62. KAPITEL

Maggie sah erneut aus dem Fenster. Nick und Pater Keller waren noch beim Pickup. Sie setzte die Suche an dem langen Flur fort, blieb vor jeder geschlossenen Tür stehen, lauschte und warf vorsichtig einen Blick in jeden unverschlossenen Raum. Einige Büros, ein Lagerraum und schließlich entdeckte sie ein Schlafzimmer.

Es war schlicht und klein mit Holzboden und weißen Wänden. Über dem Doppelbett hing ein einfaches Kruzifix. In einer Ecke standen ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. In der gegenüberliegenden war ein Servierwagen mit einem alten Toaster und einer Teekanne. Die verzierte Lampe auf dem Nachttisch wirkte fehl am Platze. Außer der Lampe gab es nichts, das Aufmerksamkeit erregte. Keine Unordnung, keine Kommoden oder Kisten.

Sie wollte schon gehen, als ihr Blick auf drei gerahmte Drucke neben der Tür fiel. Sie hingen nebeneinander und waren Kopien von Renaissancebildern. Obwohl Maggie keines der Bilder kannte, erkannte sie den Stil an den perfekt dargestellten Körpern, an Bewegung und Farbe. In jedem Bild wurde das blutige Martyrium eines Mannes dargestellt. Bei genauerem Hinsehen konnte sie die kleinen Bildunterschriften lesen.

Das Martyrium des Heiligen Sebastian, 1475, von Antonio Del Pollaivolo zeigte den an einen Säulenfuß gefesselten Heiligen Sebastian, dessen Körper von Pfeilen durchbohrt wurde. Das Martyrium des Heiligen Erasmus, 1629, von Nicolas Poussin schloss noch zwei geflügelte Cherubine ein, die über einer Menge schwebten, die sich um einen gefesselten, gestreckten Mann scharten, während seine Eingeweide herausgerissen wurden.

Maggie fragte sich, wie jemand solche Werke an seiner Schlafzimmerwand haben konnte. Sie blickte auf das letzte Bild, Das Martyrium des Heiligen Hermione, 1512, von Matthias Anatello zeigte einen an einen Baum gefesselten Mann, dessen Ankläger ihn mit Messern und Macheten traktierten. Sie ging schon aus der Tür, als ihr Blick noch einmal auf den letzten Druck gelenkt wurde. Auf der Brust des Gepeinigten befanden sich mehrere blutige Schnitte. Zwei perfekt diagonal ausgeführte ergaben ein eckiges Kreuz oder aus ihrem Blickwinkel ein schiefes X. Ja, natürlich! Plötzlich verstand sie es. Die Einschnitte auf der Brust der Jungen waren kein X, sondern ein Kreuz, und sie gehörten zum Ritual des Täters, waren ein Symbol. Glaubte er, diese Jungen zu Märtyrern zu machen?

Sie hörte Schritte, die näher kamen, und eilte in den Flur zurück, als Ray Howard um die Ecke bog. Er erschrak, bemerkte jedoch ihre Hand auf dem Türknauf.

„Sie sind die FBI-Agentin!“ stellte er vorwurfsvoll fest.

„Ja, ich bin mit Sheriff Morrelli gekommen.“

„Was hatten Sie in Pater Kellers Schlafzimmer zu suchen?“

„Ach, ist das Pater Kellers Zimmer? Ich muss unbedingt ins Bad und kann es nicht finden.“

„Weil es genau am anderen Ende des Flures liegt“ , schimpfte er, wies in die Richtung und sah sie voller Misstrauen an.

„Wirklich? Danke.“ Sie schob sich an ihm vorbei, ging den Flur hinunter, blieb vor der richtigen Tür stehen und sah fragend zu ihm zurück. „Hier?“

“Ja.“

„Nochmals danke.“ Sie ging hinein und lauschte einige Minuten an der Tür. Als sie vorsichtig hinausspähte, sah sie Ray Howard in Pater Kellers Zimmer verschwinden.