53. KAPITEL

Als Christine in die Einfahrt bog, war das Haus dunkel. Sie legte den Karton mit der warmen Pizza auf den Laptop und stieg aus. Vielleicht musste sie die Pizza allein essen, falls Timmy noch bei Freunden war. Vermutlich kam er mit schwärmerischen Berichten über Schnitzel mit Kartoffelbrei heim - oder anderen Gerichten, die weder aus Dosen noch Kartons stammten. Sie erinnerte sich gut daran, täglich gekocht und Essen auf den Tisch gebracht zu haben. Ob Timmy das konservative Familienleben vermisste? Was kostete ihn ihr Streben nach Selbstverwirklichung?

Sie ertastete den Lichtschalter im dunklen Flur. Die Stille ließ sie leicht frösteln, aber vielleicht auch nur die Kälte. Sie stieß die Haustür zu, ging in die Küche und sah im Vorbeigehen auf den Anrufbeantworter. Kein rotes Blinklicht, keine Nachricht. Wie oft musste sie Timmy noch sagen, er solle anrufen und sagen, wo er ist? Da sie jetzt ein Handy bei sich hatte, gab es für ihn keine Ausrede mehr, obwohl sie sich die Nummer auch noch nicht merken konnte.

Sie warf den Mantel über den Küchenstuhl und legte Computer und Handtasche auf den Sitz. Der Pizzaduft verstärkte ihren Hunger. Nach Eddie Gillicks Besuch bei Wanda war ihr der Appetit vergangen, und sie hatte das meiste von ihrem Lunch stehen lassen. Sie schenkte sich ein Glas Wein ein, stopfte die gefaltete Zeitung unter den Arm und nahm sich ein Stück Pizza, mit lediglich einer Serviette als Teller. Sie schüttelte die Schuhe ab, ging barfuß in den Wohnraum und suchte Zuflucht auf dem Sofa. Im Wohnzimmer war essen verboten, insbesondere auf dem Sofa. Sie erwartete, dass Timmy jeden Moment hereinkam und sie in flagranti ertappte.

Sie legte ihr Abendessen auf den gläsernen Kaffeetisch und entfaltete die Zeitung. Die Abendzeitung machte mit derselben Schlagzeile auf wie die Morgenausgabe: Zweite Leiche gefunden. Nur hatten sie jetzt bestätigt, dass der tote Junge Matthew Tanner war. Ihr Abendartikel enthielt auch ein Zitat von George Tillie. Sie fand den Absatz und las ihn. George bestätigte, dass es sich um die Taten eines Serienkillers handelte, was Nick nicht zugeben wollte.

Der Artikel schloss mit einem Zitat von Michelle Tanner vom Montag, einer melodramatischen Bitte, ihren Sohn zurückzugeben. Mit Bezug auf das Zitat hatte sie formuliert: „Wieder einmal ist die Bitte einer Mutter auf taube Ohren gestoßen.“ Wenn sie das jetzt las, kam es ihr nicht mehr so toll vor, aber Corby hatte es gefallen.

Sie überflog den Rest der Zeitung, fand die Leserbriefe und sah nach, ob ihr Name erwähnt wurde. Nach einem Blick auf die Uhr schaltete sie rasch mit der Fernbedienung Kanal Fünf ein.

Wie immer sah Darcy McManus im dunkelblauen Kostüm mit roter Bluse tadellos aus. Christine bewunderte das glänzende schwarze Haar und die großen braunen Augen, die durch Eyeliner und Lidschatten noch betont wurden. Sie konnte sich nicht vorstellen, an Darcys Stelle zu sein. Sie würde eine völlig neue Garderobe brauchen, aber bei dem Gehalt, das Ramsey ihr bot, konnte sie sich die leisten.

Sie musste zugeben, dass die Vorstellung, im Fernsehen aufzutreten, etwas hatte. Der Lokalsender von Omaha erreichte im östlichen Nebraska ein Publikum von fast einer Million. Sie würde eine Berühmtheit werden und vielleicht sogar über nationale Ereignisse berichten. Obwohl sie Ramsey um Bedenkzeit gebeten hatte, stand ihr Entschluss eigentlich schon fest. Es gab keine Rechtfertigung dafür, das Gehalt auszuschlagen. Nicht bei ihren Schulden und der vagen Gefahr, das Haus zu verlieren. Nein, da blieb kein Raum für Prinzipien. Sie würde das Angebot am Morgen annehmen, sobald sie mit Corby gesprochen hatte.

Sie trank ihr Glas leer. Ein zweites Stück Pizza wäre nicht schlecht, doch ihre Glieder waren bleischwer vor Erschöpfung. Sie legte sich kurz hin und schloss für ein paar Minuten die Augen. Sie dachte noch, wofür sie und Timmy ihr neues Gehalt ausgeben würden, und war schon eingeschlafen.