»Und mit wie vielen Vertriebenen haben wir es zu tun?«

»Vielleicht mit einer Million.«

»Hauptsächlich im Tschad oder auch anderswo?«

»Im Tschad hauptsächlich.«

»Und die Bedingungen in den Lagern?«

»Überfüllung. Lebensmittelknappheit. Seuchen. Das größte Problem ist die Panik. Alle haben Angst.«

»Und was sagen die Hilfsorganisationen?«

»Die haben ihre eigenen Probleme. Manche sagen, sie können nichts für die Opfer tun, solange sie sich Sorgen um die Sicherheit der eigenen Mitarbeiter machen müssen. Die Janjaweed greifen sie ja genauso an, wissen Sie. Ganz gezielt. Und das funktioniert: Zahlreiche NGOs haben sich bereits zurückgezogen.«

Tom lehnte sich zurück und nagte an seinem Stift. Er war völlig konzentriert. Aber wenn dieses Meeting zu Ende wäre, würde er den Gedanken zulassen, der ihm in letzter Zeit immer wieder in den Sinn kam: Es war gut, wieder da zu sein und sich in die Arbeit zu vertiefen, für die er geboren war.

»Ich muss mir alle Dokumente ansehen, die Sie haben, sämtliche Unterlagen. Damit wir eine gusseiserne Argumentation auf die Beine stellen können. Als Erstes müssen wir die allgemeinen Umstände klären, damit wir auf dieser Grundlage ein Bild der humanitären Situation präsentieren können. Es geht um genau die Details, über die wir soeben gesprochen haben. Okay?«

Es war das fünfte Meeting im Zusammenhang mit Darfur, an dem Tom im Laufe des letzten Monats teilgenommen hatte. Wie lange mochten diese Probleme schon geschwärt haben, bevor sie seinen Schreibtisch erreichten? Er hob die Hand und bat wortlos um Geduld, ehe er sich nach seiner Assistentin umdrehte.

»Lequasia!«

In der Stille, die darauf folgte, drehte Tom sich wieder zu seinem Mandanten um und zog die Brauen hoch – ein Blick, der langes und geduldiges Leiden vermitteln sollte. Schließlich versuchte er es noch einmal, lauter jetzt. »Lequasia!«

Endlich erschien sie; sie kam aus dem hinteren Korridor, wo Tom den alten Wasserkocher, der dort gestanden hatte, durch eine anständige Kaffeemaschine ergänzt hatte. Im Licht zählte er mindestens vier radikal unterschiedliche Farben in ihren Haarsträhnen, die teils glatt, teils zu Zöpfen geflochten waren. Oder waren das Haarverlängerungen, die sie in dem Afro-Salon in der Nähe der Holloway Road hatte einflechten lassen?

»Lequasia, vielen Dank, dass Sie uns mit Ihrer Anwesenheit beehren. Ich hoffe, wir halten Sie nicht von einem dringenden Termin bei Ihrer Haarstylistin ab. Gestatten Sie, dass ich Ihnen Ismael Yahya Abdullah vorstelle?«

Sie reichte Ismael die Hand, und ihre falschen Fingernägel bohrten sich in seine Handflächen.

»Er spricht für sich und fünf andere Leute aus Darfur, die hier Asyl suchen. Er studiert am University College of London. Er ist am längsten hier und spricht am besten Englisch, und deshalb ist er der Kontaktmann für die Gruppe. Geben Sie ihm bitte sechs Exemplare des Asylantragsformulars?«

Tom verabschiedete sich und ließ Lequasia und Ismael im Warteraum zurück. Er setzte sich an seinen Computer, um eine E-Mail an Henning zu Ende zu schreiben, als er hörte, wie die Tür geöffnet wurde. Tatsächlich spürte er es eher, als er es hörte: zuerst den kühlen Luftzug von der Straße, dann das unverkennbare Schlurfen, das nur eines bedeuten konnte.

»Hallo, Lionel.«

»Hallo, Mr.Byrne.«

»Julian ist heute auf dem Gericht, aber er kommt bald zurück.«

»Julian ist auf dem Gericht? Was hat er denn getan?«

»Er hat nichts getan. Er ist Rechtsanwalt. Er vertritt jemanden.«

»Muss er ins Gefängnis?«

»Kann sein.«

»Julian muss ins Gefängnis? Oh … « Er fing an zu schluchzen.

