12. KAPITEL
“Komm, wir gehen rauf”, sagte Rory zu Zack. Sie standen auf einem kleinen Parkplatz in der Nähe des Leuchtturms von Currituck und schauten zur Spitze des roten Backsteingebäudes hinauf. Rory ging los, doch Zack rührte sich nicht vom Fleck.
“Nun komm schon”, sagte Rory.
“Gibt es da einen Fahrstuhl?”, fragte Zack, als er sich in Bewegung setzte und neben Rory her schlurfte.
“Nein, aber die Stufen im Leuchtturm sind sehr hübsch.” Rory blieb geduldig und war sich sehr wohl im Klaren darüber, dass Zack bei dem Wort hübsch die Augen verdrehen würde. “Es ist eine Wendeltreppe. Je weiter man nach oben kommt, umso enger wird sie, und von oben hat man einen sagenhaften Ausblick.”
“Ich bleibe hier unten”, sagte Zack. Er hatte in der kleinen Grünanlage, die den Leuchtturm umgab, eine Bank entdeckt und steuerte auf sie zu. Mit einem Gefühl der Niederlage, das den ganzen Tag über in ihm gewachsen war, betrat Rory den Leuchtturm allein.
Der jungen Frau, die an einem Tisch im Eingang saß, gab er das Eintrittsgeld und machte sich dann daran, die Stufen hinaufzukraxeln. So hatte er sich das alles nicht vorgestellt, als er Zack am Morgen zu einer Erkundungstour durch die Outer Banks eingeladen hatte. Er hatte die Umgebung mit seinem Sohn gemeinsam erleben, ihm die Liebe zu den Barrier Islands einimpfen wollen. Aber bislang war sein Plan nicht aufgegangen. Sie hatten das steinerne Wright Brothers National Memorial besucht und sich im nahe gelegenen Museum einen Vortrag angehört, bei dem Zack ständig seufzte und auf seinem Stuhl herumzappelte. Und als sie anschließend den Grashügel zum eigentlichen Denkmal erklommen, stapfte Zack in einem Abstand von gut zwanzig Schritten hinter seinem Vater her. Für Zack gab es keinerlei Grund, sich das Wildreservat anzusehen, und er war ebenso wenig daran interessiert, von einem Boot aus Delfine zu beobachten. Rory befürchtete, dass Zack vor allem von ihm gelangweilt war. Denn wenn er seine Zeit mit seinen neuen Freunden am Strand verbrachte, war er lebhaft und fröhlich und nicht der mürrische Teenager, den Rory von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten schleifen musste.
In dem von Daria empfohlenen Health Club hatte Rory für sie beide den Mitgliedsbeitrag bezahlt, doch selbst dort machten sie nichts zusammen. Zack liebte die wilden Kurse – Kickboxen und Spinning. Rory und sein Knie konnten weder beim einen noch beim anderen mithalten.
Kurzatmig erreichte Rory die Aussichtsplattform. Der Ausblick war fantastisch: verschlungene Formen von Wasser und Land, so weit das Auge reichte. Weit unter sich sah er Zack auf der Bank sitzen. Er hätte ihm gern gewinkt, doch sein Sohn sah nicht zu ihm hoch. Rory hatte die Plattform für sich allein. Er stützte sich auf das Geländer und ließ seinen Blick über den Ozean schweifen, und zum ersten Mal an diesem Tag wanderten seine Gedanken von Zack zu der Frau, die er am Strand getroffen hatte. Grace. Er hatte sie am Morgen angerufen. Sie sagte, sie habe gehofft, er melde sich, und diese Worte waren Balsam für seine Seele. Er fragte, ob er sie in Rodanthe besuchen dürfe, aber sie antwortete, sie käme lieber nach Kill Devil Hills, und so hatten sie sich für den folgenden Tag verabredet.
