50. KAPITEL
Allmählich machte Rory sich Sorgen. Er war nun schon seit einer knappen Stunde am Strand, und von Daria und Shelly war noch immer nichts zu sehen. Er hatte Jill und ihrem Mann beim Aufschichten der Lagerfeuer geholfen und mit ihnen ihren Picknicktisch zum Strand getragen. Inzwischen waren schon einige Leute angekommen, darunter Chloe samt Darias Baked Beans sowie Ellen und Ted, denen der Tag am Angelsteg einen Sonnenbrand beschert hatte. Sie komme gleich nach, hatte Daria ihm noch gesagt und war dann bei Shelly geblieben, die sich nach dem nachmittäglichen Anfall noch etwas erschöpft fühlte. Jetzt fragte er sich, ob er zum Sea Shanty hinübergehen und nachsehen sollte, ob alles in Ordnung war.
Bei Einbruch der Dunkelheit schaufelten sich Zack und die anderen Jugendlichen ihre Teller voll und begaben sich an ihr eigenes Lagerfeuer – weg von den Erwachsenen und ab in ihre vertraute Runde. Lediglich die zwei jüngsten Enkeltöchter der Wheelers, die erst acht und neun Jahre alt waren, fühlten sich weder bei den Erwachsenen noch bei den älteren Teenagern wohl und pendelten rastlos hin und her.
Als die Teenies den mit Essen beladenen Tisch freigaben, fingen auch die Großen an zu essen. Nur Rory, der noch immer auf Daria wartete, hielt sich zurück. Von den Lagerfeuern stiegen kupferfarbene Funken in den Nachthimmel auf, und Rory saß in einem Strandstuhl und unterhielt sich – die Hündin Melissa zu seinen Füßen – mit Linda und Jackie. Immerfort starrte er zum Sea Shanty hinüber, und endlich sah er Daria auf sich zukommen. Er entschuldigte sich bei Linda und Jackie und ging ihr entgegen. Erst als er fast vor ihr stand, bemerkte er Shelly an ihrer Seite.
“Hi Shelly”, begrüßte er sie.
Shelly schenkte ihm ein halbherziges Winken, bevor sie von ihnen weg zu den jungen Leuten ging.
Rory legte den Arm um Daria und führte sie zum Picknicktisch, auf dem nun halb leere Schüsseln und Tabletts standen.
“Ich habe schon auf dich gewartet”, sagte er.
“Ich wollte Shelly nicht allein lassen.” Daria warf einen Blick über ihre Schulter zu der Gruppe Teenager. “Sie hat den Nebel, der sie nach einem Krampfanfall immer einhüllt, noch nicht durchbrochen. Anders als sonst.”
“Ja, sie ist noch nicht wieder so munter wie sonst”, meinte er und dachte an ihre lasche Begrüßung.
“Genau. Sie ist ziemlich … wortkarg. Sie spricht kaum mit mir. Ich schätze, sie ist noch sauer auf mich, weil ich mit ihr geschimpft habe. Ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen deswegen.”
“Will sie denn gar nichts essen?”
“Glaube nicht. Sie hat gesagt, sie hätte keinen Hunger.”
“Wie verhält sie sich denn normalerweise nach einem Anfall?”
“Sie ist müde. Für gewöhnlich schläft sie ein bisschen, und dann geht es ihr wieder gut. Aber diesmal nicht.”
“Kann das mit der Schwangerschaft zusammenhängen? Physisch oder psychisch?”
“Das habe ich mich auch schon gefragt. Ich werde mich mal ein bisschen über epileptische Anfälle während der Schwangerschaft schlau machen.”
Rory reichte ihr einen Teller. “Das Essen schmeckt anders als früher”, bemerkte er und tat sich ein paar von ihren Bohnen auf. “Heute ist alles fettreduziert. Und es gibt nur noch Salate, Couscous und Tabbouleh. Wo sind die Burger und das Grillfleisch?”
Daria lächelte, und das freute ihn. “Es ist mir noch gar nicht aufgefallen, aber du hast recht. Ich gehe jedes Jahr zum Lagerfeuer, also kamen die Veränderungen für mich nicht so plötzlich. Aber verglichen mit dem, was wir als Kinder gegessen haben, ist es wirklich ganz anders.”
