80. KAPITEL
Christine musste nicht fragen, was Eddie vorhatte. Sie erkannte die gewundene Schotterstraße, die sich am Fluss entlang zwischen hohen Ahorn- und Walnussbäumen hindurchschlängelte. Hierhin, abseits der Old Church Road, fuhren alle Jugendlichen zum Knutschen. Man blickte über den Fluss, es war einsam, ruhig und finster. Hierhin hatten Jason Ashford und Amy Stykes wahrscheinlich in jener Nacht gewollt, als sie über Danny Alverez‘ Leiche stolperten.
Konnte Eddie wirklich wissen, wo Timmy war? Christine erinnerte sich, dass der Kirchenküster zum Verhör vorgeladen worden war. Hatte Eddie etwas mitgehört? Aber hätte Nick es ihr nicht gesagt, wenn es neue Erkenntnisse gäbe? Nein, natürlich nicht. Er wollte sie aus dem Weg haben und ließ sie Fotos ihres Sohnes kopieren.
Eddie widerte sie an, aber wichtiger noch, er machte ihr Angst. Er war rücksichtslos und ein bisschen verrückt. Wahrscheinlich gehörte er zu jenen Cops, die einen aus purer Machtdemonstration anhielten, wenn man in einer Dreißig-Meilen-Zone einunddreißig fuhr. Aber wenn er wusste, wo Timmy war ... o Gott, was würde sie dafür geben, Timmy heil und gesund zurückzubekommen! Welchen Preis würde eine Mutter für ihr Kind zahlen? Sie hatte ihre Prinzipien für einen lausigen Lohnscheck über Bord werfen wollen. Was würde sie erst tun, um ihren Sohn zu retten?
Trotzdem, als der Wagen vom Weg auf die Lichtung über dem Fluss abbog, war sie so in Panik, dass ihr kalte Schauer über den Rücken liefen. Ihr leerer Magen rebellierte, und ihr wurde wieder schwindelig. Jetzt bloß nicht ohnmächtig werden! Wenn Eddie sich von einer widerspenstigen Frau nicht aufhalten ließ, dann von einer bewusstlosen erst recht nicht.
Eddie schaltete Motor und Scheinwerfer aus. Die Dunkelheit verschluckte sie geradezu. Der Blick glitt über dunkle unebene Baumwipfel zum glitzernden Fluss. Nur die Mondsichel spendete ein wenig tröstendes Licht.
„Nun, da wären wir“ , sagte er und drehte sich ihr erwartungsvoll zu, blieb jedoch hinter dem Lenkrad sitzen.
Mit dem Fuß hielt sie die Bierflasche fest, damit sie nicht unter den Sitz zurückrollte. Ohne die Armaturenbeleuchtung war es zu dunkel, um sein Gesicht zu erkennen. Sie hörte Zellophan knistern, dann ein kurzes Schlagen. Ein Streichholz zischte, und beißender Schwefelgeruch reizte ihre Nase.
„Stört es dich, wenn ich rauche?“
Sie sah sein schiefes Lächeln im Licht der Zigarette. Er bot ihr auch eine an, riss ein zweites Streichholz an und wartete. Während er ihre Zigarette anzündete, brannte das Streichholz herunter, und er verbrannte sich die Fingerkuppen.
„Verdammt!“ schimpfte er und schüttelte die Hand. „Ich hasse Streichhölzer, aber ich habe mein Feuerzeug irgendwo verloren.“
„Ich wusste nicht, dass du rauchst.“ Sie inhalierte und hoffte, das Nikotin beruhige ihre Nerven.
„Ich versuche es mir abzugewöhnen.“
„Ich auch.“ Sie lächelte ihn an, um die Gemeinsamkeit zu betonen. Sie schaffte das, oder? Inzwischen hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und sie konnte ihn sehen. Vielleicht war das kein Vorteil. Ruhig und gelassen hatte er einen Arm über den geborstenen Sitz ausgestreckt. Sie musste ebenfalls ruhig und gelassen wirken. Vielleicht konnte sie die Situation so weit entschärfen, dass er nicht gewalttätig wurde. „Weißt du wirklich, wo Timmy ist?“
„Vielleicht“ , erwiderte er, eine Rauchwolke ausstoßend. „Was bist du bereit, dafür zu tun?“ Er streckte den Arm über den Sitz hinaus, bis seine plumpen Finger ihr Haar berührten, zur Wange glitten und weiter in ihren Nacken.
„Woher soll ich wissen, dass es nicht einfach ein Trick ist?“
„Das weißt du nicht.“
Seine Hand fuhr unter ihren Mantelkragen. Er knöpfte den Mantel auf und schlug ihn auseinander, bis er ihre Bluse und ihren Rock sah. Sie erschauderte bei seiner Berührung, und es fiel ihr schwer, nicht angewidert das Gesicht zu verziehen. Sogar das Nikotin half nicht.
„Das ist nicht wirklich fair, Eddie. Es muss mir doch auch was bringen.“
Er gab sich gekränkt. „Ich dachte, ein unglaublicher Orgasmus ist Belohnung genug.“
Er berührte ihre Brüste. Mühsam beherrschte sie den Drang, sich heftig zurückzuziehen, damit er sie nicht erreichen konnte. Doch sie blieb still sitzen. Denk nicht, beschwor sie sich, schalte innerlich ab! Sie hätte jedoch schreien mögen, als er ihre Brüste streichelte, die Spitzen knetete und lächelnd sah, wie sie hart wurden.
