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Die Fahrt nach Westen dauerte mehr als zwei Stunden – hauptsächlich, weil sie nur im Schritttempo vorankamen, bis sie London hinter sich gelassen hatten. Der Verkehr auf der M3 floss dann ziemlich zügig, und Richard konnte sich entspannen.
Richard. Kein schlechter Name; er hatte schon schlimmere gehabt. Und er hatte funktioniert, nicht wahr? Rebecca Merton hatte ihn nicht aufgefordert, weitere Auskünfte zu geben; er hatte ihr gar keine Gelegenheit dazu gegeben. Dieser UN-Anwalt, der bei ihr war, hatte ihm mehr Sorgen gemacht. Aber keiner der beiden hatte bemerkt, dass er ihnen einen Spritzer GBL – Gamma-Butyrolakton, ein industrielles Lösungsmittel, das in den schmuddeligeren Ecken der Londoner Clubszene eine Nische als bevorzugte K.-o.-Tropfen gefunden hatte – in den Kaffee gegeben hatte, noch bevor sie wirklich ein Wort gewechselt hatten. Es war nicht schwierig gewesen: ein Druck auf den Sprühknopf, und die Sache war erledigt.
Er hatte nur die allernötigsten Anweisungen und keinen Hinweis auf den Zweck seiner Mission bekommen. Das war die normale Praxis, aber dieser Auftrag war alles andere als normal. Er war es gewohnt, Männer zu greifen, aber nicht Frauen oder Paare, und in der Regel handelte es sich dabei nicht um Mittelklasse-Akademiker, sondern um glutäugige, bärtige junge Männer, die sich auf der Al-Qaida-Variante von YouTube zu viele Enthauptungen angeschaut hatten. Das hier war daher eine größere Herausforderung gewesen. Und der Umfang der genehmigten Mittel war ebenfalls ungewöhnlich: Man hatte ihm gesagt, er könnte ausgeben, so viel er wolle, solange er die beiden Zielpersonen herausbringe. Niemand hatte es ausdrücklich gesagt, aber der Tonfall ließ darauf schließen, dass dieser Job von ganz oben autorisiert worden war. Auf jeden Fall von sehr weit oben.
Das Navi des Fahrers verkündete, dass sie weniger als eine Meile zu fahren hätten. Bald würden sie am Treffpunkt ankommen. Er sah sich nach den beiden auf dem Rücksitz um. Sie lagen im Dornröschenschlaf.
Das Navi meldete sich wieder – eine seltsam beruhigende Frauenstimme: Sie haben Ihr Ziel erreicht.
Sie waren im Industriegelände Invincible Road, am Rande von Farnborough in Hampshire, in einer öden Gegend aus Asphalt und Wellblech. Er las die Wegweiser und zählte die Nummern der Einheiten ab.
»Da. Sieben A.«
Das Tor öffnete sich, als sie darauf zufuhren. Das bedeutete, ihr Kontaktmann war hier und beobachtete sie durch das Videoüberwachungssystem. Der Fahrer ließ den Mercedes auf das Garagentor mit dem stählernen Rollladen zugleiten. Auch dieses Tor öffnete sich elektronisch, und der Wagen rollte langsam hindurch. Das Tor senkte sich wieder, und Leuchtstoffröhren flackerten auf. Auf dem Nachbarplatz stand ein Krankenwagen mit offenen Hecktüren. Alles lief nach Plan.
»Willkommen«, sagte eine Stimme, die er gern hörte. Sie hatten schon ein paar Mal zusammengearbeitet und waren einander sympathisch, obwohl keiner den Namen des anderen kannte.
»Haben Sie die Kleider?«
»Ja. Das ganze Zeug liegt drin.«
Zusammen und mit Unterstützung durch den Fahrer zogen sie die beiden Tragen aus dem Krankenfahrzeug und legten sie auf zwei Wagen. Dann zogen sie Rebecca Merton und Tom Byrne vom Rücksitz des Mercedes und legten sie rücklings, die Arme seitwärts am Körper, auf die Tragen.
»Ihr beide übernehmt ihn, ich kümmere mich um sie«, sagte Richard.
»Hab ich mir gedacht. Das Beste machen Sie selbst.«
Richard fing mit den Stiefeln der Frau an und zog sie vorsichtig über die Fersen herunter. Sie hatte kleine Füße, und in den dünnen Strümpfen, die sie trug, war ihre Form deutlich zu erkennen. Er ging um sie herum, damit er den Bund ihrer Jeans erreichen konnte. Mühelos ließ der erste Knopf sich öffnen, und er sah, wie straff und flach ihr Bauch war. Als er den nächsten und den übernächsten Knopf öffnete, musste er sich bemühen, seine Erregung zu unterdrücken. Selbst im Tiefschlaf, bewegungslos auf der Trage, war sie eine sehr attraktive Frau.