“Abgesehen von den Bohnen”, meinte er. “Das ist das einzig gute hausgemachte Gericht auf dem Tisch. Deine Mutter hat die immer gemacht, oder?” Er aß eine Gabel davon und wandte sich dann dem Inhalt der nächsten Schüssel zu.
“M-hm”, bestätigte Daria.
“Ich weiß es noch, weil ich sie nie gegessen habe”, sagte er lachend. “Ich fand es komisch, dass da so viele verschiedenfarbige Bohnen drin sind. Die sahen halt anders aus als die Dosenbohnen, die ich kannte.” Er nahm noch eine Gabel. “Ich wusste ja nicht, was mir entging.”
Er konnte nicht glauben, dass er mit ihr über Bohnen und Essen sprach, während sein Inneres noch immer von ihrem Gespräch am Nachmittag aufgewühlt war. In weniger als zwei Wochen würde der riesige Kontinent sie trennen. Ihr ging es genauso, das erkannte er an der Art, wie sie ihn ansah, als sie sich auf die Strandstühle am Feuer gesetzt hatten. Sie wirkte so resigniert und traurig, dass er unwillkürlich ihren Arm berührte. Er wünschte, sie hätten den Strand für sich und müssten ihn nicht mit ihren Nachbarn teilen.
Auf einmal blickte Daria über ihre Schulter in Richtung Sackgasse. “Da ist Grace”, sagte sie.
Rory drehte sich um. Ohne Zweifel war es Grace, die die mit Strandhafer bewachsene Düne bereits hinter sich gelassen hatte und mit einer Schüssel im Arm auf sie zukam. “Was macht sie hier?”, flüsterte er Daria zu. Seitdem er Grace von sich und Daria erzählt hatte, hatte er sie weder gesehen noch von ihr gehört. Er stand auf und ging ihr zur Begrüßung entgegen.
“Hi Rory, hi Daria”, begrüßte Grace sie mit einem unsicheren Lächeln auf den Lippen. “Ich hoffe, es ist euch recht, dass ich hier einfach so auftauche. Ich habe Obstsalat mitgebracht.”
Daria stellte ihren Teller auf dem Steinkranz ab, der das Feuer begrenzte, und stand auf, um Grace die Schüssel abzunehmen. “Das Essen steht da drüben”, sagte sie und war bereits auf dem Weg zum Picknicktisch.
Grace musste Rorys verwirrten Blick aufgefangen haben, denn sie beeilte sich zu sagen: “Ich weiß, dass ihr mich nicht erwartet habt. Und, Daria, du sollst wissen: Ich freue mich ehrlich für dich und Rory. Dass ihr … zusammen seid, meine ich.”
Daria lächelte schwach. “Danke.”
“Ich finde, ihr passt wirklich gut zusammen”, fuhr Grace fort. “Und als mir einfiel, dass heute Abend das Lagerfeuer ist, habe ich beschlossen herzukommen. Ich hoffe, das ist in Ordnung. Es ist nur so: Ich wusste, dass heute die gesamte Straße hier sein würde, und es gibt etwas, das ich euch sagen muss. Euch allen.”
Warum?, wollte er fragen. Grace hatte ihn von dem Moment an verblüfft, als er sie zum ersten Mal getroffen hatte. Er war nicht sicher, was sie diesmal vorhatte, wollte sich aber nicht für sie verantwortlich fühlen.
“Gut”, sagte er. “Bedien dich und komm zu uns ans Feuer.”
Er und Daria warteten, bis sie sich ein paar Löffel Salat genommen hatte. Dann gingen die drei zum Feuer, wo Rory ihr einen leeren Stuhl neben Darias stellte. Besser neben ihr als neben mir, dachte er. Chloe, die auf der anderen Seite des Feuers neben Ellen und Ted saß, rief zur Begrüßung Graces Namen. Die restlichen Nachbarn nickten nur kaum merklich oder lächelten ihr zu.
Chloe stand auf, setzte sich auf einen leeren Stuhl neben Rory und lehnte sich vor ihm zu Daria hinüber. “Wie geht es Shelly? Will sie gar nichts essen?”
“Sie sagt, sie hat keinen Hunger”, antwortete Daria.
