45. KAPITEL
Christine ließ sich Wandas hausgemachte Hühnernudelsuppe und dazu knusprige Butterbrötchen schmecken. Corby hatte ihr den Morgen freigegeben, aber sie hatte ihr Notizbuch mitgebracht und sich einige Ideen für den morgigen Artikel aufgeschrieben. Es war noch früh, und die Mittagsgäste trudelten erst langsam ein. Deshalb hatte sie in der hinteren Ecke des Lokals eine Nische für sich. Sie saß am Fenster und beobachtete die wenigen Passanten durch den Schnee stapfen.
Timmy hatte angerufen und gefragt, ob er mit seinen Freunden am Mittag mit Pater Keller im Pastorat essen dürfe. Der Priester hatte sich beim Rodeln an Cuttys Hügel zu ihnen gesellt. Und als Trostpflaster für das unvermeidliche Absagen des Campingausfluges hatte er die Jungs zu gerösteten Hot Dogs und Marschmallows am riesigen Kamin des Pastorats eingeladen.
„Großartige Artikelserie, Christine“ , lobte Angie Clark, während sie ihr frischen Kaffee nachschenkte.
Überrascht schluckte Christine einen Bissen warmes Brot hinunter. „Danke.“ Sie lächelte und wischte sich mit der Serviette den Mund. „Die Brötchen deiner Mutter sind die Besten weit und breit.“
„Ich sage ihr immer wieder, wir sollten ihre Backwaren verpackt außer Haus verkaufen. Sie fürchtet allerdings, dass die Leute dann nicht mehr zum Essen ins Lokal kommen.“
Angie war der kreative Kopf im Geschäft der Mutter. Da sie das kleine Lokal nicht ausbauen konnten, hatte Angie vorgeschlagen, sie sollten ihren Lieferservice ausdehnen. Nach nur sechs Monaten mussten sie einen zweiten Koch einstellen und unterhielten zwei Vans und zwei Fahrer, ohne Einbußen für das üblicherweise hektische Frühstücks-, Mittags- und Abendgeschäft im Lokal.
Manchmal fragte Christine sich, warum Angie in Platte City geblieben war. Sie hatte offenbar einen klugen Kopf, Geschäftssinn und einen Aufsehen erregenden Körper. Aber nach nur zwei Jahren an der Uni und nach einer angeblichen Affäre mit einem verheirateten Senator war sie zu ihrer verwitweten Mutter zurückgekehrt.
„Wie geht es Nick?“ erkundigte sie sich, während sie vorgab, das Silberbesteck am Nachbartisch zu arrangieren.
„Im Moment ist er vermutlich wieder sauer auf mich. Er war nicht begeistert von meinen Artikeln.“ Das war zweifellos nicht die Antwort, die Angie hören wollte, doch sie hielt sich schon lange aus dem Liebesleben ihres Bruders heraus.
„Wenn du ihn siehst, grüß ihn von mir.“
Arme Angie. Nick hatte sich vermutlich seit Beginn der Mordserie nicht mehr bei ihr gemeldet. Obwohl er es leugnete, galten seine Gedanken eindeutig der schönen, unerreichbaren Maggie O‘Dell. Vielleicht wurde diesmal ihm das Herz gebrochen, und er bekam zu spüren, was er anderen antat.
Sie beobachtete, wie Angie zwei stämmige Bauarbeiter begrüßte, die hereinkamen und ihre Jacken, Hüte und Overalls ablegten. Warum war Nick ein solcher Frauenschwarm? Sie hatte das nie verstanden und staunend beobachtet, wie er ohne Erklärung und ohne Zögern von einer zur anderen wanderte. Er war ein gut aussehender, charmanter Filou. Sie war sicher, dass Angie ihn mit offenen Armen aufnehmen würde, auch wenn er sich monatelang nicht bei ihr meldete.
Sie trank ihren dampfenden Kaffee und notierte: „Bericht des Gerichtsmediziners“ . George Tillie war ein alter Freund der Familie. Er war jahrelang zusammen mit ihrem Dad auf die Jagd gegangen. Vielleicht konnte George ihr neue Informationen geben. Soweit sie es mitbekam, traten die Ermittlungen auf der Stelle.
Plötzlich wurde die Lautstärke am Fernseher in der Ecke aufgedreht. Sie sah auf, und Wanda winkte ihr zu. „Christine, hör dir das an.“
Bernard Shaw von CNN hatte soeben Platte City, Nebraska, erwähnt. Eine Grafik hinter ihm zeigte die genaue Lage, während Shaw von einer Reihe bizarrer Morde berichtete. Eingeblendet wurde ihre Schlagzeile vom Sonntag: TOTER SERIENKILLER HÄLT GEMEINDE MIT JUNGENMORD IN ATEM, während Bernard die Morde und Jeffreys Mordserie vor sechs Jahren beschrieb.
„Laut einer dem Büro des Sheriffs nahestehenden Quelle gibt es keine heißen Spuren. Der einzige Verdächtige sei ein vor drei Monaten bereits hingerichteter Mörder.“
Christine wand sich innerlich bei Shaws sarkastischer Bemerkung und hatte Mitgefühl mit Nick. Die übrigen Gäste applaudierten ihr und machten das Siegeszeichen mit dem Daumen nach oben. Ihnen genügte es, dass ihre Stadt in den nationalen Nachrichten erwähnt wurde. Sarkasmus und Hohn über das einfältige Landvolk entgingen ihnen.
