Kapitel 16
Johannes Paul II.: Die Kriege von Religiösen und anderen - Richtlinien für den Dialog
Johannes Paul II. und seine politischen Mitarbeiter waren erleichtert über den Zusammenbruch des Kommunismus in den Wendejahren von 1989 bis 1991. Sie schienen auch erfreut. Eineinhalb Jahrhunderte hatte die Kirche schließlich dagegen gekämpft; die erste päpstliche Verurteilung, von Pius IX., datiert vom 9. November 1846. Aber sie triumphierten nicht. Für sie war damit weder das Ende der Geschichte gekommen, weil eine universelle Weltkultur sich überall durchsetzen würde, wie es der Amerikaner Francis Fukuyama, für viele scheinbar plausibel, darlegte. Noch erwarteten sie den großen Zusammenprall der Kulturen, wie es Samuel Huntington vorhersah, für viele ebenso wahrscheinlich. In der Römischen Kurie versteht man etwas vom Antagonismus der Religionen, ihrer Konkurrenz, dem Wettbewerb um Menschen und Macht. Die »Reibung« der Religionen, die »Reibungen« der Religiösen nannten die Kurialen oft, was in vielen Weltgegenden an den Grenzen geografisch benachbarter Religionen geschah. Das erscheint treffender, weil es die Wirklichkeit nicht in eine Hypothese presst.

Ende der Geschichte? - Die Kriege gehen weiter

In jenen Jahren nahm man aus den Gesprächen mit den Verantwortlichen im Vatikan stets einen doppelten Eindruck scheinbar gegensätzlicher Überzeugungen mit. Papst und Bischöfe waren durch die christliche Lehre von der Sündhaftigkeit des Menschen und der deshalb notwendigen Erlösung überzeugt, davon, dass der Mensch zu Gewalt und Kriegen neigt. Andererseits fühlten sie sich verpflichtet, getrieben, alles zu tun, um Gewalt und Kriege zu vermeiden.
Denn bedrohliche Unsicherheit, Krisen, Gewalt und Kriege hörten mit der Wendezeit nicht auf. Von 1980 bis 1988 hatte sich der Krieg zwischen dem Irak unter Saddam Hussein und dem revolutionären Iran des Ayatolla Chomeini hingezogen, ohne Entscheidung, doch mit bleibendem Konfliktpotenzial. Welche Rolle da die Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten spielten, ob überhaupt, blieb unscharf.
Anfang August 1990 überfielen irakische Truppen Kuwait, nicht aus religiösen Gründen. Die Vereinigten Staaten von Amerika befreiten das Land wieder. Weil sie dazu verbündete Staaten suchten und 33 fanden, schied der Verdacht eines Kreuzzugs des Westens gegen ein arabisch-muslimisches Land zunächst aus. Weil sie jedoch drei Viertel der militärischen Streitmacht stellten, schob sich die amerikanische Übermacht ins Bewusstsein. Auch auf dem Balkan tobten nach dem Zerfall Jugoslawiens Kriege zwischen Nationen, in die religiöse Unterschiede zwischen Orthodoxen, Katholiken und Muslimen hineinwirkten. Ebenso blieb der Nahe Osten ein Krisenherd, nicht nur Israel mit dem Palästinenserkonflikt, sondern auch der Libanon.
Johannes Paul II. fand nicht nur gute Worte für die leidenden Opfer und harte für die Kriegstreiber. Er setzte auch seine Präsenz ein. Zuerst in dem vom kommunistischen Joch befreiten Osteuropa, dann auf dem Balkan und im Nahen Osten. Stets für den Dialog, das Miteinander-Reden, um Gewalt vorzubeugen, immer Konfliktpotenzial mindernd und mildernd. An den Reibungsflächen der Religionen suchte der Papst Zündstoff zu entschärfen.
Kriege konnte Johannes Paul II. nicht verhindern. War Krieg unvermeidlich? Jahrhundertelang lebte die Christenheit in der Überzeugung, dass Kriege zum Menschendasein auf Erden gehören und zum Zweiten gerecht sein können. Auch der religiös motivierte Krieg? Grundlage dafür waren nicht nur die Erfahrungen mit den gewöhnlichen Auseinandersetzungen des Alltags, in denen der Mensch sich dem Mensch als Wolf zeigt, wie die Philosophen formulierten, sondern auch die heiligen Schriften der Bibel. Über weite Strecken sind die Bücher des Alten Testaments Kriegsberichterstattung; es werden die Waffentaten eines kleinen, öfter geschlagenen als siegreichen Volkes geschildert, bei denen Gott als »Herr der Heerscharen« aktiv beteiligt war, mal gnädig zur Rettung verhelfend, mal zornig das Verderben zulassend. So wie es auch ohne Gott geht.