“Was ist mit Shelly?”, fragte Grace. “Wo ist sie?”
“Sie hatte heute einen Krampfanfall”, berichtete Daria. “Ich glaube, sie ist noch etwas erschöpft deswegen.”
“Ist sie im Haus?” Grace warf einen Blick zurück, konnte jedoch bloß den Witwensteg des Sea Shanty erkennen.
“Nein, sie ist dort drüben bei den Teenies.” Daria zeigte zum anderen Feuer.
Melissa hob kurz den Kopf, um an Rorys Teller zu schnuppern. Dann ließ sie ihn wieder gegen seine Beine sinken. Er kraulte sie hinter den Ohren.
“Meine Kleinen werden dich vermissen, wenn der Sommer vorbei ist”, sagte Linda zu Rory. Sie saß ihm gegenüber und hatten einen Arm um Jackie gelegt.
“Und ich habe mir schon überlegt, mir in Kalifornien vielleicht auch so einen anzuschaffen.” Rory blickte in Melissas freundliche Augen.
“Wann fährst du denn?”, fragte Ted.
“Am dritten September.”
“Tut mir leid, dass du wieder weg musst. Ich freue mich so für dich und Daria.”
Ellen stellte ihren leeren Teller auf den Steinring vor dem Feuer. “Dann war das für euch zwei also nur so ein Der-Sommer-ist-zu-Ende-Abenteuer, was?”, fragte sie unverhüllt. “Was passiert denn als Nächstes?”
Rory nahm Darias Hand. “Nein”, sagte er ruhig. “Es ist nicht nur ein Sommerabenteuer. Wir müssen uns noch überlegen, wie wir alles regeln. Ich fände es schön, wenn Daria und Shelly zu mir nach Kalifornien kämen, aber Daria glaubt, das funktioniert nicht.”
“Shelly würde in Kalifornien nicht überleben”, erklärte Daria. “Und sie braucht mich zu sehr, als dass ich einfach meine Sachen packen und dreitausend Meilen weit wegziehen könnte.”
“Oh, um Petes willen”, sagte Ellen. “Wann fängst du endlich mal an, dein eigenes Leben zu leben, Daria?”
Rory spürte, wie es in Daria brodelte. Ellen sprach weiter. “Es ist, als wärst du mit ihr verheiratet.”
“Ellen, das ist wirklich nicht fair”, sagte er. Er verstand nicht, wie Ellen so von Daria sprechen konnte – von der Frau, die Ellens ungewolltes Kind so liebevoll aufgezogen hatte.
“Besser als Daria hätte sich niemand um Shelly kümmern können”, mischte sich jetzt auch Chloe ein.
“Das finde ich auch”, stimmte Grace entschlossen zu. “Nach allem, was ich mitbekommen habe, ist sie das Beste, was Shelly passieren konnte.”
“Bitte nicht alle auf einmal”, sagte Ellen zynisch. “Wenn überhaupt, dann hat sie Shelly nur verkorkst.”
Die Luft rund um das Lagerfeuer knisterte plötzlich vor Spannung. Mrs. Wheeler bat ihre Enkeltöchter, zum Picknicktisch zu gehen und etwas Nachtisch zu holen. Jill studierte ihre Fingernägel, und Jackie streichelte geflissentlich einen ihrer Hunde.
“Tut mir leid, Daria”, raste Ellen weiter, “aber das ist nun mal die Wahrheit. Und es ist an der Zeit, dass dir das jemand sagt. Du hast Shelly so von dir und diesem Fleckchen Erde abhängig gemacht, dass das Leben an einem anderen Ort für sie eine unüberwindbare Hürde darstellt. Aber so langsam sollte sie diese Hürde endlich einmal nehmen. Nur musst du es auch zulassen.”
“Wag du es nicht, mir Ratschläge zu Shelly zu geben.” Darias Stimme war ruhig, zu ruhig, und im Schein des Feuers sah Rory das Spiel ihrer Kiefermuskeln. “Du siehst sie hin und wieder für ein paar Tage, und dann kehrst du zurück in dein eigenes, egozentrisches Leben und beschwerst dich darüber, was ich mit ihr gemacht habe. Das ist keine große Hilfe, Ellen. Und überhaupt – du hast doch noch nie etwas getan, um uns mit Shelly zu helfen, stimmt's?”
