7. KAPITEL

Als Daria in Andy Kramers Auffahrt einbog, versank die Sonne gerade in der Bucht.

“Du hast hier wirklich einen herrlichen Ausblick, Andy”, sagte sie zu ihrem Kollegen. Wie sehr musste er dieses Schauspiel Abend für Abend genießen.

“Ich weiß”, erwiderte Andy und öffnete die Autotür. “Ich bin ein Glückspilz. Wenn ich jetzt auch noch einen anständigen Wagen hätte …” Sein Van war mal wieder in der Werkstatt – schon zum dritten Mal in den letzten vier Monaten.

Daria zeigte auf das Boot, das an dem Steg hinter Andys Cottage festgemacht war. “Ich wusste ja gar nicht, dass du ein Boot hast”, sagte sie. “Ist das neu?”

Andy lachte, und sein Ohrring reflektierte die roséfarbenen Sonnenstrahlen. “Nagelneu”, gab er zurück, “aber es ist nicht meins. Ich teile mir den Steg mit meinen Nachbarn. Es gehört ihnen. Aber allein sein Anblick erhöht schon den Wert meines Häuschens.”

Andys Nachbarn, ein Ehepaar und ein kleiner Junge, grillten gerade auf der seitlichen Dachterrasse ihres Hauses. Daria konnte das Steak bis zu ihrem Wagen riechen. “Na, ich hoffe, sie nehmen dich wenigstens mal mit”, sagte sie.

“Ich auch.” Andy stieg aus und schloss die Tür. Dann beugte er sich hinunter und verabschiedete sich durchs Fenster. “Danke fürs Mitnehmen. Und angenehmes Verschrumpeln in der Badewanne heute Abend.”

“Werd ich haben.” Sie setzte zurück und war mit den Gedanken bereits bei ihrem kleinen Whirlpool, in dem sie später mindestens eine halbe Stunde faulenzen wollte. Diese Badewanne war der einzige Luxus im Sea Shanty und nach einem Tag wie diesem einfach unverzichtbar.

Sie und Andy hatten in einem großen Haus in Corolla den lieben langen Tag Bücherregale montiert – vom Fußboden bis zur Decke –, und jetzt schmerzten ihre Arme. Doch bevor sie ein Bad nehmen konnte, musste sie noch etwas erledigen.

Nach anderthalb Meilen bog Daria in die Auffahrt des Sea Shanty ein. Doch anstatt in ihr Cottage ging sie über die Straße zum Poll-Rory.

In Shorts und einem himmelblauen T-Shirt öffnete Rory die Tür und grinste sie so charmant an, dass ihre Entschlossenheit in ernsthafter Gefahr war. Sie durfte die Absicht ihres Besuchs unter keinen Umständen aus den Augen verlieren.

“Komm rein, Nachbarin”, sagte er und stieß die Fliegengittertür auf.

Im Wohnzimmer nahm Daria die Sonnenbrille ab. Während der letzten Jahre war sie häufiger im Poll-Rory gewesen, sodass die Einrichtung sie nicht überraschte. Aber Rory mussten die neuen Möbel verblüfft haben. Vom Mobiliar über die Wandpaneele bis zu den Bildern und den anderen Dekoartikeln – alles hatte das Immobilienbüro ausgesucht.

Auf dem Tisch in der Essecke entdeckte Daria einen Computer, um den herum Papiere und Bücher verstreut lagen.

“Sieht aus, als würdest du arbeiten”, vermutete sie.

“Arbeiten und spielen”, erwiderte Rory. “So sieht meine Sommerplanung aus.” Die Hände in die Hüfte gestemmt taxierte er sie. Wahrscheinlich war ihr Haar wieder mit Sägespänen geschmückt, und außerdem hatte sie Farbe auf ihrem weißen T-Shirt und einen Lackfleck auf der Wange.

Sie blickte ihm fest in die Augen. “Ich muss mit dir über Shelly reden”, sagte sie und verspürte im nächsten Moment auch schon den Drang, sich zu entschuldigen. Da war er extra den weiten Weg von Kalifornien hierhergekommen, um Shellys Geschichte auf den Grund zu gehen, und sie wollte seine Recherche stoppen, bevor er überhaupt damit begonnen hatte.

