Kapitel 17
Johannes Paul II. in der »Geografie der
Heilsgeschichte« Gottes
Es war der innige, »lang gehegte Wunsch« Johannes
Pauls II., im besonderen Jahr 2000 nach der Geburt des Jesus
Christus »heiliges Land« zu besuchen. Oder, wie er am 24. Februar
2000 am Beginn seiner »Jubiläumspilgerfahrt zum Berg Sinai« in
Ägypten sagte, »an jenen Orten zu beten, die in besonderer Weise
mit dem Eingreifen Gottes in die Geschichte der Menschheit
verbunden sind«. Oder, wie er es vier Wochen später, am 23. März
2000, in Jerusalem beim Treffen mit Juden, Christen und Muslimen
beschrieb, »eine Reise durch die Geografie der Heilsgeschichte zu
unternehmen«. Da wäre er zuerst gern nach Ur in Chaldäa gezogen, in
die Heimat Abrahams, des Glaubensvaters von Juden, Christen und
Muslimen, im Zweistromland Mesopotamien, dem Irak. Aber die
politischen und militärischen Umstände mit dem Diktator Saddam
Hussein und die Gefahrenlage mit den Vereinigten Staaten von
Amerika ließen es nicht zu.
Ob der Papst je daran gedacht hat, unter das
lokalisierbare Eingreifen Gottes in die Menschengeschichte auch die
Ursprungsorte des Islam, Mekka und Medina, zu zählen, ist bei aller
Dialogbereitschaft unwahrscheinlich. Die Christenheit glaubt an das
Eingreifen Gottes im »Alten Bund« mit den Juden, dargelegt in der
Bibel, im »Alten Testament«, und seine Offenbarung im »Neuen Bund«
durch Jesus Christus, im »Neuen Testament« der Bibel. Damit ist
Schluss für Christen. Im Gegensatz zu den Muslimen, für die es mit
dem Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert (unserer Zeitrechnung)
erst richtig
beginnt und definitiv endet. Dennoch sollte sich der Bogen der
Reise Johannes Pauls II. bis zum Besuch einer Moschee spannen, des
ersten eines Papstes überhaupt, der Omaijaden-Moschee in Damaskus,
am 6. Mai 2001.
In Ägypten wollte Johannes Paul II. im
Katharinenkloster am Fuß des Berges Sinai der Verkündigung der Zehn
Gebote Gottes gedenken, zuerst an und dann durch Moses an das
jüdische Volk. Das sollte kein Grund zur Zwietracht zwischen den
Religionen sein. Hätte es aber angesichts der Spannungen im Nahen
Osten werden können. Deshalb kritisierte der Papst in Kairo
sogleich jede religiöse Feindschaft: »Böses zu tun, Gewalt und
Feindschaft zu fördern im Namen der Religion ist ein schrecklicher
Widerspruch und eine große Beleidigung Gottes. Leider bietet die
vergangene und gegenwärtige Geschichte viele Beispiele für den
Missbrauch der Religion. Wir müssen alle dafür arbeiten, unser
Engagement für den Dialog zwischen den Religionen zu verstärken,
als großes Zeichen der Hoffnung für die Völker der Welt.« Der
Besuch auf dem Berg Sinai sei »ein Moment des intensiven Gebets für
den Frieden und die Eintracht zwischen den Religionen«. Er konnte
es nicht oft genug sagen.
Das war das Leitmotiv für den Besuch in dem
mehrheitlich islamischen Ägypten (80 Prozent) mit einer
traditionsreichen christlichen Minderheit (15 Prozent) der Kopten.