Chloe langte an Rory vorbei und griff nach Darias Arm. “Daria”, warnte sie leise. “Nicht hier, Süße.”
“Du hättest einen Vorschlag von mir doch gar nicht erst angehört. Meiner Meinung nach solltest du mit Rory nach Kalifornien gehen. Lass Shelly hier, wenn es das ist, was sie möchte. Sie ist jetzt erwachsen. Sie wird es schon irgendwie schaffen.”
Daria löste sich aus Chloes Griff. “Hast du das auch gedacht, als du sie vor zweiundzwanzig Jahren am Strand zurückgelassen hast?”, blaffte sie. “Dass sie es schon irgendwie schaffen wird?”
Das Lagerfeuer knisterte, die Wellen brachen sich und fauchten am Ufer, die Teenager lachten. Aber an diesem Lagerfeuer sagte niemand ein Wort. Die Leute sahen von Daria zu Ellen und wieder zurück. Ellens Mund stand offen, was Rory als Vortäuschung eines Schocks interpretierte.
“Wovon zum Teufel sprichst du da?” Ellen sprach die Wörter abgehackt aus.
“Ich habe genug von deiner Gleichgültigkeit Shelly gegenüber”, sagte Daria.
Rory streichelte über Darias Rücken und wünschte, er könnte ihren Zorn irgendwie dämpfen. Dies war weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt für eine persönliche Auseinandersetzung. Doch Daria schien die Anwesenheit der Nachbarn, die jedes Wort gespannt verfolgten, überhaupt nicht wahrzunehmen.
“Shelly braucht besonders viel Aufmerksamkeit”, fuhr Daria fort, “und die brauchte sie wahrscheinlich nicht, wenn du … Wenn ihre Mutter sie in einem Krankenhaus geboren hätte und bereit gewesen wäre, die Verantwortung für sie zu übernehmen, wäre sie vermutlich kerngesund. Aber du warst ja selbst den beiden Mädchen, die du als deine Töchter anerkennst, eine üble Mutter.”
Ted beugte sich vor. “Daria, du bist ja verrückt. Wenn du ein Hühnchen mit jemandem rupfen …”
“Beschuldigst du mich etwa gerade, Shellys Mutter zu sein?”, unterbrach Ellen ihren Mann. “Willst du das damit sagen?”
“Ja, das ist genau das, was ich sagen will.”
“Jetzt bist du wohl völlig übergeschnappt”, ereiferte sich Ellen. “Ich habe nicht das Geringste mit Shellys Entsorgung am Strand zu tun.”
Daria wollte aufstehen, doch Rory hielt sie am Arm fest. Sie schaute ihn an und hatte wohl seinen flehenden Blick bemerkt, denn sie ließ sich zurück auf ihren Stuhl fallen. Als sie erneut zum Sprechen anhob, war ihre Stimme ruhiger.
“Ich weiß, das hier ist nicht der richtige Ort für diese Angelegenheit, und es tut mir leid, dass ich es vor allen anderen ausgespuckt habe. Aber es ist die Wahrheit, Ellen, und es wird Zeit, dass du es endlich zugibst. Ich habe damals direkt neben dem Baby deine Muschelkette gefunden. Ich wusste es also schon die ganze Zeit. Ich habe nur nichts gesagt, weil ich dich nicht in Schwierigkeiten bringen wollte. Aber inzwischen sind zweiundzwanzig Jahre vergangen, und du solltest endlich eingestehen, dass Shelly deine Tochter ist.”
Rory sah zu Grace hinüber. Sie sah ernsthaft krank aus, ihr Gesicht war noch bleicher als sonst. Selbst die goldenen Flammen verliehen ihren Wangen keine Farbe. Sie öffnete den Mund, als wollte sie etwas sagen. Doch Chloe kam ihr zuvor.
“Ich habe mir an jenem Abend Ellens Kette ausgeliehen.”
Alle Köpfe drehten sich zu ihr. Da er unmittelbar neben ihr saß, konnte Rory die Entschlossenheit in ihrem Gesicht sehen.
