65. KAPITEL

Christine wand sich in dem Drehstuhl, um bequem zu sitzen, was der Rothaarigen mit der Make-up-Palette einen Unmutslaut entlockte. Wie zur Strafe gab sie noch mehr Rouge auf Christines Wangen.

„Wir gehen in zehn Minuten auf Sendung“ , sagte der große Mann mit dem Kopfhörer auf dem kahlen Schädel.

Christine fühlte sich angesprochen und nickte. Dann merkte sie, dass er ins Mundstück seines Kopfhörers sprach. Er beugte sich hinunter und befestigte ein kleines Mikrofon an ihrem Kragen, dabei waren die Lichtreflexe auf seinem kahlen Schädel nicht zu übersehen. Das grelle Licht blendete sie, die Hitze war unangenehm und verstärkte ihre Nervosität. Ihre Handflächen waren feucht. Sicher war es nur eine Frage der Zeit, bevor ihr Make-up wegzufließen begann - blauer Lidschatten, beige Grundierung und schwarze Maskara, alles ineinander.

Im Sessel gegenüber saß eine Frau. Sie ignorierte Christine, während sie die Seiten durchblätterte, die man ihr soeben gereicht hatte. Als der Kahlkopf auch bei ihr ein Mikro anbringen wollte, schlug sie ihm auf die Hand, nahm es ihm ab und befestigte es selbst.

„Ich hoffe, ihr habt den verdammten Teleprompter eingeschaltet, denn das hier benutze ich nicht!“ Sie warf eine Hand voll Blätter ins Studio, und eine eilfertige Gehilfin krabbelte über den Boden und sammelte alles wieder auf.

„Er ist eingeschaltet“ , versicherte der Mann geduldig.

„Ich brauche Wasser! Da steht kein Wasser auf dem Beistelltisch!“

Dieselbe Gehilfin stellte rasch einen Einwegbecher hin.

„Ein richtiges Glas!“ Sie schlug ihr den Becher fast aus der Hand. „Ich brauche ein richtiges Glas und einen Wasserkrug. Um Himmels willen, wie oft muss ich denn das noch sagen?“

Plötzlich erkannte Christine sie, es war Darcy McManus, die Abendmoderatorin des Senders. Vielleicht war sie es nicht gewöhnt, die Morgennachrichten zu moderieren. Im grellen Licht sah Darcys Gesicht wettergegerbt aus mit harten Linien um Augen und Mund. Ihr sonst schimmerndes schwarzes Haar wirkte spröde und unnatürlich.

Der grellrote Lippenstift wirkte im Kontrast zur hellen Haut aufdringlich, bis die rothaarige Maskenbildnerin eine dicke Lage Make-up auftrug, das Sonnenbräune vortäuschte.

„Eine Minute, Leute!“ rief der Mann mit dem Kopfhörer.

Darcy McManus entließ die Maskenbildnerin mit einer scheuchenden Handbewegung. Dann stand sie auf, glättete ihren zu kurzen Rock, richtete sich die Jacke, prüfte ihr Aussehen in einem Taschenspiegel und setzte sich wieder. Christine wurde sich bewusst, dass sie Darcy die ganze Zeit wie hypnotisiert angestarrt hatte. Der Countdown brachte sie in die Realität zurück, und sie fragte sich plötzlich, warum sie sich auf dieses Interview eingelassen hatte.

„Drei, zwei, eins ...“

„Guten Morgen“ , sagte Darcy McManus in die Kamera, und ihr Gesicht erstrahlte in einem freundlichen Lächeln. „Wir haben heute bei Guten Morgen Omaha einen besonderen Gast. Christine Hamilton ist die Reporterin des Omaha Journal, die über die Serienmorde in Sarpy County berichtet hat. Guten Morgen, Christine.“ Darcy schenkte ihr zum ersten Mal Beachtung.

„Guten Morgen.“ Plötzlich waren Scheinwerfer und Kameras auf sie gerichtet, und Christine versuchte nicht daran zu denken. Ramsey hatte ihr vorhin erzählt, dass sogar ABC die Nachrichtensendung live übernahm. Zweifellos hatte man den üblichen Moderator deshalb durch Darcy ersetzt.

„Sie sind heute Morgen jedoch nicht als Reporterin bei uns, sondern als besorgte Mutter. Können Sie uns etwas darüber erzählen, Christine?“

Sie war verblüfft, wie Darcy im richtigen Moment überzeugende Besorgnis spielen konnte. Christine erinnerte sich, dass McManus’ Karriere als Miss Amerika begonnen hatte. Sie übersprang die Reporterausbildung, wurde gleich in eine Nachrichtensendung gehievt und endete als Top-Moderatorin in einem mittelgroßen Sendegebiet wie Omaha. Christine musste zugeben, dass die Frau gut war. Obwohl es so aussah, als schenke sie ihr einen mitfühlenden Blick, war er in Wahrheit auf den Teleprompter hinter ihrer Schulter gerichtet. Christine merkte plötzlich, dass Darcy auf ihre Antwort wartete und ungeduldig die Lippen verzog.

„Wir glauben, dass mein Sohn Timmy gestern Nachmittag entführt wurde.“ Sie merkte, dass ihr die Lippen bebten, und hätte fast darauf gebissen, es zu unterbinden.

