36. KAPITEL

“Wir werden wohl nicht um eine Evakuierung herumkommen”, befürchtete Daria. Sie saß neben Rory auf dem Witwensteg des Sea Shanty. “Sie haben gesagt, eine Hochdruckzone schiebt Bernadette genau zu uns.”

“Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass da draußen ein Sturm wütet”, meinte Rory.

Von der Westseite des Witwengangs blickten sie aufs Meer hinaus. Das Wasser war ruhig. Die glasigen Wellen schwappten friedlich ans Ufer. Daria hatte schon genug Stürme auf den Outer Banks erlebt, um zu wissen, wie trügerisch diese Ruhe war. Dennoch konnte sie gut nachvollziehen, wie jemand, der mit der Gegend nicht vertraut war, sich einreden konnte, der Sturm würde an ihnen vorbeiziehen. Sie jedoch brauchte keine äußeren Vorzeichen, um zu wissen, was kam. Sie spürte es in der Magengrube – eine dunkle Vorahnung, die sich immer durch ihren Körper wühlte, wenn ein Sturm drohte. Er könnte sie verfehlen. Möglicherweise bekämen sie nicht mehr ab als ein paar Tropfen und einen harmlosen Wind. Oder aber das Wasser würde Kill Devil Hills überfluten, die Strände zerstören und sämtliche Cottages aufs weite Meer hinausziehen. Genau diese Ungewissheit war es, die sich so in ihren Magen bohrte. Sie musste sich aufs Schlimmste gefasst machen. Sie würde die Sturmläden schließen, das Werkzeug aus der Werkstatt nach oben bringen und – das war das Wichtigste – Shelly so gut beruhigen und beschäftigen müssen wie möglich.

“Ich kann Shellys Anspannung schon jetzt spüren”, meinte Daria. “Ich glaube, sie hat den ganzen Tag noch nichts gegessen.”

“Hast du ihr gestern eine lange Standpauke gehalten?”

“Nein. Als sie nach Hause kam, war sie schon so unruhig wegen des Sturms, dass ich es nicht fertiggebracht habe.”

“Wohin gehen wir eigentlich, wenn wir die Häuser wirklich räumen müssen? Oder: Wohin geht ihr normalerweise?”

“In ein Motel in Greenville. Da wir gerade davon sprechen – ich sollte zur Sicherheit schon mal die Zimmer reservieren. Soll ich für dich und Zack auch eins bestellen?” Sie hoffte inständig, er würde Ja sagen, denn sie wollte ihn gern in ihrer Nähe haben.

“Das wäre toll”, antwortete er. “Und ich sollte wohl besser etwas Sperrholz besorgen, was? Ich habe so was zwar noch nie gemacht, aber ich weiß noch, dass mein Vater früher immer Holz vor die Fenster genagelt hat.”

“Ja, genau. Außerdem nimmst du am besten das 'Poll-Rory'-Schild ab, damit der Wind es nicht wegweht. Und bring die Terrassenmöbel rein, auch von der Dachterrasse.” Sie warf einen Blick zu seinem Cottage. “Den Mülleimer solltest du auch reinstellen und alles andere, was sich durch den Wind in ein Geschoss verwandeln kann.”

“Jetzt machst du mich langsam nervös.”

“Ich weiß”, lachte sie. “Ich krieg schon Magenschmerzen, wenn ich nur daran denke.”

Für einige Minuten schwiegen sie. Sie sah, wie Zack und ein paar andere Jugendliche am Strand Volleyball spielten. Schließlich durchbrach Rory die Stille.

“Ich habe heute mit den Wheelers gesprochen.”

“Oh. Über Kara?”

“Nein, das Thema Zack und Kara habe ich nur gestreift. Sie halten meinen Sohn für einen tollen Jungen. Dabei sollte ich es besser belassen.”

“Er ist ein toller Junge”, bekräftigte Daria. Dann begriff sie, worüber er sich mit den Wheelers unterhalten haben musste. “Shelly”, meinte sie. “Du hast mit ihnen über Shelly geredet.”

“M-hm.” Rory rutschte auf der Bank ein Stückchen nach unten und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. “Es wird dich freuen zu hören, dass sie mir keine große Hilfe waren. Genauer gesagt: Sie haben es nur geschafft, mich völlig aus dem Konzept zu bringen.”

