26. KAPITEL

Christines Artikel in der Abendausgabe lag um halb vier an den Zeitungsständen in Omaha. Um vier warfen die Zeitungsausträger das zusammengerollte Omaha Journal auf die Veranden und in die Vorgärten von Platte City. Ab zehn nach vier klingelten im Sheriffbüro unaufhörlich die Telefone.

Nick beauftragte Phillip Van Dorn, mehr Telefone und Leitungen zu installieren, und ging sogar so weit, das Büro des Protokollführers am Flur zu requirieren. Genau diesen Aufstand hatte er vermeiden wollen. Aber der Wahnsinn hatte begonnen, und er musste mit ihm fertig werden.

Zornige Bürger verlangten zu wissen, was unternommen wurde. Die Stadtverwaltung wollte wissen, was durch zusätzliches Personal und Ausrüstung an Kosten auf die Stadt zukam. Reporter baten um ein Exklusivinterview, weil sie nicht auf die offizielle Pressekonferenz am Morgen warten wollten. Einige kampierten bereits in der Gerichtslobby und wurden von Beamten zurückgehalten, die man auf den Straßen gebraucht hätte.

Natürlich gab es auch Hinweise. Maggie hatte Recht, Matthews Foto weckte Erinnerungen. Das Problem war, die echten Spuren von den falschen zu trennen, obwohl Maggie darauf beharrte, auch die merkwürdigen Hinweise zu beachten. Nick nahm sich vor, morgen jemand zu Sophie Krichek zu schicken, um die Geschichte vom alten blauen Pickup zu prüfen. Allerdings hielt er das für reine Zeitverschwendung. Sophie Krichek war eine einsame alte Frau, die Aufmerksamkeit brauchte. Aber er wollte sich nicht nachsagen lassen, eine Spur übersehen zu haben ... besonders von Maggie nicht.

„Nick, Angie Clark hat schon viermal deinetwegen angerufen.“ Lucy holte ihn im Flur ein, offensichtlich verärgert, weil sie Botin in Liebesdingen war.

„Sag ihr das nächste Mal, es täte mir Leid, aber ich hätte einfach keine Zeit.“

Erfreut ging sie davon, drehte sich jedoch noch einmal um. „Oh, das hätte ich fast vergessen. Max ist in der Halle mit den Abschriften von Jeffreys’ Geständnis und den Gerichtsakten.“

„Großartig. Sag das bitte auch Agentin O‘Dell, ja?“

„Wo soll ich die Sachen hinbringen lassen?“ Sie ging auf dem Weg zu seinem Büro hinter ihm her.

„Kannst du sie nicht einfach Agentin O‘Dell geben?“

„Alle fünf Kisten?“

Nick blieb so abrupt stehen, dass sie mit ihm zusammenstieß. Er hielt sie am Ellbogen fest, während sie gefährlich auf ihren hochhackigen Pumps schwankte.

„Das sind fünf Kisten?“

„Du kennst ja Max. Sie ist furchtbar gründlich. Alles ist beschriftet und katalogisiert. Ich soll dir sagen, sie hat auch Kopien aller Beweismittel dazugelegt, sowie eidesstattliche Erklärungen von Zeugen, die nicht im Gericht waren.“

„Fünf Kisten.“ Er schüttelte den Kopf. „Bring sie in mein Büro.“

„Okay.“ Sie wandte sich zum Gehen, blieb aber wieder stehen. „Willst du immer noch, dass ich es Agentin O‘Dell sage?“

„Ja, bitte.“ Ihr Misstrauen oder ihre Abneigung gegen Maggie wurde immer deutlicher.

„Ach ja, und der Bürgermeister wartet auf dich auf Leitung drei.“

„Lucy, wir können es uns nicht leisten, eine Leitung für ihn freizuhalten.“

„Ich weiß. Aber er bestand darauf. Ich konnte doch nicht einfach auflegen.“

Dass Brian Rutledge, diese Nervensäge, darauf bestanden hatte, konnte er sich vorstellen.

Nick zog sich in sein Büro zurück. Sobald die Tür geschlossen war, warf er sich in seinen Ledersessel und lockerte die Krawatte. Er fingerte am Kragenknopf herum und riss ihn beim Öffnen fast ab. Mit Daumen und Zeigefinger die Augen pressend, versuchte er sich zu erinnern, wie viel Schlaf er seit Freitag bekommen hatte. Schließlich drückte er den Knopf für Leitung drei. „Hallo, Brian, ich bin‘s, Nick.“

„Nick, was zum Teufel geht bei Ihnen vor? Ich warte seit verdammten zwanzig Minuten.“

„Ich wollte Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten, aber wir sind hier ziemlich beschäftigt.“

„Nick, ich habe hier auch eine Krise! Der Stadtrat meint, ich soll die Halloween-Party absagen. Mein Gott, wenn ich die absage, bin ich hier der Grinch!“

„Den gibt‘s nur im Märchen.“

„Verdammt, das ist nicht lustig!“

„Ich lache ja auch nicht. Ich habe mich um ernstere Dinge zu sorgen als um Halloween.“

Lucy steckte den Kopf zur Tür herein. Er winkte sie heran. Sie öffnete die Tür weiter und gab den vier Männern, die ihr folgten, Zeichen, die Kisten in die Ecke unter das Fenster zu stellen.

