Warum dieses Buch?
Lieber Leser, lass dich nicht verwirren, wenn du von der sensationellen Entdeckung der Briefe Salaìs keine Spur in den Zeitungen findest, wenn Professor Mario Rossi (ein Name, der in Italien so häufig ist wie John Smith in den USA) und der amerikanische Historiker Vincent S. Leonard, die im Vorwort auftauchen, Hirngespinste zu sein scheinen, wenn das Städtchen Grugliate und das Altersheim «Sant’Anna Addolorata», aus dem das Manuskript stammen soll, sich auch nach geduldiger Suche nicht aufspüren lassen. Nun gut, die Briefe Salaìs hat es nie gegeben. Aber aufgepasst: Wenn du glaubst, alles was sie enthalten, sei ebenfalls erfunden, dann geh in die Bibliothek und überprüfe die Texte, aus denen wir im Folgenden zitieren. Du wirst herausfinden, dass alles, was du in diesem Buch über Leonardo da Vinci und den schönen Salaì gelesen hast, einschließlich der Fußnoten, wahr ist.
Misstraue dagegen anderen Büchern über Leonardo. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gaben ein bekannter englischer Komiker und seine Frau ein angeblich noch nie veröffentlichtes Manuskript Leonardos in den Druck. Der sogenannte Romanov-Kodex enthielt zahlreiche surreale Erfindungen Leonardos, alle für die Küche gedacht: windgetriebene Eierschneider, von Pferden gezogene Salatschleudern, gigantische Fleischwölfe, die lebende Kühe zerquetschen konnten. Unter den Rezepten gab es Schafhoden mit Honig und Sahne, Hahnenkämme in Brotkruste oder geröstete Schlangenschultern (sic!). Es handelte sich um einen bösen Scherz, doch alle fielen darauf herein: Nahezu überall auf der Welt erschienen ausführliche Rezensionen (auch in Italien, der Heimat Leonardos), die auf den außergewöhnlichen Fund hinwiesen. Fast niemand machte sich die Mühe, die Sache zu kontrollieren und den Schwindel zu entlarven. Auch andere, mittlerweile auf der ganzen Welt verbreitete Legenden, denen zufolge Leonardo in seiner Jugend mit Botticelli ein Wirtshaus betrieb oder eine Knoblauchpresse erfand, die später seinen Namen trug, gehen auf jenen englischen Komiker zurück.
Vor wenigen Jahren hat ein bis dahin unbekannter amerikanischer Schriftsteller den armen Leonardo gewaltsam in einen Schundroman voller absurder, unwahrscheinlicher Details gezwungen und ihn überdies mit nebulösen esoterischen Intrigen in Verbindung gebracht. Diesmal war die komische Wirkung unfreiwillig, sie verdankte sich der mangelnden Bildung des Autors und seinen amüsanten Patzern auf allen Gebieten des menschlichen Wissens. Doch wieder sind alle darauf hereingefallen: Statt diesen Trash so zu behandeln, wie man es seit jeher mit derartigen Genreerzeugnissen tut, nämlich ihn zu ignorieren, haben Kritiker und Zeitungen den Inhalt so sorgfältig untersucht, als handelte es sich um ein seriöses Buch, womit sie ihm Erfolg und vor allem Glaubwürdigkeit bescherten.
Zu Recht misstrauen seither die Leser, denen man diesen Schund auf ihre Kosten untergeschoben hat, jedem Roman, der von sich behauptet, er beruhe auf historischen Fakten. Die Autoren wiederum müssen sich entscheiden, ob sie sich dem Schund anpassen oder das Handtuch werfen wollen.
Wenn der Feudalherr seinen Hofnarren öffentlich sprechen lässt und ihn zum offiziellen Redner ausruft, müssen alle echten Redner ihren Beruf wechseln.
Die einzige Möglichkeit, sich dem alles beherrschenden Trash zu widersetzen, bestand also darin, zu dessen eigenen Waffen zu greifen, jedoch ihre Zielrichtung umzukehren: wie ein Narr zu sprechen, doch mit den Argumenten eines Redners. Wenn jeder beliebige Ignorant gefeiert wird, sobald er den Mund aufmacht, dann hat auch der Simpel Salaì das Recht, zwischen allerlei Albernheiten, Grammatikfehlern und vulgären Derbheiten eine ernste Geschichte zu erzählen. Im Übrigen ist die Umkehrung der Rollen typisch für unsere Zeit: Hat die Romanserie, die in den letzten Jahren weltweit so erfolgreich war wie kein Buch zuvor und von einer bekannten englischen Autorin für Zwölfjährige geschrieben wurde, nicht Millionen erwachsene Leser erobert?
