43. KAPITEL
Nick stürmte ins Sheriff Department und knallte die Tür so heftig zu, dass der Glaseinsatz klirrte. Alle erstarrten in ihrer jeweiligen Tätigkeit und sahen ihn an, als hätte er den Verstand verloren. So fühlte er sich auch.
„Alle mal herhören!“ rief er, um das Klingeln in seinen Ohren zu übertönen. Er wartete, bis auch die Mitarbeiter aus dem Konferenzraum mit Kaffeebechern und glasierten Doughnuts herüberschlenderten. „Dringt aus dieser Abteilung noch ein einziges Mal eine vertrauliche Information nach draußen, trete ich dem Verantwortlichen persönlich in den Hintern und sorge dafür, dass er nie mehr bei der Polizei arbeitet!“
Sein Kiefer schmerzte, besonders, wenn er die Zähne zusammenbiss. Mit der Zungenspitze ertastete er an einem Zahn eine scharfe Kante. Sein Mundwinkel blutete wieder, und er wischte ihn mit dem Hemdsärmel. „Lloyd, du überprüfst mit ein paar Männern jede verlassene Hütte im Umkreis von zehn Meilen um die Old Church Road. Er hält die Jungen ja irgendwo fest. Vielleicht nicht hier in der Stadt. Hai, du findest alles über einen Ray Howard heraus. Er ist Küster in der Kirche. Ich will alles über ihn wissen, Herkunft, Kindheit, Schuhgröße und ob er Baseballkarten sammelt. Eddie, du fährst zu Sophie Krichek.“
„Nick, das kann nicht dein Ernst sein. Die Frau ist verrückt!“
„Ich bin todernst, Eddie.“
Der zuckte nur die Achseln und lächelte unter seinem dünnen Oberlippenbart, dass es Nick wütend machte.
„Du erledigst das sofort, und beachte jedes Detail!“ Ehe weitere Einwände kamen, fuhr er fort: „Adam, ruf George Tillie an und sag ihm, Agentin O‘Dell assistiert ihm heute Nachmittag bei Matthews Autopsie. Dann rufst du Agent Weston an und lässt dir die Beweise geben, die sein forensisches Team gesammelt hat. Ich will Fotos und Berichte um ein Uhr auf meinem Tisch haben!“
„Lucy, finde alles über die Sommerlager heraus, die von St. Margaret veranstaltet werden. Nimm Max dazu und seht nach, ob ihr Aaron Harper und Eric Paltrow mit dem Lager in Verbindung bringen könnt.“
„Was ist mit Bobby Wilson?“ Sie sah von ihren Notizen auf.
Er machte eine Pause, blickte reihum in die Gesichter und fragte sich, wer der Judas war - falls er noch zum Department gehörte. Vor sechs Jahren hatte sich jemand die Mühe gemacht, es so aussehen zu lassen, als hätte Ronald Jeffreys alle drei Jungen umgebracht. Jemand hatte Eric Paltrows Unterhose aus dem Leichenschauhaus geholt und in Jeffreys Kofferraum gelegt, zusammen mit anderen belastenden Beweisen, die ihn mit den drei Morden in Verbindung brachten. Es konnte jemand aus dem Sheriff Department gewesen sein. Und wenn, sollte der Bastard zittern.
„Wenn ich etwas von dem, was ich jetzt sage, morgen in der Zeitung lese ... ich schwöre, ich feuere euch alle! Ronald Jeffreys hat vermutlich nur Bobby Wilson ermordet. Sehr wahrscheinlich hat der Mörder von Danny und Matthew auch bereits Eric und Aaron umgebracht.“ Er beobachtete seine Mitarbeiter, während ihnen die Bedeutung klar wurde - besonders diejenigen, die mit seinem Vater gearbeitet und den Erfolg gefeiert hatten.
„Was sagst du da, Nick?“ Lloyd Benjamin war einer von denen und sah ihn mit zornig gefurchter Stirn an. „Soll das heißen, wir haben den ersten Fall versaut?“
„Nein Lloyd, ihr habt ihn nicht versaut. Ihr habt Jeffreys gefasst, und er war ein Mörder. Aber es sieht so aus, als gingen nicht alle drei Jungen auf sein Konto.“
„Sind das deine Gedanken, Nick, oder die von Agentin O‘Dell?“ fragte Eddie Gillick wieder mit einem verschlagenen Lächeln.
