Kapitel 13
Paul VI. und die dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung
Man hätte meinen sollen, Paul VI. und die Teilnehmer des Konzils hätten gewusst, was Offenbarung, was ihre christliche Offenbarung sei. Denn damit steht und fällt eine Religion, die sich auf Offenbarung beruft. Deren Führer und Anhänger daran glauben, dass ihre Lehre nicht von Menschen erfunden wurde. Dass sich diese auch nicht menschlich gebildet hat, sondern durch göttliche Mitteilung entstanden ist. So Anspruch und Glauben. Im Judentum, in der Christenheit und im Islam.
Die Kirche bekennt in ihrem »Credo« seit bald zwei Jahrtausenden, dass Jesus Christus, der Gründer des Christentums, als Wort Gottes Mensch geworden sei, dass Gott sich in ihm offenbart habe. Davon geben die heiligen Schriften des »Neuen Testaments«, die Evangelien und die Briefe der Apostel, nach einem festen Kanon Zeugnis. Mehr als das Wort Gottes, noch dazu in der Person des Jesus von Nazareth, kann eine Religion - im absoluten Sinn nach Hegel - nicht haben. Also sollte es Papst und Bischöfen leichtfallen, über die »Offenbarung« im Christentum Auskunft zu geben.
War es aber nicht. Weil alles fast beängstigend schwierig wird - wenn man einmal anfängt, darüber nachzudenken, in das von Ehrfurcht abgeschlossene System einzudringen und darin die Vernunft walten zu lassen. Was Christen neben dem Bekenntnis des Glaubens ebenfalls seit bald zwei Jahrtausenden in der Theologie, in der Deutung ihrer heiligen Schriften taten, in der vernunftgemäßen Befragung des Gotteswortes und dem Versuch, darauf zu antworten.

Europäische Denker und deutsche Philosophen

Große europäische Denker, wie etwa Spinoza (1632-1677), traten gleichsam einen Schritt von der christlichen Religion und ihrer Unantastbarkeit zurück und fragten mit schonungsloser Vernünftigkeit, wie Offenbarung denn überhaupt möglich sei, wie man sie erkennen, woran man sie messen könne (siehe Kapitel 36).
Im 18. und 19. Jahrhundert waren besonders deutsche Philosophen, bedeutende und weniger bedeutende, so weit, die göttliche Offenbarung der Christenheit vor das Gericht ihrer Vernunft zu ziehen. Die einen, so Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) oder Immanuel Kant (1724-1804), ließen respektvoll die Möglichkeit einer göttlichen Mitteilung, einer von Gott gestifteten Religion gelten, wenn diese sich nur »in den Grenzen der bloßen Vernunft« (Kant) verhielte. Andere, wie etwa Ludwig Feuerbach (1804-1872), lösten die Offenbarung ganz auf, erklärten sie schlankweg zum Spiegelbild, zur Projektion menschlicher Gedanken und Vorstellungen und ließen nichts Übernatürliches mehr zu. Die Päpste der letzten zweieinhalb Jahrhunderte waren weder über die einen noch die anderen begeistert und schleuderten ihren Bannstrahl gegen die Herrschaft der Vernunft über die Religion. Aber die Ideen der Aufklärer waren in der Welt, und die Religiösen mussten sich in Europa mit ihnen auseinandersetzen.
Die Fragen nach der Offenbarung Gottes entpuppen sich so als Grundfragen des Christentums: Ist Offenbarung, die Mitteilung göttlicher Wahrheiten, überhaupt möglich? Wenn ja, wie, wann, wo hat sie sich ereignet, und warum gerade so, damals und dort? Wenn Gott sich den Menschen durch Propheten mitteilt, wie, in welcher Sprache kann es aufgenommen und weitergegeben werden? Die Fragen nach der Offenbarung sind so gewichtig, dass sich an den Diskussionen über dieses Thema die Geister der Bischöfe schieden und das Konzil unter den Augen Pauls VI. gerade in der Antwort darauf »sein Selbstbewusstsein fand«, wie es hieß.
Es sind Fragen, denen sich auch der Islam stellen muss, die deshalb auch in Europa und nicht zuletzt in einem Dialog neues Gewicht erhalten. In rationaler Redlichkeit. Weil Fragen nicht aus der Welt zu schaffen sind, und nicht aus der Vernunft.
Denn es gibt verschiedene Religionen, die sich auf eine Offenbarung Gottes berufen. Die Juden etwa auf ihre Bibel, jenen Teil, den die Christen »Altes Testament« nennen. Oder nun die Muslime, die nach den Juden und Christen im Koran des Propheten Mohammed »das Siegel der Propheten«, die »definitive Offenbarung«, die endgültige und letzte Selbstmitteilung Gottes zu haben beanspruchen.

