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Es dauerte eine Weile, bis der Kabinettschef des Generalsekretärs der Vereinten Nationen das Meeting einberufen hatte. Abgesehen von Münchau und seinem für Sicherheitsfragen zuständigen Kollegen war der Rest des Elite-Quintetts von UGS – Unter-Generalsekretären – auf dem Weg zum Gebäude gewesen, als die Schüsse fielen. (Bei den UN arbeitete man bis spät in den Abend hinein, aber man fing nicht besonders früh an.) Wegen der Sperrung der First Avenue erreichte fast niemand die UN-Plaza vor zehn Uhr.
Aber jetzt endlich waren sie im Lagezentrum versammelt. Die Zyniker im Gebäude grinsten immer, wenn dieses Wort fiel. Erbaut während der Nachwehen des 11.September, war dieser schwer gepanzerte, luxuriös eingerichtete und strenggeheime Sitzungsraum offensichtlich dem legendären Lagezimmer im Weißen Haus nachempfunden. Aber natürlich durften die UN sich nicht dabei ertappen lassen, dass sie die Amerikaner nachäfften; das würden die zahlreichen Feinde der USA in den Vereinten Nationen nicht hinnehmen. Ebenso wenig durften die Amerikaner glauben, der Generalsekretär habe Flausen im Kopf, die ihm nicht zukamen, und bilde sich ein, er stehe auf einer Stufe mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Deshalb hatten die Vereinten Nationen kein Lagezimmer, sondern ein Lagezentrum, und das war ein großer Unterschied.
Sein Herz bildete ein massiver, blankpolierter Tisch. Jeder Platz ringsum war diskret ausgestattet mit Anschlüssen und Schaltern, die sämtliche Kommunikationsformen einschließlich der Simultanübersetzung ermöglichten. Eine Wand vor diesem Tisch enthielt hochmoderne Videokonferenztechnik: Ein halbes Dutzend Plasma-Breitbildschirme konnte im Handumdrehen über abhörsichere Satellitenverbindungen mit den UN-Gesandtschaften überall in der Welt verlinkt werden. Der Generalsekretär war mindestens ein Drittel des Jahres auf Reisen, aber das Lagezentrum ermöglichte ihm, mit seinen Leuten von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, ohne New York verlassen zu müssen. Vor allem jedoch existierte es für den Fall einer Katastrophe.
Diesmal bestand keine Notwendigkeit, eine Videokonferenz zu schalten; die Gefahr drohte hier in New York. Der Kabinettschef, ein Finne wie sein Boss, gab als Erstes bekannt, dass das Gebäude vorläufig weiter abgeriegelt bleibe und nur mit Genehmigung betreten und verlassen werden dürfe. Ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Justitiars komme niemand herein oder hinaus. Darauf habe man sich mit dem New York Police Department geeinigt, das jeden Zeugen befragen wolle, selbst wenn das bedeutete, das gesamte UN-Personal zu befragen.
Der Kabinettschef bestätigte, dass der Generalsekretär selbst sich derzeit nicht im Gebäude befinde. Er sei bei einem Frühstück im Four Seasons-Hotel gewesen, das ihm zu Ehren stattgefunden habe, und jetzt sei er auf dem Weg durch den katastrophalen Verkehr zum UN-Gebäude. Er habe seinem Publikum mitgeteilt, er habe sich bewusst dafür entschieden, wie geplant bei der Veranstaltung zu bleiben, denn andernfalls »überlasse man denjenigen den Sieg, die versuchen, unseren Way of Life zu sabotieren«. Anscheinend hatte er dafür Ovationen bekommen, aber Henning Münchau verzog gequält das Gesicht. Nicht nur, weil es nach einer plumpen Anbiederung an die New Yorker klang, wie ein Echo ihrer trotzigen Rhetorik nach dem 11.September, und weiterhin, weil er fand, es wäre politisch gescheiter gewesen, wenn der neue Generalsekretär sich zu seinen eigenen Leuten gestellt hätte, nachdem sie anscheinend angegriffen worden waren. Nein, vor allem hatte der GS eine Kluft zwischen der öffentlichen Wahrnehmung dieses Ereignisses – als tapfer vereitelter, empörender Terroranschlag – und dem geschaffen, was, wie Henning wusste, in Wirklichkeit der Fall war.
Der Kabinettschef teilte mit, die Techniker seien dabei, eine Telefonverbindung mit dem Generalsekretär herzustellen.
