Mitternacht
Seit einer Stunde sitze ich auf der Bettkante und bin völlig benommen. Ich habe ihm gesagt, wenn ich heute Nacht sterbe, dann sterbe ich glücklich; denn es ist alles hier, wirklich alles.
Pat Buckley wohnt in Rutland Gate, das ist unten in Knightsbridge oder Kensington, unter dem linken Rand meines Stadtplans; ich nahm mir ein Taxi. Rutland Gate ist eine kleine Anlage von weißen Steinhäusern, die um einen grünen Platz gebaut sind. Alles in London liegt um grüne Plätze, sie sind wie kleine Oasen.
Er hat eine Wohnung im Erdgeschoss. Ich läutete, und er öffnete die Tür und sagte:
»Hallo, Sie haben also hergefunden.«
Er ist zierlich – schmal gebaut, schmales Gesicht, unbestimmtes Alter – und hat eine dieser zarten, fast brüchigen englischen Stimmen, angenehm und dabei neutral. Er nahm mir mein Jackett ab und führte mich in einen Oscar-Wilde-Salon. An der Wand hängt ein lebensgroßes Porträt von seiner Mutter als Debütantin in dem Kleid, in dem sie bei Hofe vorgestellt wurde. An einer anderen Wand steht eine Vitrine, in der seine Sammlung von silbernen Visitienkartenetuis ausgestellt ist – kleine, viereckige Etuis: Gold, Silber, Onyx mit Einlegearbeiten aus Perlen, Elfenbein mit eingelassenen Goldfäden, keines wie das andere. Die Sammlung ist sein Hobby, und sie ist umwerfend.
Er brachte mir ein Glas Sherry, und als ich sagte, ich fände Eton sehr beeindruckend, brachte er mir sein Eton-Jahrbuch und zeigte mir Fotos von seinen Zimmern dort.
Wir aßen im Esszimmer an einem polierten Mahagoni-Tisch, der mit schwerem englischem Silber gedeckt war. Er hat eine Haushälterin, die für ihn und seine Gäste ein kaltes Abendessen zubereitet, den Kaffee macht und den Tisch deckt, bevor sie geht. Der Tisch war so gedeckt wie bei uns – links die Gabel, rechts das Messer und der Löffel –, aber quer oben über dem Teller lagen eine Austerngabel und ein Suppenlöffel. Ich wartete, bis er das Besteck nahm, damit ich erfuhr, was man damit machte.
Es gab Geflügelsalat und danach Erdbeeren mit Sahne, und dafür benutzt man das quer liegende Besteck: Man spießt eine Erdbeere mit der Austerngabel auf und nimmt Sahne mit dem Suppenlöffel, streift die Erdbeere auf den Löffel und schlürft sie mit der Sahne zusammen weg.
Nach dem Essen stiegen wir in sein Auto. Er fragte mich nicht, was ich gern sehen würde, sondern fuhr mich zu der Ecke, wo das Globe Theatre gestanden hat. Heute ist da nichts, der Platz ist leer, und ich bat ihn anzuhalten und stieg aus; ich stellte mich auf den leeren Platz und hatte das Gefühl, mir würde der Kopf davonfliegen.
Er stieg auch aus, und gemeinsam erkundeten wir die dunklen Sträßchen in der Umgebung – die Straßen Shakespeares, alle noch da. Und die Straßen, durch die Dickens gegangen ist: Er zeigte mir einen Dodger, der verstohlen aus dem Fenster eines uralten Hauses guckte.
Er ging mit mir in einen Pub, der The George heißt, und als er die Tür aufmachte, sagte er mit seiner zarten, neutralen Stimme:
»Hier ist schon Shakespeare immer hergekommen.«
Was soll ich sagen? Ich ging durch eine Tür, durch die Shakespeare einst gegangen war, und betrat einen Pub, den er gekannt hatte. Wir setzten uns an einen Tisch ganz hinten, und ich lehnte meinen Kopf an die Wand hinter mir, eine Wand, an die schon Shakespeare seinen Kopf gelehnt hatte, und es war unbeschreiblich.