Die Beziehungen zwischen Muslimen und koptischen Christen sind ein
innenpolitisches Problem von höchster Brisanz. Nicht zufällig
entstand in Ägypten die erste große revolutionär-islamische oder
muslimisch-fundamentalistische Bewegung, die Muslim-Brüder oder
Muslim-Bruderschaft, 1928 von Hasan al-Banna gegründet, mit
Auswirkungen in anderen Ländern. Die Warnungen vor Anschlägen
bereiteten dem schwerkranken, knapp 80 Jahre alten Papst keine
Sorgen. Aber die vatikanische Diplomatie hatte in ihren
vorbereitenden Papieren das Motto der Muslim-Brüder vermerkt:
»Allah ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist
unser Gesetz. Dschihad ist unser Weg. Sterben auf dem Wege Allahs
ist unsere größte Hoffnung.« Und aus deren Gründungsmanifest
zitiert: »Den Ideologien des kolonialisierenden Westens muss
widerstanden werden - sie sind die
Vorreiter der Korruption, der seidene Vorhang, hinter dem sich die
Gier der Habgierigen und die Machtträume der Machthungrigen
verbergen.«
Karge Worte in der Azhar-Universität
Wider Erwarten trug das Treffen des Papstes mit
dem Großscheich der Azhar-Universität, Muhammad Sajjid Tantaw,
keinen offiziellen Charakter. Niemand, weder von der einen noch von
der anderen Seite, sollte daraus eine prinzipielle Versöhnung oder
Vereinigung oder zu viel unerwünschte Freundlichkeit zwischen zwei
so repräsentativen Institutionen ihrer Religion interpretieren
können. Denn der Besuch des Papstes hatte zuvor unter den
Professoren der Azhar-Universität, der ältesten noch bestehenden
der Welt, zu heftigen Diskussionen geführt und die
unterschiedlichen Richtungen in der Auffassung der Lehre des Koran
offenbart, von fundamentalistischen Überzeugungen bis zu modernen
Interpretationen des Islam in einer pluralistischen
Gesellschaft.
Entsprechend karg waren die Worte des Papstes vor
dem Großscheich. Er spürte, dass die islamischen Gottesgelehrten
dem Dialog der Religionen höchst skeptisch gegenüberstanden oder
sich von zu viel Aufgeschlossenheit gegenüber dem Sprecher der
Christenheit Nachteile bei ihren Anhängern erwarteten. Sei es aus
tief religiöser Überzeugung, sei es aus Furcht, wie die
Religionsgeschichte lehrt, dass sie bei einer Milderung oder
Aufweichung der starren religiösen Prinzipien an Einfluss und Macht
verlieren. Der letztere Aspekt wird häufig bei der Beurteilung des
Dialogs übersehen. Bei der Liberalisierung oder Modernisierung
einer Religion büßen die religiösen Hierarchen meist an Macht in
ihrer Gemeinschaft und in der Gesellschaft ein. Die Religionsführer
können die Verlierer des Dialogs sein.
So fasste sich Johannes Paul II. an der wichtigsten
Gelehrtenstätte des Islam kurz:
»Danke für Ihre freundlichen Worte. Lassen Sie
mich Ihre Gedanken aufnehmen. Gott hat die Menschen als Mann und
Frau
erschaffen und ihnen die Welt, die Erde, zur Kultivierung
übergeben. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Religion,
religiösem Glauben und Kultur. Der Islam ist eine Religion. Das
Christentum ist eine Religion. Der Islam ist auch zu einer Kultur
geworden. Das Christentum ist auch zu einer Kultur geworden. Also
ist es sehr wichtig, Persönlichkeiten zu begegnen, die die
islamische Kultur in Ägypten repräsentieren.