Er musste ihren sorgenvollen Blick bemerkt haben, denn sein Lächeln verschwand. “Das sieht ja ganz nach einer ernsthaften Wir-setzen-uns-besser-Unterhaltung aus. Lass uns auf die Dachterrasse gehen.”

Sie folgte ihm zur Hintertür und die Stufen hinauf zur Terrasse, von wo aus sie auf den Ozean und die Bucht blickten. Ein fast so schöner Ausblick wie vom Witwensteg des Sea Shanty.

“Ich würde dir gern etwas zu trinken anbieten”, sagte Rory, “aber alles, was ich noch da habe, ist Leitungswasser und Milch. Zack hat die gesamte Limonade ausgetrunken. Ich hatte ganz vergessen, wie viel Jungs in seinem Alter verdrücken können.”

Daria saß in einem bequemen Holzstuhl und setzte trotz des dämmrigen Lichts ihre Sonnenbrille wieder auf. Sie wünschte, auch Rory würde seine grünen Augen hinter einer Brille verstecken, denn in seinem Blick lag etwas, was ihr schon als Mädchen weiche Knie gemacht hatte. Und es wirkte auch heute noch.

Nach anfänglichem Geplauder über Zack, den herrlichen Ausblick und die Veränderungen, die in Kill Devil Hills während der letzten Jahre vor sich gegangen waren, kam sie zum eigentlichen Grund ihres Besuchs.

“Ich weiß, dass Shelly dich gebeten hat, Nachforschungen über ihre Vergangenheit anzustellen”, begann Daria. “Nur ist das wirklich keine gute Idee. Du verstehst das vielleicht nicht, aber Shelly ist nicht …”, sie suchte nach den richtigen Worten, “… wie andere. Ich weiß, sie wirkt ganz normal. Sie ist hübsch und hat einen wundervollen Charakter, aber …”

“Ich glaube, ich verstehe sehr gut, was du meinst”, unterbrach er sie. “Es ist mir gleich bei unserem Treffen neulich aufgefallen. Hat sie bei ihrer Geburt eine Gehirnschädigung oder so was erlitten?”

Seine schnelle Auffassungsgabe überraschte Daria. Sie hatte nicht gedacht, dass Shellys Problem so offensichtlich war. Sie nickte. “Ja, das vermutet man. Ihr IQ liegt im unteren Durchschnitt. Zudem hatte sie in der Schule mit einer ausgeprägten Lernschwäche zu kämpfen. Und sie leidet an Epilepsie, die man trotz medikamentöser Behandlung nicht richtig in den Griff bekommt. Sie darf keinen Führerschein machen, weil sie noch nie ein komplettes Jahr lang anfallsfrei war. Und genau das wäre die Voraussetzung.” Sie ließ ihren Blick zum Sea Shanty schweifen, doch der einzige sichtbare Teil war der Witwengang hoch oben auf dem Dach. “Außerdem ist sie etwas phobisch”, fuhr sie fort, “und sehr auf mich fixiert. Als Mom gestorben ist, war plötzlich ich für sie verantwortlich. Sie war damals erst acht und ich neunzehn. Heute bekommt sie Angst, wenn ich nicht in ihrer Nähe bin.”

“Wieso hattest du die Verantwortung?” Rory war erstaunt. “Was war mit deinem Dad? Er lebte damals doch noch.”

“Ja, aber sich um Shelly zu kümmern hätte ihn überfordert. Und sie brauchte eine Frau. Eine Mutter.”

“Und Chloe? Sie war die Älteste. Warum hat sie dir nicht geholfen?”

Jeder stellte diese Frage, und Daria hatte sich eine Standardantwort zurechtgelegt. “Chloe hatte damals schon ihr Gelübde abgelegt und war Ordensschwester in Georgia. Sie konnte wirklich nicht viel tun.”

“Was hast du gerade damit gemeint: Shelly ist phobisch?”

“Sie fürchtet sich vor vielen Dingen – vor Erdbeben oder Schlangen zum Beispiel, obwohl sie keins von beidem je erlebt oder gesehen hat. Aber am meisten hat sie Angst davor, die Outer Banks zu verlassen. Krankhafte Angst.” Daria war sich nicht sicher, wie sie das erklären sollte. Jahrelang hatte sie vergeblich versucht, den Ärzten und Lehrern Shellys Ängste begreiflich zu machen. “Shelly ist nur glücklich, wenn sie am Strand sein kann”, versuchte sie es. “Als sie noch klein war, kamen wir nur im Sommer hierher. Das restliche Jahr über lebten wir in Norfolk. Nach und nach haben wir festgestellt, dass sie eine Art … gespaltene Persönlichkeit hatte. Den Winter über war sie ängstlich und depressiv und im Sommer entspannt und gut gelaunt.”

