11
Tom sah ihr nach, als sie über die Straße ging, in ihren alten Saab stieg und abfuhr. Wie gelähmt blieb er minutenlang stehen und versuchte sich über die Wirkung klarzuwerden, die sie auf ihn gehabt hatte. Es war nicht das übliche Gefühl, das ihn oft auf einer Party in Manhattan oder bei ein paar Drinks im Royalton überkam, wenn er irgendeine junge Schönheit entdeckte und träge entschied, dass er sie haben wollte, wie man irgendeine Köstlichkeit von der Speisekarte aussuchte. So hatte er in New York sein Bett bevölkert – aber das hier war anders.
Er fühlte sich, als sei er soeben zehn Kilometer durch den Central Park gelaufen. Seine Wangen waren gerötet, sein Puls schlug schneller, und unvermittelt erinnerte er sich daran, wie ihm zumute gewesen war, als er mit sechzehn Jahren Kate kennengelernt hatte; sie war vier Jahre älter als er gewesen, Studentin und Vorsitzende der Jugendabteilung Sheffield in der Kampagne für Nukleare Abrüstung. Noch jetzt brauchte er nur den Namen auszusprechen, und die warme Glut war gleich wieder da. Sie hatte ihn in die Dinge des Lebens eingeführt, und obwohl er seitdem mit vielen Frauen zusammen gewesen war, hatte er nie wieder die gleiche bebende Erregung empfunden. Aber mit leiser Beschämung musste er sich eingestehen, dass er jetzt ein ganz ähnliches Gefühl verspürte. Herrgott noch mal, ermahnte er sich entschlossen, werd’ erwachsen.
Ein jähes, tiefes Verlangen nach Kaffee veranlasste ihn, zum Ende der Straße hinaufzugehen, wo eine kleine Reihe von Läden zu sehen war. Gottlob war einer davon ein Café. Er ging hinein, setzte sich an den kleinsten Tisch, damit niemand sich dazusetzen konnte, und bestellte einen Espresso.
Als er kam, stürzte er ihn mit zwei Schlucken hinunter, und dann lehnte er sich zurück, schloss die Augen und atmete tief durch. Erst jetzt fiel ihm das Notizbuch in seinem Aktenkoffer wieder ein. Ob es Rebecca Mertons Kalender war? Er wusste, dass er es nicht aufschlagen sollte, aber er konnte nicht anders.
Das Notizbuch war angefüllt mit einer winzigen, adretten Handschrift in Blau, Seite um Seite. Sofort sah er, dass dies nicht die Handschrift einer etwas über dreißigjährigen Frau war. Es war ein Fehler gewesen, das Buch einzustecken. Aber er brauchte nur die ersten paar Sätze zu lesen, um zu erkennen, dass er – und nicht nur er – einen noch sehr viel schwereren Fehler begangen hatte.