Sherrill übernahm das Gespräch und stellte eine ganze Reihe von technischen Fragen, die sich anscheinend hauptsächlich um ballistische Probleme drehten. Er und die Medizinerin benutzten einen Fachjargon, den Tom nicht verstand – es ging um Kaliber und Kontusionen –, und er schaute sich um und entdeckte ein paar durchsichtige Ziplock-Beutel, die achtlos verteilt auf einem Schubladenschränkchen lagen. Es waren Beutel von der Art, wie man sie bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen für Wertsachen benutzte. Einer enthielt eine schlichte weiße Plastikkarte, die aussah wie die Schlüsselkarte für ein Hotelzimmer, und in einem anderen steckte ein klobiges, altertümliches Handy. Offenbar gehörten diese Sachen dem Toten, und man hatte sie vor der Obduktion aus seinen Taschen genommen und sorgfältig verpackt. Tom dachte daran, wie Sherrill den Security-Chef wegen des Passes abgekanzelt hatte.

So beiläufig wie möglich nahm er den ersten Plastikbeutel in die Hand. Tatsächlich, die Plastikkarte darin trug das Logo des Tudor Hotels. Auch das ließ vermuten, dass dieser arme alte Knabe kein Selbstmordattentäter gewesen war; er hatte offenbar vorgehabt, nach seiner »Mission« im UN-Gebäude in sein Zimmer zurückzukehren, um ein Tässchen Tee zu trinken und ein Nickerchen zu halten. Da waren außerdem Mertons Pass, ein paar Dollarscheine und ein zerknittertes Informationsblatt, das wahrscheinlich aus der Hotellobby stammte: Erkunden Sie … die UN-Plaza.

Sherrills Expertengespräch war immer noch im Gange, als jemand den Kopf hereinstreckte und die Ärztin herausbat. Tom nutzte den Augenblick und winkte den Detective zu sich, um ihm den Beutel mit dem Telefon zu zeigen. Durch das Plastik drückte er auf die Einschalttaste und rief dann die letzten Nummern auf, die angerufen worden waren. Er erkannte die vertraute Vorwahl 011-44 für Großbritannien und darunter eine New Yorker Handynummer, die mit 1-917 anfing. Sofort zog Sherrill ein Notizbuch hervor und notierte sich beide Nummern. Tom tat es ebenfalls. Er wollte eben die Liste der angenommenen Anrufe anzeigen lassen und danach einen Blick auf die SMS werfen, als die Meldung »Akku leer« aufleuchtete. Gleich darauf erlosch das Display.

Sherrill wartete, bis die Ärztin zurückkam, löcherte sie mit ein paar weiteren Fragen und vereinbarte schließlich, dass ihm der komplette Obduktionsbefund am Nachmittag per Kurier zugeschickt werden sollte. Dann kehrten er und Tom zum UN-Gebäude zurück und gingen ins Büro der Sicherheitsabteilung im ersten Stock. Auf einer Couch, bewaffnet mit einer Tasse süßem Tee, saß ein bleicher, zitternder Felipe Tavares.

Wider Willen musste Tom zugeben, dass Sherrill eine erstklassige Nummer abzog. Er sprach in ruhigem und geduldigem Ton mit dem portugiesischen Officer, bat ihn, die Ereignisse des Morgens zu schildern, nickte die ganze Zeit und schob immer wieder ein »Ja« oder ein »Natürlich« ein, als sei das Ganze eine normale Plauderei von Cop zu Cop. Sherill sprach es nicht aus, aber deutete es immer wieder an: Wenn es nach ihm ginge, würde kein Polizist in Schwierigkeiten geraten, nur weil er seine Arbeit getan hatte. Und Felipe – darf ich Sie Felipe nennen? – brauchte Jay nur alles zu erzählen, was passiert war.