“Ich habe sie mir ausgeliehen, ohne zu fragen”, sprach sie weiter. “Ich wusste nie, was damit geschehen ist. Ich vermute, ich habe sie verloren, während ich …” Ihre Stimme brach. Sie starrte ins Feuer. Dann sah sie wieder auf. Mit glasigen Augen schaute sie Daria flehend an. “Shelly ist von mir”, gestand sie.
“Chloe.” Ungläubig hauchte Mrs. Wheeler ihren Namen.
Rorys Gedanken überschlugen sich. Sean Macy. Der Priester war viele Jahre lang mit Chloe zusammen gewesen, hatte ihren Eltern sogar bei Shellys Adoption geholfen. Kein Wunder, dass er sich das Leben genommen hatte, als Rory Shellys Herkunft aufdecken wollte. Er legte seine Hand sanft auf Chloes Arm. “Von dir und Sean”, sagte er leise, denn er wollte nicht, dass die anderen es mitbekamen.
“Nein”, flüsterte sie. Ihr durchbohrender Blick war nur für ihn bestimmt und jagte ihm einen Schauder über den Rücken. “Nicht von Sean.”
Als Rory begriff, was sie ihm sagen wollte, wurde alles in ihm taub.
“Chloe”, sagte Daria. “Ich verstehe das nicht.” Und Rory wusste, dass sie noch viel weniger verstand, als sie annahm.
“Wo ist Shelly?” Die Stimme kam vom Strand, und als Rory sich umdrehte, sah er Andy auf sie zukommen.
Einen Augenblick lang sagte niemand ein Wort; Chloes Geständnis hatte ihnen allen die Stimme geraubt. “Sie ist drüben bei den Kindern.” Mr. Wheeler zeigte auf das andere Lagerfeuer.
“Nein, ist sie nicht”, erwiderte Andy. “Von dort komme ich gerade. Sie war bei ihnen, aber Zack sagte, sie wäre schwimmen gegangen. Er dachte, sie ist vielleicht hier bei euch aus dem Wasser gekommen.”
“Schwimmen im Dunkeln?” Daria sprang auf. “Das weiß sie doch besser.”
Auch Rory stand auf. “Zack!”, rief er und winkte in Richtung der zusammengedrängten Gruppe.
“Was?”, schrie Zack zurück.
“Komm her!”
Zack musste den panischen Unterton in Rorys Stimme bemerkt haben, denn ohne Murren kam er zur Feuerstelle der Erwachsenen gerannt.
“Wann ist Shelly ins Wasser gegangen?”, wollte Daria wissen.
“Ich weiß nicht.” Zack zuckte mit den Schultern. “Vielleicht vor fünf, zehn Minuten? Ich dachte, sie wollte sich nur kurz erfrischen und zu euch schwimmen. Sie hat so wirres Zeug geredet.”
“Was zum Beispiel?”, fragte Daria.
“Sie hat mir erzählt … Sie sagte, sie will, dass du mit Dad nach Kalifornien gehen kannst und dass sie dir nicht länger Sorgen bereiten will oder so was. Ich war mir nicht sicher, ob du tatsächlich mit dem Gedanken spielst wegzugehen, oder ob sie sich das einfach nur so vorgestellt hat? Denn danach meinte sie, die Sache mit der Pilotin würde ihr leidtun. Ich hatte keine Ahnung, von welcher Pilotin sie spricht. Ich habe ihr nicht richtig zugehört, weil sie …”
“Sie hat uns belauscht.” Daria presste sich die Faust auf den Mund und sah Rory ängstlich an. “Unser Gespräch auf der Veranda. Ich dachte, sie würde schlafen.”
Rory dachte an die Unterhaltung zurück und stellte sich vor, wie sich ihre Worte in Shellys sensiblen Ohren angehört haben mussten.
“Ich bin sicher, dass sie zu euch schwimmen wollte, denn sie hat uns Tschüs gesagt”, meinte Zack. “Also, so richtig Tschüs, als wolle sie für heute Abend schon gehen.”
“Oder für immer.” Rory ergriff den Arm seines Sohnes. “Komm mit”, sagte er und lief auf das Meer zu. “Zeig mir, wo sie reingegangen ist.”