In den vergangenen Tagen hatte er oft an sie denken müssen, an die vielen Fragen, die sie gestellt hatte. Das war nicht dieses gekünstelte, berechnende Interesse gewesen, das Frauen ihm gegenüber oft an den Tag legten, um ihn zu ködern. Er hatte seit seiner Scheidung viele Frauen getroffen, die vor allem an ihm interessiert waren, weil er Rory Taylor hieß. Doch bei Grace hatte er dieses Gefühl nicht. Sie hatte ihn nicht nach Ruhm oder Vermögen gefragt, sondern nach seinen Ideen und besonders nach der Findelkind-Folge von “True Life Stories”.
Weit draußen auf dem Meer erspähte er zwei Schiffe, zwei kleine weiße Punkte, und er stellte sich vor, wie das Leben eines Leuchtturmwärters in der alten Zeit gewesen sein musste – die Stufen hochstapfen, nachsehen, ob die riesige Linse sauber war und das Leuchtfeuer brannte. Doch seine Gedanken verweilten nur kurz bei diesen Bildern und wanderten dann schnell wieder zu Grace.
Eigentlich hatte er sie schon eher anrufen wollen, und ihre frische Trennung und Darias warnende Worte zu seinem Beschützerinstinkt hatten nur zum Teil für sein Zögern gesorgt. Tatsächlich war es Zack, der ihn zurückgehalten hatte. Wie verabredete man sich, wenn man seinem fünfzehnjährigen Sohn als gutes Beispiel vorangehen wollte? Natürlich hatte er sich nach der Scheidung schon mit Frauen getroffen, jedoch nie an den Wochenenden oder während der Ferientage, wenn Zack bei ihm war. Sicher, Glorianne hatte sich nicht nur mit einem anderen Mann getroffen, sondern ihn gleich geheiratet, und auch diese Veränderung hatte Zack überlebt. Doch Glorianne war auch kein positives Vorbild für ihren Sohn, nicht im Geringsten. Er wollte es unbedingt besser machen. Gleichwohl wollte er sich nicht die Möglichkeit entgehen lassen, Grace näher kennenzulernen.
Er sah hinab zu Zack, der sich mit vor der Brust verschränkten Armen auf der Bank ausgestreckt hatte und vielleicht sogar schlief. Wahrscheinlich war er mit den Gedanken bei Kara, der Enkelin der Wheelers; der hübschen kleinen Person, die seit ihrer Ankunft in Kill Devil Hills an Zacks Fersen klebte. Vielleicht war das ein Weg, wie er an seinen Sohn herankam: Frauen. Mit Anekdoten über seine Abenteuer an den verschieden Orten, die sie besucht hatten, hatte er es bereits versucht und war kläglich gescheitert. Zack hatte nur gegähnt und genervt die Augen verdreht. Er könnte es ja mal mit einem richtigen Männergespräch versuchen. Bereit für einen neuen Anlauf, stürmte er die Wendeltreppe hinunter.
Zack war auf der Bank eingeschlafen, und Rory tippte ihn an die Schulter. “Können wir?”, fragte er.
“Ja.” Zack stand auf und ging mit Rory zum Parkplatz.
“Tja”, sagte Rory, als sie wieder im Auto saßen. “Wohin jetzt?”
“Wie wär's mit dem Poll-Rory?”
“Ach, komm schon, Zack. Ein Ort noch. Lass uns doch zu den Dünen nach Nag's Head fahren und den Drachenfliegern zusehen.” Rory wurde bewusst, dass sein Sohn die Dünen noch gar nicht kannte. So wie er selbst sie nicht mehr kannte. Denn obwohl sie für ihn einst den verlockendsten und spannendsten Ort auf den Outer Banks verkörpert hatten, so war er doch seit zwanzig Jahren nicht mehr dort gewesen.
“Von mir aus”, leierte Zack.
Schweigend fuhren sie einige Meilen, und Rory suchte nach einem Gesprächseinstieg. “Dann erzähl mir doch mal von Kara”, sagte er schließlich unbeholfen.
“Was willst du denn wissen?”
“Alles.”
“Es gibt nichts zu erzählen.”
“Wie alt ist sie denn?”
“Fünfzehn.”