Der Teil, der Sherrill anscheinend am meisten interessierte, war der Augenblick, als Tavares vom Wachkommandanten den Alarm und die Beschreibung des potentiellen Terrorverdächtigen empfangen hatte: schwarzer Mantel, Wollmütze und der ganze Rest. Sherrill bedrängte den Officer, ihm einen genauen Zeitpunkt zu nennen; Tavares beteuerte, er habe nicht auf die Uhr gesehen. Was war der genaue Wortlaut gewesen? Er könne sich kaum erinnern, sagte Tavares: Es habe so stark geregnet, dass er Mühe gehabt habe, alles richtig zu verstehen. Aber die anderen Officers müssten es auch gehört haben; es sei eine Funkmeldung an alle Diensthabenden gewesen. »Stimmt«, sagte Sherrill. »Mit denen habe ich schon gesprochen.«

Der Detective bemühte sich um einen entspannten Ton, als er schließlich die Frage stellte, die – zumindest in Toms Juristenohren – die entscheidende war. Sie kam, als Felipe bei dem Augenblick des Abdrückens angekommen war.

»Hatten Sie in diesem Moment einen vernünftigen Grund zu der Annahme, dass Ihr Leben in Gefahr sei?«

»Ja. Ich dachte, das ist ein Selbstmordbomber. Das bedeutete Lebensgefahr nicht nur für mich, sondern für alle, die da waren.«

»Und das dachten Sie, weil Sie so etwas wie eine Bombe gesehen hatten?«

»Nein, das hab ich doch schon gesagt. Ich dachte es wegen der Warnung, die wir bekommen hatten, wegen der Warnung vor einem Mann, der genauso aussah wie dieser. Und wegen der Gesichter der Männer, die ich da gesehen hatte. Weil sie so entsetzt aussahen, und weil der Schwarze schrie: ›Nein!‹, als wäre er völlig verzweifelt.«

»Und jetzt glauben Sie, er hat geschrien, weil die sehen konnten, dass dieser Mann in Wahrheit sehr alt war. Und überhaupt kein Terrorist. Dieses ›Nein!‹ galt nicht ihm, sondern Ihnen. Sie sollten nicht schießen.«

Felipe Tavares ließ den Kopf auf die Brust sinken. »Ja«, antwortete er leise.

»Aber dieser Schwarze und der Mann, der bei ihm war – Sie sagen, als Sie danach wieder hinschauten, war von den beiden keine Spur zu sehen?«

»Keine Spur.«

»Ist das nicht ein bisschen merkwürdig? Zwei Männer, die aus nächster Nähe beobachten, was passiert, so nah, dass sie das Gesicht des alten Mannes sehen können, und so unmittelbar beteiligt, dass sie Ihnen zurufen, nicht zu schießen – die lösen sich einfach in Luft auf?«

»Es ist merkwürdig, Sir. Aber so war es.«

Tom verfolgte alles aufmerksam. Er sah, dass Sherill sich keine Notizen machte. Der Detective fuhr fort.

»Und nur, um die Sache abzuschließen, Felipe – Sie haben keine Ahnung, warum der Wachkommandant seine Warnung in diesem Augenblick gab? Zu diesem speziellen Zeitpunkt?«

»Nein. Ich habe die Meldung gehört, und dann habe ich den Mann gesehen, den sie beschrieben hatten.« Tavares schaute auf seine Füße. »Na ja, ich dachte jedenfalls, ich hätte ihn gesehen.«

Tom sah, wie die Rädchen in Sherrills Kopf sich drehten, als habe er erfahren, was er wissen musste. Was es genau war, hatte Tom noch nicht herausbekommen.

 

Inzwischen hatte er getan, was Henning verlangt hatte: Er hatte die Ermittlungen des ersten Tages beobachtet. Jetzt wurde es Zeit, sich zu verabschieden, wenn er den Nachtflug nach London noch erwischen wollte. Er informierte die Anwältin, die Münchau dazu ausersehen hatte, seinen Platz an Sherrills Seite einzunehmen – eine auf Menschenrechte spezialisierte Griechin –, und machte sie mit Sherrill bekannt. Zu seiner Überraschung ließ der Detective ihn nicht einfach ziehen, sondern versprach ihm, ihn auf dem Laufenden zu halten und darüber zu informieren, was die Kriminaltechniker und die Rechtsmedizinerin zutage förderten. Er ließ sich Toms Handynummer geben und bestand darauf, dass Tom die seine notierte – und damit wurde der Grund für seine kollegiale Großzügigkeit ersichtlich: Weil er selbst keine Leute in London hatte, wollte er, dass Tom ihm berichtete, was er über das Opfer herausfand.

