4. KAPITEL
Der Verwesungsgeruch haftete an Nick. Er wollte seine Kleidung loswerden, doch der Geruch nach Fluss und Blut war ihm bereits tief in die Poren gedrungen. Er schälte sich aus dem Hemd und dankte Bob Weston für die FBI-Windjacke. Die Ärmel endeten eine Handbreit über seinen Gelenken, und der Stoff spannte über seiner breiten Brust. Der Reißverschluss war auf halber Länge stecken geblieben. Er musste riechen und aussehen wie der letzte Penner. Seine Vermutung bestätigte sich, als er Eddie Gillick, einen seiner Deputys, sich durch die Menge von FBI-Agenten, uniformierten Polizisten und weiteren Deputys drängen sah, um ihm ein feuchtes Handtuch zu reichen.
Die Szenerie sah aus wie Vorbereitungen zu einer Halloweenparty. Blendende Suchscheinwerfer hingen in den Asten. Gelbe Bänder waren zwischen den Baumstämmen gespannt, und das Zischen und Qualmen der Nachtfackeln mischte sich mit dem schrecklichen Gestank des Todes. Inmitten dieser makaberen Szene lag die kleine weiße Gestalt eines Jungen wie schlafend im Gras.
In den zwei Jahren als Sheriff hatte Nick Morrelli drei Opfer von Autounfällen geborgen. Dabei hatte ihn der hohe Adrenalinspiegel im Blut gegen den Anblick von verbogenem Metall und verletztem Fleisch praktisch immun gemacht. Er hatte es mit einer Schusswunde zu tun bekommen - ein kleiner Kratzer, als jemand sein Gewehr gereinigt und dabei einen halben Liter Whiskey getrunken hatte. Er hatte zahllose Schlägereien geschlichtet und dabei selbst einige Schrammen und Prellungen abbekommen. Aber nichts hatte ihn auf das hier vorbereitet.
„Kanal Neun ist da.“ Eddie Gillick deutete auf das neue Paar Scheinwerfer, das auf und ab wippend auf dem Weg in Sicht gekommen war. Die beleuchtete orangefarbene Neun auf dem Dach des Van strahlte hell in der Dunkelheit.
„Scheiße! Wie haben die das rausgekriegt?“
„Polizeifunk. Wahrscheinlich haben sie keine Ahnung, was los ist, die wissen nur, dass was los ist.“
„Sag Lloyd und Adam, sie sollen die so weit von der Baumgruppe fern halten wie nur möglich. Keine Kameras, keine Interviews, keine Schnüffeleien. Dasselbe gilt für die restlichen Blutsauger, wenn sie hier eintrudeln.“ Das fehlte ihm gerade noch - ein Bild von ihm in der Morgenzeitung in seinem lächerlichen Clownaufzug mit schlammigen Jeans, das dem ganzen Bundesstaat seine Inkompetenz vor Augen führte.
„Prima. Noch ein verdammtes Paar Reifenspuren“ , sagte Weston sarkastisch zu den Agenten, die auf den Knien im Schlamm arbeiteten, sah jedoch Nick dabei an, damit er begriff, dass der Kommentar ihm galt.
Nick wurde es heiß, er schluckte eine Erwiderung hinunter und ging weg. Weston machte kein Geheimnis daraus, dass er ihn für den Witz eines Kleinstadtsheriffs hielt. Seit Sonntag, seit Danny Alverez verschwunden war und ein brandneues Fahrrad und eine Tasche voll unausgelieferter Zeitungen hinterlassen hatte, gingen sie sich an die Kehle. Nick hatte Leute zusammentrommeln wollen, um Felder und Parks abzusuchen. Weston hingegen hatte beharrt, auf eine Lösegeldforderung zu warten, die niemals einging. Nick hatte sich Westons fünfundzwanzigjähriger FBI-Erfahrung gefügt, anstatt seinem Instinkt zu folgen.
Er fragte sich, warum er Westons Theorie von dem unzufriedenen Vater, der seinen Jungen mitgenommen hatte, nicht zustimmen wollte? Der Vater war wütend auf seine Ex-Frau, weil sie ihm den Jungen vorenthielt. Zum Teufel, die Zeitungen waren voll von solchen Geschichten. Dass sie Major Alverez nicht hatten ausfindig machen können, hatte den Verdacht gegen ihn nur verstärkt. Also warum hatte er nicht auf Spezialagent Bob Weston gehört? Nur weil er den Mann nicht mochte?
Westons Arroganz hatte ihn von Anfang an gestört. Knapp eins sechzig groß, erinnerte er Nick an einen kleinen Napoleon, der mit seinem großen Mundwerk den geringen Wuchs kompensieren musste. Gut einen Kopf kleiner als er selbst wirkte er verglichen mit seiner athletischen Statur wie ein kleines knochiges Männchen. Doch heute Nacht und nach Westons Kommentaren fühlte Nick sich klein. Er wusste, dass er Mist gebaut hatte, angefangen von der Zerstörung von Spuren am Tatort, über die mangelhafte Absicherung eines ausreichend großen Gebietes, bis zum Alarmieren zu vieler Beamter. Somit verdiente er Westons abschätzige Sticheleien. Er fragte sich sogar, ob Weston ihm absichtlich die zu kleine Jacke gegeben hatte.
Nick sah, wie sich George Tillie einen Weg durch die Menge bahnte, und war erleichtert, ein vertrautes Gesicht zu entdecken. George schien gerade aus dem Bett gestiegen zu sein. Seine Sportjacke war verknittert und hing falsch geknöpft über einem pinkfarbenen Männernachthemd. Sein graues Haar stand in alle Richtungen ab. Das traurige Gesicht war von tiefen Linien durchzogen, und auf den Wangen sprießten graue Bartstoppeln. Seine kleine schwarze Tasche an die Brust gepresst, stapfte er vorsichtig in Fellpantoffeln durch den Schlamm. Wenn er sich nicht irrte, hatten die Hausschuhe kleine Ohren und Hundeschnauzen. Lächelnd fragte Nick sich, wie George es an den FBI-Aufpassern vorbei geschafft hatte.
„George!“ rief er und musste lachen, als der wegen seines unangemessenen Aufzugs die Brauen hochzog. „Der Junge ist hier drüben.“ Er führte den alten Leichenbeschauer am Ellbogen und gestattete ihm, sich auf ihn zu stützen, während sie im Schlamm durch die Menge staksten.
Ein Beamter schoss mit einer Polaroidkamera ein letztes Bild vom Tatort, ehe er ihnen Platz machte. Ein Blick auf den Jungen, und George erstarrte. Die hängenden Schultern strafften sich, sein Gesicht wurde weiß.
„O lieber Gott, nicht schon wieder.“