Je mehr Tom von Gerald Mertons Lebensgeschichte las, desto öfter musste er an Rebecca denken. Welche Ironie des Schicksals, dass eine Frau, die anscheinend so sehr von Leben sprudelte, dass es aussah, als halte sie den Deckel über einer nahezu unerschöpflichen Vitalität geschlossen – dass diese Frau aus einer Welt im Würgegriff des Todes hervorgegangen war. Sie trug sogar den Namen einer Großmutter, die sich erhängt hatte.

Er versuchte, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren, auf das, was Henning Münchau von ihm verlangt hatte. Es war nicht zu leugnen: Die Schlinge, aus der er die UN befreien sollte, zog sich nur noch fester zusammen. Sie hatten nicht nur einen Überlebenden des Holocaust erschossen, sondern anscheinend sogar einen seiner Helden: den Jungen, der heimlich quer durch das besetzte Europa gefahren war, um die Nachricht vom Plan der Nazis zur Vernichtung der Juden zu überbringen.

Und Tom hatte ihn bezichtigt, ein Selbstmordattentäter zu sein. Zum Glück hatte er seinen allerersten Einfall für sich behalten: dass der alte Merton, geboren in Kaunas, ein baltischer Kriegsverbrecher sein könnte, der nach dem Krieg Asyl in Großbritannien gefunden hatte. Er war genauso dumm gewesen wie die deutschen und litauischen Wachhunde, denen der kleine Matzkin immer wieder ein Schnippchen geschlagen hatte: Er hatte die blauen Augen und den unbeschnittenen Penis im Leichenschauhaus gesehen und war deshalb nie auf die Idee gekommen, er könnte hier einen Juden vor sich sehen.

Sein Telefon klingelte. Eine New Yorker Nummer. Wenn es Henning wäre, würde er ihm erklären, wie tief sie in der Patsche saßen und dass er deshalb mehr Zeit brauche. Dieser Fall erforderte großes diplomatisches Feingefühl, wenn das Ansehen der Vereinten Nationen nicht schwer beschädigt werden sollte.

»Tom? Jay Sherrill hier. Ich habe Neuigkeiten.«

»Ja?«

»Diese New Yorker Telefonnummer, die im Handy gespeichert war? Sie gehört dem Russen, dem Waffenhändler.«

»Wirklich? Wow!«

»Ich weiß. Unglaublich, nicht? Aber das ist nicht alles. Letzte Nacht habe ich Mertons Hotelzimmer von der Spurensicherung komplett auseinandernehmen lassen; sie haben sogar die Bodendielen aufgestemmt – das volle Programm. In einem Hohlraum in der Badezimmerwand, gleich neben dem Lüftungsventilator, haben sie etwas gefunden. Sehr professionell versteckt.«

»Was denn?«

»Eine hochmoderne kompakte Pistole mit Plastikrahmen. Russisch. Kaliber.357 Magnum. Eigens dazu entwickelt und vertrieben, dass man sie durch die Metalldetektoren bei der Sicherheitskontrolle schmuggeln kann. Man braucht nur die Stahleinschübe und die Munition gesondert zu verstecken; die Waffe selbst bleibt dann unentdeckt. Die Ballistiker haben das Ding untersucht. Und jetzt kommt’s. Anscheinend handelt es sich um die bevorzugte Waffe in Attentäterkreisen.« Sherrill klang amüsiert.

»Eine Sekunde, Detective.« Tom hatte das Anklopfsignal gehört: Jemand versuchte ihn anzurufen. Er warf einen Blick auf das Display: eine Londoner Nummer, die er nicht kannte.

»Tom Byrne? Rebecca Merton. Sie müssen sofort herkommen. Haben Sie gehört? SOFORT