Ich möchte meine große Dankbarkeit für diese
Gelegenheit ausdrücken und alle die berühmten Gelehrten grüßen, die
hier versammelt sind. Ich bin überzeugt, dass die Zukunft der Welt
von den verschiedenen Kulturen und vom interreligiösen Dialog
abhängt. Denn es ist so, wie der heilige Thomas von Aquin gesagt
hat: ›Genus humanum arte et ratione vivit.‹ Das Leben des
Menschengeschlechts besteht in der Kultur, und die Zukunft des
Menschengeschlechts liegt in der Kultur. Ich danke Ihrer
Universität, dem größten Zentrum islamischer Kultur. Ich danke
denen, die die islamische Kultur entwickeln, und ich bin dankbar
für alles, was Sie tun, um den Dialog mit der christlichen Kultur
aufrechtzuerhalten. All dies sage ich im Namen der Zukunft unserer
Gemeinschaften, nicht nur unserer Gemeinschaften, sondern auch der
Nationen und der Menschheit, die im Islam und im Christentum
vertreten sind. Ich danke Ihnen von Herzen.«
Das war’s. Doch wichtiger als lange gemeinsame
Erklärungen war erst einmal das Treffen selbst, da der Azhar,
besonders mit seiner Universität als dem jahrhundertealten Zentrum
sunnitischer Gelehrsamkeit, in der islamischen Welt höchste
Autorität genießt.
In Jerusalem
Ganz anders einen Monat später in Jerusalem. So
bewegt war Johannes Paul II., dass er bei dem Treffen mit
Vertretern der jüdischen, christlichen und muslimischen
Glaubensgemeinschaften am 23. März 2000 »ein neues Zeitalter des
interreligiösen Dialogs« beschwor. Daraus folgerte er:
»Wir müssen aus dem Reichtum unserer jeweiligen
religiösen Tradition schöpfen und das Bewusstsein verbreiten, dass
die Probleme der heutigen Zeit nicht gelöst werden können, wenn wir
einander nicht kennen und voneinander getrennt sind. Wir alle
wissen um die Missverständnisse und Konflikte der Vergangenheit,
die auch heute noch schwer auf den Beziehungen zwischen Juden,
Christen und Muslimen lasten. Wir müssen alles tun, was in unseren
Kräften liegt, damit sich das Bewusstsein der vergangenen
Kränkungen und Sünden verwandelt in den festen Entschluss zum
Aufbau einer neuen Zukunft, in der es zwischen uns nur noch
respektvolle und fruchtbare Zusammenarbeit geben wird.«
Zum ersten Mal in der Geschichte: Der Papst in einer Moschee
Der erste Besuch eines Papstes in einer Moschee
konnte nicht anders als zu einem historischen Symbol werden. Am 6.
Mai 2001, einem Sonntag, war es so weit. Gegen Abend setzte das
Oberhaupt der katholischen Kirche in Damaskus, der Hauptstadt der
arabisch-muslimischen Republik Syrien, seinen Fuß in die
Omaijaden-Moschee, eine der berühmtesten der Welt. Begleitet von
der höchsten Autorität des örtlichen Islam, dem Großmufti von
Syrien, Scheich Kuftaro. Der kleine Schritt des alten,
schwerkranken Papstes markierte eine Wende, sollte einen Wandel
einleiten. Zwei Religionsgemeinschaften, die sich jahrhundertelang
ablehnend, misstrauisch, aggressiv und kriegerisch begegnet waren,
fanden zueinander, vereint im Gebet zu dem einen Gott und in der
Verehrung des gemeinsamen Stammvaters Abraham. Wie schön wäre es
gewesen, wenn sich, wie bei dem deutschen Dichter der Aufklärung
Lessing, noch der Dritte im Bund, ein Rabbiner mit Autorität und
Gefolgschaft, hätte dazugesellen können!
Kunsthistoriker haben festgestellt, dass mitten in
der Omaijaden-Moschee eine Gedenkkapelle Johannes’ des Täufers
steht, des prophetischen »Vorläufers« Jesu Christi, des jüdischen
»Predigers in der Wüste«, den König Herodes der schönen Salome zu
Gefallen enthaupten ließ. Dieser jüdisch-christliche Märtyrer
wird auch von den Muslimen unter dem Namen Yahya verehrt, weil
Mohammed, der Begründer des Islam, jüdische und christliche
Elemente in seine Lehre aufnahm. So hatte man in früheren Zeiten
keine großen Probleme, in Damaskus über einem Tempel eine Kirche zu
Ehren Johannes’ des Täufers zu errichten und über dieser im 8.