»Nein, Lionel. Nicht Julian. Julian muss nicht ins Gefängnis. Aber vielleicht sein Mandant. Wenn das Gericht ihn schuldig spricht.«

»Aber er ist nicht schuldig.«

»Na ja, er könnte – Nein, nein, Sie haben recht. Er ist nicht schuldig.« Tom schüttelte den Kopf. Nicht zum ersten Mal in den letzten paar Monaten empfand er große Bewunderung für seinen Partner im Kingsland Law Centre. Julian Goldman ertrug solche Gespräche mit Lionel und all den andern seit sieben oder acht Jahren jeden Tag.

»Lust auf eine Tasse Tee, Lionel?«

»Das wäre nett, Mr.Byrne.«

»Ich heiße Tom.«

»Das ist ein schöner Name, Mr.Byrne.«

Tom war dankbar für die Gelegenheit, sich durch den hinteren Korridor in die scherzhaft sogenannte »Küche« zurückzuziehen. Kein Wunder, dass Lequasia hier so oft zu finden war: Es war das einzige Versteck.

Während er darauf wartete, dass das Wasser kochte, lächelte er bei dem Gedanken an diese absurde Situation. Am Abend zuvor war im Fernsehen ein Dokumentarfilm über Orson Welles gelaufen. Das ehemalige Wunderkind des Films hatte grinsend gestanden, er habe ganz oben angefangen und sich dann langsam nach unten gearbeitet.

Ganz so war es für Tom nicht gewesen. Aber noch vor weniger als zwei Jahren hatte er zu den internationalen Spitzenanwälten gehört, zum inneren Kreis der Rechtsabteilung der Vereinten Nationen. Und jetzt war er hier in einer Rechtshilfepraxis in Hackney, wo dünne Teppichfliesen auf dem Boden lagen und die Klientel aus Besitzlosen und Geistesgestörten bestand, »aus Migrierten und Medikamentierten«, wie Julian es ausdrückte. Er verdiente etwa ein Fünftel dessen, was er bei den UN bezogen hatte – wenn diese Schätzung nicht allzu großzügig war – und einen sehr viel kleineren Bruchteil von dem, was die Fantonis ihm für ein paar Wochen Arbeit hatten zahlen wollen.

Bei seiner ersten Begegnung mit Goldman Jr. hatte Tom ihn für einen naiven jungen Mann gehalten, der nur zu bald lernen würde, wie es in der Welt zuging. Aber dann war es Julian gewesen, der Tom eine Lektion erteilt hatte: Auch wenn das Recht mit großem R nicht leicht zu fassen war, so gab es doch täglich tausend kleine Ungerechtigkeiten, die man beheben konnte – für einen Asylbewerber hier und einen brabbelnden alten Mann mit Plastiktüten da.

Dabei schien viel mehr als ein Jahr vergangen zu sein. So viel war passiert. Noch heute wurde ihm schwindlig, wenn er an die paar irrsinnigen Stunden in New York zurückdachte. Manchmal fragte er sich, ob er sich das alles nur eingebildet hatte; vor allem die Erinnerung an die Szene in der Meditationskapelle war sehr dunkel. Erst die Zeit unmittelbar danach wurde wieder klarer.

Rebecca hatte die Wahrheit gesagt: Das Gift hatte auf der Stelle gewirkt. Als Henning Münchau und Jay Sherrill den Generalsekretär erreicht hatten, war er schon tot gewesen: Tom hatte ihn vor ihren Augen umgebracht.

Er hatte eine fast unnatürliche Ruhe aufbringen müssen, um ihnen zu berichten, was geschehen war. Zum Glück war keine Zeit für irgendwelche Täuschungsmanöver gewesen; er hatte einfach geradeheraus erzählen müssen – und das hatte er getan.

An jenem Tag bewies Henning wieder einmal, dass er nicht nur ein guter Freund, sondern auch ein erstklassiger Anwalt war. Methodisch registrierte er alles, was Tom sagte, und man sah ihm an, wie er selbst die verrücktesten Elemente dieser Informationen ordnete, ohne das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Er rief zwei Sicherheitsleute in die Kapelle und befahl ihnen, die Lobby zu räumen. Einen Vorwand dafür zu finden war nicht schwer: Sicherheitsalarm. Virens Leiche wurde fortgebracht, und Henning machte sich daran, eine Erklärung aufzusetzen.

Als Justitiar bestand er darauf, dass nichts vertuscht werden dürfe. Der Stellvertretende Generalsekretär gab auf einer Pressekonferenz bekannt, dass Paavo Viren von dem früheren UN-Anwalt Tom Byrne in einem Akt der Notwehr getötet worden sei. Viren sei gewaltsam auf Byrne und seine Begleiterin losgegangen, nachdem diese ihn mit den Beweisen für ein schwerwiegendes Geheimnis konfrontiert hätten. Eine interne Ermittlung der UN habe die Triftigkeit dieser Beweise inzwischen bestätigt. Justitiar Dr.Henning Münchau und NYPD-Detective Jay Sherrill seien Zeugen der Tat gewesen.