Er packte den Jeansstoff bei den Hüften und fing an zu ziehen. Es erforderte einigen Kraftaufwand, und einmal musste er die Hand unter ihren Hintern schieben und sie hochheben, damit die Jeans an ihren Beinen herunterrutschen konnte, aber schließlich hielt er die Hose in der Hand.
Jetzt lag sie mit nacktem Unterkörper, nur mit einem schwarzen Slip bekleidet, vor ihm. Er bemühte sich, das kleine Stoffdreieck vor ihrer Scham nicht anzustarren, aber er kämpfte auf verlorenem Posten. Er sah ihre Konturen durch den dünnen Stoff, und er merkte, dass er schwer atmete.
Als Nächstes wandte er sich dem Oberkörper zu. Sie trug einen Pullover mit V-Ausschnitt über einer weißen Bluse. Er musste erst den einen, dann den anderen Arm heben; in der Bewusstlosigkeit waren sie schwer. Er zog sie aus den Ärmeln und streifte den Pullover dann über den Kopf. Dazu musste er die Hand in das dichte schwarze Haar und unter den Hinterkopf schieben.
Schließlich die Bluse, ein altmodisch wirkendes, zartes Ding mit winzigen Knöpfen. Er fing mit dem untersten an, aber als er ihre Brust erreichte, begannen seine Finger zu zittern. Betäubt, wie sie war, atmete sie nur langsam, und die Brust hob und senkte sich. Als er am letzten Knopf unter dem Hals angelangt war, sah er ihre Brüste. In einem schwarzen BH, der zu ihrem Slip paßte, sahen sie voll und selbst in dieser Position fest aus. Seine Hand schwebte dicht über ihnen. Die Verlockung, sie zu berühren, war groß.
»Hier sind die Sachen.« Sein Kontaktmann zeigte auf die zellophanverpackte Krankenhauskleidung. Er trat einen Schritt zurück, und die schlafende Frau füllte sein Blickfeld aus. Wenn er jetzt allein wäre … Er riss das Zellophan auf und zerrte die grüne Baumwollhose heraus. Er raffte sie zusammen, schob sie über Rebecca Mertons Füße und zog sie dann über die Beine herauf. Die Kordel im Hosenbund verknotete er über dem Nabel zu einer Schleife. Er war froh, dass er darunter jetzt nichts mehr sehen konnte; er musste sich konzentrieren.
Er richtete sie auf und legte ihr die flache Hand ins Kreuz, um sie zu stützen. Dann schob er ihre Arme durch den Kittel und verknotete die beiden Kordeln auf dem Rücken, bevor er sie wieder heruntersinken ließ. Als Letztes raffte er ihr Haar zusammen und stopfte es unter eine fest anliegende Haube. So. Fertig.
Er warf einen Blick hinüber zu der anderen Trage. Seine beiden Kollegen hatten schneller gearbeitet, aber das wunderte ihn nicht. Schön, der Mann war schwerer, aber er bot auch weniger … Ablenkung. Wie die beiden so betäubt dalagen, sahen sie aus, als seien sie bereit für den OP.
»Okay, laden wir sie ein.«
Der Kontaktmann ließ die elektrische Rampe des Krankenwagens herunter, schob die beiden Tragen hinein und sicherte sie.
»Jetzt sind wir an der Reihe.« Er nahm zwei Kleiderbeutel aus dem Wagen, öffnete den ersten und holte eine grüne Sanitäter-Uniform mit diversen Ausrüstungsgegenständen heraus; man sah eine Pfeife, ein Walkie-Talkie und ein metallenes Abzeichen, das anscheinend das königliche Wappen trug. Darunter stand der Name des Sanitätsdienstes: »Executive Medical Assistance Inc.«
Eine zweite, offenbar identische Ausstattung reichte er dem Fahrer.
»Und das ist Ihrer.« Er gab Richard einen Fotoausweis aus hartem Kunststoff an einer Metallkette.
Richard betrachtete sein Foto; es zeigte ihn in einem weißen Kittel und wies ihn als »Dr.Rick Brookes, Spezialist, EMA« aus. Erstaunlich, was man mit Photoshop alles anfangen konnte.