Jahrhundert eine Moschee mit unendlich vielen Mosaiken und drei
Minaretten; auf einem davon, so heißt es, erwarte man sogar die
Wiederkunft Jesu Christi zum Jüngsten Gericht.
Weil man in den Lehren der verschiedenen Religionen
die Spuren des einen allmächtigen Gottes erkennen kann, zierte sich
der Papst nicht, zog weiße Pantoffeln an und trippelte in kleinen
Schritten durch den großen Gebetssaal der Moschee, ließ sich vor
dem großen Ereignis zweimal ein Mokkatässchen reichen, ohne den
Kaffee zu trinken, und verharrte still vor dem Schrein des Täufers.
An den Gesängen und Gebeten der muslimischen Geistlichen hatte er
nichts auszusetzen. So konnte es als gemeinsames Gebet von Papst
und Muslimführern in der Moschee gelten.
Christen und Muslime sind sich einig
Für den Papst war es in erster Linie ein »Treffen
mit der muslimischen Gemeinschaft«. Er fand nach routinemäßigem
Dank die richtigen Worte »für die lieben muslimischen Freunde«, für
ein neues Miteinander von Kirche und Moschee:
»Die Tatsache, dass wir uns an diesem berühmten
Ort des Gebets treffen, erinnert uns daran, dass der Mensch ein
spirituelles Wesen ist und dazu berufen, den absoluten Vorrang
Gottes in allen Dingen anzuerkennen und zu achten. Christen und
Muslime sind sich darüber einig: Die Begegnung mit Gott im Gebet
ist die notwendige Nahrung für unsere Seelen, denn ohne sie
verdorren unsere Herzen, und unser Wille strebt nicht mehr nach dem
Guten, sondern gibt dem Bösen nach.
Sowohl Muslime als auch Christen schätzen ihre
Gebetsstätten als Oasen, wo sie den barmherzigen Gott auf ihrem Weg
zum ewigen Leben treffen und wo sie auch ihren Brüdern und
Schwestern, mit denen sie durch die Religion verbunden sind,
begegnen. Wenn Christen und Muslime anlässlich von Hochzeiten,
Beerdigungen oder anderen Feierlichkeiten in stillem Respekt vor
dem Gebet der anderen verharren, legen sie Zeugnis ab für das, was
sie vereint, ohne die trennenden Elemente zu übergehen oder zu
leugnen.«
Der Blick auf die Jugend - Die Weisungen für die Zukunft
Wie schon in Casablanca 1985 formulierte Johannes
Paul II. seine Anliegen für den Dialog mit Blick auf die Jugend.
Diese zu gewinnen ist das Schicksal einer jeden Religion für die
Zukunft.
»In Moscheen und Kirchen bilden die muslimischen
und christlichen Gemeinschaften ihre religiöse Identität heran, und
dort erhalten die Jugendlichen einen bedeutenden Teil ihrer
religiösen Erziehung. Welches Bewusstsein ihrer Identität wird den
jungen Christen und jungen Muslimen in unseren Kirchen und Moscheen
eingeflößt? Es ist meine sehnliche Hoffnung, dass die muslimischen
und christlichen Religionsführer und Lehrer unsere beiden großen
Gemeinschaften als Gemeinschaften in respektvollem Dialog
darstellen und niemals mehr als im Konflikt stehende
Gemeinschaften. Es ist für die jungen Menschen von äußerster
Wichtigkeit, dass ihnen die Wege des Respekts und des
Verständnisses beigebracht werden, damit sie nicht dazu verleitet
werden, die Religion selbst zur Förderung oder Rechtfertigung von
Hass und Gewalt zu missbrauchen. Gewalt zerstört das Abbild des
Schöpfers in seinen Geschöpfen und sollte nie als Ergebnis
religiöser Überzeugung angesehen werden.