Der Fernseher wurde leiser, und sie widmete sich wieder ihren Notizen. Ihr Handy klingelte. Während sie in ihrer Handtasche danach wühlte, verteilte sie Brieftasche, Haarbürste und Lippenstift auf dem Tisch. Als sie aufblickte, waren alle Augen auf sie gerichtet. Schließlich riss sie das Gerät förmlich aus der Tasche und hielt es dem Publikum triumphierend hin, das sich lächelnd wieder dem Essen zuwandte. Das Handy klingelte noch zweimal, ehe sie den Einschaltknopf fand.
„Christine Hamilton.“
„Miss Hamilton, hallo. Hier ist William Ramsey von KLTV, Kanal Fünf. Ich hoffe, ich störe Sie nicht. Ihr Büro gab mir diese Nummer.“
„Ich bin gerade beim Lunch, Mr. Ramsey. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Der Sender hatte in den letzten Tagen die Informationen für seine Nachrichten ihren Artikeln entnommen. Abgesehen von ein paar flauen Beiträgen mit Interviews von Verwandten und Nachbarn hatte den Sendungen der Pep gefehlt, den sie für Einschaltquoten brauchten.
„Könnten wir uns morgen zum Frühstück oder Lunch treffen?“
„Mein Terminplan ist sehr voll, Mr. Ramsey.“
„Ja, natürlich. Dann komme ich wohl besser auf den Punkt.“
„Das wäre schön.“
„Ich möchte Ihnen eine Position als Reporterin und Wochen-end-Co-Moderatorin bei Kanal Fünf anbieten.“
„Wie bitte?“ Sie verschluckte sich fast an ihrem Brötchen.
„Ihre beherzten Reportagen über die Morde sind genau das, was wir hier bei Kanal Fünf brauchen.“
„Mr. Ramsey, ich bin Zeitungsreporterin. Ich kann nicht ...“
„Ihr Schreibstil passt sehr gut zu unseren Nachrichtensendungen. Für die Moderatorentätigkeit werden wir Sie trainieren. Und ich weiß zufällig, dass Sie nicht übel anzusehen sind.“
Sie war über Schmeicheleien nicht erhaben, im Gegenteil, sie genoss sie in vollen Zügen nach dem erlittenen Mangel an Zuwendung. Andererseits hatten Corby und das Omaha Journal ihr eine große Chance gegeben. Nein, sie durfte über das Angebot nicht einmal nachdenken.
„Ich fühle mich geschmeichelt, Mr. Ramsey, aber es geht einfach nicht.“
„Ich bin bereit, Ihnen sechzigtausend Dollar jährlich zu zahlen, wenn Sie sofort anfangen können.“
Christine fiel der Löffel aus der Hand. Er platschte in die Suppentasse und spritzte ihr Suppe auf den Schoß. Sie wischte sie nicht ab.
„Wie bitte?“
Er missdeutete ihre Verblüffung als Absage und fügte eilig hinzu: „Okay, ich kann auf fünfundsechzigtausend hinaufgehen. Und ich zahle Ihnen zweitausend Dollar Bonus, falls Sie noch diese Woche anfangen.“
Fünfundsechzigtausend Dollar war mehr als das Doppelte ihres jetzigen Gehaltes. Sie könnte ihre Rechnungen begleichen und müsste Bruce nicht wegen Unterhaltszahlungen belangen.
„Kann ich zurückrufen, Mr. Ramsey? Ich muss mir die Sache überlegen.“
„Natürlich. Selbstverständlich müssen Sie sich das Angebot überlegen. Überschlafen Sie das Ganze, und rufen Sie mich morgen an.“
„Danke, das werde ich.“ Sie klappte ihr Handy zu und war immer noch wie benommen, als Eddie Gillick sich zu ihr auf die Bank setzte und sie gegen das Fenster schob. „He, was tun Sie da?“
„Schlimm genug, dass du mich überlistet hast, dir Informationen für deine Artikel zu geben. Jetzt straft mich dein kleiner Bruder auch noch mit Scheißaufträgen ab. Offenbar weiß er von dir, dass ich deine anonyme Quelle bin.“
„Schauen Sie, Deputy Gillick ...“
„He, der Name ist Eddie, weißt du noch?“
Er nahm ihren heißen Kaffee, gab einen Haufen Zucker hinein und stürzte alles hinunter, ohne sich zu verbrennen. Der Geruch seines After Shave war überwältigend.
„Ich habe Nick nichts gesagt. Er ...“
„Schon okay, denn wie ich das sehe, schuldest du mir was.“
Sie spürte seine Hand auf ihrem Knie, und seine verächtliche Miene ließ sie für einen Moment erstarren. Die Hand schob sich ihren Schenkel hinauf, unter ihren Rock, ehe sie sie wegschieben konnte. Die Ecken seines Bärtchens zuckten, als er verschlagen lächelte, während ihre Wangen rot anliefen.
„Kann ich dir etwas bringen, Eddie?“ Angie Clark beugte sich über den Tisch. Ihr war offenbar bewusst, was da vorging, und sie störte absichtlich.
„Nein, Angie, mein Engel“ , erwiderte Eddie und lächelte Christine weiter an. „Leider kann ich nicht bleiben. Wir müssen uns später sehen, Christine.“
Er glitt aus der Nische, strich sich mit einer Hand über das glatt zurückgekämmte schwarze Haar und setzte seinen Hut wieder auf. Dann schlenderte er den Mittelgang hinunter und zur Tür hinaus.
„Alles okay, Christine?“
„Natürlich“ , erwiderte sie und verbarg ihre zitternden Hände unter dem Tisch.