Im Neuen Testament jedoch spricht Jesus Christus zu Petrus, als dieser ihn gegen »eine große Schar mit Schwertern und mit Stangen« vor der Gefangennahme im Garten Gethsemane verteidigen will: »Stecke dein Schwert in die Scheide! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.« Dieses Wort beeindruckte Kirchenväter und Theologen schon in den ersten Jahrhunderten und legte die Grundausrichtung des Christlichen fest.
Augustinus, der größte Kirchenvater des Abendlands (354 bis 410), schrieb unter dem Eindruck des zusammenbrechenden Römischen Reiches vor den heranrückenden stärkeren Völkern aus dem Norden Europas in seinem Hauptwerk »De civitate Dei« (»Über den Gottesstaat«), gottergeben und bar jeder aggressiven Initiative: »Wir verehren den Gott, der auch bei den Kriegen, wenn das Menschengeschlecht durch dieses Mittel gebessert [!] und gezüchtigt [!] werden muss, Anfang, Fortgang und Ende leitet.«
Der bedeutendste Theologe des Mittelalters, Thomas (1224 bis 1275) aus Aquino, einem kleinen Ort an der Straße zwischen Rom und Neapel, stammte aus einem Land, das sich jahrhundertelang in inneren Zwistigkeiten aufrieb und außerdem unter den beständigen Angriffen der muslimischen Araber zu leiden hatte; die Chronik einer jeden alten italienischen Stadt weiß von solchen Überfällen, Plünderungen und Brandschatzungen der Sarazenen im Mittelalter zu berichten. Deshalb handelt Thomas in seiner »Summa Theologica« ausführlich vom Krieg (II, II, Quaestio 40) und fragt, »ob Kriegführen immer Sünde sei«. Vier aus der Heiligen Schrift und der Vernunft abgeleitete Gründe zählt er auf und zieht den Schluss: »Es scheint also, dass der Krieg grundsätzlich Sünde ist.« »Sed contra est«, fährt er fort, »dagegen jedoch spricht« - und nun werden drei Grundsätze aufgestellt, wodurch »bellum sit iustum«, »der Krieg gerecht sein kann«:
Die Autorität des Herrschers, auf dessen Befehl Krieg geführt werden soll, müsse legitim sein und so, dass die Worte des Paulus aus dem Römerbrief (13,4) zutreffen: »Denn die Obrigkeit trägt das Schwert nicht umsonst: sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut.« Der zweite Grundsatz ist die »gerechte Sache« gegen ein Unrecht, der dritte die rechte Absicht der Kriegführenden, das Gute zu befördern oder das Böse zu verhindern. Für die wahre Religion zu kämpfen hieße also, das Gute zu befördern. Oder?
Daraus entwickelte sich später unter den christlichen Theologen und Philosophen, bei Alfonsus, Suárez, Vitoria, Grotius oder Molina, eine dezidierte Lehre vom »gerechten Krieg«, genauer von der Möglichkeit, dass ein Krieg auch gerecht sein könne, speziell dann, wenn einem ungerechten Krieg - oder der Bitte des Fürsten um Rechtfertigung eines Verteidigungskriegs - zu antworten ist. Zur politischen Wertung freilich, etwa wer der ungerechte Angreifer, wer der gerechte Verteidiger sei, konnte die Theologie wenig beitragen. In dem 1958 veröffentlichten katholischen Standardwerk des spanischen Moraltheologen Zalba, »Theologiae moralis compendium«, wird sauber distinguiert, auch »quoad usum armorum atomicorum«, auch »was den Gebrauch der Atomwaffen angeht«. Die Kühle der lateinisch präzisierten Gedanken berührt eigentümlich, dürfte aber hilfreicher sein, als wenn in einem 1978 erschienenen ökumenischen »Handbuch der christlichen Ethik« (beider Konfessionen in Deutschland) das Stichwort »Krieg« gar nicht mehr erscheint. Krieg war da aus der christlichen Ethik verbannt, doch in der Wirklichkeit noch nicht abgeschafft.