Mein tiefer Wunsch ist, dass unser heutiges Treffen
in der Omaijaden-Moschee unsere Entschlossenheit zur
Weiterentwicklung des interreligiösen Dialogs zwischen der
katholischen Kirche und dem Islam zum Ausdruck bringen wird. Dieser
Dialog hat in den letzten Jahrzehnten an Dynamik zugenommen, und
heute dürfen wir dankbar sein für den Weg, den wir bisher gemeinsam
zurückgelegt haben. Auf höchster Ebene vertritt der
Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog die katholische
Kirche in dieser Hinsicht. Seit über dreißig Jahren schickt der Rat
eine Botschaft an die Muslime anlässlich des ›Id al-Fitr‹ zum
Abschluss des Ramadan, und ich freue mich sehr, dass diese Geste
von vielen Muslimen als Zeichen wachsender Freundschaft zwischen
uns begrüßt worden ist. In neuerer Zeit hat der Rat ein
Verbindungskomitee zu internationalen islamischen Organisationen
eingerichtet - auch zu ›al-Azhar‹ in Ägypten, das ich zu meiner
großen Freude im letzten Jahr besuchen konnte.
Es ist wichtig, dass Muslime und Christen auch in
Zukunft gemeinsam philosophische und theologische Fragestellungen
erforschen, um eine objektivere und vollständigere Kenntnis des
Glaubens der anderen Seite zu bekommen. Ein besseres gegenseitiges
Verständnis wird auf praktischer Ebene gewiss dazu führen, unsere
beiden Religionen auf neue Art und Weise darzustellen: nicht als
Gegner, wie es in der Vergangenheit allzu oft geschehen ist,
sondern als Partner für das Wohl der Menschheitsfamilie.«
Wenn Gott uns unsere Sünden vergeben soll
»Der interreligiöse Dialog ist am wirksamsten,
wenn er sich aus der Erfahrung des alltäglichen Zusammenlebens
innerhalb der gleichen Gemeinschaft und Kultur ergibt. In Syrien
haben Christen und Muslime jahrhundertelang Seite an Seite gelebt,
und ein reicher Dialog des Lebens hat sich unaufhörlich
fortgesetzt. Jede Person und jede Familie kennt Zeiten der
Eintracht und dann wieder Augenblicke, in denen der Dialog
zusammengebrochen ist. Die positiven Erfahrungen müssen unsere
Gemeinschaften in der Hoffnung auf Frieden stärken, und den
negativen Erfahrungen darf es nicht gelingen, diese Hoffnung zu
untergraben. Wann immer Muslime und Christen einander gekränkt
haben, müssen wir den Allmächtigen dafür um Vergebung bitten und
einander die Vergebung anbieten. Jesus lehrt uns, dass wir einander
unsere Verfehlungen vergeben müssen, wenn Gott uns unsere Sünden
vergeben soll.
Als Mitglieder der einen Menschheitsfamilie und als
Gläubige haben wir Verpflichtungen hinsichtlich des Gemeinwohls,
der
Gerechtigkeit und der Solidarität. Der interreligiöse Dialog wird
zu vielerlei Formen der Zusammenarbeit führen, besonders in der
Erfüllung unserer Pflicht, sich um die Armen und Schwachen zu
kümmern. Das sind Zeichen dafür, dass unsere Gottesverehrung echt
ist.«
Straßenkarte des Dialogs
Diese Worte waren die Straßenkarte des Papstes für
den Dialog mit dem Islam - ein versöhnlicher Blick in die
Vergangenheit, Bestandsaufnahme der Gegenwart und idealistischer
Ansporn für die Zukunft. Was zuerst nur der fromme Wunsch eines
alten Mannes zu sein schien - im Heiligen Jahr 2000 eine
Pilgerfahrt zu den Stätten zu unternehmen, die der Gründer des
Christentums in seinem Erdenleben berührte, was eine wiederholt so
bezeichnete »ausschließlich religiöse« Pilgerreise sein sollte -,
wurde zum Höhepunkt des Pontifikats im Verhältnis zwischen Christen
und Muslimen, von Johannes Paul II. seiner prekären Gesundheit und
der Vorsehung Gottes abgerungen. Dabei sind die Juden für den Papst
und die Christen stets gegenwärtig, als die älteren Brüder in der
Abraham-Gemeinschaft.