“Was meinst du damit?”

“Mr. Wheeler hält Polly für Shellys Mutter. Und rate mal, was Mrs. Wheeler glaubt!”

Einen Augenblick lang war Daria beunruhigt. Was wusste Mrs. Wheeler? “Was denn?”, fragte sie.

Meine Mutter.”

Daria lachte. Das war grotesk. “So ein Unfug. Wie kommt sie denn darauf?”

Rory zuckte die Achseln. “Na ja, sie hat auf etwas Wichtiges hingewiesen. Meine Mutter – und da bin ich sicher – hatte nach Pollys und meiner Geburt Angst, noch mehr Kinder zu bekommen, weil sie fürchtete, auch sie könnten das Downsyndrom haben. Mom war zu jener Zeit immerhin Ende vierzig, sodass ihre Sorge durchaus berechtigt war. Mrs. Wheeler meinte, meine Mutter könnte schwanger geworden sein und es für das Beste gehalten haben, das Baby am Strand zurückzulassen.”

“Ich erinnere mich zwar nicht mehr besonders gut an deine Mutter, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so etwas getan hätte.”

“Ich weiß nicht.” Er nahm die Hände wieder herunter, stützte die Ellbogen auf seine Knie und blickte auf die See hinaus. “Das beschäftigt mich jetzt schon den ganzen Tag. Immerhin hatte sie psychische Probleme, als sie in die Jahre kam. Zwar noch nicht zu jener Zeit, glaube ich, aber vielleicht hat sich damals schon etwas zusammengebraut. Ich meine, irgendjemand hat es schließlich getan. Irgendjemand war in jener Nacht ziemlich verrückt. Meine Mutter könnte es ebenso gut gewesen sein wie jede andere Frau.”

Er klang mutlos, und Daria legte vorsichtig ihre Hand auf seinen Rücken. Die Berührung fühlte sich merkwürdig und fremd an, aber genau das Gleiche hätte er in einem solchen Moment getan, und sie wusste, wie gut es tat, so getröstet zu werden. Das war das Mindeste, was sie für ihn tun konnte – oder jedenfalls das Mindeste, was sie tun wollte. Sie war in der Lage, seine Zweifel für immer in den Wind zu streuen, doch sie konnte ihr Wissen unmöglich mit ihm teilen.

“Was würdest du machen, wenn du herausfinden würdest, dass es tatsächlich Polly oder deine Mutter war”, fragte sie. “Würdest du die Sendung dann immer noch produzieren?”

“Spinnst du?” Er wandte ihr sein Gesicht zu. “Auf keinen Fall.”

“Dann bitte ich dich zu bedenken, dass die Frau, die du bloßstellen willst, ebenfalls die Schwester oder Mutter von jemandem sein könnte und dass du diese Menschen mit deinen Enthüllungen verletzten könntest.”

Rory starrte auf seine nackten Füße. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen.

“Wahrscheinlich war es Cindy”, fuhr sie fort, “und sie hat vermutlich eine Familie, die am Boden zerstört wäre, wenn sie von Shelly erfahren würde. Du musst …”

“Ach ja”, unterbrach Rory sie und setzte sich aufrecht hin, “ich habe übrigens herausgefunden, wo Cindy steckt.”

“Ehrlich?” Diese Neuigkeiten behagten Daria ganz und gar nicht.

“Ja. Die Wheelers haben mir erzählt, dass sie mit ihrem Mann und den Kindern oben in Corolla lebt.”

“Das ist mir neu.” Daria hatte keine Ahnung gehabt, dass Cindy noch immer auf den Outer Banks lebte. “Willst du mit ihr sprechen?”

“Allerdings. Wenn dieser Sturm nicht wäre, würde ich sofort hinfahren. Aber so verbringe ich den morgigen Tag wohl besser damit, an meinem Haus alle Schotten dicht zu machen.”

“Eine gute Idee”, sagte Daria. Die Neuigkeiten über Cindy hatten sie nachhaltig schockiert. Es war leicht gewesen, Cindy zu beschuldigen, solange sie nicht mehr war als eine trübe Erscheinung aus der Vergangenheit. Doch das Bewusstsein, dass sie eine lebendige Frau aus Fleisch und Blut war, die nur wenige Kilometer die Küste hoch wohnte, ließ die Dinge in einem völlig neuen Licht erscheinen.