den Wein überreden ein bisschen den Schwulen mit ihm zu machen, und er muss sich auch sehr alleine fühlen hier in Rom, denn ich wette er hat schon bei vielen andren versucht zu landen, aber die haben immer Nein gesagt, weil mit all den scharfen Weibern so’s hier in Rom gibt, wer hätt da wohl Lust seine Zeit mit einer Schwuchtel zu vergeuden?

Jedenfalls frage ich ihn woher zum Henker diese Fucker oder Fugger oder wie auch immer sie heißen kommen, und er sagt, ha, das ist ja grad der Witz dass niemand das weiß. Nein warte, das kann nicht sein, sag ich, denn bei all denen wo viel Geld haben weiß man mehr oder weniger wie sie da rangekommen sind, und er antwortet, aber das ist es ja grad! Nach dem was man von den Fucker in Teutschland erzählt sind die ersten aus der Familie in ihrer Heimatstadt Augsburg in Schwaben Baumwollweber und Seidenweber gewesen und waren schon reich, aber man weiß nicht wie, und ist sogar ein Geheimnis weil die Weber fürwahr nicht reich geboren werden. Von Augsburg aus haben die Fucker ihre Geschäffte dann ausgedehnt bis sie Banken in ganz Europa hatten, nemlich in Frankreich Teutschland Ungarn Polen Italien Venedig und Rom etcetera, und allen Päpsten und dem Kaiser und Königen und Fürsten leihn sie Geld und nehmen darauf Zinsen, sagt Kopernikus, aber was kümmert dich das eigentlich mein Junge? und macht einen gewaltigen Rülpser und fangt dann an zu lachen. Verdammt, denk ich, hoffentlich kotzt er mir jetzt nicht wo er sturzbetrunken ist auf den Fußboden. Das Glas so schief in der Hand dass ihm der Wein auf den Bauch fließt, redet Kopernikus weiter und sagt dass sie beileibe nicht die einzigen sind diese Fucker Fucher Ficker oder wie zum Teuffel sie heißen, hahaha, und lacht und trinkt, denn seine Freunde haben ihm erzählt dass die reichsten Familien von Straßburg und Augsburg alle Weber sind und alle stinkreich, und bei keiner weiß man wie sie an ihr Geld gekommen sind. Ich sag, hör mal Kopernikus, trink nicht zuviel das schadet dir, und außerdem kommt’s mir vor als wenn du nur Kohl redest, und da wird er laut und erwidert für wen hältst du dich, Salaì? In Teutschland hab ich die besten Kundschafter, alles Männer der Wissenschafft und keine Jüngelchen wie du! Schon gut, schon gut, beruhige dich, sag ich, denn er ist aufgesprungen und steht jetzt auf meinem Bett, und ich krieg große Angst dass jemand von der Herberge kommt und sagt, heda, was ist los da drinnen? Kopernikus redet weiter, bravo Salaì, du stellst immer die richtigen Fragen, hick, denn keiner weiß woher die Fucker ihr Geld genommen haben, aber ich sag es dir, nemlich die Fucker und ihre Freunde die haben das Geld direkt vom Teuffel, denn der ist’s der das Geld macht, wie du sicherlich auch schon kapirt hast, ach Salaì, warum stellst du eigentlich so viele Fragen wenn du die Antworten schon weißt? Und jetzt sag ich dir noch dass sie das Monpol Monoppol dass nur sie allein das Geld vom Papst von Teutschland nach Rom transportiren dürfen, und weißt du auch wie? Früher ließen die Päpste sich die Groschen von den Steuern durch Priester bringen, aber die wurden immer ausgeraubt, doch seit sich die Fucker darum kümmern gibt’s keine Überfälle mehr, und weißt du auch warum? Das waren nemlich die Fucker selbst wo früher die Priester haben ausrauben lassen, damit sie danach zeigen konnten dass sowas bei ihnen nicht passirt, und so bringen sie jetzt das Geld für die Päpste nach Rom und lassen sich einen Batzen dafür bezahlen. Das sind wirklich Teuffel, was Salaì? Hahaha lacht er und lässt derweil seine Hosen runter und ich sag, hallo Kopernikus, was tust du da, ich bitte dich, aber er steht immer noch auf meinem Bett und redet weiter, mein lieber Salaì, weißt du dass die Fucker obendrein Betrüger sind? Oh ja, und jetzt erklär ich dir auch was für Betrügereien sie machen, hick, und es kümmert mich einen Dreck ob sie überall Spione haben die mich jetzt vielleicht hören, hast du verstanden, Salaì? Und er fängt an mir ins Ohr zu flüstern, mit seinem Atem der nach Wein stinkt, und sagt, die Fucker in Teutschland versprechen den andren Teutschen dass sie ihnen Benefizien und Pfründe in Rom kaufen, zum Beispiel ein Amt als Propst oder Kanoniker und lassen sich einen Haufen Geld im Voraus dafür zahlen aber wenn sie aus Rom zurückkommen gibt’s eine kleine Überraschung, nemlich dann sagen sie, oh, sie hätten da ein wunderbares und wichtiges Benefizium gekauft, aber in Wirklichkeit ist es viel weniger wert, weil man kriegt dafür kein bisschen bezahlt, zum Beispiel ist es bloß eine Stelle als Chorist in irgendeinem Dom, denn mit dem Geld wo sie im Voraus gekriegt haben sie sich längst schon andre Benefizien für ihre eigne Familie gekauft. Die wo betrogen wurden beklagen sich beim teutschen Kaiser Maximilian, aber was glaubst du wohl was der ihnen sagen kann wenn er selbst all sein Geld von den Fuckern hat? So treiben die Fucker Simonie, nemlich sie kaufen und verkaufen und verschachern die geistlichen Ämter und die Güter der Kirche, und das heißt dass sie genau das machen weswegen die Teutschen den Papst anklagen der sich ihrer Meinung nach beim Konklave die Stimmen der Kardinäle gekauft, hehehe!