»Haben Sie ihre Pässe?«
Der Kontaktmann hielt zwei in das rotbraune Leder Ihrer Britischen Majestät gebundene Pässe hoch. »Ihrer war in der Wohnung. Kein Problem. Und vor zwei Stunden waren wir in seinem Hotel. Er hatte noch nicht mal eingecheckt; also musste er ihn bei sich haben. In der Jackentasche.« Lächelnd deutete er auf den Haufen Kleider, die er dem bewusstlosen Tom Byrne soeben ausgezogen hatte.
Der Fahrer raffte Toms und Rebeccas Sachen zusammen und stopfte sie in eine Tasche, die er dann in den Krankenwagen schob. Alle drei warfen noch einmal einen kurzen Blick in die Runde, um sicher zu sein, dass sie nichts vergessen hatten. Richard und sein Kontaktmann nahmen ihre Plätze bei den Patienten im Fahrzeug ein, und der Fahrer schob den Schlüssel ins Zündschloss. Ein Tastendruck an einer Fernbedienung ließ das Rolltor hochfahren. Hinter ihnen schloss es sich wieder. Richard warf einen Blick auf die Uhr. Sie waren im Zeitplan.
Die Fahrt nach Farnborough dauerte nicht mehr als eine Viertelstunde. Sie folgten den Anweisungen, die sie bekommen hatten, fuhren an dem luxuriösen, für Privatjetbenutzer reservierten Business Terminal vorbei und geradewegs auf das Rollfeld. Die Bombardier Challenger 604 erwartete sie schon; die Düsentriebwerke wirkten massig an dem kurzen, torpedoähnlichen Rumpf des Flugzeugs. Die ausfahrbare siebenstufige Treppe war bereits herabgelassen; vermutlich war die Umgestaltung der Kabine also erledigt. Die übliche, von Managern und verhätschelten Rockstars bevorzugte Inneneinrichtung aus einem halben Dutzend Ledersesseln und Tischen würde ausgebaut und durch flache Betten und ein Aggregat von blinkenden und piependen medizinischen Geräten ersetzt worden sein: von EKG-Monitoren, Puls-Oxymetern und natürlich auch einem Defibrillator. An Infusionsständern würden Beutel mit Salzlösung hängen, mit Intubationsgerät und Absaugpumpen. Mit anderen Worten: alles, was man in einer mobilen Intensivstation erwartete.
Im Dunkeln sah Richard die beiden Mitarbeiter erst jetzt; sie standen am Fuße der Treppe, und der eine trug eine Uniform. Sie erinnerten ihn an die Leute, die man in den Fernsehnachrichten immer sah – Politiker, die nervös auf die Ankunft eines fremden Staatsoberhaupts warteten. Richard stieg aus; der Ausweis hing wie ein Collier an seinem Hals, als er mit selbstbewussten Schritten auf sie zuging.
Die Frau – sie war in Zivil – streckte ihm die Hand entgegen. »Willkommen in Farnborough, Dr.Brookes. Ich bin Barbara Clark, Leiterin der Unternehmenskontaktstelle.«
»Freut mich.«
»Ich weiß, dass Sie es eilig haben, Doktor. Wir werden es so schnell wie möglich hinter uns bringen. Die Sicherheitskontrolle werde ich selbst übernehmen. Ich nehme an, diese Taschen haben Sie selbst gepackt?«
Sie fuhr mit den üblichen Fragen fort – »Hat Ihnen jemand etwas gegeben, das Sie mitnehmen sollen?« – und schwenkte flüchtig ein Abtastgerät an ihm und seinen beiden Kollegen entlang. Das Piepen offenbarte ein Mobiltelefon und einen Schlüsselbund, sonst nichts. In Richards Arztkoffer sah sie nur Spritzen und eine Anzahl von Ampullen, und mehr hatte sie auch nicht erwartet.
Sie nahm seine Reisetasche in Augenschein und versicherte ihm, das Bodenpersonal habe die Maschine bereits gründlich mit Spürhunden durchsucht.
»Leider muss ich einen kurzen Blick auf die Patienten werfen. Aber ich mache es kurz.«
Richard drehte sich zum Krankenwagen um und nickte. Die beiden »Sanitäter« rollten die Wagen ans Flugzeug; beide hielten einen Beutel mit Kochsalzlösung in der erhobenen rechten Hand.
Mrs.Clarke warf einen Blick auf die schlafenden Patienten und strich langsam mit ihrem Abtastgerät über die beiden hinweg. Ein lautes Piepen ertönte, als sie in der Körpermitte des Mannes angekommen war. Richard warf seinem Kontaktmann einen Blick zu. Hatten sie etwas vergessen? War ein verräterischer Gegenstand liegen geblieben?