Die New Yorker Polizei nahm Tom und Rebecca für einen Tag in Haft und ließ sie dann gegen Kaution wieder frei. Tom gab zu Protokoll, die Giftspritze habe zwar Rebecca gehört, sie habe aber nicht die Absicht gehabt, Viren damit zu töten, sondern ihn nur bedrohen wollen, um die Wahrheit herauszufinden. Der Staatsanwalt gelangte ziemlich schnell zu der Einsicht, dass es wenig aussichtsreich wäre, die Tochter eines Holocaust-Überlebenden wegen des Todes eines Mannes zu belangen, der posthum, über Nacht und dank der Archivfotos auf den Titelseiten der Zeitungen, im Internet und in den 24-Stunden-Nachrichten im Fernsehen zur Hassfigur Nummer eins in New York und auf der ganzen Welt geworden war. Außerdem, so erklärte der Staatsanwalt zum zweiten Mal in einer Woche, war die Tat auf dem Territorium der Vereinten Nationen geschehen, und infolgedessen liege kein Verstoß gegen New Yorker oder amerikanisches Recht vor.

In Finnland wurde ein Tag der nationalen Buße ausgerufen; so groß war dort die Beschämung darüber, dass das Land einem Kriegsverbrecher erlaubt hatte, seinen guten Namen zu besudeln. In Litauen marschierten ein paar tausend Ultra-Nationalisten durch Vilnius und schwenkten Plakate mit Virens Gesicht, darunter – Tom konnte es nicht fassen – auch solche, die ihn als jungen Mann zeigten, wie er in seiner schwarzen Jacke in Kowno posierte. Wie sich zeigte, hatte Rebecca auch in diesem Punkt recht gehabt. Es gab viele Fotos von diesem Wolf, und es war nicht schwer, sie zu finden.

In Israel kam es zu einer kurzen Kontroverse, als bekannt wurde, dass der alte Staatspräsident seinen Einfluss geltend gemacht hatte, um das schicksalhafte Zusammentreffen zwischen Rebecca Merton und dem Generalsekretär zustande zu bringen. Der Präsident erklärte, er habe lediglich dem Hilfeersuchen der Tochter eines mutigen Holocaust-Überlebenden entsprochen. Über diese Wendung der Ereignisse sei er ebenso schockiert wie alle anderen. Wirklich schockiert.

Ein paar Wochen später fand Tom einen Artikel im Time Magazine, in dem behauptet wurde, nicht alle seien von den Enthüllungen über Paavo Viren überrascht gewesen.

Aus Kreisen des Geheimdienstes des New York Police Departments verlautet, Dienstchef Stephen Lake habe die Gerüchte über »Lücken« im Lebenslauf des UN-Generalsekretärs gekannt. Wie es heißt, habe Lake diese Hinweise in der Hoffnung für sich behalten, etwas gegen den obersten Mann der UN in der Hand zu haben. »Wenn man den Generalsekretär der Vereinten Nationen erpressen kann, ist das schon ein gehöriges Stück Macht«, sagte ein auf Anonymität bestehender Insider des NYPD-Geheimdienstes im Gespräch mit Time. Lakes Position, so heißt es, hänge jetzt an einem seidenen Faden, denn NYPD-Commissioner Chuck Riley sei »außer sich vor Wut« darüber, dass Abteilungen in seiner eigenen Behörde der internationalen Staatengemeinschaft derart brisante Informationen vorenthalten hätten, als Viren zum Generalsekretär ernannt worden war.

Tom verfolgte diese Entwicklungen nur mit halber Aufmerksamkeit. Nachdem sie aus dem Polizeigewahrsam entlassen worden waren, hatte er Hennings Angebot – eine heiße Dusche und ein Bett für die Nacht – angenommen; Rebecca hatte das Gästezimmer bezogen, und Tom hatte sich auf dem Sofa ausgestreckt. Er hatte gedacht, er werde sofort in den tiefen Schlaf der Erschöpfung fallen. Aber stattdessen liefen seine Gedanken auf Hochtouren. Er stellte sich vor, wie der israelische Präsident mit befriedigtem Kopfnicken in seinem Hotelzimmer in Manhattan die Fernsehnachrichten sah. Innerhalb eines einzigen Tages hatte der alte Mann die gusseiserne Bestätigung dafür bekommen, dass Gershon Matzkin nicht nach New York gekommen war, um ihn wegen des Verrats an DIN zur Rede zu stellen, und er hatte die Chance gefunden, die Schuld, die er seit mehr als sechs Jahrzehnten mit sich herumgetragen hatte, abzubüßen. Eine Chance, die er mit beiden Händen ergriffen hatte.

