20
»Danke, dass Sie Zeit für mich haben, Commissioner.«
»Sie brauchen sich nicht zu bedanken. Ich habe ja gesagt, Sie sollen unmittelbar mir Bericht erstatten.«
»Ja, Sir.«
»Und was gibt’s, Sherrill?«
»Fortschritte, Sir. Und zwar in eine unerwartete Richtung.«
»Normalerweise sage ich: ›Schießen Sie los.‹ Zugegeben, in diesem Kontext passt es nicht. Warum reden Sie nicht weiter?«
»Gestern Morgen sind wir zunächst von der Annahme ausgegangen, dass Gerald Merton ein unschuldiger alter Mann war. Ein tragischer Fall von Identitätsverwechslung.«
»Richtig.«
»Aber ein paar unserer ersten Ermittlungsergebnisse wecken Zweifel an dieser Grundannahme.«
»Tatsächlich?«
»Jawohl, Sir. Die erste Warnmeldung, die der Geheimdienst verzeichnet hat, war ein Treffen im Haus eines Waffenhändlers –«
»Des Russen.«
»Ja. Seine Telefonnummer ist in Mertons Handy gespeichert. Zweitens, bei einer Durchsuchung des Hotelzimmers des Toten im Laufe der Nacht wurde eine Pistole mit Polymer-Rahmen und Stahleinschüben gefunden, ein russisches Fabrikat.«
»Killers kleiner Freund.«
»Genau, Sir. Ein ernstzunehmendes Kaliber. Versteckt in Mr.Mertons Zimmer im Tudor Hotel. Und drittens, auf der Waffe wurden Mertons Fingerabdrücke gefunden. Überall.«
Riley lehnte sich in seinen Schreibtischsessel zurück und erprobte den Kippmechanismus der Lehne bis zum Anschlag. Dabei ließ er den Detective nicht aus den Augen. Er taxierte ihn, wie ein Lehrer einen intelligenten Schüler mustert. »Alles sehr faszinierend, Sherrill. Wirklich. Weiß sonst jemand beim NYPD davon?«
»Nein, Sir. Sie haben mich angewiesen, unmittelbar Ihnen Bericht zu erstatten.«
»Gut gemacht, Sherrill. Wir wollen es weiter dabei belassen.« Er ließ die Sessellehne nach vorn schnellen und beugte sich noch ein Stück weiter vor. »Was hat Ihr Gespräch mit dem Wachkommandanten ergeben?«
Sherrill blätterte in seinen Notizen. Damit hatte er nicht gerechnet. Die Aussage des Wachkommandanten war absolut vorhersehbar gewesen – nichts im Vergleich zu dem, was er über Merton herausgefunden hatte. Wieso reagierte der Commissioner nicht auf das, was hier offensichtlich die größte Überraschung war?
»Wachkommandant Touré berichtet, sein Verbindungsmann beim NYPD habe ihn angerufen und zu erhöhter Aufmerksamkeit hinsichtlich eines Mannes in einem schwarzen Mantel und Wollmütze geraten, der –«
»Und wann war das?«
»Gegen acht Uhr neunundvierzig morgens, Sir.«
»Und wann kam es zu der Schießerei?«
»Acht Uhr einundfünfzig, Sir.«
»Und was fällt Ihnen an diesen beiden Zeitangaben auf, Detective?«
»Dass sie zwei Minuten auseinanderliegen, Sir.«
»Mann, diese Harvard-Ausbildung war wirklich jeden Cent wert! Genau, Mr.Sherrill! Und was sagt uns das?«
»Na ja, es könnte ein Zufall –«
»Bei der Polizeiarbeit gibt es keine Zufälle, Mr.Sherrill. Es sagt uns, dass es sich um live übermittelte Erkenntnisse handelt.«
»Sie meinen, jemand hatte gesehen, wie der Verdächtige sich dem UN-Gebäude näherte?«
»Genau das meine ich. Wie lautete die exakte Formulierung der Nachricht an den Wachkommandanten bei den UN?«
Jay Sherrill blätterte eine Seite weiter. Dann sah er den Commissioner wieder an. »Es war eine dringende Warnung, Sir. Die UN-Organe wurden dringend ersucht, auf einen potentiellen Terror-Verdächtigen zu achten.«
»Dringend, sagen Sie. Fast, als hätten sie gewusst, dass er unterwegs war.«
»Aber das ergibt keinen Sinn, Sir.«
»Und warum nicht, Mr.Sherrill? Warum ergibt es keinen Sinn?« Riley lehnte sich wieder zurück. Die Sache machte ihm Spaß.
»Weil jeder, der Gerald Merton wirklich gesehen hat, gewusst haben muss, dass er in Wahrheit ein sehr alter Mann war. Das Gegenteil von einem Terrorverdächtigen.«
»Das sollte man meinen, nicht wahr, Mr.Sherrill? Sie und ich, wir hätten es ganz sicher gesehen, oder?«
Jetzt war es Sherrill, der seinen Chef taxierte. Langsam löste sich ein Bild aus dem Dunkel, eine Ahnung dessen, was im Kopf des Commissioners vorging. Er begriff zwar noch nicht vollständig, worauf sein Chef hinauswollte, aber jetzt schwante ihm doch etwas. Was es auch sein mochte, es ging jedenfalls um mehr als nur die schlichte Aufklärung des Todes dieses Merton.
»Was soll ich tun, Commissioner?«
»Eine ausgezeichnete Frage, Detective. Sie sollen herausfinden, wer genau dem Wachkommandanten der UN diese dringende Warnung zukommen ließ und auf welcher Grundlage das geschah. Denn in diesem Fall wurde ein entscheidender Fehler begangen, ein Fehler, der dazu führte, dass dieser unglückselige belgische Wachmann –«
»Ein Portugiese.«
»Von mir aus. Es führte dazu, dass einem unglückseligen, verängstigten Cop ein tödlicher Irrtum unterlief. Wir müssen die exakte Quelle des ursprünglichen Fehlers ausfindig machen. Ich will wissen, welcher Teil der Polizeibehörden dieser Stadt –«
»Aber vielleicht war es kein Fehler, Sir. Die Waffe, die Fingerabdrücke –«
Riley hob die Hand. »Alles zu seiner Zeit, Mr.Sherrill. Alles zu seiner Zeit.«