“Aber sind nicht die meisten Kinder so?” Rory lächelte. “Also, ich war es ganz bestimmt.”

“Ja, aber aus anderen Gründen”, erwiderte sie. Auf der Dachterrasse wurde es immer dunkler, und sie nahm die Sonnenbrille wieder ab. “Anfangs dachten wir, es läge daran, dass sie im Winter zur Schule muss und im Sommer nicht, so wie es bei vielen Kindern ist. Doch mit der Zeit merkten wir, dass es der Strand selbst war, der sie glücklich machte. Als sie etwa sieben Jahre war und wir wieder einmal nach Kill Devil Hills fuhren, hatte Dad gerade den Wagen in die Auffahrt gelenkt, da sprang sie auch schon aus dem noch rollenden Auto hinaus und lief zum Strand. Sie setzte sich an genau die Stelle, wo ich sie gefunden hatte. Dabei konnte sie das überhaupt nicht wissen. Sie saß einfach nur da und blickte aufs Meer hinaus – ganz allein, den ganzen Nachmittag. Es war, als würde sie sich endlich entspannen.”

Rory schauderte. “Das ist schon irgendwie unheimlich.”

“Ja, allerdings. Aber in all den Jahren habe ich gelernt, es zu akzeptieren. Sie braucht den Strand. Punkt. Nach dem Tod unserer Mutter bin ich jedes Wochenende mit ihr hergefahren. Nur wir zwei. Dad war …” Die Jahre, die ihr Vater als Witwer verbracht hatte, waren ihr wie ein einziger langer Herbst in einem kaum gelebten Leben im Gedächtnis. “Dad hat sich nach Moms Tod sehr zurückgezogen. Er hat sich nie mit anderen Frauen oder Freunden getroffen, obwohl er erst in den Fünfzigern war. Er hat immer mehr Zeit in der Kirche verbracht. Chloe und ich haben immer gesagt, er wäre mit Gott verabredet.” Bei dem Gedanken musste sie lachen. “Er liebte Shelly und mich, aber im Grunde waren wir auf uns gestellt. Shelly konnte also an den Wochenenden neue Kraft tanken. Doch dann – sie war zwölf und machte mit ihrer Klasse eine Exkursion zu einem Museum in Norfolk – war sie verschwunden. Wir wussten nicht, was passiert war; ob sie vielleicht jemand entführt hatte.” Dass ihrer Schwester so etwas zuvor schon einmal passiert war, wollte Daria zunächst noch für sich behalten.

“Die Polizei hat nach ihr gesucht”, fuhr sie fort. “Und als sie am nächsten Tag immer noch nicht aufgetaucht war, rief ich Chloe in Georgia an. Chloe meinte, Shelly könnte irgendwie nach Kill Devil Hills gelangt sein. Es schien unmöglich, aber am Ende stellte sich heraus, dass es tatsächlich so war. Wir haben nie herausgefunden, wie genau sie hierhergekommen ist – ich vermute, mit dem Bus und per Anhalter. Sie hatte eines der Fenster eingeschlagen, um ins Haus zu kommen, und es sich drinnen gemütlich gemacht. Da dachte ich: Jetzt reicht es, und wir sind hergezogen.” Erneut schweifte ihr Blick zum Sea Shanty. “Manchmal zweifle ich immer noch daran, ob es die richtige Entscheidung war. Vielleicht hätte ich sie zwingen müssen, sich irgendwo anders durchzukämpfen, denn – ehrlich gesagt – heute ist es mit ihr noch schlimmer als damals. Wann immer wir aufs Festland müssen, um jemanden zu besuchen oder zum Arzt zu gehen, wird sie panisch. Aber ich liebe sie eben.” Sie schaute Rory direkt in die Augen und spürte seine Anteilnahme. “Wenn ich merke, dass sie leidet, zerreißt es mir das Herz”, sagte sie. “Und das Glück in ihrem Gesicht zu sehen, wenn sie an ihrem Strand ist, entschädigt mich für jedes kleine Opfer.”

