15. KAPITEL

Rory reichte Grace ein Glas Limonade und setzte sich dann auf einen der anderen Stühle auf seiner Veranda. Sie hatten das Cottage ganz für sich. Grace war genau in dem Moment angekommen, als Zack mit Kara und ihren zahlreichen Geschwistern, Cousins und Cousinen zum Wasserpark aufgebrochen war. Rory hatte die Begegnung von Zack und Grace mit Spannung erwartet, jetzt, da offensichtlich war, dass sie aus einem anderen Grund hier war als zum Telefonieren. Doch Zack hatte Grace nur kaum hörbar gegrüßt und dann mit Kara das Haus verlassen. Anscheinend interessierte es ihn kein bisschen, was Rory tat. Möglicherweise war er sogar froh darüber, dass sein Vater nun jemanden hatte, der ihn beschäftigte und von Zack fernhielt.

Grace trug ein smaragdgrünes Sommerkleid, Sandalen und die hellblau getönte Sonnenbrille. Ihr hellbrauner Pony fiel ihr lang und sexy ins Gesicht. Ein wahrer Augenschmaus, wie Rory fand.

“Erzählen Sie mir noch ein bisschen von dem Baby vom Strand”, bat sie ihn.

Er hatte auf diese Frage gehofft. Anfangs hatten sie ein wenig über ihr Geschäft in Rodanthe geplaudert – halb Krimskrams, halb Café, hatte sie gesagt – und danach über Zack gesprochen, und Rory hatte sich schon gefragt, ob Shellys Geschichte vielleicht doch nicht so faszinierend war. Doch jetzt hatte sie ihren Blick gebannt auf das Sea Shanty gerichtet.

“Was möchten Sie denn wissen?”, fragte er. “Was, glauben Sie, würden die Leute über sie erfahren wollen?”

“Wie ihr Leben bisher war. Wie sie aussieht. Sie haben gesagt, sie ist hübsch?”

“Ja, eine wahre Schönheit. Groß und blond.”

“Und mit einer Gehirnschädigung.” Grace schürzte die Lippen, als stimmte diese Tatsache sie missmutig.

“Sie ist nur ein wenig …” Er wollte nicht einfach sagen. Irgendwie fand er dieses Wort unangemessen. “Sie ist … unbedarft, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich kenne sie nicht besonders gut, sondern habe nur ein paar Worte mit ihr gewechselt, aber sie scheint auf unschuldige Art zutraulich zu sein.”

“Hat ihre Adoptivfamilie sie gut behandelt?”, fragte Grace.

“Sie vergöttern sie”, antwortete er. “Als sie acht war, ist ihre Mutter gestorben, und seitdem kümmert sich eine ihrer Schwestern um sie.”

“Oh …” Grace legte die Stirn in Falten. “Armes kleines Ding. Hat gleich zwei Mütter verloren.”

“Aber ich glaube, Daria macht ihre Sache sehr gut.”

“Was ist mit … Arbeit? Kann sie arbeiten? Wie war sie in der Schule? Und ihr Sozialleben? Hat sie …”

“Brrr.” Rory lachte zufrieden. Er sollte ihre Fragen aufschreiben, damit er sie in der Sendung auch alle beantwortete. “Immer eine Frage nach der anderen. Ich glaube, sie ging auf eine Sonderschule, doch darüber muss ich noch mehr in Erfahrung bringen. Und sie arbeitet als Haushälterin im Pfarrhaus einer katholischen Kirche, aber Daria meint, dass sie viel Hilfe braucht. Shelly ist stark von ihr abhängig.”

“Die Gehirnschädigung … worauf wird die zurückgeführt?”

“Auf Komplikationen bei ihrer Geburt, vermute ich. Oder auf die Zeit, die sie am Strand lag. Ich weiß es nicht genau. Keine Ahnung, ob das überhaupt jemand sicher sagen kann.”

“Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie nach dieser langen Zeit herausfinden, wer sie am Strand ausgesetzt hat”, sagte Grace. “Ich meine, ich bin ein wenig besorgt, dass Sie am Ende enttäuscht werden. Es scheint eine unlösbare Aufgabe zu sein.”

Er war keineswegs besorgt. Bisher hatte er lediglich die Polizeiberichte durchforstet, und jetzt erstellte er eine Liste von Personen, mit denen er noch sprechen wollte – dem Detective, der damals die Ermittlungen leitete, und jedem einzelnen Anwohner der Sackgasse. Er ließ sich nicht hetzen. Schließlich hatte er noch den ganzen Sommer.