»Einstweilen schlage ich vor, dass wir zusammentragen, was wir wissen, und dann ein paar Optionen ausarbeiten, die wir dem Generalsekretär präsentieren können. Darf ich mit Ihnen anfangen, Henri?«
Der für die Sicherheit der UN-Mitarbeiter weltweit zuständige Untersekretär warf einen Blick auf seine Notizen, die er hastig hingekritzelt hatte, als der Wachkommandant ihm Bericht erstattete, und übersetzte sie aus dem Französischen.
»Nach unseren Informationen wurde heute Morgen um acht Uhr einundfünfzig vor dem Besucherhaupteingang zwischen der 45th und 46th Street durch einen Mitarbeiter der UN Security Force ein Mann erschossen. Der Mann war von der mit uns in Verbindung stehenden Geheimdienstabteilung des NYPD überwacht worden, und dort hatte man Grund zu der Annahme, er stelle eine unmittelbare Bedrohung für die Vereinten Nationen dar. Diese Erkenntnisse wurden an den Wachkommandanten weitergegeben, und dieser informierte seine diensthabenden Wachtposten, also auch den Officer, der dann von der Schusswaffe Gebrauch machte, weil er die Verdachtsperson für einen Selbstmordattentäter hielt.«
»Und der Mann ist tot?«
»Ja.«
»Was wissen wir sonst noch? Ist das Gebäude bedroht?«
»Die Abriegelung wurde plangemäß vollzogen. Das Gebäude ist jetzt gesichert. Wir haben keinen Grund zu der Annahme, dass es sich um den Beginn einer Serie von Anschlägen handelt.«
»Warum nicht?«
Henri Barr zögerte und warf einen Blick zu Henning hinüber, der kurz nickte. »Weil wir den starken Verdacht haben, dass der Getötete nicht dem vom NYPD zusammengestellten Profil entspricht.«
»Was zum Teufel wollen Sie damit sagen?« Das war der UGS für Humanitäre Angelegenheiten, ein weißer Ex-Kommunist aus Südafrika, der sich in der Anti-Apartheid-Bewegung einen Namen gemacht hatte. Sein leistungsfähiger Phrasendetektor war berühmt.
»Ich will damit sagen, dass der Mann, der erschossen wurde, alt war.«
»Alt?«
»Ja, er war ein sehr alter Mann.« Am Ende seines Satzes ging Barr die Luft aus, und er japste. »Aber seine Kleidung paßte auf die Beschreibung und sah aus wie die Kleidung eines Selbstmordattentäters.«
»Hören Sie auf. Er war angezogen wie ein Selbstmordattentäter, und darum haben wir ihn umgebracht?«
Der Kabinettschef schaltete sich ein. Dies war nicht die Zeit für Posen und Streitereien, auch wenn der Adrenalinpegel im Raum spürbar anstieg. »Wenn Sie ›alt‹ sagen, Henri – was meinen Sie damit?«
»Wir schätzen den Mann auf siebzig, vielleicht älter.«
»Sah er wenigstens muslimisch aus?« Diese Frage hatte mehreren anderen auf der Zunge gelegen, aber sie hatten nicht gewagt, sie zu stellen. Aber Anjhut Banerjee, die indische Untersekretärin für Friedenssicherung, kannte solche Hemmungen nicht.
»Nein.« Barr warf einen Blick auf seine Notizen. »Anscheinend nicht.«
»O Gott.« Banerjee ließ sich auf ihrem Stuhl zurückfallen. »Sie wissen, was das bedeutet, oder?« Sie sah den Kabinettschef an. »Ich war in London, als Polizisten einen brasilianischen Elektriker in der Bahn erschossen, weil sie fanden, er sehe aus wie ein Selbstmordattentäter. Einen völlig unschuldigen Mann.« Ihr scharfes Ausatmen ließ sich mit einem Satz übersetzen: Sie haben keine Ahnung, wie tief die Scheiße ist, in der wir stecken.
»Wie verwundbar sind wir, Henning?« Der Kabinettschef sah den Justitiar an.
»Sie meinen, was unsere Haftung angeht?«
»Ja.«
»Das lässt sich feststellen, aber ich glaube, wir sollten uns nicht allzu sehr den Kopf über Schadenersatzansprüche und dergleichen zerbrechen. Unser Problem ist von anderer Art.« Er schwieg und zwang damit den Mann am Kopf des Tisches, ihn zum Weiterreden zu drängen.
»Von welcher Art ist dann unser Problem?«
»Wie die meisten juristischen Probleme in diesem Haus. Es ist kein juristisches Problem, sondern ein politisches.«
»Und was schlagen Sie vor? Was sollen wir unternehmen?«
»Ich glaube, ich weiß genau, was zu tun ist. Und was noch besser ist: Ich kenne den richtigen Mann dafür.«