Auf der Taxifahrt nach Hause – er würde nur ein paar Augenblicke brauchen, um eine Tasche zu packen und zum Flughafen aufzubrechen – erledigte Tom den letzten Anruf, der nötig war, um wie vereinbart von Harold Allen sämtliche Details zu erfahren, die er in London würde wissen müssen.

»Wie sieht’s aus, Harold?«

»Nicht toll, Tom – ich sag’s Ihnen ehrlich.« Er klang heiser wie ein Mann, der seine Karriere im Zeitraffer vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen sah.

»Ist die Familie in Kenntnis gesetzt worden?«

»Der UGS hat sie vor fast einer Stunde angerufen.«

»Gibt’s eine Witwe?«

»Keine Witwe, nein. Anscheinend nur eine Tochter. Ich maile Ihnen die nötigen Informationen.«

»Presse?«

»Die kennt den Namen noch nicht. Es ist nur bestätigt worden, dass es sich um einen männlichen Weißen handelt.«

»Wurde sein Alter bekannt gegeben?«

Allen seufzte. »Noch nicht.«

Tom hatte Mitleid mit dem Kerl. Je nachdem, wie groß der Medienrummel werden würde, wäre Allen der nächstliegende Sündenbock. Hochrangig genug, um Verantwortung zu übernehmen, aber nicht so hochrangig, dass sein Opfer das Oberkommando wirklich etwas kosten würde. Tom kannte den Schlachtruf, der sich immer erhob, wenn es im UN-Hauptquartier Ärger gab: »Stellvertreterköpfe müssen rollen!«

Nach ein paar nichtssagenden Worten der Beruhigung legte er auf. Er schaute aus dem Fenster in den Spätnachmittag hinaus, wo Mütter, die ihre Kinder aus den Tagesstätten abgeholt hatten, ihre Buggys vor sich herschoben, und er überlegte, wen er noch anrufen sollte. Mit den Fantonis brauchte er nicht zu sprechen; der Kontakt über BlackBerry und Handy genügte ihnen, wo immer er sich gerade aufhielt. Er dachte an die Jungs aus seiner Hallenfußballmannschaft, lauter Briten, die überwiegend in der Londoner City gearbeitet hatten und jetzt in der Wall Street eine Bazillion Dollar pro Woche einsackten. Ihnen sollte er sagen, dass er das Spiel am Mittwoch versäumen würde, aber ansonsten hatte er niemanden anzurufen.

Auf dem Van Wyck Expressway herrschte dichter Nachmittagsverkehr. Tom ließ sich auf dem verschlissenen Kunstledersitz des Taxis zurücksinken und schloss die Augen. Er schob eine Hand in die Tasche, um sich zu vergewissern, dass sein Pass da war, und berührte den harten Umschlag seines Notizbuchs. Wahrscheinlich sollte er Sherrill anrufen und ihm sagen, dass die Familie informiert worden war, weil das bedeutete, dass die Presse sehr bald den Namen des Toten erfahren würde.

Er blätterte die Seiten um und suchte die Nummer des Detectives, aber dann fiel sein Blick auf eine Notiz, die er sich in der Rechtsmedizin gemacht hatte.

Jetzt nahm er den BlackBerry in die andere Hand und schaltete ihn ein. Eine Nachricht aus Allens Büro – wie versprochen: ein Name, eine Londoner Adresse und zwei Telefonnummern, die zweite erkennbar eine Handynummer. Rebecca Merton, stand da. Tom schlug die lange britische Telefonnummer nach, die auf dem Handy in dem Plastikbeutel gespeichert gewesen war. Richtig, es war dieselbe. Gerland Mertons letzter Anruf hatte seiner Tochter gegolten.

