Ehereform und Mondfinsternisse oder Vom Aberglauben des Kaisers
Daß sich ferner unter dem pfaffenhörigen Herrscher der Tugend- und Moralkodex der Kirche noch mehr verbreitete, wenn auch, wie üblich, oft nur auf dem Papier, wird kaum wundernehmen. Besonders gilt dies für Ludwigs Eherecht und seine Ehepolitik. Er identifizierte sich, hier nicht gerade zum Vorteil des Staates, voll mit den Wünschen des Klerus. Hatten nämlich die christlichen Merowinger noch kräftig der Polygamie gefrönt (s. etwa IV 99), ähnlich die frühen Karolinger, ja stand die Konkubine noch lange fast gleichrangig neben der Ehefrau, so daß sie selbst die Kirche zeitweise tolerierte, wie etwa die Synode von Mainz (852 c. 15) bezeugt, so duldete Ludwig der Fromme sogar das monogame Konkubinat nicht mehr.
Zunächst zwar hatte er offenbar selbst im Konkubinat gelebt. Schon 794, ungefähr sechzehnjährig, war er mit Ermengard, der Tochter des Grafen Ingram aus der Familie der Robertiner, verbunden worden, wohl um ihn vor Ausschweifungen, vor – so sein anonymer Biograph – »den natürlich hitzigen Trieben seines Fleisches« zu bewahren. Ja, anscheinend hatte er bereits vorher Beziehungen zu Frauen, denen Alpais und Arnulf entstammten. Doch seit seiner Alleinregierung lebte er in erster wie in zweiter Ehe ganz gemäß dem kanonischen Recht, nahm weder eine Kebse noch löste er eine Ehe eigenmächtig auf, wie er denn auch seine Kinder in Vollehen verheiratete, zumindest die ihm von Ermengard geborenen Söhne, Lothar (795), Pippin (um 797) und Ludwig (806), während die eine oder andere seiner Töchter, Rotrud und Hildegard, vielleicht erst nachträglich Vollehen führten.
Freilich scheiterte der Monarch mit seiner rein kirchlich inspirierten Reform des Eherechts. Denn der Verzicht auf die frühere Vielfalt der Eheformen sowie auf herrscherliche Sonderformen der Ehe gefährdete die von ihm erstrebte Reichseinheit und führte eine beträchtliche Rechtsunsicherheit herbei. Und nach ihm kehrte man zu den alten Rechtsvorstellungen zurück, stellte man im Reich Ludwigs des Deutschen wie Karls des Kahlen den eigenen Vorteil weitgehend über die Kirchenlehre, an die man sich meist nur erinnerte, um politische Rivalen oder mißliebige Partner auszuschalten.10
Auch den christlichen Aberglauben förderte der Kaiser, wie allerdings schon eine lange Reihe seiner Vorfahren.
So hat man immer wieder heilige Leichen aus Rom geholt, auch entführt, den hl. Marcellinus, den hl. Petrus (durch Einhards Schreiber Ratleik über Michelstadt im Odenwald), worauf sie, die Leichen, versichern die Reichsannalen, »durch viele Zeichen und Wunderkräfte berühmt wurden«. Auch »die Gebeine des seligen Märtyrers Sebastian« kamen – »Heeresheiliger«, Patron der Soldaten, der Schützenvereine, gut ferner gegen Viehseuchen, Pest. Und auch »die Überreste des heiligen Streiters Christi« bewirkten bald »eine so große Fülle von Segnungen, daß ihre Menge jede Zahl übersteigt. Und ihre Beschaffenheit machte sie fast unglaublich ...« Doch sei, fügt der geistliche Anonymus hinzu – und dies, wie so oft, noch nicht mal aus eignem Ingenium, sondern die Reichsannalen plagiierend –, »für den, welcher glaubt, alles möglich« (omnia possibilia esse credenti).11
Sofort reagierte der Herrscher aller Franken auch, wenn »Zeichen« sein Gemüt beunruhigten, Dinge, mit denen er »sich viel ... beschäftigte«, Gestirnsbewegungen, furchtbare Kometen, Erdbeben, Mondfinsternisse, vom Himmel gefallenes Getreide, »unerhörte Töne ... zur Nachtzeit«, »häufige und ungewöhnliche Blitze, das Herabfallen von Steinen mit dem Hagel, Seuchen von Menschen und Vieh«. Nicht minder bewegte ihn das Fasten eines Mädchens von etwa zwölf Jahren aus dem Dorf Commercy bei Toul, das, natürlich »nach dem Genuß des heiligen Abendmahls« aus Priesterhand, weder trank noch aß, es vielmehr »soweit im Fasten brachte, daß es gar keine leibliche Nahrung zu sich nahm und ohne jedes Verlangen nach Speise drei volle Jahre zubrachte«, übermitteln die Reichsannalen. Derartiges raubte dem aufmerksamen Kaiser mitunter den Schlaf. Es geschah, daß er deshalb eine ganze Nacht kaum ein Auge zudrückte, sondern »unter Lobgesängen und Gebeten zu Gott« den Morgen abwartete, war es ihm doch klar, »daß diese Wunderzeichen schweres Unheil für das menschliche Geschlecht anzeigten«. Somit befahl er dagegen Fasten und anhaltendes Beten und reiche Almosen zur Versöhnung der durch die reuelosen unbußfertigen Sünder erzürnten Gottheit. Almosen für die Armen nicht nur, sondern auch, selbstverständlich, für die Diener Gottes, Weltpriester und Mönche, »und ließ durch jeden, der das konnte, Messen lesen; nicht so sehr aus Furcht für sein Wohl, als aus Besorgnis für die ihm anvertraute Kirche« – obwohl auch manch Zeichen, wie er wußte, »auf Veränderung des Reichs und Tod des Fürsten deutet ...« Ja, und dann »begab er sich zur Jagd nach den Ardennen« (Anonymi vita Hludowici).12
Jahr um Jahr Krieg, Mord, Totschlag, Versklavung. Und Tag für Tag Kirchgang, langes demütiges Gebet. Doch all das ergänzt sich hier – und nicht nur hier – wie die natürlichste Sache der Welt, »zur Ehre der heiligen Kirche«.