„Wie schrecklich.“ Darcy beugte sich vor, tätschelte ihr die gefalteten Hände, verfehlte beim dritten Mal jedoch das Ziel und traf ihr Knie. Sie riss die Hand zurück. Christine hätte sich gern am Teleprompter vergewissert, ob dort auch Regieanweisungen für Gesten standen. „Und die Behörden glauben, es ist derselbe Täter, der Danny Alverez und Matthew Tanner brutal ermordet hat?“

„Wir wissen es nicht genau, aber ja, es besteht die Möglichkeit.“

„Sie sind geschieden und ziehen Timmy allein auf, nicht wahr, Christine?“

Die Frage überraschte sie. „Ja, das ist richtig.“

„Sowohl Laura Alverez als auch Michelle Tanner waren allein erziehende Mütter. Ist das nicht seltsam?“

„Ja, das ist es wohl.“

„Glauben Sie, dass der Täter etwas mitteilen will, indem er Jungen auswählt, die von ihren Müttern aufgezogen werden?“

Christine zögerte. „Ich weiß es nicht.“

„Beteiligt sich Ihr Mann an der Erziehung des Jungen?“

„Nicht sehr, nein.“ Ihre Ungeduld zeigte sich nur am Ringen der Hände im Schoß.

„Ist es nicht so, dass Sie und Timmy Ihren Mann nicht mehr gesehen haben, seit er sie wegen einer anderen Frau verließ?“

„Er hat mich nicht verlassen. Wir wurden geschieden.“ Ihre Ungeduld grenzte an Verärgerung. Wie sollten solche Fragen helfen, Timmy zu finden?

„Ist es möglich, dass Ihr Mann Timmy mitgenommen hat?“

„Das glaube ich nicht.“

„Sie glauben es nicht, aber es besteht die Möglichkeit, nicht wahr?“

„Es ist unwahrscheinlich.“ Die Scheinwerfer waren grell und so brennend heiß, dass ihr Rücken schweißnass wurde.

„Hat das Sheriff Department Kontakt zu Ihrem Ex-Mann aufgenommen?“

„Natürlich würden wir Kontakt zu ihm aufnehmen, wenn wir könnten ... Schauen Sie, glauben Sie nicht auch, ich würde viel lieber annehmen, Timmy sei bei seinem Vater als bei einem Wahnsinnigen, der kleine Jungen aufschlitzt?“

„Sie sind aufgebracht. Vielleicht sollten wir uns eine Minute Pause gönnen.“ McManus beugte sich wieder vor, die Stirn voller Sorgenfalten, doch diesmal schenkte sie ein Glas Wasser ein. „Wir verstehen alle, wie schwierig Ihre Lage sein muss, Christine.“ Sie reichte ihr das Glas.

„Nein, Sie verstehen nichts!“ Christine ignorierte das Wasser, und McManus wurde unsicher.

„Verzeihen Sie?“

„Sie können es gar nicht verstehen. Ich habe es auch nicht verstanden. Ich wollte nur eine Story, genau wie Sie.“

Darcy McManus sah sich nach der Regie um und versuchte Gelassenheit zu demonstrieren, obwohl ihr deutliche Frustration anzumerken war. Die rot angemalten schmalen Lippen waren über gleichmäßigen weißen Zähnen leicht zurückgezogen.

„Zweifellos stehen Sie unter großer Anspannung, Christine, und das hier ist zusätzlicher Stress. Machen wir eine Werbeeinblendung, dann haben Sie Gelegenheit, sich wieder zu fangen.“

Darcy behielt ihr Lächeln bei, bis die Scheinwerfer heruntergedimmt wurden und der Regisseur ihr ein Zeichen gab. Dann brach ihr Zorn hervor, und ihre Miene war so finster, dass sich neue Linien in ihr Make-up gruben. Doch der Zorn richtete sich nicht gegen Christine, sondern gegen den großen, kahlköpfigen Mann. Christine schien Luft zu sein.

„Wohin zum Teufel führt das? Ich brauche etwas, womit ich arbeiten kann!“

„Habe ich Zeit, zur Toilette zu gehen?“ fragte Christine den Regisseur, und der nickte. Sie klippste das Mikrofon ab und legte es neben das abgelehnte Glas Wasser.

Darcy blickte zu ihr auf und warf ihr ein kurzes, künstliches Lächeln zu. „Machen Sie nicht zu lange. Hier läuft es nicht wie bei der Zeitung. Wir können nicht einfach die Maschinen anhalten. Wir senden live.“ Sie nahm das Glas und trank in kleinen Schlucken, um ihren Lippenstift nicht zu verschmieren.

Christine fragte sich, ob Darcy McManus ohne den Teleprompter überhaupt Timmys Namen kennen würde. Die hochbezahlte Moderatorin scherte sich weder um Timmy noch um Danny oder Matthew. Großer Gott, wie nah war sie daran gewesen, auch so zu werden?

Christine ging hinter die Bühne und wich sorgsam allen Kabeln und Leinen aus. Sobald sie aus dem Scheinwerferlicht heraus war, spürte sie einen kühlen Luftzug am Körper. Sie schritt den langen schmalen Flur hinunter, wich Bühnengehilfen aus, ging an den Garderoben vorbei, an den Toiletten und floh durch eine graue Metalltür mit der Aufschrift Ausgang.