Obwohl er inzwischen offiziell zu den älteren Leuten gehörte, hatte der Boss immer noch einen längeren Atem als seine Mitarbeiter. Angesichts dessen, dass er nur wenig geschlafen hatte, hätte er schon vor Stunden müde sein müssen. Während Männer von dreißig, vierzig Jahren bereits nach einem heißen Bad und einer Nacht im Bett lechzten, war der Boss immer noch bereit, die Flasche mit schottischem Malt-Whisky zu öffnen, die er jederzeit bei sich hatte, und ein ernsthaftes Gespräch zu beginnen.

Für den Berater war es eine Erinnerung an das, was alle über seinen künftigen Arbeitgeber gesagt hatten, als er den Job übernommen hatte: Macht sei Adrenalin in seiner reinsten Form, und in den Adern dieses Kerls fließe es unverdünnt. Ach was, Adrenalin, dachte er jetzt – es war eher so etwas wie Einbalsamierungsflüssigkeit. Irgendwie hatten die Jahrzehnte, die der Mann an der politischen Spitze seines Landes verbracht hatte, den Alterungsprozess gestoppt; er sah noch genauso aus wie fünfundzwanzig Jahre zuvor. Sogar seine Hemden, stellte der Berater mit einem Blick auf sein eigenes zerknittertes Bekleidungsstück fest, blieben glatt und faltenlos noch in der neunzehnten Stunde eines Vierundzwanzig-Stunden-Tages.

»Also, was haben wir?«, begann der Boss. Seine übliche Eröffnung.

»Unseren Leuten ist es gelungen, den Zielpersonen zu folgen –«

»Zielpersonen? Lassen wir doch diese blödsinnige Geheimagentensprache, ja? Sie waren genauso lange beim Militär wie ich.«

»Sie sind Rebecca Merton und Tom Byrne zu einem Meeting in einer Anwaltsfirma gefolgt. Zum Glück fand das Meeting in einem Gebäude aus Stahl und Glas statt, so dass wir es mit einem hochempfindlichen Richtmikrofon verfolgen konnten.«

»Ich erinnere mich, dass ich den Etat für diese Geräte bewilligt habe. Und?«

»Der Mann, mit dem sie sich in der Firma getroffen haben, hat ausführlich mit ihnen geredet und detaillierte Auskünfte über den Hintergrund der Gruppe gegeben –«

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»Ja, Sir. Aber er hat in keiner Weise den, äh, uns betreffenden Aspekt der Sache angesprochen.« Er verzog das Gesicht. »Zumindest nicht in dem Teil der Unterredung, den wir überwacht haben.«

»Was zum Teufel soll das heißen? Dass Ihnen etwas entgangen ist?«

»Der Anfang, Sir. Aber alles, was danach kam, lässt vermuten, dass unser Aspekt unberührt geblieben ist.«

»Sicher sind Sie nicht.«

»Aus dem Kontext geht es ziemlich klar hervor, Sir. Und als es aussah, als bestehe das Risiko, dass seine Äußerungen auf ein, sagen wir, heikles Terrain geraten können, haben wir Maßnahmen ergriffen.«

»Und was für Maßnahmen?«

»Wir haben den Feueralarm ausgelöst, Sir.«

Jetzt lächelte der Boss zum ersten Mal. »Freut mich, dass die Politik mit Apparaten immer noch wertvolle Ideen liefert. Der Trick mit dem Feueralarm, ja? Ist immer noch der beste, fünf Minuten vor einer unangenehmen Abstimmung. Das haben wir früher auch so gemacht. Vielleicht sollten wir es bei den UN auch damit versuchen.«

Der Berater lachte beflissen.

»Und jetzt?«

»Alles unter Kontrolle, Sir. Die Zielpersonen – Verzeihung, die beteiligten Leute sind allesamt unter Beobachtung. Wenn die Informationen, die uns Sorgen machen, überhaupt bekannt sind – was ich stark bezweifle –, dann werden wir sicherstellen, dass sie weder Mrs.Merton noch Mr.Byrne erreichen. Und wenn das doch geschieht, werden wir dafür sorgen, dass sie nicht weiterwandern.«