Dementsprechend sah Tom mehr als nur einen Hauch von Verlegenheit bei »Richard«, dem Mann, der sie unter Drogen gesetzt und nach New York verschleppt hatte, als sie ihn eine Woche später wie verabredet wiedertrafen. Er hatte ihnen kaum in die Augen sehen können, als er ihnen die Unterlagen abnahm, die sie für ihn vorbereitet hatten – darunter eine zusätzliche Postkarte mit einem kryptischen Satz, mit Bleistift in jiddischer Sprache geschrieben. Wenn der Präsident diese Karte studierte und die blasse Schrift entzifferte, würde er den Bibelvers mit der Anspielung auf seinen Vornamen finden. Das, so hatten sie sich gedacht, dürfte genügen, um den alten Politiker davon zu überzeugen, dass er alles, was ihm schaden konnte, jetzt in Händen hielt.

Etwas vibrierte in seiner Tasche. Tom brauchte ein, zwei Sekunden, um seine Gedanken abzuschütteln und zu begreifen, dass es sein Telefon war. Er schaute auf das Display, und dann schaute er noch einmal hin, um sicher zu sein: Es war Rebecca.

Sie war erst seit einem Monat wieder in London. Fast ein Jahr lang war sie durch die Welt gereist. Sie müsse einen klaren Kopf bekommen, hatte sie gesagt. Sie war überall in Europa und Lateinamerika gewesen und hatte einen kurzen Abstecher nach Südafrika gemacht. Eine Zeitlang hatte Tom sich gefragt, ob sie vielleicht auf den Spuren ihres Vaters unterwegs war, auf einer morbiden Nachstellung seiner Reisen als Rächer. Aber Rebecca hatte entschieden erklärt, es sei nichts dergleichen. An den meisten Orten, die sie besucht hatte, war sie als Ärztin für Hilfsorganisationen tätig gewesen. Zum Beweis hatte sie ihm gesagt, sie sei nicht einmal in der Nähe von San Sebastián gewesen.

»Tom? Ich bin’s.«

Er wusste nicht, wie er antworten sollte. Schon ihre Stimme durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag, aber jetzt war er eher wachsam als aufgeregt. Es gab immer noch so vieles, das sie einander nicht gesagt hatten.

Ohne auf ihn zu warten, fing sie an zu sprechen. »Ich habe eben eine traurige Neuigkeit bekommen. Du erinnerst dich an Sid Steiner? An den alten Mann in dem Seniorenheim?«

»Natürlich.«

»Er ist letzte Nacht gestorben. Im Schlaf.«

»Oh. Das tut mir leid.« Er erinnerte sich gut an den alten Knaben, wie er am Klavier gesessen hatte. Seine Hände waren über die Tasten geflattert, als wäre er ein Teenager.

»Er war der Letzte, Tom.« Ihre Stimme zitterte. »Jetzt ist keiner mehr übrig.«

»Ich weiß.«

»Es gibt etwas, worüber ich mit dir sprechen muss.« Sie zögerte und schien sich zu wappnen. »Ich möchte tun, was mein Vater getan hat. Fortführen, was er angefangen hat.«

Tom blieb das Herz stehen. Was redete sie da? »Hör zu, Rebecca. Es tut mir leid, dass Sid gestorben ist. Aber mit DIN muss es irgendwann zu Ende sein. Es ist nicht deine Sache, weiterzuführen, was –«

»Nein, das meine ich nicht. Ich erwarte nicht, dass du mir verzeihst, wie es zu Ende gegangen ist, aber du musst wissen, dass es zu Ende ist. Und dass ich dich nie wieder belügen werde.«

»Aber das will ich glauben, Rebecca.«

Das Schweigen zog sich in die Länge. Endlich sprach sie wieder. »Ich muss etwas anderes tun, um Sids willen. Etwas, das mein Vater immer getan hat, wenn so etwas passiert ist. Ich habe es noch nie getan. Ich weiß nicht mal genau, wie es geht. Aber ich möchte, dass du dabei bist. Bei mir. Denn du bist der Einzige, der alles weiß, was passiert ist.«

»Was willst du tun?«

»Ich will ihrer gedenken, Tom. Sid, mein Vater, Hannah, Rivvy, Leah, sie alle – ich will ihrer gedenken. Ich will den Kaddish sprechen.«