“Vielleicht war es aber auch genau der richtige Schritt”, meinte Rory. “Ihre Arbeit macht sie doch anscheinend gut. Glaubst du, sie hätte das auch in Norfolk geschafft?”

“Ich glaube, dann wäre sie morgens noch nicht mal aus dem Bett gekommen. Und du hast recht: Sie macht ihre Arbeit wirklich sehr gewissenhaft. Aber trotzdem könnte sie nicht allein leben oder sich selbst versorgen. Sean Macy – der Pfarrer von St. Esther's – und die anderen, die sie beaufsichtigen, geben ihr bei ihrer Arbeit viel Hilfestellung. Manchmal glaube ich, sie beschäftigen sie nur aus Mitleid. Vermutlich wäre sie nicht imstande, irgendwo sonst zu arbeiten.” Auf einmal hatte Daria das Gefühl, ein äußerst einseitiges Bild von ihrer Schwester zu zeichnen, und fügte deshalb schnell hinzu: “Sie hat natürlich auch viele positive Seiten. Sie ist so gutmütig und liebenswert. Sie ist kreativ. Ihr Schmuck ist sehr gefragt. Sie ist eine großartige Schwimmerin. Und sie hat eine äußerst anmutige Figur.”

“Ja”, warf Rory ein, “das ist mir nicht entgangen.”

“Sie kann zwar nicht selbstständig arbeiten, aber sie spielt hervorragend Volleyball.” Daria lächelte. “Sie ist in allem gut, was Spaß macht. Aber die ernsten Dinge des Lebens bekommt sie einfach nicht sonderlich gut hin.”

Rory lachte. “Vielleicht sollten wir uns alle eine Scheibe von ihr abschneiden.” Dann beugte er sich vor. Sein Gesicht war nun ernst und dicht an ihrem. Um seine Augen konnte sie feine Linien erkennen. “Ich verstehe wirklich gut, was du mir sagen willst und warum du dich um Shelly sorgst. Aber ich bin sicher, sie wusste genau, was sie tat, als sie mir den Brief geschrieben hat. Sie wusste, worum es in meiner Sendung geht und dass ich in der Lage bin, ihr zu helfen.”

Darias Augen füllten sich vor Wut mit Tränen. Er hatte es noch immer nicht begriffen. “Shelly ist so verletzlich”, sagte sie. “Sie ist zerbrechlich. Es gibt so viele Menschen, die sie nur ausnutzen wollen, und davor muss ich sie beschützen. Sie würde nämlich einfach alles tun, wenn sie glaubt, damit jemandem zu helfen.”

“Willst du damit sagen, sie will mir ihre Geschichte nur aus übertriebener Hilfsbereitschaft erzählen?”

Daria schüttelte den Kopf. “Nein, natürlich nicht. Anscheinend liegt ihr sehr viel daran, dass du diese Sendung mit ihr machst. Das kann ich nicht leugnen. Aber ich halte es für falsch, diesen elenden Schlamassel aufzuwärmen oder sie mit der Frau zu konfrontieren, die … die versucht hat, sie zu töten.”

Bei Darias letzten Worten lehnte Rory sich zurück. Sie fuhr fort.

“Wir geben Shelly ein Gefühl der Sicherheit. Sie weiß, dass wir sie lieben, und zwar seit dem ersten Tag. Warum daran herumdoktern? Ich weiß nicht, was sie davon haben sollte, wenn die Wahrheit ans Licht kommt.”

“Vielleicht ist die Wahrheit ja auch positiv”, gab Rory zu bedenken. “Vielleicht bereut ihre leibliche Mutter ihre grausame Tat und würde sich freuen zu erfahren, dass Shelly lebt und es ihr gut geht.”

“Du baust Luftschlösser, Rory.” Daria spürte, dass sie Rorys Geduld auf eine harte Probe stellte.

“Ich verstehe dich besser, als du denkst”, entgegnete er. “Dasselbe, was du für Shelly empfindest, habe ich für Polly gefühlt.”

