94. KAPITEL
Freitag, 31. Oktober
Christine erwachte in einem Raum voller Blumen. War sie etwa schon tot? Verschwommen erkannte sie ihre Mutter am Bett sitzen und wusste, dass sie noch lebte. Der blau-rosa Jogginganzug ihrer Mutter war weder für den Himmel noch die Hölle geeignet.
„Wie fühlst du dich, Christine?“ Ihre Mutter nahm lächelnd ihre Hand.
Offenbar ließ sie endlich ihr Haar grau werden. Es sah gut aus. Christine nahm sich vor, es ihr später zu sagen, wenn ein Kompliment passend kam, um die unvermeidliche Befragung abzuwehren.
„Wo bin ich?“ Die Frage war dumm, aber nach den stundenlangen Halluzinationen absolut notwendig.
„Du bist im Krankenhaus, meine Liebe. Erinnerst du dich nicht? Du bist gerade eben aus dem OP gekommen.“
OP? Erst jetzt bemerkte sie die vielen Schläuche an ihrem Körper und schlug panikartig die Decke zurück.
„Christine!“
Ihre Beine waren noch da. Und ja, sie konnte sie bewegen. Eines war bandagiert, aber das war nicht schlimm, solange es reagierte.
„Du musst dir nicht auch noch eine Lungenentzündung holen!“ Ihre Mutter deckte sie wieder zu.
Christine hob beide Arme, bewegte die Finger und sah, wie die Flüssigkeiten aus den Schläuchen in ihre Venen tropften. Sie schien noch ganz zu sein und zu funktionieren. Dass sich Brust und Magen anfühlten wie gequetscht, war da nicht weiter von Belang.
„Dein Vater ist mit Bruce auf einen Kaffee hinausgegangen. Sie werden sich freuen, dass du aufgewacht bist.“
„O Gott, Bruce ist da?“ Plötzlich erinnerte sie sich an Timmy, und ihre Angst nahm ihr fast den Atem.
„Gib ihm eine zweite Chance“ , bat ihre Mutter, ohne ihr Atemproblem zu bemerken. „Diese Tortur hat ihn wirklich verändert.“
Tortur? War das die neue Sprachregelung für die Entführung ihres Sohnes?
Erleichtert sah sie in dem Moment Nick den Kopf zur Tür hereinstecken. Er hatte eine frische Schramme an der Stirn, doch die Prellungen und Schwellungen am Kinn waren kaum noch zu sehen. Zu blauem Hemd und dunkelblauer Krawatte trug er Jeans und ein schwarzes Sakko. Wie lange hatte sie geschlafen? Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie denken, er hätte sich für eine Beerdigung angezogen. Sie dachte wieder an Timmy. Was genau hatte ihre Mutter mit Tortur gemeint? Eine neue Welle von Schmerzen und die Angst verstärkten den Druck in ihrer Brust.
„Hallo, mein Lieber“ , grüßte ihre Mutter, als Nick sich hinabbeugte und Christine die Wange küsste.
Sie beobachtete die beiden und suchte verräterische Signale. Sollte sie nach Timmy fragen? Würden sie lügen, um sie zu schonen? Hielt man sie für zerbrechlich?
„Ich will die Wahrheit wissen, Nick!“ platzte sie so schrill heraus, dass sie ihre Stimme selbst kaum erkannte. Beide sahen sie erschrocken und besorgt an. Sie merkte jedoch, dass Nick wusste, was sie meinte.
„Okay, wenn du es so haben willst.“ Er ging zur Tür, und sie wollte ihm nachrufen, er solle bleiben und mit ihr reden.
„Nicky, bitte!“ sagte sie nur, ohne Rücksicht darauf, wie flehentlich das klang.
Er öffnete die Tür, und da stand Timmy wie eine Erscheinung. Christine rieb sich die Augen. Halluzinierte sie wieder? Timmy humpelte auf sie zu. Sie sah die Kratzer und Schnitte auf seiner Wange und eine blutunterlaufene, geschwollene Lippe. Gesicht und Haare waren jedoch frisch gewaschen, und er trug saubere Kleidung. Er hatte sogar neue Tennisschuhe. War alles nur ein schrecklicher Albtraum gewesen?
„Hallo, Mom“ , sagte er, als sei es ein ganz gewöhnlicher Morgen. Er kletterte auf den Stuhl, den seine Großmutter ihm hinschob, und kniete sich hin, um auf das Bett sehen zu können. Christine ließ ihren Tränen freien Lauf. Sie hätte ohnehin keine Chance gehabt, sie zu unterdrücken. War er wirklich hier? Sie berührte ihn an der Schulter, glättete seinen Wirbel und streichelte ihm die Wange.
„Ach Mom, alle können das sehen“ , mäkelte er. Da wusste sie, dass er kein Traumbild war.