70. KAPITEL

Christine drückte auf Kopieren und sah das Bild des strahlend lächelnden Timmy auf die Ablage gleiten. Es würde ihm nicht gefallen, dass sie das Schulfoto vom letzten Jahr genommen hatte. Das mit dem verdrehten Kragen und dem hochstehenden Wirbel. Es war eines ihrer Lieblingsfotos. Plötzlich kam er ihr darauf viel jünger vor. Würde man ihn überhaupt erkennen? Er hatte sich in dem einen Jahr sehr verändert.

Sie betätigte das Zählwerk und drückte wieder. Ein lächelnder Timmy nach dem anderen fiel auf die Ablage. Im Sheriff Department hinter ihr rumorte es von Stimmen, eiligen Schritten und klickenden Maschinen. Obwohl sie mithalf, fühlte sie sich isoliert, geradezu unsichtbar. Hatte man ihr diese Arbeit nur aufgetragen, damit sie nicht im Weg stand? Nick glaubte, je mehr Fotos sie in die Medien und unter die Leute brachten, desto größer sei die Chance, dass sich jemand erinnerte. Diesmal ging er den Fall anders an als noch bei Danny Alverez. Sie hatten gelernt, teure Lektionen.

Ihre Flucht heute Morgen aus dem Fernsehstudio würde sie den gut dotierten Fernsehjob kosten. Aber darauf kam es nicht an. Im Moment zählte nur Timmy.

Sie spürte seine Nähe an einer beunruhigenden Kälte, als liefen ihr Eiswürfel den Rücken hinab. Sie drehte sich langsam um. Eddie Gillick drängte sich an sie und zwängte sie zwischen Kopierer und seinem Körper ein. Über seinem schmalen Schnauzbart zeigten sich Schweißperlen. Er atmete heftig, als wäre er gelaufen. Der Geruch seines After Shave schlug ihr entgegen, während er sie mit einem abschätzigen Blick maß.

„Entschuldige, Christine, ich muss ein paar Kopien von diesen Fotos machen.“ Er zeigte sie ihr. Da sie nur einen flüchtigen Blick darauf warf, hielt er ihr ein Foto nach dem anderen vor das Gesicht. Hochglanzaufnahmen, auf denen die blutigen Schnitte besonders plastisch hervortraten. Nahaufnahmen von abgeschälter Haut, einer durchschnittenen Kehle und Matthew Tanners blassem Gesicht, dessen glasige Augen sie anstarrten.

Christine zwängte sich an ihm vorbei und nahm sogar eine Verletzung am Kopierer in Kauf, nur um Eddie zu entkommen. Er verfolgte lächelnd, wie sie mit einem Polizisten zusammenstieß, sich das Knie an einem Schreibtisch anschlug und es endlich quer durch den Raum in die sichere Ecke am Wasserkühler schaffte. Dort lehnte sie an der Wand und blickte auf das Chaos ringsum.

Bewegten sich plötzlich alle in Zeitlupe, oder war das nur Einbildung? Die Leute sprachen so langsam, dass die Geräuschkulisse zu einem einzigen tiefen Baritonton verschmolz. Und dann dieses Klingeln, dieser hohe Dauerton! War das ein Telefon oder eine Sirene? Ein Feueralarm? Sollten die nicht besorgt sein? Konnte das keiner abschalten, hörte das denn niemand?

„Christine?“

Sie vernahm ihren Namen aus weiter Ferne, presste sich gegen die Wand, hielt sich an der glatten Fläche fest, und der Raum drehte sich. Eine leichte Neigung zu einer Seite, die niemand zu bemerken schien, dann die Neigung zur anderen.

„Christine, alles in Ordnung mit Ihnen?“

Lucy Burtons herzförmiges Gesicht erschien vor ihr, die Augen groß und hervortretend wie in einem Zerrspiegel. Aber hier war gar kein Spiegel. Lucy sagte wieder etwas, die grell geschminkten Lippen bewegten sich, doch es kam kein Laut heraus. Wo war die Fernbedienung? Sie musste Lucys Lautstärke aufdrehen.

Aus dem Nichts streckten sich ihr Hände entgegen. Sie schlug danach, doch sie kehrten zurück. Sie konnte nicht atmen, sie brauchte Wasser. Der Wasserkühler war links von ihr, etliche Meilen weit weg. Wieder schlug sie nach den Händen.

„Nein, ich kann dich nicht hören, Lucy“ , sagte sie und merkte dann, dass sie nur in Gedanken sprach.

Sie spürte ihren Körper die Wand hinabgleiten. Sie konnte ihn nicht abfangen. Sie hatte die Gewalt über ihn verloren, als er in Zeitlupe zu rutschen begann. Viele Füße, eilige Schritte, rote Fußnägel, ein Paar Cowboystiefel. Dann schaltete jemand das Licht aus.