31. KAPITEL

Nach dem Dinner bestand Nick darauf, dass er und Timmy den Abwasch machten. Christine war klar, dass er das nur wegen Maggie tat, doch sie nutzte die Großzügigkeit ihres Bruders.

Die beiden Frauen zogen sich in den Wohnraum zurück, wo sie die Gespräche über Football nur gedämpft hörten. Christine stellte Kaffeetassen auf den Glastisch und wünschte, Maggie würde sich entspannt hinsetzen und eine Weile nicht Agentin O‘Dell sein. Während des Essens war sie unruhig gewesen, und nun ging sie hin und her. Sie schien vor Energie zu platzen und wirkte zugleich erschöpft. Die Rötung der Augen wurde durch das Make-up nur ungenügend verborgen.

„Kommen Sie, setzen Sie sich“ , sagte Christine schließlich und klopfte auf den Platz neben sich auf dem Sofa. „Ich dachte immer, ich könnte nicht stillsitzen, aber Sie schlagen mich um Längen.“

„Tut mir Leid. Vielleicht habe ich zu viel Zeit mit Mördern und Leichen verbracht. Meine Manieren scheinen gelitten zu haben.“

„Unfug. Sie haben nur zu viel Zeit mit Nicky verbracht.“

Maggie lächelte. „Das Essen war köstlich. Es ist schon eine Weile her, dass ich Selbstgekochtes gegessen habe.“

„Danke, aber ich habe jede Menge Übung. Ich war Hausfrau und Mutter, bis mein Mann entdeckte, dass er dreiundzwanzigjährige Empfangssekretärinnen mag.“ Christine merkte sofort, dass Maggie dieses private Geständnis unbehaglich war. Sie hatte jedoch nicht vorgehabt, eine Beichtstunde unter Mädels einzuläuten.

Maggie setzte sich und wählte den Liegesessel anstelle des Sofas, was keinem Mangel an Manieren, sondern dem Wunsch nach Distanz entsprang. Christine erkannte und respektierte das. Sie verhielt sich selbst nicht anders. Seit Bruce fort war, hielt sie sich ihre Mitmenschen auf Abstand, mit Ausnahme ihres Sohnes.

„Wie lange bleiben Sie in Platte City?“

„So lange wie nötig.“

Kein Wunder, dass sie Eheprobleme hatte. Als könnte sie Gedanken lesen, fügte Maggie hinzu: „Ein Täterprofil zu erstellen, erfordert leider Zeit. Dabei hilft es einem, wenn man in der Umgebung des Täters ist.“

„Ich habe mich ein wenig über Sie erkundigt. Das stört Sie hoffentlich nicht. Sie haben einen beeindruckenden Werdegang - ein Vordiplom in Kriminalpsychologie und Medizin, ein Diplom in Verhaltenspsychologie, eine Assistenzzeit in der Forensik in Quantico. Acht Jahre beim FBI, und Sie sind schon ein Top-Profiler für Serientäter. Wenn ich richtig gerechnet habe, sind Sie erst zweiunddreißig. Es muss ein schönes Gefühl sein, so früh so viel erreicht zu haben.“

Sie hatte erwartet, dass das Lob Maggie vielleicht verlegen machte. Stattdessen blickte sie sorgenvoll ins Leere. Aus ihren Nachforschungen wusste Christine auch von den Psychopathen, die Maggie hinter Gitter gebracht hatte. Vielleicht war ihr Erfolg teuer bezahlt worden.

„Wahrscheinlich sollte es ein gutes Gefühl sein“ , erwiderte sie schließlich.

Christine wartete vergeblich auf weitere Erklärungen. „Nicky wird es nie zugeben, aber ich weiß, wie dankbar er ist, dass Sie hier sind. Das ist alles Neuland für ihn. Ich bin sicher, mit so etwas hat er nicht gerechnet, als mein Dad ihn überredete, sich als Sheriff zu bewerben.“

„Ihr Vater hat ihn dazu überredet?“

„Dad wollte sich zurückziehen. Er war sehr lange Sheriff. Ich glaube, er wollte unbedingt wieder einen Morrelli auf dem Posten sehen.“

„Und was war mit Nick?“

„Er unterrichtete Jura an der Uni. Ich glaube, das gefiel ihm.“ Christine verstummte. Da sie die Komplexität der Beziehung zwischen ihrem Vater und Nick selbst nicht verstand, war es fast unmöglich, sie einem Außenstehenden zu erklären.

„Ihr Vater muss ein bemerkenswerter Mann sein“ , stellte Maggie fest.

„Wie kommen Sie darauf?“ Christine beobachtete sie und fragte sich, was Nick ihr erzählt hatte.

„Zum einen hat er Ronald Jeffreys praktisch allein gefangen.“

„Ja, er war ein ziemlicher Held.“

„Außerdem scheint er eine Menge Einfluss auf Nicks Entscheidungen zu haben.“

Sie wusste offenbar einiges. Christine fühlte sich unbehaglich. Sie schenkte sich Kaffee ein und ließ sich Zeit, Milch nachzufüllen.

„Ich glaube, unser Dad wollte nur, dass Nick alle Chancen bekam, die er nie hatte. Er sollte tun können, was er nicht konnte.“

„Was ist mit Ihnen?“

„Wie meinen Sie das?“

„Wünschte er sich dieselben Chancen denn nicht auch für Sie?“

Christine musste zugeben, dass die Frau gut war. Sie saß in ihrem Liegesessel, trank Kaffee und analysierte sie in aller Ruhe.

