72. KAPITEL
Maggie wartete, war jedoch nicht überrascht, als Nick nicht in den provisorischen Verhörraum zurückkehrte. Als Adam Preston das Dinner von Wanda lieferte, sagte sie Ray Howard, er dürfe gern erst essen, dann könne er gehen. Er betrachtete sie argwöhnisch, bis Adam den Teller vor ihn hinstellte. Danach schien alles vergessen.
Sie wollte aus dem Raum gehen, während Adam das restliche Dinner auspackte.
„Agentin O‘Dell, das ist für Sie.“
„Ich bin nicht hungrig.“ Sie drehte sich zu ihm um, doch es war kein Sandwich, das er ihr reichte. Von der anderen Seite des Tisches blickte sie auf einen kleinen weißen Umschlag. „Woher haben Sie den?“
„Er steckte in der Bestellung von Wanda. Ihr Name steht darauf.“ Er reichte ihn ihr mit ausgestrecktem Arm, doch sie nahm ihn nicht. Sogar Howard sah verwundert von seinem Festmahl auf.
„Agentin O‘Dell, was ist los? Soll ich ihn für Sie öffnen?“ Adams jungenhaftes Gesicht wirkte besorgt.
„Nein, ich mache das schon.“ Sie fasste ihn an einer Ecke an und öffnete ihn gleich, wie um zu zeigen, dass es nichts Bedeutendes war. Ihre Finger waren trotz ihres Unbehagens erstaunlich ruhig. Sie las die Mitteilung. Sie war schlicht und bestand aus einer Zeile: „ICH WEISS VON STUCKT.“
Sie hob den Blick und sah Adam an. „Ist Nick da?“ Sie musste sich zur Ruhe zwingen.
„Es hat ihn keiner gesehen, seit ...“
„Seit Eddie ihm eine geknallt hat“ , beendete Ray Howard den Satz für Adam und hielt eine Gabel voll Kartoffelbrei hoch. „Eddie ist mein Mann.“ Damit stopfte er sich den Brei in den Mund.
„Was meinen Sie damit?“ fuhr Maggie ihn an, und Rays Blick sagte ihr, dass sie zu laut und zu schrill sprach. Sie musste sich beherrschen, doch es war zu spät. Sie hatte ihn wieder verschreckt.
„Nichts. Er ist nur ein Freund.“
„Deputy Gillick ist ein Freund von Ihnen?“ Sie sah Adam an, der nur die Schultern zuckte.
„Ja, er ist ein Freund. Ist doch nicht strafbar, oder? Wir machen Sachen zusammen. Nix Dolles.“
„Was für Sachen?“
Ray sah leicht trotzig von ihr zu Adam. Für den Moment hörte er auf zu schneiden und zu schaufeln und straffte den Rücken. „Manchmal kommt er ins Pastorat und spielt Karten mit Pater Keller und mir. Manchmal gehe ich mit ihm Burger essen.“
„Sie und Deputy Gillick?“
„Haben Sie nicht gesagt, ich könnte gehen?“
Sie starrte ihn unverwandt an. Dieser Mann mit den schlauen Reptilienaugen wusste sehr viel mehr, als er zugab. Er hatte zwar das Pech gehabt, im Besitz ihres Handys zu sein, doch er war nicht der Täter. Bei seinem Hinken hätte er sich niemals so behände über die Steilufer am Fluss bewegen können, geschweige denn einen sechzig bis siebzig Pfund schweren Jungen tragen. Und trotz seiner klugen Bemerkungen war er einfach nicht klug genug, eine Serie von Morden auszuführen.
„Ja, ich habe gesagt, Sie können gehen“ , bestätigte sie schließlich, ohne den Blick abzuwenden. Sie wollte ihn ihr Misstrauen spüren lassen. Er sollte sich verraten und ein bisschen schwitzen. Stattdessen ignorierte er sie, häufte mit dem Messer wieder Essen auf die Gabel, schob sie in den Mund und kaute.
Sie gab Adam ein Zeichen, und er folgte ihr hinaus. Nach einigen Schritten den Flur hinunter blieb sie stehen und lehnte sich gegen die Wand. Adam wartete geduldig und vergewisserte sich mit Blicken in beide Richtungen, dass man sie nicht zusammen sah. Er war noch so jung, dass er nicht zu Antonio Morrellis alter Mannschaft gehört haben konnte. Er wollte jedoch gern von den anderen akzeptiert werden und sich in die Gruppe einfügen. Sein Respekt vor der Obrigkeit schloss Maggie jedoch ein, und so beugte er sich aufmerksam zu ihr vor.
„Sie sind in Platte City aufgewachsen, richtig?“
Die Frage verblüffte ihn, doch er nickte.
„Was können Sie mir über die alte Kirche erzählen, die draußen auf dem Land?“
„Wir haben sie überprüft, falls Sie das meinen. Ich bin vor dem Schneefall mit Lloyd da gewesen und nachher noch einmal. Das Gebäude ist mit Brettern vernagelt. Es sah nicht so aus, als hätte sich in den letzten Jahren da jemand herumgetrieben. Keine Fußabdrücke, keine Reifenspuren.“
„Liegt sie nah am Fluss?“
„Ja, gleich neben der Old Church Road, die wohl nach ihr benannt ist. Die Kirche ist als historisches Denkmal eingetragen, deshalb wurde sie noch nicht abgerissen.“
„Woher wissen Sie das alles?“ Sie gab sich interessiert, obwohl sie eigentlich nur etwas über die Lage der Kirche erfahren wollte. Wenn Ray Howard dort Holz geschlagen hatte, hatte er in der Nähe vielleicht etwas gesehen. Sie rieb sich den verspannten Nacken. Erschöpfung benebelte ihre Gedanken, vielleicht wollte sie auch einfach nicht mehr denken.
„Meinem Dad gehört ein Stück Land ganz in der Nähe“ , fuhr Adam fort. „Er wollte das Kirchengelände kaufen und das Gebäude abreißen. Es ist bestes Farmland. Pater Keller sagte ihm, er könne die Kirche nicht abreißen, weil sie unter Denkmalschutz stehe. Ich glaube, sie wurde von John Browns Untergrundnetz in den 1860er Jahren genutzt. Angeblich gibt es einen Tunnel von der Kirche zum Friedhof.“
Maggie merkte interessiert auf.
Adam wirkte erfreut. „Die haben in der Kirche entlaufene Sklaven versteckt. Nachts führten sie sie durch den Tunnel zum Fluss, wo sie mit Booten zum nächsten Versteck gebracht wurden. Bei Nebraska City wurde auch eine alte Kirche so genutzt. Aus der hat man eine Touristenattraktion gemacht, unsere ist zu verfallen. Angeblich ist der Tunnel eingestürzt - liegt zu nah am Wasser. Deshalb wird auch der Friedhof nicht mehr benutzt. Als der Fluss vor einigen Jahren Hochwasser hatte, wurden einige Gräber aufgespült. Es trieben sogar Särge den Fluss runter, das war ein unheimlicher Anblick.“
Maggie stellte sich den verlassenen Friedhof vor und den reißenden Fluss, der Leichen aus den Gräbern sog. Plötzlich schien ihr das der ideale Ort für einen Täter zu sein, der von der Vorstellung besessen war, seine Opfer zu retten.