Als er sich vom Lagerfeuer entfernte, nahm er das hinter ihm losbrechende Geschrei nur am Rande wahr. Er hörte, wie Daria jemanden aufforderte, 911 zu wählen. Jemand anderes sagte, er sähe im Sea Shanty nach, ob Shelly vielleicht dort sei. Und als Lichtpunkte von Taschenlampen vor ihm auf dem Sand tanzten, wusste Rory, dass ihm mehrere Leute folgten.
“Ich glaube, es war hier, Dad.” Zack zeigte auf den schwarzen Ozean. “Ich meine, sie ist vom Feuer geradeaus ins Wasser gegangen.”
Rory zog sein T-Shirt aus und rannte ins Meer. “Gebt mir Licht!”, rief er über die Schulter, und sofort erhellten die Taschenlampen das ihn umgebende Wasser. Als er durch die Wellenbrecher schwamm und mit den Augen fieberhaft die Wasseroberfläche absuchte, wurde ihm die Aussichtslosigkeit seines Tuns bewusst. Er hatte keine Ahnung, wie weit Shelly hinausgeschwommen war oder an welcher Stelle sie sich hatte untergehen lassen – denn das war sicherlich ihr Plan gewesen. Sean Macy hatte gesagt, es sei in Ordnung, sich umzubringen, solange man dadurch jemand anderen retten wollte. Shelly musste gedacht haben, sie würde damit Daria retten. Sie ahnte ja nicht, dass ihr Tod den genau gegenteiligen Effekt hätte und Daria, die ihre kleine Schwester über alles liebte, ins Unglück stürzen würde.
Rory hatte im Meer keine Orientierung. Der Himmel, das Wasser, die Luft – alles um ihn herum war schwarz, und er stellte sich vor, wie einfach es sein müsste, hier draußen zu sterben. Sich einfach unter die Wasseroberfläche in eine noch tiefere Schwärze gleiten zu lassen. Er hörte Geplätscher, als andere Leute ins Wasser gingen. Einer der Lichtstrahle war auf Daria gerichtet, die sich ihren Weg durch die Wellen bahnte.
“Daria!”, rief er. “Wie ist sie normalerweise geschwommen? Geradeaus oder parallel zum Strand oder …”
“Je nachdem!”, schrie Daria zurück. “Diesmal … Diesmal weit nach draußen, fürchte ich.”
Sie kannte Shellys Absicht ebenso gut wie er. Rory orientierte sich am Lagerfeuer der Teenager, drehte sich dann um und schwamm weiter aufs offene Meer hinaus. Schon nach wenigen Zügen spürte er etwas Weiches gegen sein Bein schwappen. Seegras, dachte er. Beinahe hätte er nicht nach unten gegriffen; dann tat er es doch, und seine Finger berührten das seidige, sich wellenförmig bewegende Wirrwarr von Shellys Haar. Er tauchte hinab, packte sie an den Armen und zog sie über die Wasseroberfläche. Sie war schwer wie Blei, schwer und still, und er wusste, dass sie nicht mehr atmete.
“Ich hab sie!”, schrie er. Die Lichtstrahlen stachen um ihn herum ins Wasser, bis sie ihn endlich erwischten. Er schwamm und schwamm und hielt Shellys Körper immer noch im Arm.
“Lebt sie?”, rief jemand vom Strand aus. Es klang nach Grace.
“Ist sie okay?”, schrie ein anderer.
Als er sich dem Ufer näherte, war er völlig außer Atem, und Daria und Andy nahmen ihm Shelly ab, zogen sie durch die Wellenbrecher und legten sie in den Sand. Im Licht der Taschenlampen sah ihre Haut bereits wächsern und bläulich aus, und Rory spürte einen Schrei in seiner Kehle hochsteigen. Er schaffte es, ihn hinunterzuschlucken, und fiel neben ihr auf die Knie.
“Ich mache die Herzmassage, du beatmest sie”, wies Daria ihn an.
Noch bevor sie den Satz beendet hatte, lag sein Mund auf Shellys, und seine Finger hielten fest ihre Nase zu. Als er Luft in ihre Lungen blies, heulten irgendwo in der Ferne die Sirenen des Rettungswagens auf. Wie von Sinnen kämpfte Rory um das Leben seiner Tochter.