Donnerstag, 17. Juni, Mitternacht
Im Kopfteil des Bettes ist ein Radio eingebaut, und die BBC hat mir gerade eine gute Nacht gewünscht. Das gesamte Radiosystem geht hier um Mitternacht schlafen.
Die Ankunft war ein Triumph.
»Helene, meine Liebe!«, dröhnte die Stimme des Colonels, und er beugte sich herunter, um mich zu küssen, und niemand hätte geglaubt, dass er mich noch nie zuvor gesehen hat. Er ist ein strahlender Riese von einem Mann mit buschigen grauen Augenbrauen und buschigen weißen Koteletten und einem enormen Bauch, der vor ihm hermarschiert. In kerzengerader Haltung schritt er voran, um sich um meinen Koffer zu kümmern, wie ein Sahib aus Kiplings Old Injah. Er kam mit einem Gepäckträger zurück, der den Koffer auf einem Wagen schob, legte den Arm um mich, ging mit mir an den Tischen für die Einreise und den Zoll vorbei und rief den Männern an den Tischen freundlich zu: »Eine Freundin von mir!« Das war schon alles, was ich von den Einreiseformalitäten mitbekam.
»Und nun?«, sagte er. »Werden Sie abgeholt?«
Ich sagte, dass Nora und Sheila Doel mich abholen wollten.
»Wie sehen sie aus?«, fragte er und ließ seinen Blick über die Menge schweifen, die hinter dem Seil wartete, mit dem der Ankunftsbereich abgeteilt war.
»Ich habe keine Ahnung«, sagte ich.
»Haben die beiden ein Foto von Ihnen?«, fragte er.
»Nein.«
»Wissen sie, was Sie anhaben?«, fragte er.
»Nein.« sagte ich.
»Aber mein liebes Kind!«, dröhnte seine Stimme. »Was haben Sie sich denn gedacht, wie Sie sich finden?! Warten Sie hier.«
Er setzte mich bei einem Informationsschalter ab und schritt davon. Kurz darauf kam eine Ansage über das Lautsprechersystem, Mrs. Doel möge bitte zum Informationsschalter kommen – und eine hübsche, schwarzhaarige Frau duckte sich unter dem Seil unmittelbar vor mir hindurch, drückte mir einen Bund Rosen in die Arme und küsste mich.
»Sheila hat gleich gesagt, dass Sie es sind!«, sagte Nora mit einem deutlich irischen Akzent. »Wir haben uns alle Frauen, die aus dem Flugzeug gekommen sind, angeguckt. Und ich habe gesagt: ›Die ist zu blond‹ und ›Die ist zu gewöhnlich‹. Und Sheila hat die ganze Zeit gesagt: ›Die Kleine in dem blauen Hosenanzug ist es, sie sieht so aufgeregt aus.‹«
Der Colonel kam zurück und wurde vorgestellt, und dann gingen wir zu Noras Auto. Sie und Sheila setzten sich nach vorn, ich kletterte auf den Rücksitz, und der Colonel verkündete, er würde in seinem Wagen folgen, es sei denn, Sheila wolle, dass er vorausfahre. Kannte sie den Weg zum Cumberland?
»Zum Kenilworth«, stellte ich richtig. Ich klärte ihn über die zwei Hotelzimmer auf, und der Colonel sah mich entsetzt an.
»Wenn das so ist«, dröhnte er, »dann bekommt jetzt eine wildfremde Person ein Zimmer voll schöner Rosen!«
Er machte sich auf den Weg zum Cumberland, um seine Rosen zurückzufordern, und ich wurde mit Noras Rosen im Arm zum Kenilworth gefahren und dachte: »It was roses, roses, all the way«, aber mir fiel nicht ein, wer das geschrieben hatte.
Es war dunkel und regnerisch, und wir fuhren auf einer Schnellstraße, die jede andere Schnellstraße hätte sein können, die in irgendeine große Stadt führt, anstelle der Straße, die in die Stadt führte, die ich mein Leben lang hatte sehen wollen. Nora machte mir Vorhaltungen, dass ich nicht bei ihnen im Norden Londons wohnen wollte (»Frank hat immer gewollt, dass Sie bei uns wohnen«), und als wir in die Stadt kamen, zeigten beide mir einige Sehenswürdigkeiten.
»Da ist Piccadilly!«
»Das hier ist das West End.«
»Hier ist die Regent Street.« Und dann sagte Sheila: »Jetzt sind Sie auf der Charing Cross Road, Helene!«
Ich blickte hinaus in die Dunkelheit und wollte etwas Passendes sagen, aber außer engen, nassen Straßen und ein paar erleuchteten Bekleidungsgeschäften konnte ich nichts sehen, und ich hätte ebenso gut im Stadtzentrum von Cleveland sein können.
»Ich bin angekommen«, sagte ich. »Ich bin in London. Ich habe es geschafft.« Aber es hatte etwas Unwirkliches.
Wir fuhren nach Bloomsbury hinein und fanden an der Ecke einer dunklen Straße das Kenilworth, ein altes Backsteingebäude mit einer verblichen-vornehmen Empfangshalle – gerade richtig für mich.
Ich meldete mich an, und der junge Mann an der Rezeption gab mir ein paar Briefe. Dann fuhren Nora, Sheila und ich nach oben, um das Zimmer Nummer 352 in Augenschein zu nehmen. Es war hübsch und gemütlich, und die zugezogenen Vorhänge sperrten den Regen aus. Nora sah skeptisch von der Tür hinein und verkündete:
»Es ist wunderbar, Helen.«
»Ich heiße Helene«, sagte ich.
