Dienstag, 20. Juli
Ich kam vor Ena zum Russell Square, und mein Freund, der die Gebühren kassiert, stellte einen Stuhl für mich auf, verschränkte dann die Arme hinter dem Rücken, beugte sich vor und sagte verschwörerisch:
»Sind wir jemand, den wir kennen sollten?«
Ich versicherte ihm, dass wir niemand seien, und er schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.
»Eine Malerin malt nicht von irgendjemandem ein Porträt«, sagte er.
Ich sagte, dass ich Schriftstellerin sei, aber nicht berühmt oder wichtig, und er zog ein kleines schwarzes Heft hervor und notierte sich sorgfältig meinen und Enas Namen. In dem Moment kam Ena um das Vogelbad gewankt, beladen mit Staffelei, Palette und dem enormen Radio, das sie immer noch mitschleppt, falls ich mich doch zu langweilen beginne – dabei mache ich immer nur freche Bemerkungen über den Musikgeschmack der BBC. Es gibt nur einen Sender mit klassischer Musik, und derjenige, der das Programm zusammenstellt, ist ein Kammermusik-Fan, denn das ist alles, was sie spielen.
Ena sagte, ich hätte ihre Einstellung zur Porträtmalerei völlig verändert.
»Bisher habe ich nie jemanden im Freien gemalt«, sagte sie. »Es ist eine ganz andere Atmosphäre und ein anderes Gefühl. Von jetzt an werde ich jedes Mal darüber nachdenken müssen, ob jemand drinnen oder draußen gemalt werden sollte. Sie hatten völlig Recht, Sie sind ein Freiluftmensch.«
»Wir sind aber nicht hier, weil ich ein Freiluftmensch bin«, sagte ich, »sondern weil ich ein egoistischer Mensch bin.«
Ich glaube, dass sie am liebsten den ganzen Tag malen würde, aber was ich auch sage, sie besteht darauf, um ein Uhr aufzuhören, weil ich nur noch so wenig Zeit habe, mir Dinge anzusehen.
Als wir die Sachen einpackten und zum Lieferwagen gingen, ließ sie den Blick über den Russell Square schweifen und sagte nachdenklich:
»Sie hatten Recht mit der Anlage. Sie hat etwas Besonderes.«
Ich war verdutzt. Ich hatte das nie gesagt. Und bis zu dem Moment, als sie das sagte, war mir nicht klar gewesen, dass ich es wusste.
Zum Lunch gingen wir zu Panzer’s und danach in die National Portrait Gallery, ich sah Jane Austen und Leigh Hunt und Willie Hazlitt und das gespenstische Porträt der Brontës – die Gesichter der drei Schwestern und in der Mitte die graue Fläche, wo Branwells Gesicht einmal war.
Der Geschichte nach hatte Branwell sich und seine Schwestern gemalt und dann in einem Anfall von Selbsthass sein eigenes Gesicht wieder ausgelöscht. Aber natürlich kann man sich nicht auf die Gesichter der Schwestern konzentrieren, das Bild wird von der grauen Fläche in der Mitte dominiert. Man kann nicht umhin, sich zu fragen, ob Branwell wusste, dass es so sein würde.