Da war es nicht mehr als recht und billig, diesem unverschämten Lümmel Salaì freie Bahn zu lassen. Nur so konnte Leonardo aus den alten zwanghaften Deutungsmustern befreit werden: auf der einen Seite die unerträgliche, naive Verherrlichung durch die offizielle Geschichtsschreibung, auf der anderen der Sumpf kitschiger Desinformation. Es galt, das Genie Leonardos mit all seinen Begrenzungen wieder glaubwürdig in seine eigene Zeit einzubetten, nämlich jenen besonderen historischen Moment zwischen Humanismus und Renaissance, wo aus den Wurzeln einer bis heute nicht genügend geklärten Vergangenheit, dem Mittelalter, geheimnisvoll die ersten, wenig ruhmvollen Keime der Neuzeit sprossen.
Um die ganze Widersinnigkeit der berühmten Fälschungen, die noch heute für wahr gehalten (oder als wahr ausgegeben) werden, zu entlarven, musste eine weitere, ebenso widersinnige und unwahrscheinliche Fälschung geschrieben werden – die Briefe Salaìs, ein dreister und lächerlicher Betrug wie auch das Tagebuch von Johannes Burkard, an das die Forscher unerklärlicherweise angeblich immer noch glauben.
Es ist unwichtig, dass niemals Briefe von Leonardos Adoptivsohn entdeckt wurden; für uns war entscheidend, die historische Bühne wiederzuerschaffen, und den Geist, der dort herrschte, wiederzubeleben. Nicht zufällig bezieht sich das einzige ernst gemeinte Zitat zwischen den Flunkereien in unserem Vorwort auf die literaturgeschichtlichen Verwandten der Briefe Salaìs: Boccaccio, Pulci, Folengo, Berni und so weiter. Unser alter Universitätslehrer, Professor Nino Borsellino, möge uns verzeihen, dass wir ihn in der Gesellschaft erfundener Kollegen zitiert und zugunsten Salaìs einen Passus aus seiner Abhandlung über Pietro Aretino («Gli anticlassicisti del Cinquecento», Roma/Bari 1973, S. 31) und seine Definition Leonardos als eines «Regellosen» (S. 10) gestohlen haben. Aber trifft seine Analyse, nach der bei den Antiklassizisten «die Welt von unten statt von oben betrachtet, vom physiologischen und instinktiven Grund der Existenz statt von der Oberfläche aus scheinbaren Schönheiten beschrieben wird» (S. 13) – obwohl Folengo, Ruzante und Cellini gemeint sind –, nicht wie maßgeschneidert auf Salaì zu?
Und wenn hinter den Briefen von Leonardos Ziehsohn sogar Machiavelli hervorgeschaut hätte (der Leonardo gut kannte, aber höchstwahrscheinlich nie mit Salaì korrespondiert hat), wäre dies nur ein weiteres literarisches Divertissement gewesen, um den Schlag unter die Gürtellinie zu parieren, den die Professionisten des Trash austeilen.
Abgesehen von der maßlos übertriebenen literarischen Fiktion und ihren polemischen Absichten, ist alles andere in geduldiger Forschungsarbeit anhand von Fakten und authentischen Zeitzeugnissen rekonstruiert worden, um dem Leser jene historische Genauigkeit zu bieten, auf die er ein Recht hat, wie der Leser unserer vorhergehenden Romane weiß. Wer einen historischen Roman mit fundierten Themen schreiben will, muss nicht selten vier- bis fünfhundert Bücher und Artikel lesen, von denen allerdings am Ende nicht einmal die Hälfte das erzählerische Material liefert. Der Rest dient nur den notwendigen Kontrollen: zum Beispiel, um die Zeit für den Fußweg zwischen zwei Städten zu berechnen; eine Namensgleichzeit zu ermitteln; den Tag oder den genauen Zeitpunkt eines Ereignisses, den Geburtstag einer Person oder die Lage eines Palazzo zu überprüfen – das alles ist notwendig, damit man dem armen Buchkäufer keine Lügen oder ungeschickten Erfindungen auftischt, denn einen schlechten Käse kann er dem Verkäufer zurückgeben, ein schlechtes Buch nicht.