Ohne nachzudenken, tippte Tom die Ziffern der zweiten Nummer ein, die er auf dem Telefon des Toten gefunden hatte und die mit 1-917 anfing. Ein paar Sekunden lang leuchtete die Nummer auf dem Display. Er wusste, dass er so etwas Sherrill überlassen sollte; das NYPD würde die Nummern im Telefon des Opfers routinemäßig überprüfen. Es gab keinen Grund, weshalb Tom das übernehmen sollte. Er schaute aus dem Fenster und überlegte – und dann drückte er auf die kleine grüne Taste und startete den Anruf.

Wahrscheinlich wäre es nur die Nummer der Taxizentrale, die der alte Knabe benutzt hatte, um sich vom Flughafen in die Stadt fahren zu lassen. Oder es war irgendein Verwandter, den er hatte besuchen wollen.

Tom drückte das Telefon ans Ohr und hörte, wie die Verbindung hergestellt wurde, und dann den langgezogenen Ton des ersten Klingelns. Stille – und dann ein zweites Klingeln. Und dann eine Männerstimme.

Im ersten Moment nahm Tom an, dass es eine falsche Nummer gewesen war. Entweder hatte der alte Mann sich verwählt, oder Tom hatte die Ziffern zu schnell abgeschrieben. Beides war sehr leicht möglich. Er wollte sich schon für seinen Irrtum entschuldigen, aber dann ließ sein Instinkt ihn schweigen. Er hörte die Stimme noch einmal; sie sprach mit jemand anderem, als beende sie eine Unterhaltung, und rief dann: Hallo, hallo? Ein Schauer überlief ihn, und sogar seine Kopfhaut war plötzlich kalt.

Es war nicht der Akzent, auch wenn der ihn als Erstes aufmerksam gemacht hatte, und auch nicht der verräterische Halbsatz, den Tom mitgehört hatte, ein Satz in einer Sprache, die Tom damals an der Universität studiert hatte. Nein, es war der Ton, seine schroffe Härte. Tom beendete die Verbindung wortlos und hielt das Telefon fest umklammert. Erleichtert fiel ihm ein, dass die neuen BlackBerrys so eingestellt waren, dass sie die eigene Rufnummer beim Anrufen automatisch unterdrückten. Dieser Mann würde ihn nicht zurückrufen.

Ein kurzer Anruf bei Allen – der daraufhin einen Freund beim NYPD-Geheimdienst anrief, dem es leidtat, dass ein ehemaliger Kamerad offensichtlich in der Patsche saß – bestätigte Toms Ahnung. Er ließ sich von Allen die Nummer, die ihm sein Informant beim NYPD gegeben hatte, zweimal vorlesen. Als Allen fragte, wozu er sie brauchte, benutzte Tom einen alten Partytrick: Er gab ein paar gemurmelte Worte von sich und legte dann auf. Für Allen würde es sich anhören, als sei Tom in einen Tunnel gefahren und habe die Netzverbindung verloren.

Die verstopften Straßen verschafften Tom Byrne ein bisschen Zeit. Im Schritttempo legte das Taxi die letzten paar Meilen zum John F. Kennedy Airport zurück. Tom wusste, dass er Jay Sherrill sofort von seiner Entdeckung informieren sollte, aber er zögerte. Er wollte das alles durchdenken. Außerdem kam Sherrill bestimmt bald selbst darauf; er brauchte ja nur die Nummer zu wählen, die sie sich beide notiert hatten.

Wenn er es täte, würde er hören, was Tom gehört hatte. Er würde bestätigen, dass der Mann, dessen Nummer im Telefon des getöteten Gerald Merton gespeichert war, ein Waffenhändler war, der dem New York Police Department seit langem unter einem Kürzel bekannt war: »der Russe.«