“Sie wären erstaunt, wie viele Dinge wir mithilfe der Recherchearbeiten für 'True Life Stories' schon herausgefunden haben”, sagte er. “Manchmal decken wir die Geheimnisse während der Recherche auf, wie das eine Mal, als wir dem Mörder eines elfjährigen Jungen auf die Schliche kamen, obwohl Polizei und FBI schon seit Jahren ohne Erfolg an dem Fall dran waren. Unsere Rechercheure betrachteten den Fall aus einem anderen Blickwinkel und schafften es, den Mörder zu entlarven.” Grace sah sich “True Life Stories” vermutlich nicht regelmäßig an, sonst hätte sie gewusst, dass die Sendung dafür bekannt war, das Unlösbare zu lösen.

“Beeindruckend”, sagte Grace. “Aber wie genau wollen Sie die Mutter dieses Kindes enttarnen?”

“Indem ich Leute befrage. Die Leute erinnern sich nach einer so langen Zeit manchmal an Dinge, die ihnen damals nicht wichtig genug erschienen, um sie der Polizei zu melden. Und diese Dinge verraten sie dann mir. Eine andere Möglichkeit ist, in der Sendung alle, auch noch die kleinsten Details eines Falls zu präsentieren. Die Leute melden sich dann plötzlich und erzählen die Wahrheit. Sie wären überrascht, wenn Sie wüssten, wie häufig das vorkommt.”

“Wie sicher sind Sie, dass Sie dieses Geheimnis lüften?”

“Ich habe ein recht gutes Gefühl. Wer auch immer Shelly ausgesetzt hat, hat sich in den vergangenen Jahren vermutlich jemandem anvertraut. Oder sie leidet unter ihrer Tat. Vielleicht hat sie den Wunsch, nach all den Jahren wieder mit ihrer Tochter vereint zu sein.”

Zu seiner Freude öffnete sich die Tür des Sea Shanty, und Shelly trat auf den Vorplatz. Sie trug ihren weißen Bikini und den hauchdünnen Rock und wandte sich strandwärts.

“Wo wir gerade von Shelly sprechen”, sagte Rory und wies mit dem Kopf in ihre Richtung.

“Ist sie das?” Grace beugte sich in ihrem Stuhl nach vorn. Um besser sehen zu können, hob sie ihre Sonnenbrille ein Stückchen von der Nase.

“Ja”, antwortete er. “Möchten Sie sie kennenlernen?” Er wollte selbst gern noch mal mit Shelly sprechen, doch sie war bereits über die Düne verschwunden. “Wir könnten ihr nachgehen”, schlug er mit einem Blick auf Graces helle Haut vor. “Ich habe noch Sonnencreme im Haus, die Sie benutzen können.”

Grace stand auf. “Ich bin schon eingecremt”, erklärte sie.

Und so machten sie sich auf zum Strand.

“Früher war ich eine Sonnenanbeterin”, erzählte sie. Im Gehen streckte sie einen Arm nach vorn und betrachtete ihre blasse Haut. “Ist wahrscheinlich schwer zu glauben.”

“Na ja, zumindest bekommen Sie so keinen Hautkrebs.” Er fuhr zusammen. Wie unsensibel von ihm. Vielleicht hatte sie Hautkrebs oder einen anderen Krebs, und genau darin lag ihr Problem. Er hätte sie gern nach ihrer Krankheit gefragt, doch dann wäre er sich wie ein sensationsheischender Medienfuzzi vorgekommen.

“He, Shelly!”, rief er, als sie die Düne hinter sich gelassen hatten. Als Shelly ihren Namen hörte, drehte sie sich um, winkte und ging dann ein Stück zurück. Der Wind wirbelte ihr Haar in die Luft und wehte den Rock gegen ihre langen Beine, und Shelly fragte sich, ob die Frau neben Rory von ihrem Anblick genauso gefangen war wie sie von ihrem.

“Hi Rory”, begrüßte sie ihn.

“Ich will dich nur kurz einer Freundin vorstellen”, sagte er. “Das ist Grace.”

Shelly lächelte und hielt Grace die Hand hin. “Ich bin Shelly.” Sie trug eine kleine roséfarbene Sonnenbrille, und Rory musste lächeln. Sie passte perfekt zu ihrer Weltsicht.

Stumm schüttelte Grace Shelly die Hand.

“Dürfen wir dich ein Stück begleiten?”, fragte Rory.

“Na klar”, antwortete sie. “Unten am Wasser, ja? Ich will meine Füße hineintauchen.”

Während ihres Spaziergangs war Grace plötzlich gar nicht mehr schweigsam. Im Gegenteil: Sie bombardierte Shelly mit Fragen. Wie war ihr Job? Was gefiel ihr am besten? Was am wenigsten? Wie war ihre Kindheit? Hatte sie Freunde? Shelly beantwortete jede Frage mit der kindlichen Ehrlichkeit, die Rory inzwischen von ihr kannte.

