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Der Weg durch das Gedränge der Presseleute war ein Spießrutenlauf; Henning ging voran, und beide benutzten ihre Schultern, um sich einen Weg zu bahnen. Die Reporter schleuderten Henning ihre Fragen entgegen, obwohl sie offensichtlich keine Ahnung hatten, wer er war, aber er sagte kein Wort, bis sie das provisorische Zelt erreicht hatten, das den Leichnam des alten Mannes barg.
»Tom, das ist Jay Sherrill. Der Commissioner sagt, er gehört zu seinen besten First Grade Detectives.«
»First Grade? Das klingt nach Anfänger.« Es war nicht zu leugnen: Der Junge sah aus, als sei er gerade neunzehn. Anfang dreißig, höchstens. Sauber gebügeltes Hemd, betont abwesende Krawatte, ein glattes, haarloses, hübsches Gesicht. Tom hätte an Ort und Stelle ein Profil von Jay Sherrill erstellen können: Absolvent einer Eliteuniversität an der Ostküste, ein Senkrechtstarter, wie er heutzutage von allen Großstadtpolizeibehörden bevorzugt wurde. Diese jungen Kanonen redeten und kleideten sich eher wie Unternehmensberater, nicht wie Cops. Er hatte wahrscheinlich vierzehn Tage Streifendienst gemacht und war dann in die obersten Ränge katapultiert worden. Tom hatte im New York Magazine einen Artikel über diese Männer gelesen: Sie trugen niemals Uniform und bestimmten ihre Dienstzeiten selbst. Eine neue Klasse von Polizisten.
»Jung ist er, ja. Aber er hat eine Aufklärungsquote von sechsundneunzig Prozent.« Es war der Akzent der Bostoner Gesellschaft; der Mann klang wie ein Kennedy.
»Sechsundneunzig Prozent, ja? Wer ist ihm denn entwischt?«
»Der mit dem besten Anwalt.«
Henning schaltete sich ein. »Okay. Wie Sie wissen, haben Commissioner Riley und ich vereinbart, dass die UN und das NYPD in dieser Sache eng zusammenarbeiten werden. Und das betrifft Sie beide. Haben wir uns verstanden?«
»Wir haben uns verstanden.« Sherrill versuchte es mit der abgeklärten Haltung des reifen Mannes. »Mr.Byrne, ich will gerade zum Chef der Sicherheitsabteilung in diesem Gebäude. Sie können gern mitkommen.«
Tom folgte ihm pflichtschuldig, und er bemerkte Hennings Schulmeisterblick. Ja, er würde sich benehmen. »Hoffentlich sind Sie der Erste, mit dem er spricht«, sagte er in einem Ton, der wie ein Waffenstillstandsangebot klingen sollte.
»Befürchten Sie, er könnte mit der Presse gesprochen haben?«, fragte Sherrill.
»Nein, ich befürchte, er könnte mit jemandem im Gebäude gesprochen haben. Das Gebäude ist undicht.« Tom dachte an seine eigene London-Mission und an das, was er der Familie sagen würde. Dass eine Menge Gerüchte sie vor ihm erreichte, konnte er nicht gebrauchen.
Als sie durch die jetzt für die Öffentlichkeit geschlossene Eingangshalle für Besucher in das gespenstisch stille Foyer des Hauptgebäudes gingen, hob Tom die Hand, um sich von Henning zu verabschieden. Henning hatte ein Meeting auf der Führungsebene. Es war ein Kinderspiel gewesen, erkannte er. Der Tom Byrne, den er vor zehn Jahren gekannt hatte, wäre entsetzt gewesen. Aber diesen Tom Byrne gab es längst nicht mehr.
Sie fuhren mit einem leeren Aufzug in den ersten Stock. Wieder in diesem Gebäude zu sein, war für Tom sofort ein vertrautes Gefühl, aber nach einem Jahr der Abwesenheit empfand er zugleich eine seltsame Nostalgie – als komme er nach einer langen Auslandsreise wieder in seine Heimatstadt.
Harold Allen erwartete sie. Tom hatte noch nie mit ihm gesprochen, aber er erkannte ihn. Er war einmal der hochrangigste afroamerikanische Officer des NYPD gewesen, aber dann war er dadurch berühmt geworden, dass er seine eigene Behörde wegen Rassendiskriminierung verklagte. Er war einmal als künftiger Polizeichef im Gespräch gewesen, aber jetzt war er für ein winziges Eckchen der Stadt verantwortlich, über die er einmal hätte herrschen können – und selbst auf diesem Fleckchen hier, dachte Tom, war es ihm gelungen, bis an die Ohren in einen Skandal um Schusswaffengebrauch zu geraten. Seine Besorgnis stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er führte seine Gäste zu einem runden Tisch in der Mitte des Raums, ein paar Schritte weit von seinem eigenen Schreibtisch entfernt. Tom sah etliche gerahmte NYPD-Ehrenurkunden wegen Tapferkeit an der Wand.
