BEA

Ich kauere neben Jazz und lege ihr meine Hand auf die Stirn. Sie glüht immer noch vor Fieber. Der Schal, den ich ihr ums Bein geschlungen habe, ist völlig durchweicht. Ich wickle ihn ab und begutachte die Wunde. Um den Schnitt herum ist die Haut gelblich und von dem Gestank kann einem schlecht werden. Wenn es so weitergeht, wird sie sich bald zu Tode geblutet haben, und wenn das nicht passiert, dann stirbt sie an der infizierten Wunde.

»Mach, dass es nicht mehr wehtut, bitte«, fleht sie derart verzweifelt, dass ich sie einfach nur festhalten und ihr die Schmerzen abnehmen will.

Ich gucke zur Rolltreppe und frage mich, ob es auf der oberen Ebene vielleicht eine Apotheke geben könnte. »Ich bin gleich wieder da.« Ich springe mit meinem Rucksack auf. Mit Wundreinigung und Stillen der Blutung kenne ich mich etwas aus, aber ich brauche die entsprechende Ausrüstung. Und selbst das könnte einfach nicht genug sein.

»Bitte bleib da«, wimmert sie. »Bea!«

»Zwei Minuten nur«, versichere ich ihr und erklimme die Rolltreppe.

In der sonnendurchfluteten Halle bleibe ich stehen und betrachte die Ladenzeile: die zerschmetterten Glastüren und Fenster, die geplünderten Geschäfte, die graffitibeschmierte Beschilderung.

Der Boden eines Laden, der nichts als Strumpfhosen und Socken verkauft hat, ist völlig mit verschimmelter Ware bedeckt, der Elektroladen mit geschrotteten Bildschirmen und ausgelaufenen Batterien zugemüllt. Aber ich hätte mir schon denken können, dass es die Apotheke am schlimmsten erwischt hat. Röhrchen, Flaschen, Döschen und lose Tabletten jeder Form und Farbe liegen über den Boden verstreut. Quer durch die Schweinerei bahne mir einen Weg hinter den Verkaufstresen. Mit der Schuhspitze durchforste ich den Boden nach irgendwas Unversehrtem, doch sämtliche Beruhigungs-, Schmerzmittel und Antibiotika sind bereits von den Aussätzigen mitgenommen worden. Ich entdecke ein Mini-Reisenähset und eine kleine Flasche Brennspiritus, die ich mir in den Rucksack stopfe.

Nach Verlassen der Apotheke betrete ich einen Laden, in dessen Schaufenster für exotische Lebensmittel geworben wird. Vielleicht kann man die Schmerzen ja auch mit Alkohol betäuben.

Ich durchstöbere jedes Regal, schiebe verbeulte Konserven und leere Getränkedosen beiseite. Dann lege ich mich auf den Boden und checke, ob nicht irgendwas außer Sichtweite gerollt sein könnte. Das Gefühl der Niederlage durchflutet mich und gerade will ich zu Jazz zurückkehren, als ich die Tür mit dem windschief baumelnden Schild entdecke: Kein Zutritt für Betriebsfremde. Sie quietscht beim Aufstoßen, gibt aber nach.

Schimmlige Pappkartons stapeln sich wie Bauklötze von Riesenkindern. Die meisten sind leer, aber schließlich stoße ich auf sechs unberührte Flaschen. Ich ziehe eine raus und versuche, sie aufzuschrauben, doch sie ist ganz merkwürdig versiegelt. Ich hab jetzt nicht die Zeit, den Mechanismus zu durchschauen, und so schmettere ich den Flaschenhals kurzerhand gegen einen Ablageschrank. Der Alkoholgestank allein bringt mich schon zum Torkeln. Ich gieße mir ein bisschen Flüssigkeit in die Hand, schnüffle dran und tunke die Zungenspitze rein. Offensichtlich trinkbar, aber ganz anders als der Alkohol, den ich bisher probiert habe. Dick, rot und bitter. Ich schaue aufs Etikett. Malbec. Gerade verstaue ich die Flaschen im Rucksack, als ein Schrei durch den Bahnhof hallt.

»Jazz?« Ich stürze aus dem Geschäft.

Jazz windet sich im Halbschlaf. Ich ziehe eine Flasche aus dem Sack, zerschlage den Hals, bette Jazz in meine Armbeuge und hebe ihr die Maske vom Mund. »Hier«, sage ich, fülle ungeschickt meine hohle Hand mit dem roten Alkohol und führe sie an ihre Lippen.

Sie nippt daran. »Wääh«, macht sie. »Was ist das?«

»Medizin.« Sie trinkt weiter, und als sie ganz benommen ist, lasse ich sie zu Boden sinken und bringe die Maske wieder richtig an. Der Alkohol hat sie so ruhiggestellt, dass ich mir ihr Bein noch mal anschauen kann. Es ist schlimm. So schlimm, dass mein Vorhaben ziemlich nach hinten losgehen kann. Aber irgendwas muss jetzt geschehen.

Sie zuckt zusammen. »Beiß da drauf«, sage ich. Ich schiebe ihr ein dickes Stoffstück unter die Maske zwischen ihre Zähne. Dann baue ich meine Funde auf dem Fliesenboden auf und fädle einen langen Faden durchs Nadelöhr, bevor ich den Brennspiritus drüberkippe. Den Spiritus verwende ich auch, um ihre Wunde zu säubern. Sie kreischt, doch ich binde ihr rasch Hände und Beine mit Schals zusammen, damit sie mir nicht in die Quere kommt.

»Alles ist gut«, sage ich. Sie stöhnt vernehmlich, gedämpft durch den Stoff in ihrem Mund. »Bleib ruhig«, füge ich hinzu, diesmal an mich selbst gerichtet, denn flatternde Nerven und Übelkeit bringen uns hier nicht weiter.

Ich setze mich auf ihre Brust, beiße mir von innen auf die Wangen, stopfe mit den Fingerspitzen den hervorstehenden Knochen wieder zurück und schiebe die Haut darüber. Sie brüllt und windet sich und fällt endlich in Ohnmacht.

Ich kneife ihr die blutverklebte Haut zusammen und durchbohre sie schließlich mit zitternden Fingern mit der Nadel, ziehe den Baumwollfaden hindurch. Jazz schlägt um sich, rutscht von einer Bewusstlosigkeit in die andere, doch mein Knie bleibt fest auf ihrer Brust und fixiert sie. Ich drücke ihre Haut zusammen, ihr geronnenes Blut quillt mir durch die Finger. Trotzdem nähe ich hin und her, vor und zurück, bis die Stiche ihr schließlich das halbe Schienbein hochreichen, der Knochen versteckt und die Wunde geschlossen ist.

Ich ziehe ihr die Maske vom Gesicht und nehme den Stoff aus dem Mund. Sie atmet noch. Sanft.

»Es tut mir leid«, flüstere ich, weil ich die Sache vielleicht noch schlimmer gemacht habe.

Jetzt kann ich nur noch warten – auf Rettung oder auf den Tod.

Sarah Crossan - Breathe Band 2 - Flucht nach Sequoia
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