Der Pub war voll. Die Menschen standen dicht gedrängt an der Bar, und alle Tische waren besetzt. Plötzlich ärgerte ich mich über all die dumpfen Bürger, die dort aßen und tranken, ohne jegliches Gefühl für den Ort zu zeigen, an dem sie sich befanden, und ich sagte schnippisch:
»Wenn nicht all diese Menschen hier wären, könnte ich mir vorstellen, dass Shakespeare jeden Moment durch die Tür kommt.«
Doch im gleichen Moment wusste ich, dass das falsch war. Er kam mir zuvor: »Aber nein. Die Menschen sind so wie früher.«
Und das stimmte natürlich. Auf den zweiten Blick erkannte ich einen blonden, bärtigen Justice Shallow, der mit dem Barkeeper sprach. Weiter unten am Tresen erzählte Zettel der Weber einem spitzgesichtigen Bardolph auf umständliche Art und Weise seine Kümmernisse. Und am Nebentisch saß im geblümten Kleid und mit großem weißem Hut Frau Hurtig und lachte ein mörderisches Lachen.
P.B. zerrte mich schließlich aus dem Pub und fuhr los, um mir St. Paul’s Cathedral im Flutlicht zu zeigen. Am liebsten wäre ich die Stufen hinaufgegangen und hätte die Türen von John Donnes Kathedrale berührt, aber sie werden morgen noch da sein, es hat Zeit, es hat Zeit.
Er fuhr mit mir zum Tower, der riesiger und Furcht einflößender ist, als ich mir vorgestellt hatte, wie ein weitläufiges mittelalterliches Alcatraz. Es war gerade zehn, als wir ankamen, und ich sah, wie die Wachen die Tore schlossen. Trotz ihrer prunkvollen schwarzroten Uniformen sahen sie grimmig und Furcht erregend aus, als sie die Tore zu diesem schrecklichen Gefängnis verriegelten, während die Dunkelheit sich endgültig herabsenkte. Man stellt sich die junge Elizabeth vor, wie sie hinter den Steinmauern saß und darum bat, an Bloody Mary schreiben zu dürfen, um zu erwirken, dass sie mit dem Schwert und nicht mit der Axt geköpft werde.
Nachdem die Tore geschlossen waren, marschierten die Wachen wieder zu dem enormen eisernen Portal. Das wurde hochgezogen, um sie einzulassen, dann heruntergelassen und klirrend verriegelt, und neben mir sagte die zarte Stimme:
»Das machen sie seit siebenhundert Jahren, jeden Abend, ohne Fehl.«
Das will mir nicht in den Kopf. Selbst wenn man nur dreihundert Jahre zurückrechnet, dann fällt einem das Große Feuer von London ein, die Pest, die Revolution unter Cromwell, die napoleonischen Kriege, der Erste Weltkrieg, der Zweite Weltkrieg –
»Sie haben den Tower jeden Abend mit diesem Zeremoniell abgeschlossen?«, fragte ich ihn. »Jeden Abend, sogar während der Bombenangriffe?«
»Ja, natürlich«, sagte er.
DAS soll man mal Hitler auf seinen Grabstein schreiben, DAS soll sich der große amerikanische Patriot Wernher von Braun hinter die Ohren schreiben, dessen V-Waffen jedes vierte Haus in London zerstörten.
Als er mich nach Hause fuhr und ich ihm danken wollte, sagte er:
»Oh, ich danke Ihnen! Die meisten Amerikaner wollen diese Besichtigungstour nicht machen. Sie lassen sich eine Viertelstunde von mir herumfahren, und dann fragen sie, wo die Dorchester Bar ist.«
Die meisten Amerikaner, die er kennt, sagte er, sehen London nie richtig.
»Sie fahren mit dem Taxi vom Hilton zu Harrods, von Harrods zum Theater, vom Theater zur Dorchester Bar.«
Er sagte, dass er vier amerikanische Geschäftsleute kennt, die eine Woche lang in London waren und nie einen Schritt aus dem Hilton getan haben.
»Sie sitzen den ganzen Tag in ihrem Zimmer, haben ein Telefon und eine Flasche Scotch, und man wundert sich, warum sie je aus den Staaten hierher gekommen sind.«
Er gab mir eine Liste von Sehenswürdigkeiten, bot aber nicht an, sie mir zu zeigen.