„Das mit Halloween ist eine ernste Sache, Nick. Was ist, wenn dieser Verrückte wieder zuschlägt, wenn all die Kinder im Dunkeln unterwegs sind?“

Rutledges weinerliche Blechstimme zerrte Nick an den Nerven. Er lächelte Maxine Cramer zu und formte mit dem Mund das Wort „danke“ , als sie die letzte Kiste hereinholte. Sogar am Ende des Tages, und nachdem sie die Kisten den langen Flur entlanggeschleppt hatte, hatte ihr königsblauer Anzug noch scharfe Bügelfalten. Ihr dauergewelltes blau-graues Haar, passend zum Anzug, war tadellos frisiert. Sie erwiderte sein Lächeln, nickte und ging wieder zur Tür hinaus.

„Brian, was wollen Sie von mir?“

„Ich will wissen, wie ernst die Lage ist. Haben Sie Verdächtige? Gibt es in naher Zukunft Verhaftungen? Was zum Teufel machen Sie überhaupt?“

„Ein Junge ist tot, ein anderer wird vermisst. Was glauben Sie wohl, wie ernst das ist, Brian? Und wie ich die Ermittlungen führe, geht Sie einen verdammten Scheiß an. Wir brauchen diese Leitung für Wichtigeres, als Sie zu trösten. Also rufen Sie nicht wieder an!“ Er warf den Hörer auf die Gabel und bemerkte Maggie O‘Dell an der Tür stehen und ihn beobachten.

„Tut mir Leid.“ Es war ihr unangenehm, seinen Wutausbruch mitzuerleben.

Zweimal an einem Tag hatte sie ihn schon aufbrausen sehen. Vermutlich hielt sie ihn für verrückt oder schlichtweg überfordert.

„Lucy sagte mir, die Abschriften der Akten wären da.“

„Sind sie. Kommen Sie herein, und machen Sie die Tür hinter sich zu.“

Sie zögerte, als wäge sie ab, ob es gefahrlos war, hinter geschlossener Tür mit ihm allein zu sein.

„Das war der Bürgermeister“ , erklärte Nick. „Er wollte wissen, ob ich bis Freitag eine Verhaftung vornehme, damit er Halloween nicht abblasen muss.“

„Was haben Sie ihm gesagt?“

„Ungefähr das, was Sie gehört haben. Die Kisten sind hier unter dem Fenster.“ Er rollte mit dem Sessel hin, zeigte darauf, blieb am Fenster und sah hinaus. Er hatte das düstere Wetter satt. Nichts als dichter Regen. Er konnte sich schon nicht mehr erinnern, wann der letzte Sonnentag gewesen war. Ganz Sarpy County schien unter einer Glasglocke zu liegen, die man nur schütteln musste, und es gab Niederschlag. Immer neue Regenwolken rollten heran, schienen den Globus zu umrunden und wieder hier anzukommen.

Maggie O‘Dell kniete am Boden. Sie hatte von mehreren Kästen bereits die Deckel abgehoben und Akten um sich verteilt.

„Kann ich Ihnen einen Sessel holen?“ fragte er, blieb jedoch in seinem sitzen.

„Nein, danke, so ist es einfacher.“

Sie sah aus, als hätte sie gefunden, wonach sie suchte, öffnete eine Akte, überflog den Inhalt und blieb auf einer Seite stecken. Ihr Gesicht wurde sehr ernst. Sie überflog die Seite und setzte sich auf die Hacken.

„Was ist?“ Nick beugte sich vor, umzusehen, was sie so fesselte.

„Das ist Jeffreys’ ursprüngliches Geständnis gleich nach der Verhaftung. Es ist sehr detailliert, angefangen von der Sorte Klebeband, die er zur Fesselung von Händen und Füßen benutzte, bis zu den Einkerbungen auf seinem Jagdmesser.“ Sie sprach langsam und überflog weitere Dokumente.

„Okay, und Pater Francis sagte, Jeffreys habe nicht gelogen. Das bedeutet, die Details stimmen. Also, was ist los?“

„Ist Ihnen klar, dass Jeffreys nur den Mord an Bobby Wilson gestanden hat?“ Sie blätterte einige Seiten weiter. „Er hat ausdrücklich darauf beharrt, nichts mit den Morden an den beiden anderen Jungen zu tun zu haben.“

„Ich kann mich nicht erinnern, dass das erwähnt wurde. Die haben wahrscheinlich gedacht, er lügt.“

„Und wenn nicht?“ Sie sah ihn besorgt an.

„Okay, wenn er nicht gelogen hat und nur Bobby Wilson umbrachte ...“ Nick verstummte schockiert.

„Dann ist der wahre Serientäter entkommen und zurückgekehrt.“