Sherrill verschwendete keine Zeit mit Belanglosigkeiten. »Wie Sie sich denken können, habe ich ein paar Fragen an Sie, Mr.Allen.«
»Ja, Sie und jeder hier in diesem verdammten Gebäude.«
Tom hörte zu und machte sich Notizen, während Allen die Abfolge der Ereignisse schilderte: Zunächst ein Hinweis des NYPD auf den Russen, dann ein abgehörtes Telefonat zwischen Hotelzimmer und Rezeption. Er hatte die Wachkommandanten angewiesen, nach einem Mann Ausschau zu halten, auf den die polizeiliche Beschreibung passte. Diese Anweisung war an die Posten bei den Eingängen weitergegeben worden, zu denen ein gewisser Felipe Tavares gehörte. Schließlich waren die Schüsse gefallen und das Chaos ausgebrochen. Ein tragischer Fall von Verwechslung.
»Wo ist Officer Tavares jetzt?«
»Er ist bei einem der NYPD-Officer, die uns hier unterstützen.«
Toms Stirnfalten bildeten ein Fragezeichen.
»Zur psychologischen Beratung.«
»Zur psychologischen Beratung? Aha.« In der Daily News würde das fabelhaft aussehen. »Minuten nach der Erschießung eines Rentners schritten die Behörden zur Tat und spendeten dem Mörder Tee und Mitgefühl.«
»Ja, Mr.Byrne – zur psychologischen Beratung. Ich nehme an, Sie haben die polizeiliche Arbeit noch nie an vorderster Front miterlebt. Tavares hat einen schweren Schock. Er ist ein guter Mann. Ich war eben bei ihm.«
»Wie hält er sich?«
»Er jammert unaufhörlich. ›Das hätte mein Vater sein können. Das hätte mein Vater sein können.‹ Es geht ihm schlecht.«
»Wissen wir, wie alt der Tote war?«
Allen stand auf und ging zu seinem Schreibtisch. Er war massig und korpulent; als junger Mann war er wahrscheinlich ziemlich fit gewesen, dachte Tom und betrachtete die Urkunden an der Wand. Aber irgendwie war ihm das alles entglitten. Er kam mit einem einzelnen Blatt Papier zurück. »Anscheinend war er siebenundsiebzig Jahre alt. Hieß Gerald Merton. Geboren in Kaunas, Litauen.«
»In Litauen? Da gibt’s nicht viele, die Gerald Merton heißen.« Sherrills Lächeln zeigte, dass er sehr zufrieden mit sich war. »Steht irgendwo, wann er nach England ging?«
»Nein. Nur Geburtsort und -datum.«
»Was haben Sie dann da, Mr.Allen?«
»Eine Fotokopie seines Passes.«
»Seines was?« Jetzt war alle Sanftmut verschwunden.
»Seines Passes. Einer meiner Leute hat ihn aus der Tasche des Toten genommen, Sekunden nach dem Vorfall. Um seine Identität festzustellen.«
»Ich hoffe sehr, dass Sie jetzt einen Witz machen.«
»Leider nicht, Mr.Sherrill. Wir haben ihn aber zurückgesteckt.«
»Haben Ihre Leute nie etwas von Tatortsicherung gehört? Oder von kontaminiertem Beweismaterial? Mein Gott!«
»Tötungsdelikte sind normalerweise nicht das, was wir hier bearbeiten, Mr.Sherrill. So etwas ist hier noch nie passiert.«
Tom nutzte die Pause. »Darf ich das sehen?«
Allen gab ihm das Blatt, aber er tat es mit sichtlichem Zögern. Das war normal bei den UN: Die Leute waren allesamt geizig mit Informationen, der einzigen realen Währung in diesem Gebäude.
Tom betrachtete das fotokopierte Passbild. Es war körnig, aber doch scharf genug. Der Mann war eindeutig alt, aber sein Gesicht war weder sonderlich faltig, hager oder schlaff. Tom dachte an seinen eigenen Vater in den letzten Monaten seines Lebens, und wie sein Gesicht alles Fleisch verloren hatte. Der Kopf dieses Mannes war immer noch fest und rund, eine harte, fleischige Kugel mit kurzgeschnittenem weißen Haar an den Seiten. Die Schädelwölbung war kahl. Die Augen lächelten nicht; ihr Blick war hart. Tom las noch einmal den Namen des Geburtsorts: Kaunas, Litauen. Unter »Nationalität« stand in fetten Lettern: Britisch.
Er reichte die Kopie an Sherrill weiter; der überflog sie kurz und sagte dann: »Wir benötigen Kopien sämtlicher Unterlagen, die Sie zu diesem Fall haben.«
»Kriegen Sie.«
»Und ich glaube, wir müssen mit Officer Tavares sprechen.«
»Das könnte schwierig werden. Er ist im Moment nicht in dem Zustand –«
»Mr.Allen, das war keine Bitte.«
Allens Schläfen pulsierten. »Ich werde sehen, was ich tun kann.«