Er drückte die Zigarette aus und rückte näher, um mit der anderen Hand ihren Schenkel hinaufzufahren. Sie sah die dicken Finger unter ihrem Rock verschwinden und presste die Beine zusammen. Er lachte, und sein saurer Atem schlug ihr ins Gesicht.
„Komm schon, Christine, entspann dich.“
„Ich bin nur nervös.“ Ihre Stimme bebte, was ihn zu freuen schien. „Hast du was dabei, um dich zu schützen?“
„Benutzt du denn nicht irgendwas?“ Er quetschte die Hand zwischen ihre Schenkel.
„Ich war nicht ...“ Sein grobes Gefummel behinderte sie beim Denken. Am liebsten hätte sie sich übergeben. „Seit Bruce war ich mit niemandem mehr zusammen.“
„Wirklich?“ Seine Finger stocherten und zerrten an ihrer Unterwäsche herum, um sich Zugang zu verschaffen. „Nun ja, ich benutze keine Kondome.“
Sie fürchtete, vor Ekel zu ersticken. „Dann können wir es nicht tun.“
Er missdeutete ihre Kurzatmigkeit als Erregung. „Ist schon okay.“ Mit den Fingern der anderen Hand fuhr er ihr über die Lippen und steckte ihr den Daumen in den Mund. „Dann machen wir es anders.“
Ihr drehte sich der Magen um, sie fürchtete, sich zu übergeben. Doch sie konnte es sich nicht leisten, ihn zornig zu machen. Er langte hinab, öffnete die Hose und zog sein steifes Glied heraus. Er nahm ihre Hand, sie riss sie zurück. Lächelnd nahm er sie wieder, legte sie um seine Erektion und drückte, bis sie das Pulsieren unter ihren Fingern spürte. Aufstöhnend lehnte er sich zurück.
Sie konnte das nicht! Ausgeschlossen, dass sie mit dem Mund weitermachte!
„Weißt du wirklich, wo Timmy ist?“ fragte sie noch einmal, um sich an ihre Mission zu erinnern.
Er schloss die Augen, sein Atem ging heftig. „O Baby, massier mich, blas mir einen, und ich sage dir alles, was du hören willst.“
Wenigstens hatte er sie losgelassen. Sie erinnerte sich an die Zigarette in ihrer anderen Hand, an deren Ende sich ein langes Stück Asche gebildet hatte. Sie machte noch einen Zug, dass die Glut rot aufflammte, massierte ihn und bohrte die Nägel in sein hartes Fleisch.
„Verdammt!“
Er riss die Augen auf und schnappte nach ihrer Hand, doch sie drückte ihm die brennende Zigarette ins Gesicht. Aufheulend warf er sich gegen die Tür und wischte über seine versengte Wange. Sie langte um ihn herum nach dem Türgriff. Sofort packte er ihre Handgelenke, ließ jedoch augenblicklich los, als sie ihm das Knie in den Unterleib rammte. Keuchend rang er nach Luft. Sie hob die Bierflasche auf. Als Eddie sie packen wollte, schmetterte sie ihm die Flasche auf den Kopf. Wieder ein Heulen, ein hohes unmenschliches Kreischen. Sie wich auf ihren Teil des Sitzes zurück, stemmte sich mit dem Rücken gegen die unnachgiebige Tür und trat Eddie kraftvoll mit ihren hochhackigen Pumps gegen die Brust. Er flog zur Fahrertür hinaus.
Lang ausgestreckt in Schnee und Schlamm, rappelte er sich jedoch schnell wieder hoch. Christine riss die Fahrertür zu und betätigte die Rundumverriegelung. Eddie trommelte gegen die Scheibe, während sie mit dem Zündschlüssel hantierte und startete. Der Chevy erwachte stotternd zum Leben.
Eddie kletterte auf die Kühlerhaube, schrie sie an und trommelte gegen die Windschutzscheibe. Ein schmaler Riss entstand und bildete sich zu einem Spinnennetz aus. Sie legte den Rückwärtsgang ein und trat aufs Gas. Der Wagen schleuderte zurück, fast in einen Graben. Eddie flog von der Kühlerhaube und rappelte sich auf, als sie den Vorwärtsgang einlegte und das Gaspedal durchtrat. Heftig schlingernd, Kies und Schmutz aufspritzend schoss sie davon.
Der Wagen preschte die gewundene Straße hinunter ins Schwarze. Die Scheinwerfer! Sie drückte wahllos Knöpfe und schaltete Scheibenwischer und Radio ein. Ein kurzer Blick hinunter, sie fand den richtigen Knopf und erhellte den Weg gerade rechtzeitig vor einer scharfen Kurve. Sofort packte sie mit beiden Händen das Steuer und trat auf die Bremse. Es reichte nicht. Der Wagen kreischte, als er über den schneegefüllten Graben, durch einen Stacheldrahtzaun und gegen einen Baum flog.