Sie sah mich überrascht, aber unbeeindruckt an.
»Ich nenne Sie seit zwanzig Jahren ›Helen‹«, sagte sie und warf einen Blick ins Badezimmer. Es hatte eine Dusche, aber keine Badewanne. »Guck mal, Sheila, sie hat ihr eigenes Klo!«
Sheila glaubt, dass das englische Wort »loo«, das Toilette bedeutet, mit Waterloo zu tun hat.
Als wir wieder nach unten kamen, trafen wir in der verschlafenen Halle den Colonel, der vor Wut schnaubte: Er hatte seine Rosen halb verwelkt auf dem Boden des Paketraums im Cumberland gefunden und sich mit dem Geschäftsführer angelegt.
Wir gingen in den Speiseraum, der zwar leer, aber noch geöffnet war, und der Colonel machte einen jungen spanischen Kellner ausfindig, der sagte, sein Name sei Alvaro und wir könnten Sandwiches und Tee oder Kaffee bestellen.
»Sie rauchen zu viel«, verkündete Nora, nachdem wir bestellt hatten.
»Ich weiß«, sagte ich.
»Und Sie sind zu dünn«, fuhr sie fort. »Ich weiß ja nicht, was das für ein Chirurg war, der Sie so kurz nach der Operation hat reisen lassen. Eine Totaloperation ist eine sehr ernste Sache.«
»Wirklich, Mum?«, sagte Sheila sanft mit ihrem von der Universität geprägten Akzent. Sie und Nora wechselten Blicke, und Nora kicherte.
Sie sind erstaunlich: Sie sprechen in einer Art Code und beenden die Sätze der jeweils anderen, und man würde nie darauf kommen, dass sie Stiefmutter und Stieftochter sind. Sheila ist eine attraktive junge Frau Mitte zwanzig, lakonisch, unaufgeregt. (»Genau wie Frank«, sagte Nora.)
Nora fand die Tatsache, dass sie selbst und der Colonel seit zwei Jahren verwitwet waren, bemerkenswert. Er hat ein Kind, eine Tochter, die am Samstag außerhalb Londons heiratet.
»Warum ziehen Sie drei sich nicht Ihre feinsten Kleider an und kommen zur Hochzeit?«, lud er uns alle ein. »Es wird eine großartige Feier.«
Ich lehnte ab, und Nora war offensichtlich der Meinung, dass sie nicht gehen könnte, wenn ich nicht ging, also lehnte sie ebenfalls – bedauernd – ab. (»Ich kenne ihn gar nicht«, sagte sie, als wir allein waren. Und ich sagte: »Kennt ihn überhaupt jemand?!«)
Nora erklärte, dass sie mir den morgigen Tag zum Ausruhen lassen und mich am Samstag anrufen würde, wegen des Interviews. (»Die BBC macht mit uns zusammen ein Interview! Helen, Sie haben uns alle berühmt gemacht!«)
Der Colonel sagte, er sei die nächste Woche nicht in der Stadt und würde sich melden, wenn er zurück sei, um mit mir »einen kleinen Ausflug in unsere herrliche englische Landschaft zu unternehmen«.
Ich ging in mein Zimmer, packte ein paar Sachen aus und nahm meine Post mit ins Bett.
Eine Postkarte von Eddie und Isabel, alten Freunden aus New York. Sie sind am Montag in der Stadt und wollen mich zu einer Besichtigungstour abholen.
Ein Brief von Carmen bei André Deutsch:
Willkommen!
Ich weiß, dass Sie sehr müde sein werden, aber leider haben wir mit einer Reporterin vom Evening Standard ausgemacht, dass sie Sie morgen um zehn Uhr hier treffen kann. Es wird Sie jemand kurz vor zehn Uhr abholen.
Am Samstag um 14.30 Uhr wird die BBC ein Interview mit Ihnen und Mrs. Doel für »The World This Weekend« machen.
Montag um 15.30 Uhr – Interview für »Woman’s Hour«, auch bei der BBC.
Am Dienstag – Besuche bei verschiedenen Buchhandlungen, einschließlich Marks & Co. (die zwar geschlossen ist, aber noch steht, wir wollen dort Fotos von Ihnen machen), und um 14.30 Uhr eine Signier-Party in Poole’s Bookshop nebenan, 86, Charing Cross Road.
Am Dienstagabend gibt André Deutsch ein Abendessen für Sie, wo Sie die Verlagsmitarbeiter sowie einen bekannten Journalisten kennen lernen werden.
Ich war mir unsicher, ob ich mir die ganzen Termine merken könnte, also stieg ich aus dem Bett und machte kurzerhand aus einem Notizheft einen Terminkalender. Außerdem war ich mir unsicher, wie ich Carmen eröffnen sollte, dass ich mich nicht fotografieren lasse. Ich bin neurotisch, ich mag mein Gesicht nicht.
Ich liege im Bett und höre dem Regen zu, und nichts erscheint mir wirklich. Ich bin in einem angenehmen Hotelzimmer, das überall auf der Welt sein könnte. Nach all den Jahren des Wartens habe ich kein Gespür dafür, dass ich in London bin. Nur ein Gefühl der Ernüchterung und aus meinem Unterleib die Regung, dass die ganze Reise unnötig war.