56. KAPITEL
Zunächst erkannte Nick ihre Stimme kaum. Maggie O‘Dell, die personifizierte Selbstbeherrschung, gab sich laut, schrill und kampflustig.
„Ich will zu Pater Francis! Sofort!“ verlangte sie und drängte sich an Pater Keller vorbei, ehe der etwas erklären konnte. Sie stieß fast mit Nick zusammen und wich erschrocken zurück. Ihre Blicke begegneten sich. In ihrem lag etwas Wildes, Unbeherrschtes, passend zur Stimme.
„Nick, was tun Sie denn hier?“
„Dasselbe könnte ich Sie fragen. Müssen Sie nicht Ihr Flugzeug erreichen?“
Sie wirkte zierlich in der zu großen grünen Jacke und den Jeans. Ungeschminkt und mit zerzaustem Haar, wäre sie als Collegestudentin durchgegangen.
„Die Flüge haben Verspätung.“
„Verzeihen Sie“ , unterbrach Pater Keller sie.
„Maggie, Sie haben Pater Michael Keller noch nicht kennen gelernt. Pater Keller, das ist Spezialagentin Maggie O‘Dell.“
„Sie sind also Keller“ , sagte sie vorwurfsvoll. „Was haben Sie mit Pater Francis gemacht?“
Wieder diese Kampflust. Nick konnte sich auf ihr Verhalten keinen Reim machen. Was war nur mit der kühlen, ruhigen Frau passiert, neben der er gewöhnlich wie ein Hitzkopf aussah?
„Ich habe versucht zu erklären ...“ begann Pater Keller erneut.
„Ja, erklären müssen Sie allerdings einiges! Pater Francis wollte mich heute Nachmittag im Krankenhaus treffen. Er ist nicht gekommen.“ Sie sah Nick an. „Ich habe den ganzen Nachmittag und Abend versucht, hier anzurufen.“
„Maggie, warum kommen Sie nicht herein und beruhigen sich?“
„Ich will mich nicht beruhigen! Ich will eine Erklärung. Ich will zum Kuckuck noch mal wissen, was hier los ist!“
„Es gab heute Morgen einen Unfall“ , erklärte Nick, da sie Pater Keller nicht zu Wort kommen ließ. „Pater Francis ist die Kellertreppe hinuntergestürzt. Er ist tot.“
Sie wurde sehr still. „Ein Unfall?“ Sie streifte Pater Keller mit einem Blick. „Nick, sind Sie sicher, dass es ein Unfall war?“
„Maggie!“
„Woher wollen Sie wissen, dass er nicht gestoßen wurde? Hat jemand die Leiche untersucht? Wenn nötig, mache ich die Autopsie selbst.“
„Eine Autopsie?“ wiederholte Pater Keller.
„Maggie, er war alt und gebrechlich.“
„Genau. Weshalb sollte er also die Kellertreppe hinuntergehen?“
„Weil es unser Weinkeller ist“ , erläuterte Pater Keller.
Maggie sah ihn scharf an, und Nick bemerkte ihre geballten Hände. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn sie dem Pater einen Schwinger verpasst hätte. Er verstand sie nicht mehr. Wenn sie guter Polizist, böser Polizist spielen wollten, müsste sie ihm einen entsprechenden Wink geben.
„Was genau wollen Sie unterstellen, Pater Keller?“ fragte sie schließlich.
„Unterstellen? Ich unterstelle gar nichts!“
„Maggie, wir sollten vielleicht gehen.“ Nick nahm sie sacht am Arm. Sofort riss sie sich los und maß ihn mit einem Blick, dass er einen Schritt zurückwich. Sie starrte Pater Keller noch einmal wütend an und drängte sich dann an beiden vorbei zur Tür.
Nick sah den Priester an, der genau so verlegen und verwirrt war wie er selbst. Wortlos folgte er Maggie zur Tür hinaus. Auf dem Gehsteig holte er sie ein, wollte sie am Arm festhalten, überlegte es sich jedoch und erhöhte sein Tempo, um neben ihr herzugehen.
„Was zum Teufel sollte das eben?“ fragte er.
„Er lügt! Ich bezweifle, dass es ein Unfall war.
„Pater Francis war ein alter Mann, Maggie.“
„Er wollte mir etwas Wichtiges mitteilen. Als wir heute Morgen miteinander telefoniert haben, hat jemand mitgehört, vermutlich Pater Keller. Begreifen Sie denn nicht?“ Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm um. „Wer uns belauscht hat, beschloss, Pater Francis auszuschalten, ehe er mir die wichtige Information geben konnte. Eine Autopsie könnte belegen, ob er gestoßen wurde oder nicht. Ich mache sie selbst, wenn ...“
„Maggie, hören Sie auf! Es wird keine Autopsie geben. Pater Keller hat ihn nicht gestoßen, und ich glaube nicht, dass er etwas mit den Morden zu tun hat. Das ist doch absurd. Wir sollten uns nach echten Verdächtigen umsehen. Wir müssen ...“
Sie sah ihn an, ihr schien schlecht zu werden. Ihr Gesicht war weiß, die Schultern sanken, und ihre Augen glänzten feucht.
„Maggie?“
Sie wandte sich ab und lief vom Gehweg in den Schnee hinter das Pastorat, weg vom hellen Laternenschein. Vom Wind geschützt, lehnte sie sich an einen Baum, beugte sich vor und übergab sich. Nick verzog das Gesicht und hielt Abstand. Jetzt verstand er die lauten Vorwürfe und die uncharakteristische Kampflust - Maggie O‘Dell war betrunken.
Er wartete, bis sie fertig war, und drehte ihr den Rücken zu, für den Fall, dass sie nüchtern genug wurde, sich zu schämen.
„Nick.“
Als er sich umdrehte, ging sie bereits auf einen kleinen Hain hinter dem Pastorat zu, der die Kirche von Cuttys Hügel trennte.
„Nick, schauen Sie.“ Sie blieb stehen und wies nach vorn.
Halluzinierte sie etwa? Doch dann sah er es auch voller Unbehagen. Zwischen den Bäumen verborgen stand ein alter blauer Pickup mit hölzernen Seitenaufbauten.