“Und wo lebt sie den Winter über?”
“Philadelphia.”
“Und dieses Nabelpiercing: Wie lange hat sie das schon?” Warum hatte er das denn gefragt?
“Eine Weile, schätze ich.”
“Hat sie irgendwelche Hobbys?”
Zack verdrehte die Augen. “Was weiß ich.”
“Sie wirkt jedenfalls sehr nett.” Oh Gott, war das schlecht. Er hatte doch gar keine Ahnung, ob sie nett war oder nicht. Sie hatten bisher nicht ein Wort gewechselt, und das wusste Zack vermutlich auch.
Wieder herrschte Schweigen. Aus irgendeinem Grund musste Rory daran denken, wie er den dreijährigen Zack in Disneyland auf seinen Schultern getragen hatte. Ihm fiel wieder ein, wie Zack beim Softballspielen auf dem Spielplatz oder beim Kicken im Hinterhof versucht hatte, jede seiner Bewegungen nachzuahmen. Er erinnerte sich an Zack im Kinderschlafanzug, der bei Rorys Kitzelattacken gekichert oder über seine albernen Scherze gelacht hatte.
Krampfhaft blickte Rory auf die Straße, und plötzlich überkam ihn völlig unerwartet das Verlangen zu weinen. Er war überrascht, denn eigentlich war er keine Heulsuse. Nur als Polly gestorben war, hatte er einige Tränen vergossen, und als er von Gloriannes Affäre erfahren hatte, war er nah dran gewesen. Doch wieso jetzt? Er schluckte und starrte weiter nach vorn. Zack war alles, was er hatte. Warum verband sie nur kein warmes, freundschaftliches Vater-Sohn-Verhältnis? Was machte er falsch? Er hatte schon die heutige Schlacht verloren, und wenn nicht bald etwas geschah, würde er den gesamten Krieg verlieren.
Als am Horizont die gewaltigen goldenen Dünen auftauchten, nahm Rory wohlwollend wahr, dass Zack sich auf dem Beifahrersitz aufrichtete.
“Das sind die höchsten Dünen an der gesamten Ostküste”, sagte Rory.
“Ziemlich cool”, gab Zack zu.
“Als ich klein war, hätten die Stadtentwickler die Dünen um ein Haar niedergerissen, um neue Wohnanlagen zu bauen. Eine Frau konnte sie gerade noch daran hindern und machte daraus einen Staatspark.”
“Sieh dir mal die Drachenflieger an”, staunte Zack.
Rory bog auf den überfüllten Parkplatz ab. “Komm, wir sehen sie uns aus der Nähe an.”
Sie stiegen aus dem Auto und gingen los. Allmählich wurde der Sandberg größer, und dann erklommen sie auch schon den Hang der ersten Düne. Menschen waren wie Farbkleckse über die Dünenflanke verteilt – einige hockten auf dem Kamm, Kinder kullerten und purzelten die sandigen Hügel hinunter. Über ihren Köpfen glitten einige Drachenflieger durch die Lüfte, ein paar weitere standen auf der Seite der größten Düne in Startposition, und ausgerechnet diese Düne wollte Zack unbedingt bezwingen. Er jagte los, und bald war Rory weit zurückgefallen. Als er den Kamm fast erreicht hatte, spürte er ein alarmierendes Stechen in seinem kranken Knie und war so kurzatmig wie noch nie. Entweder waren die Dünen in den letzten zwanzig Jahren um einiges höher oder er war um einiges älter geworden. Er konnte sich nicht daran erinnern, als Kind jemals so aus der Puste gewesen zu sein.
Es gab vieles, was er mit den Dünen verband. Einst war er eines der Kinder gewesen, die sich die Sandhügel hinabrollen ließen, am Fuß mit schwindeligem Kopf wieder aufstanden und aus ihren Hosentaschen und Turnschuhen Unmengen von Sand auskippten. Er erinnerte sich auch, als Teenager hier gewesen zu sein – tagsüber in der sonnigen Hitze und nachts unter den Sternen.