“Rory hat mir erzählt, wie … wie Sie am Strand gefunden wurden”, sagte Grace. “Haben Sie davon schon immer gewusst? Wussten Sie von klein auf, dass Sie adoptiert sind?”

“Natürlich”, sagte Shelly. Sie kicherte. “Das war sowieso ziemlich offensichtlich. Ich meine, jeder in meiner Familie hat dunkles Haar, und niemand ist besonders groß. Und dann ich, diese blonde Bohnenstange.”

“Aber anscheinend hat Ihre Adoptivfamilie gut für Sie gesorgt, oder? Vielleicht war es ja am besten so, dass Ihre Mutter … Sie verlassen hat und Sie bei einer guten Familie gelandet sind.”

“Keine Frage”, meinte Shelly. “Meine Familie ist wirklich prima.”

“Waren Sie denn schon immer so groß?”, fragte Grace weiter. “Ich meine, waren Sie früher immer das größte Mädchen in der Klasse? Sie sind fast so groß wie ich.”

“Jepp”, sagte Shelly. “Ich glaube sogar, ich bin größer als Sie.” Mit den Augen maß sie Graces Größe ab. “Der Strand fällt ab, ist schwer zu sagen.”

“Als Kind haben mich die anderen Kinder immerzu aufgezogen”, erzählte Grace. “Sie haben gesagt, ich sähe aus wie Popeyes Olivia. Wurden Sie auch so gehänselt?”

“Nein, eigentlich nicht. Das hätte Daria gar nicht erst zugelassen.”

“Daria ist ihre Schwester”, erklärte Rory zur Sicherheit noch einmal.

Grace nickte. “Ja. Diejenige, die sie am … die Shelly gefunden hat.”

“Sie ist 'Supergirl'“, ergänzte Shelly.

“Sie meinen … weil sie Sie gerettet hat?”, fragte Grace.

“Mich und viele andere Menschen. Sie ist Rettungsassistentin. Na ja, oder zumindest war sie es einmal.”

“Klingt nach einer ganz besonderen Person”, bemerkte Grace. “Ich bin wirklich froh, dass sie sich so gut um Sie gekümmert hat.”

Rory wurde allmählich überflüssig, doch das störte ihn nicht. Im Geiste machte er sich Notizen. Anhand von Graces Fragen versuchte er zu ermitteln, welche Aspekte von Shellys Leben seine Zuschauer interessieren würden.

“Rory hat mir erzählt, Sie fertigen Halsketten aus Muscheln”, fuhr Grace fort.

“Nicht nur Ketten”, korrigierte Shelly. “Allen möglichen Schmuck.”

“Ich würde mir die Stücke irgendwann gern einmal ansehen”, meinte Grace.

So ist Grace einfach, dachte Rory. Brennend interessiert an anderen Menschen. Gerade das gefiel ihm ja so an ihr. Er fragte sich, ob sie Zack mit ihren Fragen wohl genauso viel entlocken könnte wie Shelly.

“Wissen Sie”, begann Grace zögernd, “Babys, die einen holprigen Start ins Leben haben, so wie Sie, entwickeln manchmal gesundheitliche Probleme. Haben Sie irgendetwas in der Art?”

Diese Frage kam Rory seltsam vor. Aufdringlich und suggestiv. Wollte Grace, dass Shelly ihre Gehirnschädigung eingestand? Was wollte sie damit erreichen?

Doch Shelly schien sich kein bisschen bedrängt zu fühlen. Im Gegenteil, sie antwortete frei heraus.

“Ja, die habe ich tatsächlich”, sagte sie überrascht. “Woher wussten Sie das?” Sie sah zu Rory. “Sie ist ziemlich schlau”, kommentierte sie mit einem Nicken zu Grace, die leicht lächelte.

“Ich schätze, das ist sie”, erwiderte Rory.

“Ich habe Epilepsie”, erzählte Shelly. “Meinen Sie, das hängt mit den Ereignissen von damals zusammen?”

Grace berührte tröstend ihren Arm, und Rory war von dieser Geste bewegt. Anscheinend hatte sie genau die richtige Frage gestellt. Eine erstaunliche Frau. Intuitiv, neugierig und freundlich. Warum um Himmels willen sollte ihr Mann sie verlassen haben? Natürlich wusste er nicht, ob es überhaupt so gewesen war. Und überhaupt – Glorianne hatte ihn ja auch verlassen.

