PARTRIDGE

Fäden

Sie sind vor Einbruch der Morgendämmerung aufgebrochen. Es ist immer noch früh am Morgen, und sie sind ein gutes Stück vorangekommen. Zu jeder Seite werden sie von sechs großen Frauen flankiert. Viele der Kinder schlafen und sind deshalb schwerer als sonst, vermutet Partridge. Eine Frau, deren Kind mit ihrer Hüfte verschmolzen ist, stützt den Kopf des Kleinen, indem sie ihn mit einer Hand an ihre Brust presst. In der anderen Hand hält sie ein Schlachtermesser.

Sie marschieren schweigend zwischen zerstörten Häusern hindurch. Ganze Reihen sind dem Erdboden gleich, nur noch die Fundamente sind übrig. Bei einigen stehen noch verkohlte Gerippe, und gelegentlich hat sogar die eine oder andere Ziegelmauer überlebt. Manchmal ist das Haus verschwunden, aber ein Wohnzimmer aus verkohlten schwarzen Möbeln steht noch da oder die Beine eines Sessels oder das Skelett einer Spüle – alles viel zu sehr verrottet, um noch von irgendeinem Wert zu sein. Partridge kann sich nicht konzentrieren. Er sucht in seiner Erinnerung nach einem Streit zwischen seinen Eltern, einem Moment hochschäumender Temperamente, schwelender Wut, Feindseligkeit. Sie waren nicht glücklich miteinander, und sein Vater wusste, dass seine Mutter noch ein weiteres Kind hatte, nicht von ihm. Er muss es gewusst haben. Er kannte Pressias Versteck. Er wollte, dass sie Partridge findet. Warum? Ist es ein Hang zur Ironie? Will er die Mutter mit beiden überlebenden Kindern verhöhnen? Ist es möglich – auch nur im Entferntesten –, dass sein Vater seine Mutter wiedersehen will, weil er sie liebt, weil er sie zurückwill, weil er ihr sagen will, dass er ihr vergeben hat? Er weiß, dass es ein kindischer Wunsch ist – Eltern, die sich lieben, ein glückliches Zuhause. Doch er kann nicht anders. Sein Vater hat seine Mutter einst geliebt, sonst wäre Partridge nicht da. Die Erinnerung an sie tut weh. Partridge hat es in seinem Gesicht gesehen.

Sie passieren weitere Einkaufszeilen – geplündert, ausgeräumt – und Anstalten. Die Anstalten sind am schlimmsten. Gestank hängt in der Luft, obwohl die Leichen längst verrottet sind. Die Anstalten passen nicht in ein Märchen. Sie sind der Beweis für die Unterdrückung, die dem Ende vorausgegangen ist, für das, was sie Rückkehr des Anstands nannten.

Es riecht nach Tod und Verderben. Partridge erinnert sich an den eigenartig süßen Gestank der Frau des Schäfers, eingewickelt in Reisig. Er versucht das Bild zu verdrängen.

Hier draußen gibt es noch mehr Überlebende. Partridge kann sie hören – ein johlender Schrei, Geräusche wie von Stöbern, das dumpfe Stöhnen eines Tieres. Manchmal bleiben die Frauen stehen und lauschen, die Köpfe ausnahmslos in die gleiche Richtung gewandt. Doch niemand wagt, sie anzugreifen.

Je weiter sie kommen, desto weniger gibt es zu sehen. Die Landschaft ist flach bis auf die fernen Hügel im Osten. Die Erde ist schwarz. Weil es nichts gibt, was sie festhalten könnte, wirbelt der Wind sie auf und peitscht sie in dunklen Wolken vor sich her.

Die Frauen ziehen Tücher aus verborgenen Taschen und binden sie ihren Kindern und sich selbst vor die Gesichter. Partridge trägt bereits seinen Schal. Bradwell bedeckt sein Gesicht mit dem Ärmel. Eine der Frauen reicht Pressia ein Tuch.

Partridge behält Pressia scharf im Auge. Er macht sich Gedanken wegen ihr. Sie hat so viel durchgemacht, alles auf einmal. Doch Pressia ist stark, das weiß er.