Wie er so betrunken faselt, hat Kopernikus inzwischen auch seine Unterhosen fallen gelassen, und so steht er zuletzt mit bloßem Gemächt da, das bei ihm lang und schlaff herunterhängt wie eine Salami, und er zeigt auf seinen Schwengel fangt an zu weinen und sagt Salaì, warum gefällt er denn niemandem? Sag’s mir sag’s mir ich bitte dich, warum mag den bloß keiner? Was ist daran nicht in Ordnung? Dabei verliert er das Gleichgewicht und fällt fast vom Bett, doch zum Glück hab ich ihn aufgefangen und hingesetzt.

Ihr könnt Euch vorstelln, Signior Padrone, wie ich mich gefühlt hab, wo die Augen mir immerfort tränen wegen dem Marmorstaub der noch immer drin ist, und bin drauf gefasst dass jeden Moment die Diener von der Herberge in mein Zimmer kommen und Kopernikus mit raushängendem Schwengel entdecken, und dann sagen sie ganz bestimmt, ha, jetzt haben wir ihn erwischt, also ist’s doch wahr dass Salaì vom andern Ufer ist, und vielleicht stecken sie mich und Kopernikus dann in die päpstlichen Kerker wegen des schweren Vergehens der Schwuchtelei, und stellt Euch vor ich würde versuchen zu sagen, nein haltet ein, lasst uns in Ruhe, das ist ein wichtiger polnischer Professor der Matematik der alles über Universum und Sterne weiß, da hätten sie mir geantwortet, na klar Salaì, drum steckt er dir ja auch seinen Kometen zwischen die Arschbacken.

Zum Glück ist Kopernikus brav geblieben und sitzt auf dem Bett, aber das Gemächt hängt ihm immer noch heraus, und wieder fangt er an zu weinen und sagt, entschuldige, es tut mir so leid, Salaì, Ogottogott wie hab ich mich blamirt, du musst mir verzeihn, ich bitte dich vergiss schnell was ich dir gesagt und erzähl es bitte niemandem, sonst steh ich als ein lächerlicher Trottel da. Ich sag, ach was, mach dir keine Sorgen, es ist ja nichts passirt, aber er ist verzweifelt und sagt, entschuldige vielmals, jetzt gehe ich, und ich hab grad noch Zeit ihn zu warnen dass er sich die Hosen wieder anzieht und den Schwengel reinstopft, da macht er schon die Türe auf und verschwindet grad in dem Moment wo die Magd kommt und mein zerschlagnes Gesicht sieht und Kopernikus der nach Wein stinkt dieweil er flüchtet, und drum fragt sie, was ist denn hier los?

Das erklär ich dir später jetzt hab ich keine Zeit wir sehn uns ja später, sage ich und setze mich sofort hin, um diese Zeilen für Euch zu schreiben, Signior Padrone, denn gleich gehn wir zu der Verabredung, weil man erwartet uns und verfluchter Mist wie spät es schon ist.

Die Magd kommt nach einer Stunde oder fast zweien wieder und sieht ein bisschen müde aus so dass ich fragen will was zum Henker los ist mit ihr und warum sie so lang gebraucht hat, aber dann vergess ich die Frage weil wir sind schon verspätet und müssen uns sehr eilen.

Euer stets gehorsamer

Salaì

Salai und Leonardo da Vinci 01 - Die Zweifel des Salai
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