Nick beherrschte seine Wut. Er würde hier nicht seine Beziehung zu Maggie rechtfertigen. Außerdem war er nicht sicher, dass er das konnte, ohne sich in seinen Gefühlen zu verheddern. Zudem wollte er zum Fall Jeffreys nicht zu viel preisgeben, solange er die Loyalität seiner Mitarbeiter anzweifelte.
„Ich sagte, wahrscheinlich hat er auch Eric und Aaron umgebracht. Ob es nun stimmt oder nicht, sorgen wir dafür, dass der Täter kein zweites Mal davonkommt.“ Er schob sich an Eddie vorbei, stieß ihm gegen die Schulter und entließ seine Gruppe. Lloyd holte ihn im Flur vor seiner Bürotür ein.
„Nick, warte!“ Mit seinen kurzen stämmigen Beinen musste Lloyd laufen, um mit ihm Schritt zu halten. Er atmete schwer und lockerte sich die Krawatte. „Ich habe das eben nicht böse gemeint und Eddie auch nicht. Aber diese Sache belastet uns alle sehr, so wie damals.“
„Schon okay, Lloyd.“
„Und was das Überprüfen der alten Hütten angeht ... da draußen gibt es nicht mehr viel, was wir noch überprüfen können. Auf Woodsons Grundstück gibt es eine alte Scheune, die fast zusammenfällt. Außer einem Anlehnschuppen oder einer alten Kornkammer ist da nichts mehr. Nur die alte Kirche natürlich, aber die ist mit Brettern vernagelt und verschlossener als eine Jungfrau am Sonntag.“
Nick runzelte die Stirn über den Vergleich.
„Entschuldige“ , sagte Lloyd, obwohl er nicht so aussah, als täte es ihm Leid. „Du bist in letzter Zeit schrecklich empfindlich. O‘Dell ist nicht mal hier.“
„Überprüft die Kirche noch mal, Lloyd. Achtet auf zerbrochene Fenster, Fußabdrücke oder andere neuere Spuren.“
„Zum Teufel, bei dem heftigen Schneefall werden wir keine Fußspuren finden.“
„Uberprüf es einfach, Lloyd.“
Nick zog sich in sein Büro zurück. Er war bereits erledigt, und der Morgen hatte erst angefangen. Nach wenigen Sekunden klopfte es an die Tür. Er ließ sich in seinen Sessel fallen und rief „Herein!“
Lucy steckte den Kopf zur Tür herein und prüfte seine Stimmung. Er winkte sie heran, und sie brachte einen Eisbeutel und eine Tasse Kaffee.
„Was ist bloß mit dir passiert, Nick?“
„Frag nicht.“
Sie kam um den Schreibtisch herum, setzte sich schräg auf die Kante, und ihr Rock schob sich den Schenkel hinauf. Sie sah, dass er es bemerkte, und traf keine Anstalten, den Rock herunterzuziehen. Stattdessen umfasste sie sein Kinn und legte ihm den Eisbeutel auf den geschwollenen Kiefer. Nick zuckte zurück und nahm den Schmerz als Vorwand, sich ihr zu entziehen.
„Oh, du armer Nick. Ich weiß, es tut weh“ , tröstete sie, als spräche sie mit einem Baby.
Heute trug sie einen rosa Pullover, der über den Brüsten so sehr spannte, dass darunter ein schwarzer BH sichtbar wurde. Sie beugte sich zu ihm vor, und Nick sprang auf.
„Ich brauche keinen Eisbeutel, es geht mir gut. Aber danke für die Mühe.“
Sie schien enttäuscht. „Ich lasse ihn in deinem kleinen Kühlschrank, falls du ihn später haben möchtest.“ Sie durchquerte den Raum, bückte sich zu dem kleinen Gerät am Boden und verschaffte Nick einen guten Ausblick auf ihre Reize. Nachdem sie den Eisbeutel in das Gefrierfach gelegt hatte, drehte sie sich um, als wolle sie prüfen, ob er seine Meinung geändert habe, lächelte und ging hüftschwingend zur Tür hinaus.
„Großer Gott!“ murrte Nick und ließ sich wieder in den Sessel fallen. Was für eine Abteilung hatte er sich hier geschaffen? Michelle Tanners wütender Ex-Mann hatte Recht. Kein Wunder, dass er dem Mörder noch keinen Schritt näher war.