»Gestatten Sie?« Die Frau schlug die Decke zurück. Richard hielt den Atem an.
»Ach so.« Es war die Schließe des Gurts, mit dem Byrne auf der Trage festgeschnallt war. Das Piepen wiederholte sich, als sie die Frau abtastete.
»Tja, hier scheint alles in Ordnung zu sein, Dr.Brookes. Ich muss Ihnen nur noch ein paar Fragen über ihren Zustand stellen. Können Sie mir über diesen Flug ein bisschen mehr sagen als« – sie warf einen Blick auf ihre Unterlagen – »›medizinische Erfordernisse‹?«
»Ich fürchte, das kann ich nicht, Mrs.Clark. Ärztliche Schweigepflicht, Sie verstehen.« Er lächelte nachsichtheischend, aber es war klar, dass es keinen Verhandlungsspielraum gebe.
»Selbstverständlich. Noch ein kurzes Wort mit meinem Kollegen von der Einwanderungsbehörde, und dann können Sie f liegen.«
Richard legte Dr.Rick Brookes Pass vor und gab ihm dann auch die von Byrne und Merton. Der Beamte verglich die Fotos mit den beiden Leuten, die wie schlafende Heilige vor ihm lagen, und nickte dann. Richard winkte seinen Kollegen, und die entriegelten die Tragen, hoben sie von den Wagen und trugen zuerst den Mann über die schmale Treppe in das Flugzeug.
»Seltsam, nicht?«, sagte Mrs.Clark, als die Sanitäter zurückkamen, um die Patientin zu holen. »Sie sehen beinahe friedlich aus. Ist es denn schrecklich ernst, Doktor?«
»Na ja, ganz wunderbar ist es nicht – sagen wir mal so. Aber keine Sorge, sie sind jetzt in guten Händen.«
»Und die britische Medizin konnte nichts tun?«
»Na, Sie wissen doch, wie die Superreichen sind, Mrs.Clark. Sie verlangen eine ganz persönliche Behandlung, persönlich – und diskret.«
Richard hatte den Eindruck, dass die Frau ein bisschen rot wurde, aber in der abendlichen Dunkelheit war es schwer zu erkennen. Ein leichter Nieselregen wehte in feinen Schleiern durch das gelbe Licht des Terminalgebäudes.
»Ja, natürlich.« Sie schwieg kurz. »Entschuldigung.« Richard sah, dass der Kontaktmann mit dem Piloten sprach; der hatte ein Clipboard unter dem Arm, was vermuten ließ, dass er ein paar letzte Checks vorgenommen hatte. »Nochmals vielen Dank, Mrs.Clark, dass Sie und Ihre Leute hier waren. Wir starten dann.«
Richard nickte dem Fahrer zum Abschied zu, und der kehrte zurück zum Krankenwagen. Dann stieg er ins Flugzeug, und der Kontaktmann folgte ihm. Sie sahen zu, wie die Treppe sich majestätisch zurückzog.
Er schnallte sich an und warf einen letzten Blick auf seine beiden bewusstlosen Schützlinge. Mrs.Clark hatte recht; sie sahen wirklich friedlich aus. Vielleicht brauchten sie während des Flugs einen kleinen Nachschlag, aber jetzt schlummerten sie tief.
Er lehnte sich in seinem Sessel zurück; das Leder fühlte sich weich und geschmeidig an. Sein Kollege blätterte bereits in einer Forbes-Nummer, die wahrscheinlich der letzte zahlungskräftige Kunde zurückgelassen hatte, der diesen Jet gechartert hatte. Er hatte die Entspannung verdient, dachte Richard; er hatte gute Arbeit geleistet. Das hatten sie beide.
Als sie starteten und mit brüllenden Triebwerken steil in den Himmel hinaufstiegen, schaute er nach unten. Irgendwie war das Flugerlebnis in diesen kleinen Maschinen intensiver als in einem großen Linienflugzeug. Die Lichterketten unter ihnen, die Dörfer und Straßen von Hampshire das alles schien zum Greifen nah, obwohl sie sich immer weiter entfernten.
Eine knisternde Stimme kam aus dem Lautsprecher. »Guten Abend, Gentlemen, hier spricht Ihr Kapitän.« Es klang, als amüsiere ihn die absurde Situation. »Willkommen an Bord dieses Challenger 604. Die Flugbedingungen heute Abend sind angenehm. Wir dürften in ungefähr sieben Stunden am Zielort eintreffen.«