Immer deutlicher sahen die Päpste in diesem Jahrhundert, dass die traditionelle Lehre vom gerechten Krieg vielleicht für begriffliche Klarheit sorgen könne, doch den Menschen ungeheures, nicht mehr zu rechtfertigendes Leid zufüge. Die Friedensappelle Pius’ X. und Benedikts XV. anlässlich des Ersten Weltkriegs verhallten jedoch ebenso ungehört wie die Warnung Pius’ XII. in einer Radiobotschaft am 24. August 1939, unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: »Nichts ist mit dem Frieden verloren. Aber alles kann mit dem Krieg verloren sein.« Ob der verbrecherische deutsche Diktator anders als durch einen Krieg hätte in die Schranken gewiesen werden können?

Frieden auf Erden für alle Menschen guten Willens

Johannes XXIII. machte sich mitten im Kalten Krieg zum Fürsprecher der den Frieden auf der ganzen Welt ersehnenden Menschheit, als er im April 1963, zwei Monate vor seinem Tod, die Enzyklika - zum ersten Mal »an alle Menschen guten Willens« gerichtet - mit den programmatischen Worten: »Pacem in terris«, »Frieden auf Erden«, begann und schrieb: »Mehr und mehr hat sich in unseren Tagen die Überzeugung unter den Menschen verbreitet, dass die Streitigkeiten, die unter Umständen zwischen den Völkern entstehen, nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen sind.« Das war die Hoffnung.
Was die Kirchenführer wie alle Verantwortlichen in der Politik zunehmend beunruhigte, verkündeten die Bischöfe des Zweiten Vatikanischen Konzils im 5. Kapitel der »Pastoralkonstitution: Die Kirche in der Welt von heute, Gaudium et Spes« (»Freude und Hoffnung«) am 7. Dezember 1965:
»Mit der Fortentwicklung wissenschaftlicher Waffen wachsen der Schrecken und die Verwerflichkeit des Krieges ins Unermessliche. Die Anwendung solcher Waffen im Krieg vermag ungeheure und unkontrollierbare Zerstörungen auszulösen, die die Grenzen einer gerechten Verteidigung weit überschreiten […]. All dies zwingt uns, die Frage des Krieges mit einer ganz neuen inneren Einstellung zu prüfen.«
Die Bischöfe legten damals die Leitlinien der päpstlichen Schreiben, der vatikanischen Diplomatie und der verschiedenen Bemühungen einzelner Episkopate, zum Beispiel der Bundesrepublik Deutschland und der Vereinigten Staaten von Amerika, fest, als sie hinzufügten: »Es ist also deutlich, dass wir mit all unseren Kräften jene Zeit vorbereiten müssen, in der auf der Basis einer Übereinkunft zwischen allen Nationen jeglicher Krieg absolut geächtet werden kann. Das erfordert freilich, dass eine von allen anerkannte öffentliche Weltautorität eingesetzt wird, die über wirksame Macht verfügt, um für alle Sicherheit, Wahrung der Gerechtigkeit und Achtung der Rechte zu gewährleisten.«
Schon darin wird eine »öffentliche Weltautorität mit wirksamer Macht« gefordert, als die heute die meisten Menschen die Gemeinschaft der Vereinten Nationen sehen. Dass diese unter Umständen auch nur wiederum zum Mittel eines Krieges greifen kann und muss, wenn ihre moralische Macht nicht ausreicht, war vielleicht nicht vorgesehen, aber wohl auch nicht ausgeschlossen. Eine internationale, von allen unangetastete Friedensordnung, wie sie jahrelang vom Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli (1979-1990) als wahres Ziel der Abrüstungsverhandlungen angestrebt wurde, will sich offenbar auf Erden nicht einstellen.

Kein »gerechter Krieg« mehr

Andererseits bedrängten Johannes Paul II. Bedenken, ob angesichts des gewaltigen Zerstörungspotenzials moderner Waffen überhaupt noch etwas, ein verletztes Gut, ein zugefügtes Unrecht, durch einen Krieg »saniert« werden könne. Diese Zweifel trieben ihn um, als er im Juni 1982 während des Falklandkriegs beide Gegner, Großbritannien und Argentinien, besuchte und auf meine Frage hin in einer spontanen Überlegung immer mehr die Möglichkeit eines gerechten Krieges einschränkte.
