101. KAPITEL

Nick verlangsamte das Tempo, als er Maggies angestrengtes, blasses Gesicht bemerkte. Natürlich hatte sie Schmerzen, und natürlich beklagte sie sich nicht.

Der freitägliche Menschenandrang war über den Eppley Airport hereingebrochen. Eilige Geschäftsleute auf dem Heimweg, langsamere Herbst- und Wochenendurlauber, die zu viel Gepäck mitschleppten, um voranzukommen.

Mrs. O‘Malley, die Köchin von St. Margaret, hatte Nick erzählt, dass Pater Kellers Maschine um 14 Uhr 45 gehe. Angeblich überführte er Pater Francis’ Leichnam an seine letzte Ruhestätte. Als er gebeten hatte, mit Ray Howard zu sprechen, hatte sie ihm gesagt, Ray sei auch fort.

„Ich habe ihn seit dem Frühstück nicht gesehen, Nick. Immer schleicht er sich wegen irgendeiner Sache davon, die er angeblich für Pater Keller erledigen muss. Ich weiß nie, wann ich ihm glauben soll.“ Flüsternd hatte sie hinzugefügt: „Er ist mir unheimlich.“

Nick hatte ihre Zusatzkommentare ignoriert. In seiner Eile war er nicht an der Paranoia einer Zweiundsiebzigj ährigen interessiert und hatte versucht, sie auf die Fakten zu konzentrieren.

„Wo wird Pater Francis begraben?“

„Irgendwo in Venezuela.“

„Venezuela? Großer Gott!“ Mrs. O‘Malley musste das überhört haben, sonst hätte sie ihn zweifellos zurechtgewiesen, den Namen des Herrn nicht grundlos in den Mund zu nehmen.

„Pater Francis liebte da einen kleinen Ort besonders“ , erklärte sie unaufgefordert, froh als Expertin seine Aufmerksamkeit zu haben. „Er hatte seine erste Stelle nach dem Seminar dort. Eine arme Bauerngemeinde. Ich erinnere mich nicht an den Namen. Pater Francis sprach immer von den hübschen braunhäutigen Kindern und wie sehr er hoffte, eines Tages dorthin zurückzukehren. Schade, dass es nicht zu Lebzeiten war.“

„Wissen Sie noch, in der Nähe welcher Stadt der Ort lag?“

„Nein, ich erinnere mich nicht. Die ganzen Namen da unten sind so schwer zu behalten und auszusprechen. Pater Keller kommt nächste Woche zurück. Hat es nicht bis dahin Zeit?“

„Nein, ich fürchte nicht. Was ist mit der Flugnummer oder der Fluggesellschaft ?“

„Meine Güte, ich weiß nicht, ob er was erwähnt hat. Könnte TWA gewesen sein ... nein, United, glaube ich. Die Maschine geht um Viertel vor drei in Eppley ab“ , hatte sie hinzugefügt, als sei das Erklärung genug.

Nick sah jetzt auf die Uhr, fast halb drei. Er und Maggie trennten sich an den Ticket-Schaltern und gingen mit gezückten Ausweisen an den Wartenden vorbei zum Tresen.

Die große Frau am TWA-Schalter ließ sich vom Ausweis eines Bezirkssheriffs nicht beeindrucken. Nick wünschte sich Maggies FBI-Autorität, versuchte es jedoch mit einem Lächeln und ein bisschen Schmeichelei. Die starre Miene der Angestellten wurde kaum merklich weicher. Ihr langes Haar war so straff zu einem Knoten geschlungen, dass ihr Gesicht ebenfalls straff und streng wirkte. Vielleicht hatte sie deshalb auch so schmale Lippen, die sich beim Sprechen kaum bewegten.

„Bedaure, Sheriff Morrelli. Ich kann Ihnen weder die Passagierliste geben noch Informationen über einzelne Passagiere. Bitte, Sie halten die Leute auf.“

„Okay, okay. Wie ist es mit Flügen? Haben Sie einen Flug nach Venezuela, sagen wir in ...“ Er sah auf die Uhr. „In zehn bis fünfzehn Minuten?“

Sie sah auf ihren Computer und ließ sich trotz des ungeduldigen Seufzens und Scharrens in der Schlange Zeit.

„Wir haben einen Flug nach Miami, mit direktem Anschluss an einen Flug nach Caracas.“

„Großartig! Welcher Flugsteig?“

„Elf. Aber der Flug ging um Viertel nach zwei.“

„Sind Sie sicher?“

„Ziemlich. Das Wetter ist bestens, alle Flüge sind pünktlich.“ Sie sah an ihm vorbei auf einen kleinen grauhaarigen Mann, der es nicht abwarten konnte, ihr sein Ticket zu geben.

„Können Sie nachprüfen, ob ein Sarg an Bord war?“ fragte Nick und hielt die Stellung trotz eines Ellbogens im Rücken.

„Wie bitte?“

„Ein Sarg, für einen Leichnam.“ Er spürte, dass alle Blicke interessiert auf ihn gerichtet waren. „Der würde wohl unter Fracht laufen und somit niemandes Persönlichkeitsrechte verletzen.“ Er lächelte wieder, und hinter ihm kicherte jemand.

Die Dame am Schalter war nicht amüsiert, ihre Lippen wurden noch dünner. „Trotzdem kann ich Ihnen die Auskunft nicht geben. Wenn Sie jetzt bitte beiseite treten würden.“

„Wissen Sie, ich könnte später mit einem Gerichtsbeschluss zurückkommen!“ Plötzlich war er nicht mehr der nette Sheriff. Er verlor die Geduld, denn die Zeit lief ihm davon.

„Das wäre vielleicht das Beste. Der Nächste. Wer war der Nächste, bitte?“ Da Nick nicht weichen wollte, trat sie etwas beiseite, um den älteren Herrn hinter ihm abzufertigen. Der drängte sich an Nick vorbei zum Schalter und maß ihn ungeduldig mit einem ärgerlichen Blick.

Nick ging zu Maggie, die mit einem anderen Schalterangestellten sprach. „Danke“ , sagte sie dem Mann von United und folgte Nick in eine Ecke abseits des Trubels.

Sie wirkte erledigt und war noch bleicher als zuvor. Er wollte sie fragen, ob alles in Ordnung sei, doch auf der Herfahrt hatte er schon drei- oder viermal gehört: Es geht mir gut.

„TWA hat einen Flug nach Miami mit einem Anschluss nach Caracas“ , erklärte er und betrachtete sie aufmerksam.

„Gehen wir. Welcher Flugsteig?“ Sie bewegte sich jedoch nicht, sondern lehnte sich an die Wand, um zu verschnaufen.

„Er ging vor etwa zwanzig Minuten.“

„Wir haben ihn verpasst? War Keller an Bord?“

„Die Schalterdame wollte es mir nicht sagen. Wir müssen vielleicht mit einem Gerichtsbeschluss zurückkommen, um es herauszufinden. Was sollen wir machen? Hinfliegen und versuchen, ihn zu schnappen, ehe der Anschlussflug abgeht? Wenn er nach Südamerika entkommt, kriegen wir ihn nie, Maggie.“

Hörte sie ihm überhaupt zu? Es war nicht der Schmerz, der sie ablenkte. Ihr Blick war über seine Schulter gerichtet.

„Maggie?“ versuchte er es wieder.

„Ich glaube, ich habe soeben Ray Howard gefunden.“