Auf dem Dünenkamm saß eine Reihe Leute, die den Drachenfliegern zusahen, und Zack und Rory gesellten sich zu ihnen. Die Sonne brannte, doch die milde Brise, die sanft Sandkörner gegen ihre Wangen blies, sorgte für Abkühlung. Von ihrem Platz aus konnten sie sowohl das Meer als auch die Bucht überblicken, und die Cottages unten am Strand sahen so winzig aus, als schaute man aus einem Flugzeug.
“Ich glaube, die dort drüben lernen das Drachenfliegen gerade erst”, bemerkte Zack und wies auf eine Gruppe, die sich um einen am Boden stehenden Hängegleiter versammelt hatte.
Rory tippte der jungen Frau neben ihm auf die Schulter. “Wissen Sie, ob das da drüben ein Kurs ist?”, fragte er.
“M-hm”, antwortete sie. Die blonden Haare wehten ihr ins Gesicht, und sie strich sie mit einer Handbewegung weg. “Ein Anfängerkurs. Mein Cousin ist auch dabei.”
“Welcher ist es denn?”, fragte Zack.
“Der Junge, der eben gerade gelandet ist. Oder besser gesagt: der Typ, der eben mit dem Gesicht durch den Sand geschleift wurde.”
Ihrem Cousin, der aus dieser Entfernung recht jung aussah, schien die raue Landung nichts ausgemacht zu haben. Jeder der angehenden Piloten trug Bein- und Brustgurt sowie Schutzhelm. Rory und Zack sahen sich noch ein paar Starts und Landungen an. Niemand schien furchtbar hoch oder lange zu fliegen, aber es wirkte durchaus einladend, in mehreren Metern Höhe über den Sand zu schweben.
Zack war wie hypnotisiert. Endlich gab es neben dem Strand und Kara noch etwas, was sein Interesse weckte.
“Wollen wir zwei nicht auch mal eine Stunde nehmen?”, schlug Rory vor.
Zack sah ihn ungläubig an. “Eine Hängegleiter-Stunde?”
“Klar.”
“Meinst du hier? In diesem Sommer?”
“Warum nicht?” Das ist zu schaffen, dachte Rory. Es sah recht sicher aus, und er hatte sich die Bruchlandungen der Anfänger mit anschließendem unbeschadetem Hochrappeln lange genug angesehen, um die Risiken abschätzen zu können. Er fragte sich lediglich, wie es seinem Knie bekäme, das immer noch vom Dünenaufstieg schmerzte. Aber egal – das hier war endlich etwas, was sie gemeinsam machen könnten.
“Meinst du das wirklich ernst?”, fragte Zack. “Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass du …”
“Ich war schließlich einmal Berufssportler.” Rory fühlte sich plötzlich wie ein alter Mann.
“Dann machen wir's”, sagte Zack. “Und wann?”
“Was hältst du davon, wenn ich …” Er hielt inne. Sollte Zack die Planung doch übernehmen. “Was hältst du davon, wenn du die Schule anrufst und nach den nächsten Anfängerkursen fragst? Dann kannst du uns anmelden.”
“Du hoffst doch nur, dass ich nicht anrufe”, foppte Zack ihn.
“Ich hoffe, dass du anrufst”, sagte Rory ernst. “Ich würde das wirklich gern mit dir machen.”
Der emotionale Klang seiner Stimme war wohl zu viel für Zack, denn er verstummte und wandte sich wieder den Drachenfliegern zu. Rory versank in seiner eigenen Gedankenwelt, seinen Erinnerungen. Erklommen die Teenager die Dünen heute immer noch bei Nacht, wenn der Staatspark schon geschlossen und es eigentlich verboten war? Er dachte an eine besondere Nacht zurück, die er hier draußen verbracht hatte. Die Dünen mochten über die Jahre gewandert sein, aber diese Erinnerung war für immer fest in seinem Gedächtnis verankert.
Eine Erinnerung, die er mit seinem Sohn niemals teilen würde.