Dies veranlasste ihn, am 12. Januar 1991 den Vatikanbotschaftern aus 126 Staaten, muslimische eingeschlossen, zu erklären: »Die Anwendung von Gewalt für eine gerechte Sache wäre nur dann erlaubt, wenn sie dem Ergebnis entspräche, das man erreichen will, und wenn man die Konsequenzen berücksichtigte, die militärische Aktionen, die durch die moderne Technologie immer zerstörerischer geworden sind, für das Überleben der Völker und des gesamten Planeten haben.« Es schien damit, dass nach päpstlicher Überzeugung nur noch die - zaghaft entstehende - internationale Friedensordnung und deren eindeutige Verletzung einen begrenzten Krieg zu rechtfertigen vermag. Ob dessen zerstörerische Macht ein solches Gut wiederherstellen kann, ob der anfängliche Schaden von dem späteren übertroffen wird, kann freilich nicht die Theologie entscheiden.
Das Thema »Krieg und Frieden« und die Stellung der Religionen dazu ließ den Papst in jenen Monaten nicht los. Selbst bei der Sonntagsmesse in einer römischen Pfarrei, in Santa Dorotea im Stadtteil Trastevere im Februar 1991, sprach er darüber: »Wir sind keine Pazifisten, wir wollen keinen Frieden um jeden Preis.« Johannes Paul II. musste sich gegen den Vorwurf verteidigen, er stelle zu theoretisch den absoluten Wert des Friedens und das absolute Übel eines Krieges heraus.
Ein Papst steht mit seinen Erklärungen nicht außerhalb der politischen Entwicklung. Ein deutlicher Hinweis in jener Zeit des Irakkonflikts 1990/91 auf die traditionelle kirchliche Lehre vom »gerechten Krieg« - unter Ausschluss der Atombombe - wäre verstanden worden als Parteinahme gegen den Irak, ein arabisch-muslimisches Land, gegen dessen Diktator und die Annexion Kuwaits und als Erlaubnis für die Vereinigten Staaten von Amerika, verletztes Recht wiederherzustellen. Hätte der Papst in den letzten vier Wochen nach Aufnahme der Bombardierungen durch die Koalition der Vereinten Nationen nicht die Schrecken des Krieges beklagt und kein Wort für die Opfer gefunden, hätte man ihn kalter Unmenschlichkeit geziehen.
Johannes Paul II. zitierte einen seiner Vorgänger, Pius XII., und dessen Doppelbegriff von »Frieden und Gerechtigkeit, Frieden in Gerechtigkeit« und vermied durch das Wort von der »Unparteilichkeit« des Vatikans, die »ein Urteil nach Wahrheit und Gerechtigkeit« ermögliche, jede Zweideutigkeit. Im Oktober 1953 hatte Pius XII. in einer Ansprache an Militärärzte gültige Worte für die Zukunft gefunden, die jeden Vorwand, auch einer religiösen Motivation, zurückweisen:
»Möge international jeder Krieg bestraft werden, der nicht durch die unbedingte Notwendigkeit gerechtfertigt ist. Zum Krieg kann man allein gezwungen sein, um sich gegen eine schwere Ungerechtigkeit zu verteidigen, die die Gemeinschaft trifft und die man nicht mit anderen Mitteln abwenden kann, weil sonst anstelle internationaler Beziehungen brutale Gewalt und Gewissenlosigkeit freien Lauf hätten. Wenn die Schäden, die der Krieg mit sich bringt, in keinem Verhältnis zu der ertragenen Ungerechtigkeit stehen, kann es Pflicht sein, das Unrecht hinzunehmen. Das gilt vor allem für den Atombomben-, den biologischen und den chemischen Krieg. Nach den Gräueln zweier Weltkriege haben wir nur daran zu erinnern, dass jede Verherrlichung des Krieges als Verwirrung des Geistes und des Herzens verurteilt werden muss.«
Mit Gewalt und Krieg kann und darf Religion also nichts zu tun haben. In diese Gemeinschaft der Religiösen nimmt der Papst die Muslime mit hinein.