“Möglicherweise, aber nicht zwingend”, beantwortete Grace Shellys Frage. “Einige Menschen werden damit geboren. Vermutlich hätten Sie auch Epilepsie, wenn Ihre Mutter Sie nicht ausgesetzt hätte. Wie oft kommen die Anfälle denn?”

“Nicht sehr oft. Aber ich habe es noch nie ein Jahr ohne geschafft, und deshalb darf ich nicht Auto fahren. Das ist wirklich ärgerlich.” Shelly zog eine Grimasse. “Daria muss mich überall hinfahren, und wenn sie nicht kann, müssen es Bekannte tun. Aber ich gehe auch viel zu Fuß. Wenn das Wetter nicht zu schlecht ist, laufe ich zur Kirche. Jedenfalls nehme ich Medikamente dagegen, die auch gut helfen.”

“Rory hat mir erzählt, er will Ihre Geschichte ins Fernsehen bringen. Was halten Sie davon?”

“Ich finde das ziemlich cool”, sagte Shelly mit einem Grinsen. Als ihr Blick auf Graces Schultern fiel, wurde sie schlagartig ernst. “Ihre Schultern verbrennen”, sagte sie.

Auch Rory sah, dass sich die Haut um Graces grünes Kleid rosarot verfärbt hatte. “Wir sollten lieber zurückgehen”, riet er. “Sonst wird es eine schmerzvolle Nacht.”

Sie blieben stehen, und Grace blickte finster auf ihre Schulter.

“Man muss hier im Sommer gut aufpassen”, riet Shelly, “und sich oft eincremen. Mindestens mit Lichtschutzfaktor fünfzehn.”

“Danke.” Grace lächelte sie an. Dann sah sie hoch zur Sonne, als wünschte sie sie fort. Sie seufzte. “Ja, wahrscheinlich ist es gescheiter, zurückzugehen.”

“Ich bleibe noch ein bisschen”, sagte Shelly. “War schön, Sie kennenzulernen, Grace.”

“Finde ich auch, Shelly”, erwiderte Grace. Sie sah Shelly noch kurz nach und gesellte sich dann an Rorys Seite.

“Was für eine bezaubernde junge Frau!”, freute sie sich.

“Sie sind toll mit ihr umgegangen.”

Das Kompliment überraschte Grace. “Ich habe mich doch nur mit ihr unterhalten. Man kann gut mit ihr reden. Jetzt verstehe ich, was Sie mit … unbedarft meinen. Es gibt sicher Leute, die das leicht ausnutzen.”

“Und ich gehöre nicht dazu”, verteidigte sich Rory sogleich.

“Nein, das wollte ich damit auch gar nicht andeuten.”

“Entschuldigen Sie bitte. Bei dem Thema bin ich etwas überempfindlich, weil Daria meint, ich solle nicht in Shellys Vergangenheit wühlen. Aber Shelly will es so. Hatten Sie nicht auch das Gefühl?”

“Ja, allerdings.” Zögernd fügte sie hinzu: “Aber vielleicht weiß sie nicht, was am besten für sie ist.”

Eine Zeit lang gingen sie schweigend weiter, und Rory stellte sich vor, wie Zack auf Graces Fragen reagieren würde.

“Hätten Sie Lust, heute Abend mit meinem Sohn und mir zu essen?”, fragte er, während sie die kleine Düne zur Sackgasse hinaufgingen.

“Oh, vielen Dank für die Einladung, aber ich muss arbeiten.”

Obwohl sie heute schon wesentlich kräftiger wirkte als bei ihrer ersten Begegnung, war sie auf dem Weg zu ihrem Wagen, der in seiner Auffahrt stand, wieder etwas wacklig.

“Möchten Sie noch ein Glas Wasser trinken, ehe Sie fahren?”, bot er an. “Oder irgendwas anderes?”

“Nein, danke.”

“Ich frage nur, weil Sie plötzlich so geschwächt wirken.”

“Ich …” Den Blick auf die Straße gerichtet, setzte sich Grace hinters Steuer. “Ich bin mit meinen Gedanken wohl noch bei Shelly. Ich empfinde Mitleid für sie; für das, was sie durchmachen musste.”

Rory nickte. “Ich weiß. Sie hat es wirklich gut bei den Catos, aber mich packt immer noch eine rasende Wut, wenn ich über die Frau nachdenke, die sie am Strand ausgesetzt hat. Shelly war …”, er hielt Daumen und Zeigefinger einen halben Zentimeter auseinander, “… so nah dran zu sterben.”

Grace blickte durch das Seitenfenster zum Strand. “Vielleicht sollten Sie nicht zu schnell über diese Frau urteilen, Rory. Nicht, bevor Sie mehr über die Umstände wissen”, riet sie. “Wer weiß, was sie durchgemacht hat?”