Die Sprengkraft der Religionsdifferenzen vermochte
Johannes Paul II. etwas zu entschärfen. Wie explosiv es sein kann,
wenn die religiöse Identität mit der kulturellen und ethnischen
zusammenfällt, wurde dem Papst in den heiligen Ländern des Nahen
Ostens vorgeführt; als Pole wusste er es ohnehin. Weil von den
Muslimen Israel häufig als Grundproblem, als Ursprung ihrer
Ressentiments angesehen wird, legte Johannes Paul II. auch dafür
ein klares Konzept vor. Als Un- und Überparteiischer mit Autorität
zeichnete er klare Linien für den Friedensprozess im Nahen Osten
vor. Er übernahm weder von den Israelis noch von den Palästinensern
die Boden-Ideologie von Jerusalem als »ewiger Hauptstadt« der
jeweiligen Partei. Das vatikanische Konzept vom internationalen
Status Jerusalems erscheint plausibler als das rein politische der
Vereinten Nationen; dieses würde von Israel einen unrealistischen
Souveränitätsverzicht fordern, mehr noch, einen Ankerplatz seiner
Existenz zerstören.
Wenn Johannes Paul II. immer wieder von den
heiligen Stätten sprach, die den Angehörigen der drei
Weltreligionen über alles wert seien, so können sich internationale
Garantien nur auf diese Orte beziehen, wie es auch
jahrhundertealten Traditionen von Schutzmächten, mal diesen, mal
jenen, entspricht. Dass der Papst auf keine der Hauptstadttheorien
einging, kann bei Israelis wie Arabern starre Fronten öffnen. Es
geht nicht um Stadtviertel mit Hunderttausenden, sondern um die
heiligen Stätten, die internationale, Völker und Religionen
verbindende Beachtung verdienen.
So spürten die Religiösen in allen Lagern, dass der
geistliche Führer von mehr als einer Milliarde Katholiken sie ernst
nimmt. Sie sind nicht Überbleibsel vergangener Zeiten, sondern
entscheidende Mitgestalter der Zukunft. Ein erstaunlicher
politischer Ertrag!
Fest im Glauben auf den Spuren des Apostels Paulus
Als »Pilger des Glaubens auf den Spuren des
Apostels Paulus« verstand sich Johannes Paul II. in Damaskus. So
besuchte er am Tag nach der Moschee die Kirche »Sankt Paul auf den
Mauern«. Sie dient der Erinnerung daran, dass der Völkerapostel
nach seiner Bekehrung in Damaskus von den neuen Christenfreunden in
einem Korb an der Stadtmauer herabgelassen wurde, damit der Saulus
aus Tarsus, der Paulus der Christenbibel, seinen Feinden entkommen
konnte. Dass der Papst durch den Besuch der Moschee im christlichen
Glauben nicht schwankend geworden war, verriet dort ein kleiner
Satz: »Der Apostel Paulus erinnert uns [… an die] Annahme des
Lichtes Christi, durch den die gesamte [!] Offenbarung
kommt.«
Das hieß klipp und klar, dass es für Christen nach
Jesus Christus nicht noch eine weitere, gar bessere oder
vollständigere oder abschließende Offenbarung geben kann. Paulus
konnte den Islam natürlich nicht kennen. Sonst hätte er den
Muslimen wohl viele Fragen gestellt. So, wie Paulus in Athen das
Fragen und Suchen der »Heiden« aufnahm. Athen, das geistige Zentrum
der Antike, eine der kulturellen Wiegen Europas, war die erste
Station der Pilgerfahrt von Johannes Paul II. auf den Spuren des
Christenapostels im Mai 2001. Auf Fragen und Suchen der Muslime
einzugehen überließ Johannes Paul II. dann seinem Nachfolger.