Schließlich bleiben die Frauen stehen. Die mit dem Kind an der Brust wendet sich ihnen zu. »Bis hierher gehen wir, weiter nicht.«

Partridge will sich bedanken, doch dann fällt ihm ein, dass er mit seinem kleinen Finger dafür bezahlt hat. Er kann sich nicht zu einem Dank aufraffen.

»Danke sehr«, sagt Pressia.

Bradwell bittet sie, der Guten Mutter in ihrem Namen zu danken. »Wir stehen in eurer Schuld«, sagt er und blickt Partridge an, der nur leise »Ja, sicher« murmelt.

»Achtet auf den Boden«, sagt die Frau. »Haltet Ausschau nach den Augen.«

Sie verneigen sich zum Abschied, doch eine der Frauen kommt zu Partridge. Sie hat lange graue Haare. Sie packt ihn am Arm. »Wenn deine Mutter noch am Leben ist, sag ihr Danke von mir.«

»Hast du sie gekannt?«, fragt Partridge.

Die Frau nickt. »Erkennst du ihn nicht?«, fragt sie und zeigt auf den kleinen, vielleicht acht Jahre alten Jungen, der sich halb hinter ihr versteckt. Seine Haare sind lang und zottig, sein Gesicht übersät mit Verbrennungen. Er sieht Partridge aufmerksam an. »Es ist Tyndal«, sagt sie. »Er spricht nicht.«

Partridge starrt den Jungen an und dann die Frau. »Mrs Fareling?«

»Ich dachte, du würdest ihn wiedererkennen, weil, na ja, er nicht gewachsen ist seit damals.«

Partridge ist unsicher. Tyndal ist immer noch ein Junge, ein stummer Junge obendrein, für immer verschmolzen mit seiner Mutter. »Es … es tut mir leid«, sagt er.

»Nein«, sagt Mrs Fareling. »Du kannst nichts dafür. Deine Mutter hat mich irgendwie aus dem Therapiezentrum geholt. Ich weiß nicht, wie sie das gemacht hat. Beziehungen, nehme ich an. Jedenfalls kam ich frei. Als die Bomben fielen, war ich wieder zu Hause bei Tyndal.«

»Tyndal«, flüstert Partridge und starrt in das Gesicht des Jungen, als suche er noch immer nach ihm.

Der Junge antwortet mit einer Serie von langem und kurzem Kopfnicken – vielleicht eine Art Kode.

»Er möchte dir viel Glück wünschen«, sagt Mrs Fareling.

»Danke sehr«, sagt Partridge.

Und dann streckt Mrs Fareling plötzlich die Hände aus, packt Partridge und zieht ihn an ihre Brust. Sie hält ihn fest gepackt, umarmt ihn.

Er erwidert ihre Umarmung. »Sie hat uns gerettet«, sagt Mrs Fareling und beginnt zu schluchzen. »Ich hoffe so sehr, dass sie noch lebt.«

»Sie lebt«, flüstert Partridge. »Ich sage ihr, dass Sie überlebt haben. Ich richte ihr Ihren Dank aus.«

Mrs Fareling lässt Partridge los. Sie starrt ihn an. »Merkwürdig, dich so zu umarmen«, sagt sie. »Ich schätze, Tyndal wäre heute so groß wie du, unter anderen Umständen.«

»Es tut mir leid«, sagt er noch mal, weil ihm nichts anderes einfällt. Nichts könnte etwas ändern. Er wünschte, sein Vater könnte Tyndal Fareling sehen.

»Es ist Zeit«, sagt sie. »Alles Gute.«

Partridge nickt.

Sie tätschelt seinen Arm, und Tyndal folgt mit seinem winzigen Händchen ihrem Beispiel.

»Danke für alles«, sagt Partridge. »Danke.«

Mrs Farewell und Tyndal verbeugen sich und schließen sich den anderen Frauen und Kindern an. Sie gehen zurück nach Hause.

»Ist alles okay?«, fragt Bradwell.

»Alles okay«, sagt Partridge. »Ich bin bereit.«

Jeder zieht ein Messer, und dann gehen sie weiter. Partridge dreht sich um. Die Frauen winken. Er hebt sein Messer und winkt zurück. Und dann wirbelt der Wind eine Aschewolke auf, und sie können sie nicht mehr sehen. Von nun an sind Partridge und seine beiden Begleiter auf sich allein gestellt.