Zehn Uhr abends
War beim Buckingham Palace und ging eine Weile vor dem Eisenzaun mit den spitzen Zacken auf und ab, aber das Einzige, was ich sah, war wieder so ein Anachronismus: eine Kutsche aus dem siebzehnten Jahrhundert, die ein Kutscher in aufwendig geschmückter Uniform durch das Tor lenkte, und in der Kutsche zwei kühl blickende Diplomaten mit Zylindern auf den Köpfen und Zigaretten in den neuzeitlichen Gesichtern.
Ich finde es äußerst merkwürdig, wie das Königshaus behandelt wird. Die königliche Familie lebt in Palästen, die durch Zäune, Parkanlagen, Tore und Wachen vor neugierigen Augen geschützt werden, damit die Privatsphäre der Bewohner gewahrt wird. Und dann liest man in der Abendzeitung die Schlagzeile: PRINZESSIN ANNE WURDE ZYSTE AM EIERSTOCK ENTFERNT. Ich meine, sie ist ein junges Mädchen, sie wächst in einer schwer bewachten Umgebung auf, und jeder Biertrinker in jedem Pub weiß über den aktuellen Zustand ihrer Eierstöcke Bescheid!
Ging auf dem Weg zum Hotel durch Lincoln’s Inn Fields, einen Park, der diesseits der Gerichtshöfe, der Inns of Court, liegt und auf einer Seite von einer hübschen Häuserreihe an der King’s Bench gesäumt wird. Dort setzte ich mich auf eine Bank und hörte die Gesprächsfetzen der Vorübergehenden:
»… also, nicht gerade ungeschlacht, aber er sieht aus wie ein Rabbi aus dem schottischen Hochland.«
»… doch da hat sie nichts ausrichten können, da draußen, also hat sie es gesteckt, und jetzt ist sie wieder zu Hause …«
»Die haben doch nur Angst, ihre weißen Kragen zu riskieren, darauf kannst du wetten!«
Jetzt bin ich wieder in der Bar. Normalerweise trinke ich nicht nach dem Essen, aber in diesem Hotel finden die Leute es komisch, wenn man vor dem Essen trinkt. Deswegen trinke ich um zehn Uhr abends einen Martini-Cocktail. Oder was man so nennt.
Am ersten Abend, den ich hier verbrachte, sagte ich zu dem jungen Barkeeper:
»Einen Martini-Cocktail, bitte.«
Er griff nach einer Flasche Martini & Rossi Vermouth, und bevor ich brüllen konnte: MOMENT MAL!, hatte er das Glas voll gegossen.
»Könnten Sie zuerst den Gin eingießen?«, fragte ich.
»Ach so!«, sagte er. »Sie wollen einen Gin-Martini.«
Er nahm die Ginflasche und einen Shaker, und ich sagte:
»Könnten Sie bitte Eis in den Shaker tun? Ich mag ihn kalt.«
»Klar doch!«, sagte er. Er füllte einen Eiswürfel in den Shaker, goss ein Maß Gin darauf, fügte eine halbe Tasse Vermouth hinzu, rührte einmal um, goss den Drink in ein Glas und reichte es mir mit einer großartigen Geste. Ich gab ihm das Geld, verzog mich an einen Tisch und sagte streng zu mir:
»Führ dich bloß nicht so auf wie all die anderen amerikanischen Touristen, die sich den Gewohnheiten eines Landes nicht anpassen können, und trink jetzt.«
Niemand hätte das trinken können.
Als ich das nächste Mal in die Bar kam, war gerade Essenszeit, die Bar war leer, und der Barkeeper und ich freundeten uns an; er fragte, ob ich nicht die Schriftstellerin sei, und sagte, er heiße Bob. Ich fragte, ob er etwas dagegen habe, wenn wir diesmal mein Rezept nähmen statt seins, und er sagte, klar doch, ich solle ihm genau sagen, was ich wolle.
»Könnten wir bitte mit vier Eiswürfeln im Shaker anfangen?«, fragte ich. Er fand das verrückt, aber er nahm drei Eiswürfel (das Eis war knapp). Er goss ein Maß Gin in den Shaker, und ich sagte:
»Gut, jetzt noch eins.«
Er starrte mich an, schüttelte fassungslos den Kopf und goss ein zweites Maß hinein.
»Gut, und nun noch eins«, sagte ich.
»NOCH MEHR Gin?«, fragte er, und ich sagte:
»Ja, und bitte nicht so laut.«
Er goss das dritte Maß hinein und schüttelte die ganze Zeit den Kopf. Als er nach der Vermouthflasche griff, sagte ich:
»Den gieße ich ein.«
Ich goss ein paar Tropfen Vermouth in den Shaker, rührte schwungvoll um, erlaubte ihm, mir den Drink ins Glas zu gießen, und sagte, er sei perfekt.
Jetzt mixt er den Drink selbst, aber er kann sich nicht dazu überwinden, das dritte Maß Gin einzugießen, er glaubt, dass ich sonst irgendwann sturzbetrunken und mit dem Gesicht auf der Theke vor ihm liege.