„Ich liebe meinen Dad, aber mir ist auch klar, dass er ein Chauvinist ist. Nein, was ich auch tat, war okay für ihn. Ich war ein Mädchen. Wenn ich etwas Außergewöhnliches leistete, beeindruckte es ihn. Nicky hingegen hatte es schwerer. Es ist ein wenig ... kompliziert. Nick musste sich ständig beweisen, ob er wollte oder nicht. Vermutlich ist das der Grund, warum er manchmal so sauer auf mich ist.“

„Nein, gewöhnlich wegen deiner großen Klappe.“ Nicks Bemerkung von der Tür ließ sie hochfahren. Timmy stand lächelnd neben seinem Onkel, als dürfe er an etwas Verbotenem teilnehmen.

Das Telefon läutete und ersparte Christine, ihn zu tadeln. Sie sprang auf, stieß fast ihren Kaffee um und eilte durch den Raum zum Apparat.

„Hallo?“

„Christine? Hier ist Hai. Tut mir Leid, dich zu stören. Ist Nick noch da?“ Die Verbindung knackte. Sie hörte ein Brummen, einen Motor. Er war in seinem Wagen.

„Ja. Genau genommen rettest du mich gerade.“ Sie sah zu Nick und streckte ihm die Zunge heraus. Timmy kicherte, und Nick ärgerte sich.

„Es ist immer schön, jemand zu retten.“ Das Knacken in der Leitung konnte nicht verbergen, wie angespannt er klang.

„Hai, alles in Ordnung? Was ist los?“

„Könnte ich bitte mit Nick sprechen?“

Ehe sie etwas sagen konnte, war Nick neben ihr und griff nach dem Hörer. Sie übergab ihn, blieb jedoch am Schreibtisch stehen, bis Nick ihr einen strafenden Blick zuwarf.

„Hai, was ist los?“ Den Rücken zu den anderen, hörte er zu. „Niemand soll irgendetwas anrühren!“ Seine eindringliche Anweisung verriet Panik.

Maggie reagierte sofort und sprang auf. Christine packte Timmy bei den Schultern.

„Timmy, geh und zieh dich aus, du musst ins Bett.“

„Ach Mom! Es ist noch so früh!“

„Timmy, bitte!“ Die Panik ihres Bruders war ansteckend. Timmy verzog sich murrend.

„Ich meine es ernst, Hai.“ Seine Verärgerung sollte nur seinen Schock überspielen. Christine ließ sich nicht narren, sie kannte Nick zu gut. „Sperr das Gebiet ab, und lass niemand etwas anrühren. Agentin O‘Dell ist hier bei mir. Wir sind in fünfzehn, zwanzig Minuten dort.“ Sobald er auflegte und sich umdrehte, sah er Maggie an.

„Mein Gott. Sie haben Matthews Leiche gefunden, nicht wahr?“ stellte Christine das Offenkundige fest.

„Christine, ich schwöre, wenn du nur ein Wort veröffentlichst ...“ Sein Schock drohte in Wut umzuschlagen.

„Die Bevölkerung hat ein Recht, es zu erfahren!“

„Nicht vor seiner Mutter. Hättest du ihr zuliebe bitte den Anstand zu warten, bis sie informiert ist?“

„Unter einer Bedingung.“

„Herrgott, Christine, du solltest dich selbst hören!“ schimpfte er, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

„Versprich mir, dass du mich anrufst, wenn ich weitermachen kann. Ist das zu viel verlangt?“ Da er angewidert den Kopf schüttelte, warf sie einen Seitenblick zu Maggie, die an der Tür wartete, um nicht zwischen die Fronten zu geraten. „Komm schon, Nicky. Du willst doch nicht, dass ich auf Michelle Tanners Veranda kampiere, oder?“ Sie lächelte, um ihn wissen zu lassen, dass es ein Scherz war.

„Wage ja nicht, mit jemand darüber zu sprechen oder etwas zu veröffentlichen, ehe du von mir hörst! Und halte dich von Michelle Tanner fern!“ Er wedelte ihr zornig mit dem Finger vor dem Gesicht herum und stürmte hinaus.

Christine wartete, bis die Rücklichter des Jeeps um die Straßenecke verschwanden. Dann schnappte sie sich das Telefon und drückte die Wahlwiederholung. Es läutete nur einmal.

„Deputy Langston.“

„Hai, hallo, hier ist Christine.“ Bevor er etwas fragen konnte, fuhr sie rasch fort: „Nicky und Maggie sind gerade abgefahren. Nicky bat mich zu versuchen, George Tillie aufzuwecken. Du weißt, der alte George würde den dritten Weltkrieg verschlafen.“

„Ja?“ Das eine Wort war mit Argwohn gewürzt.

„Ich kann mich nicht mehr erinnern, wohin genau ich George schicken soll.

Schweigen. Verdammt, er traute ihr nicht!

Sie unternahm einen Vorstoß. „Es ist an der Old Church Road …"

„Richtig.“ Er klang erleichtert. „Sag George, eine Meile nach dem Schild ,State Park‘. Er kann den Wagen auf Ron Woodsons Weide oben auf dem Hügel abstellen. Dann sieht er die Scheinwerfer unten im Wald. Wir sind nah am Fluss.“

„Danke, Hai. Ich weiß, es klingt gefühllos und es ist wohl unwahrscheinlich. Aber ich hoffe für Michelle, dass es irgendein Streuner ist und nicht Matthew.“

„Ich weiß, was du meinst. Aber es gibt keinen Zweifel. Es ist Matthew. Ich muss los. Sag George, er soll vorsichtig gehen, wenn er hier runterkommt.“

Sie wartete auf das Klicken und wählte Taylor Corbys Privatnummer.