Auf Einflüsterung der Taube

Man kann sich zudem gar nicht so sicher sein über Entstehung und Zusammensetzung der heiligen Schriften. Es gibt schöne Bilder in der abendländischen Kunst, auf denen der Heilige Geist in Gestalt einer Taube den Schreibern die göttlichen Worte ins Ohr flüstert. War es so auch bei den jüdischen Propheten? Bei den Evangelisten und Aposteln? Oder im 7. Jahrhundert beim Propheten Mohammed? Und wenn gelehrte und verehrte Geistliche versichern, es sei so gewesen, verdienen sie dann Glauben? Blinden Glauben? Ohne Nachfragen, weil solcher Zweifel schon von Übel und gegen Gott wäre? Glauben nur dann, wenn ihre Vorgänger dies auch so bezeugten? Alle Vorgänger oder nur die Mehrheit? Aber wenn andere Gottesmänner anderer Meinung sind oder fordern, dies müsse man so oder so verstehen, wem gebührt dann Glauben? Oder wenn in den heiligen Schriften Widersprüchliches auftaucht? Oder gar, wenn der Glaube gefordert wird für Erzählungen, die der Vernunft sonst nicht begegnen? Die den gesicherten Erkenntnissen der Naturwissenschaften widersprechen?
Kann die Religion, darf sie dann den Befehl geben: Augen der Vernunft zu! - und durch? Weil die Gläubigen es gar nicht so genau wissen wollen. Weil die Übereinstimmung zwischen Glaube und Vernunft in der Geschichte der Religionen nicht immer - anders als im europäischen Raum der Aufklärung - das Wichtigste für die Menschen war. Wenn aber doch? Wenn der Einklang zwischen Glaube und Vernunft vor einer (vermeintlichen oder wirklichen) Offenbarung Gottes, die Versöhnung mit Wissenschaft und Technik, die Harmonie zwischen Religiösen und der zivilen pluralistischen Gesellschaft gefordert wird? Und was, wenn grundsätzlich die Möglichkeit einer Offenbarung bestritten wird, weil sich Gott nicht offenbaren kann, weil Gott zu groß und unpersönlich ist oder weil es ihn nicht gibt? Fragen über Fragen.
Auf dem Konzil standen sich zwei Lager gegenüber, die Vertreter der »römischen Theologie«, die am liebsten - mit kleinen Zugeständnissen - »Augen zu!« gerufen hätten, und jene Theologen, die an zwei Jahrtausende der Bemühungen um die heiligen Schriften anknüpften. An die Jahrzehnte der Entstehung der Evangelien und Apostelbriefe, an die Kommentare der Kirchenväter der ersten Jahrhunderte und ihre verschiedenen Sinndeutungen, an die Kirchenlehrer des Mittelalters und ihre feinsinnigen Sentenzen, an die Erkenntnisse der neuzeitlichen Bibelwissenschaftler mit ihren historischen und literaturkritischen Methoden.