Richtlinien für den Dialog der Kirche mit dem Islam

Am Ende des Jahrzehnts, Jahrhunderts, Jahrtausends war es so weit. Nach vielen theoretischen Erwägungen hatte man im Vatikan die grundsätzliche Position gegenüber dem Islam gefunden. In der Generalaudienz vom 5. Mai 1999 stellte Johannes Paul II. Richtlinien für den Dialog der Katholiken mit dem Islam auf, die von Muslimen sehr beachtet und immer wieder zitiert wurden und die nach wie vor ihre Gültigkeit haben:
»1. Wir vertiefen das Thema des interreligiösen Dialogs und denken heute über den Dialog mit den Muslimen nach, die ›mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen‹. Die Kirche betrachtet sie mit Wertschätzung. Sie ist nämlich überzeugt, dass ihr Glaube an einen transzendenten Gott dazu beiträgt, eine neue, auf die höchsten Erwartungen des menschlichen Herzens gegründete Menschheitsfamilie aufzubauen.
Auch die Muslime blicken wie Juden und Christen auf die Gestalt Abrahams als Vorbild der bedingungslosen Unterwerfung unter die Ratschlüsse Gottes. Nach dem Beispiel Abrahams bemühen sich die Gläubigen, Gott die Stellung in ihrem Leben zu geben, die Ihm als Ursprung, Herrn, Lenker und letztem Ziel aller Wesen zukommt. Dieses Bereitsein und Sich-Öffnen des Menschen dem Willen Gottes gegenüber zeigt sich in der Haltung des Gebets, in der sich das existenzielle Befinden jedes Menschen vor dem Schöpfer ausdrückt.
Auf der Spur von Abrahams Ergebensein in den göttlichen Willen findet sich eine Frau aus seiner Nachkommenschaft, die Jungfrau Maria, Mutter Jesu, die, besonders in der Volksfrömmigkeit, auch von den Muslimen mit Verehrung angerufen wird.
2. Mit Freude erkennen wir Christen die religiösen Werte, die wir mit dem Islam gemein haben. Ich möchte heute wiederholen, was ich vor einigen Jahren zur muslimischen Jugend in Casablanca gesagt habe: ›Wir glauben an denselben Gott, den einzigen, den lebendigen, den Gott, der die Welten schafft und seine Geschöpfe zur Vollendung führt.‹ Das Erbe der biblischen Offenbarungstexte spricht übereinstimmend von der Einzigkeit Gottes. Auch Jesus bestätigt diese […].
3. Die Beziehungen vermindern die göttliche Einheit nicht im Geringsten […]. Diese Übereinstimmung darf jedoch nicht die Unterschiede zwischen den beiden Religionen vergessen machen. Wir wissen in der Tat, dass die Einheit Gottes sich im Geheimnis der drei göttlichen Personen ausdrückt. Anderseits darf man nicht vergessen, dass der für das Christentum typische trinitarische Monotheismus ein Geheimnis bleibt, das der menschlichen Vernunft nicht zugänglich ist, die allerdings gerufen ist, die Offenbarung des innersten Wesens Gottes anzunehmen.
4. Ein besonderes Zeichen der Hoffnung ist der interreligiöse Dialog, der zu einer tieferen Kenntnis und Wertschätzung des anderen führt. Beide Traditionen, die christliche wie die muslimische, haben eine lange Geschichte des Studiums, der philosophischen und theologischen Reflexion, der Kunst, Literatur und Wissenschaft, welche ihre Spuren in den Kulturen des Westens und des Ostens hinterlassen hat. Die Anbetung des einzigen Gottes, Schöpfers aller Menschen, ermutigt uns, in Zukunft unsere gegenseitige Kenntnis zu vertiefen.
In der heutigen Welt, die tragisch gekennzeichnet ist von der Vergessenheit auf Gott, sind Christen und Muslime aufgerufen, die Menschenwürde, die sittlichen Werte und die Freiheit stets im Geist der Liebe zu verteidigen und zu fördern. Der gemeinsame Pilgerweg zur Ewigkeit hin soll seinen Ausdruck in Gebet, Fasten und Werken der Liebe, aber auch in solidarischem Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, für menschliche Entwicklung und Schutz der Umwelt finden. Wenn wir miteinander den Weg der Versöhnung gehen und in demütiger Ergebenheit in den Willen Gottes auf jede Form von Gewalt als Mittel zur Lösung von Meinungsverschiedenheiten verzichten, werden die beiden Religionen ein Zeichen der Hoffnung setzen können und die Weisheit und Barmherzigkeit des einzigen Gottes, der die Menschheitsfamilie geschaffen hat und lenkt, in der Welt zum Leuchten bringen.«
Zwischen Rom und Mekka
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