Für einen Moment hatte sie vergessen, wie hingebungsvoll er sich um seine Schwester gekümmert hatte. “Ich habe Polly immer noch genau vor Augen”, sagte sie. Polly hatte einen kompakten Körperbau, weißblonde Haare und mandelförmige Augen gehabt. Daria konnte sich gut erinnern, wie Rory seine Schwester gegen die Sticheleien anderer Kinder verteidigt hatte. Dass er sich Zeit genommen hatte, um mit ihr zu spielen. Sein Umgang mit Polly war einer der Gründe gewesen, warum sie sich so von ihm angezogen gefühlt hatte.

“Weißt du noch, die Sache mit dem Angelhaken?”, fragte Rory lachend. “Als du von deiner Arbeit als Rettungsassistentin erzählt hast, musste ich sofort daran denken.”

Das hatte sie ganz vergessen: Einmal hatte sich ein Angelhaken durch Pollys großen Zeh gebohrt, und weder Rory noch seine Mutter hatten gewusst, wie sie ihn entfernen sollten. Aber Daria, die damals erst zwölf war, hatte das Kunststück vollbracht.

“Du wusstest ganz genau, was zu tun war”, sagte Rory. “Es ergibt also durchaus Sinn, dass du im medizinischen Bereich tätig bist.”

“Mein Dad hatte mir erklärt, wie ich einen Angelhaken entferne, falls ich mal daran hängen bleibe”, sagte sie nüchtern. Sie wollte jetzt nicht über ihre Arbeit bei der Rettung sprechen und auf die Frage antworten, die das unweigerlich mit sich brächte: Warum hast du aufgehört? Deshalb wechselte sie das Thema. “Ich kann mich nicht daran erinnern, Polly und deine Eltern noch mal in Kill Devil Hills gesehen zu haben, nachdem du auf dem College warst.”

“Das stimmt.” Rory stieß einen tiefen Seufzer aus und streckte sich. Sein T-Shirt spannte über der Brust, und Daria wandte ihren Blick ab. Es war besser so, wenn sie nicht den Verstand verlieren wollte. “Nicht ein Mal waren sie noch hier”, sagte er. “Erst da habe ich begriffen, dass sie das Cottage eigentlich nur für mich gekauft hatten. Damit ich den ganzen Sommer am Strand verbringen konnte. Aber verkauft haben sie das Poll-Rory nie. Bestimmt haben sie gehofft, ich würde es eines Tages für meine Familie nutzen. Nur, bis jetzt war das leider nicht möglich.”

“Warum nicht?”

“Wegen Glorianne, meiner Exfrau.”

“Wollte sie nicht herkommen?”

“Das wäre untertrieben. Sie und ich waren sehr verschieden. Sie war …” Er schaute einen Augenblick lang aufs Meer, als wählte er seine Worte mit großer Sorgfalt. “Als ich sie zum ersten Mal traf, war sie sehr jung und schüchtern und … bescheiden. Ihre Eltern waren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sie hatte nur wenig Geld, aber dafür einen Haufen Schulden. Kurz gesagt: Glorianne hatte nichts. Sie brauchte mich, und ich habe es genossen, gebraucht zu werden. Doch mit der Zeit hat sie sich verändert. Als wir erst mal Geld hatten, ist es ihr zu Kopf gestiegen. Ich wollte immer in einer mittelständischen Nachbarschaft leben. Ich wollte, dass Zack eine öffentliche Schule besucht und genauso bodenständig aufwächst wie ich. Glorianne hatte sich ausgemalt, nach Beverly Hills zu ziehen und Zack auf eine Privatschule zu schicken, da wir uns das ja schließlich leisten konnten. Doch ich wollte nicht, dass Zack Popularität und Reichtum höher bewertet als Ehrlichkeit und Menschlichkeit.”

Rory machte eine kleine Pause. “Das Ergebnis war: Wir lebten in einer sehr hübschen Gegend der oberen Mittelschicht, und Zack ging auf eine staatliche Schule. Aber ich musste einen Kompromiss eingehen: die Urlaubsorte. Ich hätte liebend gern jeden Sommer hier in Kill Devil Hills verbracht, doch Glorianne hasste den Strand, und die Ostküste sowieso. Sie wollte im Sommer immer weit verreisen. Sie sagte, wenn ich Zack schon das restliche Jahr über derart einschränken würde, wäre es das Mindeste, mit ihm im Sommer nach Europa zu fliegen.” Rory sah verblüfft aus, als wäre er immer noch überrascht, dass sich seine bescheidene Frau so sehr verändert hatte. “Also haben wir es so gemacht”, endete er. “Bis jetzt jedenfalls.”