Gegen Angst und Verengung

Paul VI. bestätigte in einer Grundsatzentscheidung die zweite Tradition, gegen die Angst und Verengung der »Religiöseren«. In der Nachfolge Pius’ XII., der im September 1943 mit der Enzyklika »Divino afflante Spiritu« (»Unter Eingebung des göttlichen Geistes«) moderne Prinzipien aus der Summe der überprüfbaren Geisteswissenschaften in der katholischen Bibelforschung gebilligt hatte.
So konnte das Konzil in einer »Dogmatischen Konstitution« mit hoher Verbindlichkeit - auch der, nun eben nicht immer alles wortwörtlich glauben zu müssen - für die Gläubigen folgende Prinzipien festschreiben:
»12. Artikel. Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muss der Schrifterklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte.
Um die Aussageabsicht der Hagiografen [der Verfasser der heiligen Schriften] zu ermitteln, ist neben anderem auf die literarischen Gattungen zu achten. Denn die Wahrheit wird je anders dargelegt und ausgedrückt in Texten von in verschiedenem Sinn geschichtlicher, prophetischer oder dichterischer Art oder in anderen Redegattungen. Weiterhin hat der Erklärer nach dem Sinn zu forschen, wie ihn aus einer gegebenen Situation heraus der Hagiograf den Bedingungen seiner Zeit und Kultur entsprechend - mithilfe der damals üblichen literarischen Gattungen - hat ausdrücken wollen und wirklich zum Ausdruck gebracht hat. Will man richtig verstehen, was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte, so muss man schließlich genau auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach und Erzählformen achten, die zur Zeit des Verfassers herrschten, wie auf die Formen, die damals im menschlichen Alltagsverkehr üblich waren.
Da die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben wurde, erfordert die rechte Ermittlung des Sinnes der heiligen Texte, dass man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens. Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam aufgrund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift. Alles, was die Art der Schrifterklärung betrifft, untersteht letztlich dem Urteil der Kirche, deren gottergebener Auftrag und Dienst es ist, das Wort Gottes zu bewahren und auszulegen.«

Gottes Worte durch Menschenzunge

In zwei Sätzen fassen Paul VI. und die Bischöfe die Quintessenz des Problems und seiner Lösung zusammen: »In der Heiligen Schrift also offenbart sich, unbeschadet der Wahrheit und Heiligkeit Gottes, eine wunderbare Herablassung der ewigen Weisheit […]. Denn Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden.« Es ist so ähnlich, wie wenn die wissenschaftliche Astronomie von der »Milchstraße« spricht; es ist weder Milch noch Straße und weist doch auf eine Wirklichkeit hin. Aber dann möchte man es doch etwas genauer wissen, begnügt sich nicht mit Milch und Straße, und siehe da, es wird genauer.
Das Konzil fand in den theologischen Debatten über die Offenbarung, wie es hieß, sein Selbstbewusstsein, den Standort einer zeit- und vernunftgemäßen Bestimmung der Kirche. Dahinter können die Päpste nicht mehr zurückweichen, gerade dann nicht, wenn sie und die christlichen Theologen mit dem Anspruch einer anderen Offenbarungsreligion konfrontiert werden, dem Islam. (Mit jüdischen Gelehrten sind sich christliche Exegeten über die Methoden der Bibelforschung weitgehend einig; die Scheidelinie ist Jesus Christus.) Doch im Islam steht die Auseinandersetzung zwischen Fundamentalisten und an der Wissenschaft ausgerichteten Exegeten noch aus. Sie ist kaum über Anfänge hinausgekommen, und weithin scheint sogar die Infragestellung des Fundamentalismus unstatthaft. Dabei kann sich der Dialog nicht mit »fortschrittlichen« Muslimen und ihren moderaten Ansätzen einer kritischen Auslegung des Koran begnügen. Der Blick muss auf die Gesamtheit der muslimischen Milliardengemeinschaft gerichtet sein.
So wie mehr als vier Jahrzehnte nach dem Konzil, im Oktober 2008, die 12. Generalversammlung der Bischofssynode der katholischen Kirche vom Fundament der Offenbarungskonstitution her fast konfliktfrei über das Thema »Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche« beriet und einmütig - bei aller Aufgeklärtheit - die christliche Botschaft als Wort Gottes, als Antlitz Gottes in Jesus Christus, die Kirche als Haus Gottes und die Mission als Weg der Kirche zu den Völkern deutete. Paul VI. hatte als Herr des Konzils offenbar den richtigen Weg freigegeben.
Zwischen Rom und Mekka
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