“Der Sommer mit dir wird Zack guttun.”

Rory lachte. “Das sieht er ein wenig anders. Zumindest nörgelt er die ganze Zeit herum. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Ich glaube sogar, er hat sich schon mit ein paar Jungs vom Strand angefreundet. Jetzt gerade ist er auch dort.”

“Ist eure Ehe deswegen in die Brüche gegangen?”, fragte Daria neugierig. In dem Artikel, den sie gelesen hatte, war nur von unüberwindbaren Differenzen die Rede gewesen. “Wegen eurer unterschiedlichen Auffassungen in puncto Wohnort und Erziehung?”

“Und wegen tausend anderer Dinge”, antwortete er. “Auch Polly hat sich als großer Faktor beim Niedergang meiner Ehe erwiesen.”

Das überraschte sie. “Warum?”

“Nach dem Tod meiner Eltern habe ich Polly zu mir genommen. Ich habe sie aus Richmond nach Kalifornien geholt. Mir war sehr daran gelegen, dass Zack sie kennenlernt. Er sollte erleben, dass Menschen mit Downsyndrom auch Menschen sind; dass sie liebenswert und kostbar sind. Und ich glaube, das hat auch geklappt. Zack und Polly haben sich prima verstanden.” Auf der Suche nach Worten blickte Rory zum Himmel, der nun fast rabenschwarz war. Dann sah er Daria an. “Aber dass Polly bei uns wohnte, hat unsere Ehe sehr belastet. Unsere Beziehung stand auch so schon auf recht wackligen Beinen, und Glorianne hat Polly immer als Eindringling betrachtet. Außerdem hat sich Polly weder richtig an die Westküste gewöhnen noch mit dem Tod unserer Mutter abfinden können. Und zur Krönung bekam sie dann noch Herzprobleme und brauchte intensive medizinische Betreuung. Es lag Glorianne einfach nicht, darauf zu achten, dass Polly regelmäßig ihre Medizin einnahm oder die Arzttermine einhielt.”

“Das muss schwer für dich gewesen sein”, sagte Daria mitfühlend. Die Art, wie Rory von seiner Schwester sprach, rührte sie. Und diese Parallelen zwischen Rorys Problemen mit seiner Frau und ihren Schwierigkeiten mit Pete – unglaublich. Mit dem Unterschied, dass Glorianne mit Pollys Einzug einverstanden war. “So, wie du von Polly sprichst – das zeigt mir, dass du mich verstehst”, sagte sie. “Du musst einfach nachvollziehen können, warum ich Shelly beschützen will.”

Er nickte. “Natürlich, das kann ich, Daria. Aber Shelly ist ganz anders als Polly. Shelly ist imstande, eine Situation kritisch zu betrachten und sich zu überlegen, was sie will.”

Er hatte recht, wenn auch nur teilweise. Daria seufzte und stand auf. “Ich habe es nicht geschafft, dich umzustimmen, oder?”

“Auf jeden Fall werde ich über deine Worte nachdenken”, versprach er, “obwohl ich finde, dass die endgültige Entscheidung bei Shelly liegen sollte.” Er erhob sich ebenfalls und folgte ihr zur Treppe. Wortlos gingen sie durch das Haus.

“Gibt es hier in der Nähe ein Fitnessstudio?”, wollte er wissen, als sie schon fast an der Haustür waren.

“Ja, es nennt sich Health-Club. Ist eigentlich ganz nett dort. Ich gehe mehrmals die Woche hin.” Sie erklärte ihm, wo der Club war, und schlug ihm vor, sich nach Sommerangeboten zu erkundigen.

Auf der Veranda fragte Rory: “Suchst du den Strand immer noch frühmorgens nach Muscheln ab? So wie früher?”

Daria lachte. “Inzwischen muss ich frühmorgens zur Arbeit”, erwiderte sie. “Und wenn ich frei habe, schlafe ich lieber aus.”

Durch die Fliegengittertür blickte sie zum Sea Shanty. Jetzt war es Shelly, die den Strand in der Morgendämmerung liebte. Es war Shelly, die bei Sonnenaufgang die Muscheln verlas und sich die Kraft vom Meer holte. Daria könnte und würde nicht zulassen, dass Rory oder irgendjemand sonst die heile Welt ihrer Schwester zerstörte.